Als China gelb wurde

von Ralf Ostner

China in Rebellion

„Tretet aus der Kommunistischen Partei aus“, „Gebt uns Land!“,“Gebt uns unser Geld zurück“ ,„Für ein harmonisches und demokratisches China“, den Rufen der Menschenmenge im Haidian District von Peking schlossen sich immer mehr Leute an. Eine Delegation Bauern vom Lande war ins entfernte Peking gekommen war, um eine Resolution gegen eine Landnahme durch einen korrupten  lokalen Kader der KP China einzureichen. Sie war abgewiesen und aus dem Stadtzentrum vertrieben worden. Hierauf hatten sie eine kleine Demonstration abgehalten, die sich kontinuierlich und rasant ausgeweitet hatte .Nicht nur ihr fehlendes Privateigentum an Land hatte sie rebellisch gemacht. Chinas Bankenkrise hatte auch sie getroffen, die vielen faulen Kredite, die nicht mehr beglichen wurden, waren unter anderem auf ihre Kosten mit ihrem Guthaben abgeschrieben worden. Die Inflation hatte für ihr übriges gesorgt. So ging es Hundertmillionen von Chinesen. Flugblätter und Handzettel kursierten in der Stadt, auf den umlaufenden Banknoten fanden sich kleingemalte Slogans wie „Tritt aus der Partei aus“, Gebt den Bauern Land!“, „Gebt uns unser Geld zurück!“„Gewerkschaften und gerechte Löhne für die Arbeiter“, „Harmonie und Demokratie für China“. Die Studenten der Peking Universität und der Qinghua-Universität wurden von der Universitätsleitung angehalten, dem Unterricht nicht fernzubleiben und keine Flugblätter zu lesen, kamen aber der Aufforderung nur begrenzt nach. Auf dem Campus bildeten sich Diskussionsgruppen, die immer wieder von den Ordnungskräften und den KP-loyalen Studentenführern aufgelöst wurden, um sich dann wieder andernorts zu treffen. Die Studenten waren geteilt in Befürworter der KP China und jenen, die den Forderungen der Demonstranten sympathisch gegenüber standen. Viele; denen ihre Karriere lieb war, folgten den Instruktionen der KP China. Dazu fühlten sie sich als Elite Chinas, die nichts mit niederen Schichten wie Bauern und Arbeitern zu tun haben wollten und denen die KP China goldene Aufstiegsschancen in Partei und  Gesellschaft bot. Einige jedoch ignorierten die Warnung der KP China , bildeten kleine Unterstützungskomitees und gingen zu den Demonstrationen. Wanderarbeiter und Arbeiter hatten sich inzwischen angeschlossen, in einigen Betrieben zirkulierten nun auch Flugzettel und mit Parolen bemalte Banknoten. Angestellte und Mittelschichtler sahen dem Spektakel abwartend am Straßenrand zu, diskutierten mit und standen den Forderungen sympathisch gegenüber. Die Regierung hatte die bewaffnete Volkspolizei geschickt, die versuchte, den Menschenwurm von seinem Zug in die Mitte Pekings abzuhalten und um die Schaulustigen und Umherstehenden zu vertreiben, jedoch nur mit mäßigem Erfolg.Sie kamen immer wieder, liessen sich auflösen, um sich ein paar Meter weiter wieder zu sammeln.

Die KP China schlägt zurück

Die KP-Führung  griff nun direkt in das Geschehen ein:Lu Jintao hatte persönlich mit dem Bürgermeister und dem Parteisekretär von Peking telefoniert, um sie zu instruieren, einen Vertreter zu schicken, der mit den Demonstranten sprechen und sie zum Aufgeben überreden sollte. Zwar wurde eine Nachrichtensperre verhängt und versucht ausländische Reporter von dem Stadtteil fernzuhalten, doch auf für die Sicherheitskräfte nicht nachvollziehbare Weise, hatte sich die Nachricht von der Demonstration innerhalb Pekings und in die Vorstädte verbreitet und war in andere Großstädte gedrungen. In Shanghai, Wuhan, Chongqing, Shenzhen, Lanzhou, Chengdu, Kunming, Kanton und anderen Städten kam es ebenfalls zu Demonstrationen und Sit-Ins. In vielen Mittelstädten und Dörfern wurden auch Unruhen gemeldet mit auffällig gleich klingenden Forderungen: „Gebt den Bauern ihr Land!“ ,“Gebt uns unser Geld zurück!“ „Gewerkschaften und gerechte Löhne für Arbeiter und Wanderarbeiter“, „Für ein harmonisches und demokratisches China!“ „Tretet aus der Partei aus!“ .Gegen Abend trat Lu Jintao im Zentralen Chinesischen Fernsehen auf und verlas eine Erklärung, wonach „eine kleine Gruppe konterrevolutionärer Kräfte“ hinter den Unruhen vermutet würde, die teilweise berechtigte Forderungen ausnütze, um dem Land zu schaden. Die Forderungen würden an der breiten Unzufriedenheit der Bevölkerung anknüpfen, wie z.B. Land für die 700 Millionen Bauern Chinas, gerechte Löhne für die ca. 200 Millionen Arbeiter und Rechte für die  200 Millionen Wanderarbeiter. Dies und die Schaffung einer harmonischen Gesellschaft sei ja auch und gerade das Ziel der KP China. Die Massen sollten Vertrauen in diese haben trotz Bankenkrise und diverser Unzufriedenheiten. Die KP China würde eine Untersuchungskommission einsetzen und Resolutionen der Betroffenen entgegennehmen, sowie versprechen auf ihre Forderungen einzugehen.Lu forderte die Demonstranten auf, nach Hause zurückzukehren. Jedoch, so fuhr er fort, versuchten verantwortungslose Kräfte die Stabilität und die Harmonie des Landes zu untergraben und gegen diese würde rücksichtslos vorgegangen.Lu hatte seine Botschaft kaum verlesen, als ihm aufgeregt der Fernsehdirektor entgegenkam und erklärte, dass das Fernsehprogramm unterbrochen worden sei und eine andere Nachricht von einer unbekannten Gruppe gesendet worden sei, die sich Vorbereitungskomitee für eine Übergangsregierung nannte und die die Demonstranten zum Durchhalten aufforderte und die Bevölkerung sich den Demonstrationen anzuschließen oder selbst eigene Demonstrationen und Proteste zu formieren.Lu war fassungslos, schrie, wie dies geschehen könne und bis wann man wieder mit der Herstellung des Nachrichtenmonopols rechnen könne. Der Fernsehdirektor wiegelte ab, dass dies bald möglichst geschehen werde, man aber erst einmal die Störsender ausfindig machen und beseitigen müsse. Bis zur Wiederherstellung der Nachrichtenhoheit sei das Fernsehen im gesamten Land abzuschalten und wurden Regionalsender angewiesen keinerlei Berichte über die Unruhen zu bringen.

Der Protest weitete sich nun nach dem öffentlichen Aufruf der selbsternannten Übergangsregierung schlagartig auch auf andere Städte und Dörfer aus, zumal das Abschalten des Fernsehprogramms dazu führte, dass viele Leute auf die Straße gingen. Auf manchen Demonstrationen erklärten manche Teilnehmer ihren Austritt aus der Kommunistischen Partei Chinas und riefen dazu auch öffentlich auf. Während noch die Fernsehverantwortlichen damit beschäftigt waren, die Quellen der Subordination ausfindig zu machen, berief Lu Jintao das Politbüro und die Zentrale Militärkommission ein, um das weitere Vorgehen zu beraten und auch den Einsatz des Militärs zu erörtern für den Fall, dass die bewaffnete Volkspolizei und ihre Milizen die Lage nicht mehr unter Kontrolle bekämen.

Einige Parteikader plädierten für hartes Vorgehen—man solle die bewaffnete Volkspolizei gemeinsam mit der Volksbefreiungsarmee und deren Panzern wie 1989 auf die Störenfriede vorgehen lassen und den Unruhen ein blutiges Ende bereite, das auf lange Zeit abschrecke. Einige Kader befürworteten, dass man Rädelsführer ausfindig mache und verhaften lasse, im anderen Falle durch Scharfschützen gezielt eliminieren solle und die Bewegung so enthaupten und kopflos machen solle. Die Abteilung 2 des Militärgeheimdienstes hätte bei der Aufstellung solcher Todeslisten schon Erfahrung von den Studentenunruhen 1989. Einmal von den Rädelsführern getrennt, würde sich die Bewegung dann unter Tränengas  und Warnschüssen verlaufen. Dazu reiche die bewaffnete Volkspolizei alleine völlig aus. Eine dritte Gruppe plädierte dafür, die Bewegung zu spalten, indem man taktisch und scheinbar auf einige ihrer Forderungen eingehe und Versprechungen mache, wie. z.B. die Verteilung von Land an Bauern und somit Uneinigkeit unter den Demonstranten säe, die sie letztendlich isoliert dastehen lassen würde. Den Rest solle man dann mit Tränengas vertreiben und falls das nichts helfe verhaften oder erschießen lassen. Zuerst wolle man aber noch abwarten, ob sich die Proteste von selbst wieder verlaufen oder an Zahl abnehmen würden, wenn die vorgeschickten Parteimitglieder auf die Forderungen der Demonstranten versprachen einzugehen. Während noch Politbüro und Militärkommission tagten, kam die Meldung, dass in den Kasernen und unter den Offizieren Handzettel verteilt wurden mit den Aufschriften „Volksbefreiungsarmee schießt nicht auf das Volk!“ und „Armee schießt nicht auf Armee!“.Lu Jintao wollte von seinen Generalen wissen, ob die Kasernen sicher sein und er bekam aus dem Mund von General Chi Haotian bestätigt: „Die Armee ist feste wie der Fels in der Brandung!“ und: Armee schießt nicht auf Armee!“. Der Generalstabschef verkündigte, er persönlich werde dafür verantwortlich zeichnen, dass die Unruhen nicht auch auf das Offizierskorps überspringen würden. Zuletzt wollte Lu noch wissen, wer hinter den Unruhen stecke und wie es sein könne, dass diese sich so unerwartet schnell ausbreiten würden. Sein Geheimdienstchef meinte, es sei gut möglich, dass subversive und konterrevolutionäre Kräfte das landesweite Untergrundsnetz der verbotenen Falungong benutzten für ihre Zwecke. Diese Kultbewegung zähle trotz Repression noch immer Millionen von Mitgliedern und Sympathisanten über das ganze Land zerstreut und sei viel effektiver und subversiver als die normale demokratische, sekuläre Opposition, die sich auf ein paar zerstrittene Intellektuelle in den Städten und im Exil beschränke. Genauere Zusammenhänge seien aber noch nicht bekannt. Die Falungong agiere sehr geheim und man dürfte nicht vergessen, dass die Falungong in China mindestens noch über so viele Kader verfüge wie die Bolschwiki in Russland vor der Machtergreifung.

Lu schrie, das könne doch wohl nicht wahr sein und dass er diesbezüglich sofort eine Untersuchung der Hintermänner befehle, die zu schnellstmöglichen Antworten kommen müsse. Eine Liste der verdächtigen Personen solle erstellt werden und diese umgehend verhaftet werden – notfalls auch ohne Beweise und Indizien auf Verdacht hin. Für was habe die KP China noch unter Jiang Zemin eigentlich das Büro 610 zur Verfolgung der Falungong gegründet, wenn die Ergebnisse so mager seien und man sich nun einem breiten Aufstand ausgesetzt sah. Man ging erregt auseinander mit dem Ansinnen, schon baldmöglichst wieder eine Krisensitzung einzuberufen, wenn man mehr Informationen hatte und in der Hoffnung, dass sich die Unruhen bis dahin zähmen ließe.

Kampf um die Medienhoheit

Inzwischen brachte das aus dem Ausland sendende New Tang Televsion der Falungong via Satellit und anderer Techniken eigene Sendungen auf den staatlichen Fernsehkanälen und die Fernsehtechniker des Staates brachten es nur zeitweise fertig, deren Programme und Nachrichtensendung zu unterbrechen. Wieder wurde das staatliche Fernsehprogramm unterbrochen und die Bevölkerung verstand diesen Blackout richtigerweise als Kontrollverlust der Regierung. Hinzu kam, dass bei Demonstranten Kurzwellensender gefunden wurden, die wie auch Handy, Twitter, Facebook, Mikroblogs und das Internet für die Verbreitung von regierungsfeindlichen Nachrichten sorgten und zur Koordinierung der Bewegung dienten. Die Regierung beschloss darauf, dass der Besitz von Kurzwellensendern bestraft würde und verbot das Telefonieren mit Handys auf den Demonstrationen—alles Maßnahmen, die von den Demonstranten einfach ignoriert wurden, zumal die bewaffnete Volkspolizei sich eher lächerlich machte, als sie Handys einsammeln wollte, die Empörung in die Höhe trieb und die Sicherheitskräfte schließlich die Maßnahme der Regierung –unter Beifall der Demonstranten–selbst ignorierten.Die Hackereinheiten und die Internetpolizei der KP China arbeitete auf Hochtouren.

Lu Jintao und die Regierung rechneten mit dem Vorteil der Nacht. Viele Demonstranten würden nach Hause gehen, einige nicht mehr zurückkehren und die wenigen Verbliebenen könnte man so einfach wegjagen. Es kam jedoch anders, da wesentlich mehr  über die Nacht blieben, es wurden Mahnwachen und Wachposten aufgestellt, die mit Handykontakt Verbindung zu den Stadtteilen hielten und schnell mobilisierbar waren, wenn sich die bewaffnete Volkspolizei näherte. So wichen sie der bewaffneten Volkspolizei immer wieder aus und veranstalteten ein Katze- und Mausspiel durch die Stadtteile. Dabei malten sie an die Wände Spruchparolen und verteilten an Nachtschichtler Informationsmaterial. Zudem nutzten die Demonstranten die Auflösungsversuche der Volksmiliz, um sich immer näher in Richtung Stadtzentrum und den Platz des Himmlischen Friedens zu bewegen. Am nächsten Tag war die Bewegung unverändert stark präsent, stand in unmittelbarer Nähe des Platz des Himmlischen Friedens und die Rückkehrer hatten in ihren Stadtteilen noch weitere Teile der Bevölkerung von den Demonstrationen informiert und dazu mobilisiert.

Inzwischen hatte die Staatsmacht wieder die Kontrolle über die Medien zurückerlangt.

In einer weiteren Fernsehansprache, machte Lu Jintao „teuflische Kulte und eine konterrevolutionäre Hilfstruppe, die von ausländischen und anti-chinesischen Kräften gesteuert“ würden, für die Unruhen verantwortlich. Patriotische Chinesen hätten sich von diesen vom Ausland geschürten Unruhen fernzuhalten und Ruhe und Ordnung zu wahren. Dringend erging an Taiwan die Aufforderung, sämtliche Aktivitäten der genannten Hintermänner zu unterbinden, da die VR China ansonsten gezwungen sei Maßnahmen zu ergreifen. Signale von Störsendern seien auf taiwanesischem Gebiet geortet worden. Drei Stunden nach der Fernsehansage vermeldete die taiwanesische Luftaufklärung, dass China seine Mittelstreckenraketen in Alarmbereitschaft versetzt habe, vermehrt festlandschinesische Zivilflugzeuge taiwanesischen Luftraum verletzten und legte dagegen Beschwerde ein. Eine Verletzung taiwanesischen Luftraums durch Maschinen der chinesischen Luftwaffe würde nicht geduldet. Die taiwanesische Regierung erklärte in einer Fernsehansprache, dass ihr nicht an Spannungen mit der VR China gelegen sei und sie auch nicht verantwortlich für innere Unruhen in China sei. China solle seine Drohgebärden einstellen, die innere Krise nicht durch eine äußere überlagern und sich den Forderungen der Demonstranten stellen. Diese Nachrichten wurden jedoch aufgrund der Zensur  nicht in Festlandchina ausgestrahlt.

Außenpolitische Kanalisierung des inneren Konfliktes

Die KP China hingegen steigerte die antitaiwanesische Berichterstattung noch und zeigte im Fernsehen Bilder von Falungongaufmärschen in Taiwan und den USA, die dokumentieren sollten, dass deren teuflischer Kult zur Zerstörung Chinas diene und vom Ausland gesteuert sei .Die offzielle Lesart war: Demonstranten seien sicherlich zum Großteil patriotische Chinesen, doch würden sie von einer kleiner Hand konterrevolutionärer, vom Ausland gelenkter Kräfte missbraucht. Dies sei ein Angriff auf die VR China ohne Kriegserklärung. Sollte Taiwan nicht umgehend aufhören, diese Kräfte zu unterstützen, würden Maßnahmen ergriffen und könnte die Wiedervereinigung auch mit anderen als mit friedlichen Mitteln hergestellt werden. Schon kurz nach der Fernsehansage Lu Jintaos ortete die taiwanesische Militäraufklärung verstärkte Truppenkontinente und Flugverkehr an Chinas Küste zu Taiwan, sowie expansive maritime Aktivitäten mit der Gefahr eines Zwischenfalls und einer Eskalation.

Die Kommunistische Partei ließ um die Demonstrationen Lautsprecherwagen vorfahren, mit denen sie immer wieder die Nationalhymne spielte, in Reden an die Größe des Landes und sein gutes weltweites Image während der Olympischen Spiele 2008 gedachte sowie an die patriotische Gesinnung der Demonstranten appellierte. „Patriotische Chinesen demonstrieren nicht für ausländische Teufel!“, „ Patriotische Chinese lassen sich nicht von Ausländern und teuflischen Kulten einspannen!“,„Patriotische Chinesen lassen sich nicht von Taiwan und den USA instrumentalisieren!“, „Für ein harmonisches China!“, „Für Wiedervereinigung mit dem Volk und Taiwan“,„Geht nach Hause!“, schallte es in kurzen Abständen ,dann wieder wurden bekannte Lieder patriotischen Gehalts gespielt. Die Propaganda zeitigte nach zwei Stunden erste Wirkung und Teile der Demonstranten gingen. Zum Teil weil sie sich patriotisch angesprochen fühlten, zum anderen, da sie eine Eskalation und Gewalteinsatz seitens des Militärs fürchteten wie schon 1989 während des Massakers auf dem Platz des Himmlischen Friedens.

Doch die immer noch zahlreich Verbliebenen riefen ihre gehabten Parolen: “Gebt den Bauern Land!“, „Gebt uns unser Geld zurück!“,„Gewerkschaften und gerechte Löhne für Arbeiter“, „Harmonie und Demokratie für China“ und ergänzten diese mit den aktuelleren Slogans „Kein Krieg im Innern! Kein Krieg gegen Taiwan!“ “Für eine friedliche Lösung!“ Kein Blut für Taiwan!“, “Volksbefreiungsarmee schießt nicht aufs Volk- ob Festland oder Taiwan!“ Die sozialen Forderungen wurden zunehmend von der nationalistischen Kriegspropaganda der KP China übertönt, aus einem inneren Konflikt drohte ein äußerer zu werden, wobei dies eigentlich ein innerer blieb, sah die VR China Taiwan doch als Teil Chinas, das letzte fehlende Territorium ,auf dem die andere Bürgerkriegspartei die Kuomintang hauste mit den zumal schrecklichen Seperatisten der Demokratischen Fortschrittspartei. Inzwischen tagte wieder das Politbüro und die Zentrale Militärkommission und Lu Jintao vertrat eine harte Linie: Gegen Abend sollten die bewaffneten Volksmilizen die Demonstrationen stürmen und mit gezielten Schüssen und Tränengas vertreiben. Sollte dies nichts fruchten, werde tagsdrauf das Kriegsrecht ausgerufen und die Armee kompromißlos im Inneren eingesetzt, sowie eindeutige Drohmanöver gegen Taiwan gefahren. Ein Politbüromitglied meinte, es gebe gar keinen tragfähigen Beweise, dass Taiwan mit den inneren Unruhen in Verbindung stehe.Lu meinte, dies sei aber sehr wahrscheinlich und man könne die soziale Frage so auch mit der nationalen gleich lösen. Er erinnerte an Bismarck und den deutschen Vereinigungskrieg 1870/71, in dem die demokratische Opposition des Bürgertums schließlich in einen patriotischen Nationaltaumel verfallen sei, der alle Kritik und Unzufriedenheit an der Regierung beseitigte. Ein General gab zu bedenken, dass ein Konflikt mit Taiwan möglicherweise einen Krieg mit den USA heraufbeschwören könnte. Doch Hu konterte: Dies sei nicht auszuschließen, aber durchaus zu vermeiden, wenn die Volksbefreiungsarmee schnell genug und entschlossen handele und die Amerikaner so überrasche. Bis die USA geschlossen reagieren würden, habe man ein ausreichendes Zeitfenster. Es sei ebenfalls zu überlegen, ob man nicht in anderen Teilen der Welt Krisen erzeuge, um amerikanische Truppen zu binden. Wie ständen da die Optionen, etwa in Nahost und um den Iran? Der General erwiderte, dass die USA doch inzwischen schon vorgewarnt wären und ihre Kriegsschiffe schon in der Nähe der Taiwan-Strasse konzentriert hätten. Ebenso würden sich der Iran und Chavez nicht so einfach auf Pekings Befehl gegen die USA mobilisieren lassen. Das sei nicht so einfach. Auch könne dies den Effekt haben, dass die USA dann erst recht gegen China aggressiv und dies als Beginn eines Weltkrieges betrachten würden. Umgekehrt verfüge die Volksbefreiungsarmee aber auch über einige Überraschungen, auf die die Amerikaner nicht vorbereitet wären, wie zum Beispiel Mikro- und Nanosatelitten und elektromagnetische Impulswaffen, mit denen man die amerikanischen Kommando- und Kontrollsysteme sowie kritische Infrastrukturen blenden und flachlegen könne. Es wurde beschlossen, zur Taiwanfrage nochmals eine seperate Arbeitsgruppe einzusetzen, die Vorschläge ausarbeiten sollte, die dann auf der nächsten Sitzung diskutiert würden.

Die Demonstranten hatten sich inzwischen auf neue Slogans geeinigt, die an die Parolen der Bolschewiki vor der Oktoberrevolution erinnerten: „Für Land und Frieden!“, “Für gerechte Löhne und Frieden“, „Festland, Taiwan–Volksbefreiungsarmee schieß´ nicht auf dein Volk!“.

Angehörige von Militärs gaben die Forderungen und Handzettel jungen Offizieren und Soldaten zu lesen. Die Regierung forderte daraufhin das umgehende flächendeckende Einrücken der Soldaten in die Kasernen, um sie von den Unruhen fernzuhalten und abzuschirmen. Isolation durch Kasernierung.

Während die Bewegung in den Städten etwas abgeflaut war, hatte sie auf dem Land inzwischen breiten Zustrom erhalten, da die Bauern zeitverzögert von den Forderungen erfahren und sich organisiert hatten. Einige formierten sich in Demonstrationszügen durch die Dörfer, andere besetzten Land von KP-Kadern und die Niederlassungen der chinesischen Staatsbanken, andere hielten mittels Wanderarbeitern und Handys Kontakt zu den nächst größeren Städten. Neben der bewaffneten Volkspolizei hatten lokale Parteikader auf dem Land auch noch private Schlägertruppen aufgestellt, die die Dorfbevölkerung auch schon zuvor terrorisiert hatten. Einige dieser Schläger wurden nun von der erregten Menge ergriffen und gefesselt. Man forderte eine harte Bestrafung und wenn die Regierung und ihre korrupten Gerichte dies nicht machen wollten, so war die Bereitschaft groß, hier Volksgerichte selbst urteilen zu lassen. Teile der Demonstranten riefen jedoch zur Mäßigung auf und rieten von Selbst- und Lynchjustiz ab, was nicht leicht durchzusetzen war angesichts der hochgekochten Stimmung. Man wollte keine chaotischen Zustände, die die Regierung als Vorwand nehmen könnte, zu intervenieren.

In den Städten und auf dem Land wartete die bewaffnete Volkspolizei die Nacht ab. Nun stellte sie den Demonstranten das Ultimatum der Regierung, sich sofortig zurückzuziehen  und aufzulösen—eine Aufforderung, der die Demonstranten nicht nachkommen wollten, die Stimmung kochte hoch. „Wir bleiben, ihr geht! Wir bleiben, ihr geht!“ schallte es den Ordnungskräften entgegen. Die bewaffnete Volkspolizei gab Warnschüsse in die Luft ab, senkte die Gewehrläufe etwas tiefer und schoss mit Tränengas in die Reihen der Demonstranten. Vielerorts kam es zu Straßenschlachten und Verfolgungsjagden, Steine und Flaschen flogen, doch so richtig wollte sich die Menge nicht auflösen. Immer wieder sammelte sie sich an anderen Orten und hielten Rädelsführer per Handy Kontakt, gaben Instruktionen und hörten den Polizeifunk ab. Botschaften auf Twitter, mittels SMS, Mikroblogs und Internet kursierten und wechselten das Medium, sobald Chinas Internetpolizei ein Netz abschaltete. Am frühen Morgen schien sich die Lage geklärt zu haben, doch schon am frühen Nachmittag fanden sich wieder Demonstrationsgruppen ein und die Ordnungskräfte begannen ihr Spiel von neuem. Anders als beim Massaker auf dem Platz des Himmlischen Friedens harrten die Demonstranten in Peking nicht an einem symbolischen Platz aus, sondern verlegten mobil ihren Schwerpunkt, teilten sich, um dann wieder zusammenzukommen—dabei kreisten sie aber konzentrisch immer um den Platz des Himmlischen Friedens, so dass sie immer die Option hatten, diesen zu betreten. In anderen Städten und Dörfern wiederholte sich dieses Muster, das den Sicherheitskräften der KP China unheimlich koordiniert und professionell gelenkt vorkam. Zusätzlich war es in einigen großen Betrieben zu Arbeitsniederlegungen aus Solidarität mit den Demonstranten und ihren Forderungen gekommen und hatten Betriebe eigene Delegationen entsandt oder hatten sich teilweise geschlossen den Protesten angeschlossen. Das chinesische Wort  für Streik ba gong wurde durch ein anderes gong ersetzt, das kommunistische Partei bedeutet. Somit bedeutete die Parole nicht mehr nur Streik, sondern „Bestreikt die Kommunistische Partei!“. Ein Wortspiel, das die Kader der KP China gar nicht lustig fanden.

Kriegswolken

Wieder tagte das Politbüro und die Zentrale Militärkommision.Lu Jintao war erregt. Es war nicht gelungen mit den bewaffneten Volksmilizen den Unruhen Herr zu werden. Er erwägte nun das Kriegsrecht zu verkünden und die Volksbefreiungsarmee im Innern einzusetzen. Ein General gab zu bedenken, dass man es hier nicht mit einem statischen Zentrum der Unruhen zu tun habe, das man einmal mit Panzern räumt, sondern dass die Feinde flexibel und mobil seien und ihre Kräfte immer wieder auflösten , verteilten und wieder zusammenzögen. Ein einfaches Niederkarätschen wie bei der Studentenbewegung 1989 sei daher nicht möglich. Ebenso könne man die Verfolgungsjagden nicht mit Panzern durch die Straßen der Großstädte vollführen, maximal mit Jeeps und kleineren Militärfahrzeugen, aber auch deren Mobilität sei fraglich, zumal schon Krähenfüsse und Nägel in Einsatz gekommen wären. Die Effektivität sei aber fraglich. Daher sei eine Ausgangssperre zu empfehlen, bei der jeder, der unautorisiert auf der Straße angetroffen wird, verhaftet oder erschossen wird.  Nur so könne man die Lage wieder unter Kontrolle bringen. Die verantwortlichen Rädelsführer sollten öffentlich vor Gericht gestellt und hart bestraft werden. Eine Kommission solle die Resolutionen der Bauern, Arbeiter und Wanderarbeiter sorgfältig prüfen und geeignete Maßnahmen ergreifen. Ein Politbüromitglied brachte die Idee ein, vielleicht sei auch die Zeit reif für eine Landreform, die die Zentralregierung gegen das Interesse der lokalen Kader durchdrücke.

Dies wurde aber von den anderen Politbüromitgliedern abgelehnt, da dies zu großer Unzufriedenheit innerhalb der Partei und zu Illoyalität führen könne und man Landgeschenke an die Bauern nur ganz begrenzt und in Ausnahmefällen machen solle.Die Arbeitskommsion zu Taiwan präsentierte ihre Ergebnisse: Eine direkte maritime Invasion Taiwans sei immer noch nicht möglich. Aber eine Blockade, sowie eine Bombadierung mit Mittelstreckenraketen und die Lahmlegung der taiwanesischen Infrastruktur mittels Computerwarfare, Agenten und Maulwürfen und eines elektromagnetischen Impulses sei denkbar. Es sei innerhalb kürzester Zeit soviel Druck auf Taiwan auszuüben und es vor die Wahl der absoluten Vernichtung zu stellen, das die USA nicht rechtzeitig zu Hilfe kommen könnten und Teile der Kuomintang und des taiwanesischen Militärs einen Seperatfrieden mit der Perspektive der Wiedervereinigung schlössen. Damit wäre die Wiedervereinigung faktisch vollzogen und würde eine Welle eines nationalen Hochgefühls in China und unter den Auslandschinesen erzeugt, das alle Unzufriedenheit und kleinkrämerische Sorgen auf lange Zeit vergessen lasse. Ähnlich wie Deutschland 1870/71 werde die nationale Opposition zur gefügigen Manöviermasse und habe die Niederlage der USA um Taiwan die gleiche Wirkung wie der russisch-japanische Krieg 1905: Eine asiatische Macht, diesmal China habe zum ersten mal nach Vietnam eine westliche Weltmacht besiegt. Damit würde China zur unbestreitbaren Regionalmacht Asiens aufsteigen. Ein General gab zu bedenken, das die USA dies nicht ohne weiteres hinnehmen würden. Ein Politbüromitglied erwiderte, es käme nur darauf an, wie entschlossen und geschlossen China diesen Krieg führe—spätestens bei der Alternative einen Atomkrieg zu riskieren, würden die USA zurückschrecken.Hu Jintao fragte seine Generäle, ob man sich da sicher sei. Ein General antwortete, dass die USA wohl aber die Möglichkeit hätten einen atomare Warnschuss vor der Küste Chinas abzugeben und zumal auch von der Führbarkeit begrenzter Atomkriege und Enthauptungsschläge gegen die Sowjetunion ausgegangen sein und dies möglicherweise auch bezüglich China androhen könnten. Doch die Androhung chinesischerseits Los Angeles oder New York auszulöschen, würde sie zurückschrecken lassen. Taiwan habe für die USA inzwischen nicht mehr dieselbe strategische Bedeutung wie noch während des Kalten Krieges, zumal die USA im Greater Middle East mehr als genug involviert seien, um  noch ein zweites großes Schlachtfeld, zumal mit einer Großmacht zu eröffnen.

Gleich nach der Sitzung wurde unmittelbar die Verhängung des Kriegsrechts bekanntgegeben und es auch rücksichtslos exekutiert. Das Militär und die Volksmilizen kämmten die Straßen durch. Massenverhaftungen und Erschießungen von Widerspenstigen folgten. Die Abschreckung und der Terror zeitigten Erfolg. Demonstranten sammelten sich auch am nächsten Tag nicht wieder und die Lage schien beruhigt. Für die arbeitende Bevölkerung wurden Passierscheine ausgegeben, die sie bei ihrer Arbeitseinheit und Firma , sowie bei den Straßenkontrollen vorzeigen mussten. Die Studenten wurden instruiert an ihrer Universität zu bleiben und sich dem Studium zu widmen. Das Militär wurde in erhöhte Alarmbereitschaft im Innern, wie im Äußern versetzt. Die anti-taiwanesische Propaganda wurde intensiviert. Berichte über ausländische Einmischungen in innere Angelegenheiten Chinas, nachteilige Portraits der Falungongbewegung als teuflischen Kult und erzwungene Geständnisse von Verhafteten und sogenannten Rädelsführern wiesen alle den Weg nach Taiwan und in die USA. Dies zog sich noch 2 weitere Wochen hin, bis  die Lage beruhigt schien. Doch dann platzte folgende aufsehenerregende Meldung in die Abendnachrichten des zentralen chinesischen Fernsehens:

„Heute abend hat taiwanesisches Militär ein festlandchinesisches friedliches Zivilflugzeug beschossen. Die Volksbefreiungsarmee ist in Alarmzustand. Die Regierung erwägt mögliche Vergeltungsmaßnahmen“. Die taiwanesische Regierung dementierte umgehend: Nichts sei passiert, es sei zwar ein chinesisches Zivilflugzeug in taiwanesisches Luftterritorium gedrungen, es sei aber nicht beschossen worden. Doch diese Nachricht erreichte nicht die festlandschinesische Bevölkerung, da die Zensur dies verhinderte. Hingegen wurde die Aggressivität Taiwans und der USA beschworen, an den Luftzwischenfall 2001 mit den USA erinnert und eine umgehende Entschuldigung von Seiten Taiwans Regierung gefordert. Diese wiederum beharrte darauf, dass sie sich nicht entschuldigen wolle, da nichts passiert sei; in den festlandchinesischen Nachrichten wurde hingegen nur berichtet, dass Taiwan sich nicht entschuldigen wolle. Dies könne unter keinen Umständen hingenommen werden. Zudem sei das sogenannte taiwanesische Luftgebiet auch gesamtchinesisches Luftgebiet und werde die chinesische Regierung keinerlei Beschränkungen ihres Luftverkehrs mehr hinnehmen. Taiwan drohte darauf, es nicht zuzulassen, dass chinesische Flugzeuge , seien sie zivil oder militärisch ungefragt in seinen Luftraum eindringen würden. Die festlandschinesische Propaganda machte daraus: Taiwan droht China militärisch im zivilen Luftverkehr! Die chinesische Regierung fordert umgehende Entschuldigung! Wiederum wies die taiwanesische Regierung daraufhin, dass sie sich für nichts zu entschuldigen hätte, worauf die chinesische Regierung mit Sanktionen und einem Ultimatum drohte. Die USA schalteten sich nun ein und forderten eine Untersuchungskommission für den angeblichen Zwischenfall und eine Beruhigung der Gemüter. Taiwan blieb bei seiner Position, dass nichts geschehen sei. Die VR China kritisierte die USA für eine Einmischung in chinesische Angelegenheiten und forderten sie auf, sich aus dem Streit herauszuhalten. Zugleich intensivierte sie in den Medien die antiamerikanischen Attacken mit der Botschaft: Taiwan wolle sich nun abspalten und die USA bekräftigten es darin. Diese seperatistischen Ambitionen könnten nicht hingenommen werden. Keine 2 Stunden später fiel der Strom in Taipeh und Gaoxiong aus, kollabierte die taiwanesische Börse und die Computernetze infolge einer Cyberattacke und eingeschleusten Agenten und Maulwürfen. Gleichzeitig gab es Luftalarm: China hatte elektromagnetische Impulswaffen über kritische Infrastrukturen Taiwans abgeworfen, schoss Mittelstreckenraketen hisbollahmäßig jede halbe Stunde auf Taiwans Groß- und Mittelstädte ab und forderte die umgehende Kapitulation. Ansonsten würden die Städte dem Erdboden gleichgemacht und der Luftterror ausgeweitet. Den Mittelstreckenraketen könnten Neutronenbomben oder nukleare Warnschüsse im Blickfeld der Metropolen folgen. Chinas Marine blockierte zudem die Häfen und Seerouten Taiwans, während sich beider Staaten Luftwaffen heftige Luftkämpfe boten. Im Politbüro herrschte Siegeszuversicht: Die USA hatten ihre Flugzeugträger nur in die Nähe der Taiwanstrasse , aber nicht in die Taiwanstrasse direkt gestellt. Ein Zeichen von Schwäche, wie dies schon bei Clinton während der Raketenkrise 1996 geschehen war und auch nun zu erwarten sei. Die US-Regierung forderte die sofortige Einstellung der Kampfhandlungen, einen Waffenstillstand und umgehende Verhandlungen. Die chinesischen Angriffe gingen weiter und die VR China wiederholte monoton, dass sich die USA aus dieser innerchinesischen Angelegenheit heraushalten sollten. Taiwan forderte inzwischen die VR China auf, die Angriffe zu stoppen und in Verhandlungen einzutreten. China antwortete darauf, dass es bedingungslose Kapitulation und sofortige Wiedervereinigung fordere und nur unter diesen Bedingungen bereit sei, in Verhandlungen einzutreten. Diesen Siegfrieden wiederum war Taiwan nicht bereit zu akzeptieren, wenngleich Teile der Kuomingtang sofortige Friedensgespräche ohne Bedingungen forderten.

Plötzlich änderte sich das Kräfteverhältnis:

Amerikanische Kampfflugzeuge und Flugzeugträger stellten sich konfrontativ in die Straße von Taiwan und drohten China mit Vergeltung, sollte es das Feuer nicht einstellen. In den USA wurde die Parole laut: „Rettet Taiwan, rettet den Pazifik, rettet Amerika!“. Nur einige Demokraten kritisierten die eigene Regierung und warnten vor einer Eskalation. China eröffnete daraufhin das Feuer auf die amerikanischen Kampfflugzeuge, die wiederum zurückschossen. Der Luftkrieg eskalierte zu einem Seegefecht, bei dem die chinesische Marine jedoch bei weitem unterlegen war. Selbst die hochgesteckten Hoffnungen in die neuen U-Bootwaffen erfüllten sich nicht und Amerikas Flugzeugträger blieben intakt. China drohte nun den USA auch mit der Vernichtung Guams. Die USA drohten für diesen Fall mit der Vernichtung eines Militärstützpunktes auf Festlandchina, woraufhin China wiederum mit einem nuklearen Warnschuss auf amerikanischem Territorium drohte.Für diesen Fall drohten die USA China den totalen Krieg an und einige chinesische Generäle meinten daraufhin: China würde alle Städte westlich von Xian opfern und dafür zahlreiche Städte in den USA ausrotten, sollten die USA nicht einlenken. Urplötzlich stoppte die chinesische Kriegsmaschinerie ihren Angriff.

Der Putsch

Die USA und Taiwan waren sichtlich überrascht , bis eine Eilmeldung im chinesischen Fernsehen und in allen Medien kam:

“Das „Komitee zur Rettung des Vaterlandes und zur friedlichen Wiedervereinigung mit Taiwan“ hat die Macht übernommen. Teile der Führung der Volksbefreiungsarmee, sowie das Politbüro sind verhaftet.“ Eine Gruppe von Jungoffizieren um den Offizier Liu Yazhou aus demselben Jahrgang der Militärakademie hatte in Kooperation mit einigen gemäßigteren Generälen geputscht, um eine Eskalation bis hin zum Atomkrieg zu verhindern. Diese Jungtürken Chinas waren bereit eher eine nationale Schmach zu akzeptieren, als China in den Feuern eines Atomkrieges verenden zu sehen. Sie hatten während der Demonstrationen und Unruhen Zweifel an der Legitimität der Herrschaft der KP China bekommen , bewunderten die demokratischen USA und sahen den besten Weg zu einer Wiedervereinigung mit Taiwan in dem friedlichen Weg der Demokratisierung. Zu dieser hätte das Militär ganz wie in Südkorea oder der Türkei seinen Beitrag zu leisten und für alle Fälle als Stabilitätsanker und als Schiedsrichter der Demokratie zu fungieren und mittels eines Nationalen Sicherheitsrates bei allen wichtigen nationalen Entscheidungen beteiligt zu sein. Eine Demokratie mit chinesischen Besonderheiten. Die USA und Taiwan erklärten umgehend die Einstellung der Kriegshandlungen und forderten sofortige Gespräche. General Liu Yazhou erklärte sich hierzu bereit und bekräftigte die Forderung nach einer friedlichen Wiedervereinigung mit Taiwan. Die USA hätten immer betont, dass sie im Falle eines demokratischen Chinas auch keine Bedenken mehr wegen einer Wiedervereinigung mit Taiwan hätten. Diesem Anspruch wolle das Komitee nachkommen und lade alle demokratischen Parteien zu einer Parteiengründungskonferenz in Peking unter Schirmherrschaft und Schutz des Militärs ein. Dies schließe alle exilchinesischen Parteien, Persönlichkeiten und Taiwans Kuomintang mit ein. Die Kommunistische Partei Chinas bleibe als eine Partei ohne Führungsanspruch weiter bestehen, solle sich in das Parteienspektrum einordnen und durch Wahlen demokratisch legitimieren. Das Militär werde nicht mehr Parteiarmee sein, aber Wächter der jungen chinesischen Demokratie bleiben, bis diese imstande sei, selbständig zu gehen—ähnlich dem 3-Stufenmodell Sun Yatsens. Die negativen Erfahrungen der Ersten Republik unter Sun Yatsen und Yuan Shikai, die in der Ära der Warlords, der Zersplitterung des Landes und einem Bürgerkrieg endeten wolle man dabei wohlweislich vermeiden. Er mahnte  alle Chinesen sich diszipliniert zu verhalten und die Lehren der Geschichte zu berücksichtigen. Das Nationalgefühl dürfte inzwischen so stark ausgeprägte sein, dass China sich nicht wieder in verschieden Landesteile aufspalten lasse. Die Wahrung der territorialen Integrität, der nationalen Souveränität sowie die Wächterfunktion über die junge chinesische Demokratie seien die zentralen Funktionen und Aufgaben des Komitees unter der Leitung von General Liu Yazhou.

Demokratischer Frieden unter der Ägide des Militärs

In den Gesprächen zwischen Taiwan und China unter der Vermittlung der USA wurde folgendes Abkommen beschlossen:

China und Taiwan werden wiedervereinigt. Die Kuomintang löst sich als taiwanesische Partei auf und gründet sich als gesamtchinesische Partei wieder. Taiwans Demokratische Fortschrittspartei wird vor die Wahl gestellt eine Regionalpartei oder Minderheitenpartei zu werden oder aber sich mit einer der anderen gesamtchinesischen Parteien zu vereinigen. Die Kommunistische Partei wird ebenso zugelassen, aber ohne Führungsmonopol und die 8 Blockflötenparteien. Den rückkehrenden Exilchinesen und chinesischen Demokraten in China sowie dem Vorbereitungskomitee für eine chinesische Übergangsregierung wird ein auszuhandelndes Startgeld und ausreichender Zeitraum für Parteiengründungen und die Ausarbeitung eines Parteienprogramms gegeben. Religionsfreiheit wird gewährt und die Falungong offiziell wieder zugelassen. Eine Verfassung wird unter Teilnahme aller Strömungen verabschiedet und von der Bevölkerung beschlossen. Nach einem halben Jahr werden die ersten gesamtchinesischen Wahlen abgehalten. Bis zur Übernahme der Regierungsgewalt durch die erste demokratische Regierung Chinas ist das Militär für die innere Ordnung und die Garantie der Stabilität verantwortlich. Taiwans Demokratische Fortschrittspartei protestierte und verlangte ein Referendum der taiwanesischen Bevölkerung über ihre Zukunft und eine eventuelle Unabhängigkeit. Von allen Seiten, inklusive den USA wurde ihr jedoch verdeutlicht, dass die Staaten dieser Welt an der Ein-China-Politik festhielten und sich Taiwan der Vereinigung beugen solle. Dafür könne es in den Genuss der 1 Land-2-Syteme- Regelung wie Hongkong kommen und für eine gewisse Zeit eine Sonderverwaltungszone darstellen.

Die Kriegsschuldfrage sollte noch geklärt werden, die USA verzichteten aber auf Reperationen oder demütigende Gesten. In den USA war man sichtlich erleichtert über die ausgebliebene Eskalation und verwandelte sich die Angst in Siegestaumel und Generosität angesichts des doch so überraschenden beiderseitigen Happy-Ends. Die US-Regierung wollten Chinas neue Demokratie nicht mit einem Schandfrieden a la Versailles belegen, der ja soviel Unheil in Deutschland heraufbeschworen hatte und auch in der US-Bevölkerung war kein Rachegefühl auszumachen. Das chinesische Politbüro und die Generäle, die für den Krieg verantwortlich gezeichnet hatten, wurden vom Offizierskorps unter Hausarrest gestellt und ein Gericht sollte später über ihre Strafen entscheiden. Das Offizierskorps legte jedoch Wert auf die Festsstellung, dass die Verurteilung und die Bestrafung der Kriegsverantwortlichen aus dem Wahlkampf herausgehalten werden und nicht das zentrale Thema der politischen Diskussion sein solle. Der Blick sei auf die Zukunft zu richten und nicht in der Vergangenheit zu verweilen. Die Diskussion sei vorwärtsgewandt, positiv und konstruktiv zu führen.

Zwei Wochen nach Ende des kurzen Krieges kehrten die ersten chinesischen Exildissidenten von Europa, Japan und den USA nach China zurück: Wei Jingsheng, der Vater der 5. Modernisierung, d.h. der Demokratie, Hu Ping, Herausgeber der Exilzeitschrift „Pekinger Frühling“, Wang Dan, Han Dongfan, Wuer Kaixi, Wang Ruowang, Liu Binyan, Ma Dawei, Wang Bingzhang, Fu Shenxi, Wang Juntao, Fang Lizhi und andere Veteranen der Mauer-für-Demokratie-Bewegung und der Demokratiebewegung von 1989. Ebenso kamen die Vertreter der 1998 in China gegründeten Demokratischen Partei Chinas Wang Youcai, Xu Wenli, Wang Donghai, Ni Yuxian, sowie Lin Hui, Chen Shuqing, Chen Zhiwei, Gao Yeju ,Xu Guang, Shan Chenfeng,sowie die Unterzeichner der Charta 08,Liu Xiaobo,  Ai Weiwei und viele andere. Allein Li Hongzhi, der Meister und Führer der Falungong blieb vorerst noch in den USA und entsandte Wu Fan, der stellvertretend für das Vorbereitungskomitee der chinesischen Übergangsregierung und für die Falungong zeichnete. Das Vorbereitungskomitee war ein Exilausschuss aus Exildissidenten der säkularen Opposition und der Falungong, der wie er nun offen bekannte hinter den Unruhen in China gesteckt und diese koordiniert hatte. Daher sei das Vorbereitungskomitee der Übergangsregierung der wahre Vater der chinesischen Demokratie. Jeder wollte jetzt dabei und ein Held gewesen sein. Desweiteren flogen Lian Zhan und Ma Yingjiu von Taiwans Kuomintang nach Peking , liessen ihre Partei als zweite nach der Kommunistischen Partei als gesamtchinesische Partei registrieren und erklärten mit der KP China den chinesischen Bürgerkrieg für offiziell beendet. Die Volkszeitung berichtete mit der Schlagzeile: „Kuomintang kehrt nach  Jahrzehnten wieder zurück nach Festlandchina!“ Tagsdarauf wurde eine Amnestie für alle politischen Dissidenten von 1989 erklärt und die 4.Juni-Bewegung rehabilitiert, wie auch die Falungong wieder offiziell zugelassen. Politische Gefangene wurden umgehend freigelassen und die Umerziehungslager des Laogais offiziell für geschlossen erklärt. Harry Wu kehrte nach China zurück und kündigte an, dies zu überprüfen. Der Ausnahmezustand wurde jedoch noch weiter beibehalten, wenngleich gelockert und die chinesischen Bürger zu Ruhe und Ordnung ermahnt. Das Offizierskomitee führte solange die Regierungsgeschäfte in Kooperation und Konsultation mit dem aus dem Exil zurückgekehrten Vorbereitungskomitee für die chinesische Übergangsregierung und inländischen Aktivisten der Demokratiebewegung und Nichtregierungsorganisationen.Es wurde erklärt, dass die Forderungen während der Unruhen wie Privateigentum an Land für die Bauern, Privatisierung der Staatsbetriebe, Wiedergutmachungen für die Bankenkrise, u.a. Themen des Wahlkampfs der Parteien seien werden und somit vom Volk selbst entschieden werden.

Parteiengründungen

In der Großen Halle des Volkes am Platz des Himmlischen Friedens, wo normalerweise der Nationale Volkskongress tagte, sollte dann der Parteigründungskongress erfolgen. Delegierte von allen Exilgruppen und Chinas inländischer Opposition kamen zusammen, um über die Gründung von Parteien und Allianzen zu verhandeln. General Liu Yazhou hielt eine Einführungsrede, begrüßte die Delegierten und ermahnte sie, dass sie eine hohe Verantwortung trügen und Parteienzwist und egoistische Selbstsüchteleien zum Wohl der Nation hintenanstellen sollten. Dies sei eine einmalige Chance und eine neue Ära, der China nun entgegen schreite und unter keinen Umständen solle das Experiment scheitern. Neben der Kuomintang und der KP China, gründeten sich die Demokratische Partei Chinas, die Sozialdemokratische Partei Chinas, die Republikanische Partei Chinas, die Harmoniepartei Chinas, die Liberale Partei Chinas, die Grüne Partei Chinas und die Nationaldemokratische Partei Chinas . Bevor man zu Wahlen schreiten konnte, wurde eine 5-Prozent-Hürde festgelegt, um einer Zersplitterung der Parteienlandschaft zuvorzukommen, ein Verhältniswahlsystem und eine Präsidialdemokratie eingeführt. Die Debatte, ob ein neues China mehr zentralistisch oder mehr föderalistisch geführt werden solle, wurde vorerst hintenangestellt und sollte in der neuen Verfassung geklärt werden. General Liu Yazhou betonte jedoch, dass auf keinen Fall eine Variante gewählt werden dürfe, die die zentrifugalen Kräfte in China beschleunige und die Einheit und territoriale Integrität des Landes gefährde. Hier werde die Armee als sichtbarer Wächter etwaigen Bestrebungen Einhalt gebieten und eine Verfassungsgarantie gegen ausufernden Föderalismus fordern. Desweiteren sollte jeder Partei ein halbes Jahr Zeit gegeben werden, ein Büro in jeder Stadt und jedem Dorf zu eröffnen und Mitglieder zu rekrutieren. Nach diesem halben Jahr werde dann ein halbes Jahr informiert und Wahlkampf geführt und die ersten gesamtchinesischen Wahlen abgehalten.

Die Parteien erhielten vom Komitee für die Rettung des Vaterlandes und die friedliche Wiedervereinigung mit Taiwan jede dasselbe Startgeld; das Parteivermögen der Kuomintang und der Kommunistischen Partei wurde damit verrechnet und der Überhang verteilt. Sendezeit in den Medien wurde staatlich gleichmäßig zugeteilt und jede Partei hatte das Recht sich vorzustellen .Inzwischen war auch Meister Li Hongzhi von der Falungong in Peking eingetroffen und wurde am Flughafen von seinen Mitgliedern in gelben Kleidern mit einer Massenmeditation begrüßt, die er selbst anleitete. Er hielt eine kurze Ansprache und erklärte, er sei gekommen ,um China Harmonie und Demokratie zu geben. So wie der Kosmos von Wahrhaftigkeit(Zhen), Barmherzigkeit (Shan) und Nachsicht(Ren) regiert werde, so solle auch China und die Welt von diesen ewigen Gesetzen und Prinzipien des Friedens regiert werden.Dazu sei die Harmoniepartei zu begründen.

Die folgenden Wochen waren gekennzeichnet durch eine euphorische Aufbruchstimmung. Die Parteienvertreter fuhren durchs Land und rekrutierten schnell neue und willige Mitglieder. In den Dörfern und Städten wimmelte es vor Menschen an den Einschreibungsstellen und provisorischen Büros der Parteien ,mancher Schweinestall und manche Volksschule diente als Parteirepräsentanz, es wurden Reden gehalten und Informationsmaterial über die Parteien ausgegeben. Die Druckereien arbeiteten auf Volltouren und im Fernsehen waren ständig Vorstellungssendungen über die Parteien, ihre Ansichten und Führer zu sehen, die mit großem Interesse gesehen wurden und intensive Diskussionen unter den Chinesen entfachten. Die Moderatoren waren angehalten, die Parteienvertreter vor persönlichen und polemischen Angriffen aufeinander abzuhalten und nur sachliche und politische Argumente zuzulassen. Dabei kamen die Exildissidenten gegenüber den einheimischen Aktivisten eloquenter und telegener herüber, da sie den Umgang mit der freien Rede und mit den Massenmedien schon im Westen gelernt hatten. Ziel war es ein möglichst flächendeckendes Netz über ganz China zu etablieren, doch bei jeder Partei mit Ausnahme der Harmoniepartei, die der Falungong nahestand, bestanden große Lücken in der Landkarte. Dies hatte zur Folge, dass Mitglieder schnell und ohne Prüfung aufgenommen wurden, die teilweise auch dubiose und eigennützige Motive mitbrachten, uneinhaltbare Versprechungen klopften oder auch schon durch die Vergangenheit belastet waren. So genau nahm es aber keiner- mit Ausnahme der Harmoniepartei, die auf das flächendeckende Untergrundsnetz der Falungong aufbauen konnte, das nun an die Oberfläche trat und ihre Millionen von Mitgliedern systematisch über das Land ausschwärmen liess. Damit hatte die Harmoniepartei einen klaren Vorteil gegenüber anderen Parteien, der auch gleich von der Konkurrenz beim Offizierskomitee reklamiert wurde. Doch dieses sagte, das sei nun einmal das Gesetz der Selbstorganisation der Kräfte, in das der Staat nicht hineinregieren wolle und appelierte an die Harmoniepartei sich eine Woche mal etwas zurückzuhalten. Die Harmoniepartei habe gleiches Startkapital und ansonsten gleiche Vorraussetzungen. Ihre aktive Rolle während der Unruhen und ihre Beliebtheit könne ihr wohl nicht zum Nachteil angerechnet werden.

Das neue Parteienspektrum

Nach einem halben Jahr wurde die Parteiengründungsphase vom Offizierskomitee für beendet erklärt und die Wahlkampfphase offiziell eingeläutet. Von Anfang an bildeten sich zwei Blöcke: Die „alten“ Parteien, d.h. die Kommunistische Partei, die Moderne Sozialistische Partei , die eine Abspaltung der KP China und ihrer Blockflöten war und die Kuomintang, auf der anderen Seite die sogenannten „neuen Parteien“. Die Mitglieder der alten Parteien wurden in die lange Kontinuität der Geschichte ihrer Parteien gestellt, was ihnen zum Nachteil gereichen sollte, da sie weniger für ihre geschichtlichen Verdienste wie die Einigung Chinas und den Kampf gegen die japanischen Invasoren wahrgenommen wurden, sondern vor allem für ihre Zerstrittenheit und Versäumnisse. Auch nützte es ihnen kaum, dass sie das Erbe Sun Yatsens, des Vaters der chinesischen Republik, jeweils für sich in Anspruch nahmen. Dass sie gegeneinander Bürgerkrieg geführt hatten, für Hungersnöte und blutige Unterdrückung der chinesischen Bevölkerung verantwortlich gewesen waren, dass ihre Mitglieder korrupt waren und sich am Volkseigentum bereichert hatten und einen , wenn auch kurzen Krieg zwischen Taiwan und Festlandchina ausgelöst hatten, wog bei weitem schwerer als die von ihnen propagierten historischen Glanztaten. Bei der Kommunistischen und der Modernen Sozialistischen Partei ging zudem das Gerücht um, dass deren Kader gegen das Privateigentum an Land für die Bauern seien und die Privatisierung der Industriebetriebe zu ihren Gunsten betreiben wollten, wie dies in den ehemaligen osteuropäischen und postsowjetischen Ländern geschehen sei und man keine kommunistischen Wendehälse als neue Oligarchen brauche. Die Kuomintang wurde bei all ihrem Bekenntnis zum Privateigentum von dem allerorts kursierenden Gerücht beschädigt, dass nun die früheren Großgrund- und Landbesitzerfamilien und deren Nachkommen ihr altes Eigentum zurückholten, die Bauern und Arbeiter  aussaugen und den Feudalismus wieder einführen wollten. Da half es nicht viel, dass die Vertreter der Nationalpartei auf ihre Landreform und Demokratie in Taiwan verwiesen, zu tief saßen noch die Ängste und schlechten Erfahrungen aus der Vergangenheit. Andere Gerüchte verlautbarten, dass die Kuomintang wieder eine Diktatur einführen wolle und die Demokratisierung auf Taiwan nur aus taktischen Erwägungen eingegangen war, um nach Festland zurückzukehren. Auf jeden Fall sah sich die Nationalpartei in Festlandchinas viel größeren Ressentiments ausgesetzt als sie je erwartet hätte. Verstärkt wurde dieser Trend noch dadurch, dass sich Kommunistische Partei, Moderne Sozialistische Partei und Kuomintang gegenseitig angriffen, sich ihre historischen Fehler einander wochenlang um die Ohren schlugen und sich so selbst beschädigten. Da sie nur noch das Bild der hässlichen alten Parteien abgaben (sie wurden in der Bevölkerung inzwischen überall als „die hässlichen alten 3“(chou lao san)bezeichnet, mit denen man kein Neues China gestalten könne) beschlossen sie noch kurz vor den Wahlen in einem Stillhalteabkommen diesen Streit für die verbliebene Zeit beizulegen und sich nur noch auf die positiven Aussagen ihres jeweiligen Wahlprogrammes zu beschränken. Doch zuviel Schaden war schon entstanden aufgrund der gegenseitigen Abrechung, als dass diese 3 Parteien noch über größere Strahlkraft verfügten. Sie wurden als Vertreter einer saturierten Kaste und der historischen Verlierer angesehen, die viel Unheil über das Land gebracht hatten.

Die Sozialdemokratische Partei Wei Jingshengs, die auf der unabhängigen Gewerkschaftsbewegung und auf Teile der frühen Mauer-für-Demokratie-Bewegung und der späteren Demokratiebewegung von 1989 aufbaute und auch noch den zum Christentum konvertierten Gewerkschaftler Handongfan als führendes Mitglied gewonnen hatte, litt ein wenig durch die Namensähnlichkeit mit der Modernen Sozialistischen Partei. Die Sozialdemokratische Partei trat für eine gemäßigte Privatisierungspolitk ein, bei der es  Übergangszeiten für die verbliebenen Staatsbetriebe geben sollte, um Arbeitslosigkeit zu vermeiden und versprach Volksaktien und Arbeitereigentum an den Betrieben, sowie starke Gewerkschaftsrechte und den langfristigen Aufbau eines Sozialstaates mit Kranken-, Arbeitslosen- und Unfallversicherung. Für die Bauern versprach die Sozialdemokratische Partei ebenfalls Privateigentum an Land, wobei jedoch die Förderung von Genossenschaften als primäres Ziel ausgegeben wurde und eine Gewerkschaft für Landarbeiter und Wanderarbeiter gegründet wurde.

Die Demokratische Partei bestand in ihrer Führung, wie die Republikanische Partei mehr aus Exildissidenten aus den USA und den Parteiengründern von 1998, die das dortige Parteiensystem und deren Programmatik auf China übertragen wollten. Auf ihren Aufmärschen und Umzügen hatten sie die Freiheitsstatue als chinesische Version dabei, ganz wie auf den Studentendemonstrationen 1989.Die Demokratische Partei hatte zudem versucht, Wei Jingsheng als Führer zu gewinnen, da dieser ja als der Vater der chinesischen Demokratie galt und gut zu ihrem Namen gepasst hätte, aber da die soziale Frage bei beiden Parteien untergewichtet waren und er zudem nicht der Parteiführer hätte sein sollen, hatte er sich gegen eine Mitgliedschaft entschlossen. Dazu kamen sie ihm zu amerikanisiert vor. Da die Demokratische Partei zumeist aus Intellektuellen und ehemaligen Studenten bestand, war sie mehr ein elitärerer Haufen, der sich den Arbeitern und Bauern nur soweit verbunden fühlte, wie es der Wahlkampf erforderte, aber innerlich hatten sie mit diesen niederen Schichten nichts im Sinne. Ihr Ziel war es ein neues China zu einer demokratischen, prosperierenden, friedlichen Weltmacht zu machen und das US-System schien ihnen hierfür der Garant. Sie hatten auch ein Mehrheitswahlrecht nach anglosächsischem Vorbild gefordert, was aber vom Offizierskomitee und anderen Parteien abgelehnt wurde.

Die Liberale Partei von Hu Ping konzentrierte sich ganz auf den Begriff der Freiheit. Sein Buch „Von der Freiheit ausgehen“ wurde im Wahlkampf verkauft, der Pekinger Frühling diente nun als Wahlkampfzeitschrift für ganz China und inhaltlich auch für das Wahlprogramm. Dieser Liberalismus mit chinesischen Besonderheiten behauptete demokratische und liberale Vorformen schon zu Kaiserzeiten und verwies auf ein angeblich reichhaltiges liberales Erbe Chinas, das nur von der Kommunistischen Partei und der Kuomintang verschwiegen und überdeckt worden sei. Es gebe keinen asiatischen Werte, die Menschenrechte seien universal, die Bürgerrechte, die Redefreiheit, die Versammlungsfreiheit, die Koalitionsfreiheit und alle anderen bürgerlichen Freiheiten seien jetzt zu etablieren und auf immer zu verteidigen. „Für ein freies China!“ hieß kurz und knapp die Wahlparole mit der der auf Massenversammlungen eher akademisch, leise und zurückhaltend auftretende Hu Ping in den Wahlkampf zog. Es fehlte seinem Programm aber die soziale Komponente und auf die soziale Frage wurde nur sehr kurz und knapp eingegangen und eher die Ansicht vertreten, dass der Markt und das Privateigentum alles regeln werde und der Staat sich aus wirtschaftlichen Fragen wie auch aus dem Privatleben seiner Bürger eher herauszuhalten habe. Ebenso war Hu Ping nicht gerade das, was man einen Volksredner und guten Rhetoriker nennen konnte und es fehlte ihm so alles, was einen Demagogen als anderes Extrem auszeichnete.

Die Grüne Partei war ein Mix aus ökologisch besorgten Intellektuellen, Opfern des chinesischen Wirtschaftswachstums und Bürgerrechtlern aus Nichtregierungsorganisationen, die zudem die Perspektive hatten China zu einer grünen Supermacht mit Hundertmillionen von Ökobauern, einer fortschrittlichen Umweltindustrie und einer weitgehendst dezentralen, energieeffizienten und autarken Energieversorgung zu machen, die den Weltmarkt beliefere und ihren Teil multilateral und unter UNO-Schirmherrschaft gegen den Klimawandel beitragen solle. Ebenso traten sie aus Erfahrung des chinesisch-taiwanesischen Krieges für eine starke zivile Kontrolle des Militärs ein und forderten eine Verfassungsklausel, die den Pazifismus einer chinesischen Weltmacht festschrieb. Diese Forderung brachte sie in eine heftige Auseinandersetzung mit dem Offizierskomitee, welches dies als Wehrkraftzersetzung und Unterminierung der Stabilität und Verteidigungsbereitschaft Chinas ansah, worauf dieses Thema bis nach den Wahlen zur weiteren Diskussion verschoben wurde.

Die Nationaldemokratische Partei stimmte deutlich nationalistischere Töne an als alle anderen. Sie sprach von der Überlegenheit der chinesischen Gelben-Fluss-Kultur im Gegensatz zur kosmopolitischen Blauen Meer-Kultur, kritisierte die Globalisierung als Zersetzung von Chinas Kultur, Durchsetzung der amerikanischen unipolaren  One-World-Kultur, forderte ein nationales Konjunkturprogramm und Schutz heimischer Industrien und der Bauern, die ihre Scholle selbst bewirtschaften sollten. Ebenso trat die Partei gegen die Ein-Kind-Politik auf und rief zur Vermehrung der gelben Rasse auf, die anderen Rasse überlegen sei. Auf ihren Bücherständen konnte man chauvinistische Literatur, „China kann Nein Sagen“, den Film „Huanghe“, die Protokolle der Weisen von Zion“, sowie antiamerikanische Pamphlete lesen, die 9/11 als gerechte Revanche für die Bombadierung der chinesischen Botschaft in Jugoslawien feierte und bejubelte, sowie dem Offizierskorps kritisch gegenüberstand, wobei die Nationalpartei jedoch nicht offen den Vorwurf des Vaterlandsverrats, mangelnder Vaterlandsliebe und des Dolchstosses erhob, den sie aber hintenherum verbreitete.In der Öffentlichkeit bezichtigte sie vor allem die alten Parteien, die Kommunistische, die Moderne Sozialistische Partei und die Kuomintang des Vaterlandsverrats und mangelndem Nationalbewusstseins. Von einigen Anhängern konnte man offen hören, dass China den Krieg um Taiwan gegen die USA bis zum bitteren Ende hätten führen sollen und die USA vor Angst nachgegeben hätten. Desweiteren wurden biologistische Theorien verbreitet, wonach die Gentechnik die Überlegenheit eines gelben Gens bewiesen hätte. Die Afrikaner stammten wie die Europäer direkt vom Affen ab, was man auch daran sehen könne, dass letztere wie auch Amerikaner Haare an den Armen hätten. Der chinesische Mensch weise hingegen einen eigenen Stammbaum auf, der nicht auf Afrika und die Affen zurückgehe und sei rassisch so nicht artverwandt mit den westlichen Menschen, ja ihnen aufgrund seiner historischen Funktion als Kulturerschaffer überlegen.

Zudem kursierten Verschwörungstheorien über die jüdisch kontrollierten USA und das Weltjudentum, das Japan in den Krieg gegen Russland und China habe treten lassen und nun Japan und Indien als Speerspitze gegen China nutze, sowie die jüdisch kontrollierte Wallstreet und deren raffendes Finanzkapital das schaffende China aussage und zur abhängigen Werkbank des Weltjudentums degradiert habe. Hätte es die Todesstrafe, an der die meisten Parteien festhielten, in China nicht gegeben, hätte sie die NDPCh auch noch gefordert. Das Offizierkorps wurde von der Nationaldemokratischen Partei Chinas aufgerufen den Militäretat zügig aufzustocken , um  gegen eine Aggression von Seiten der  USA oder anderer antichinesischer Mächte vorbereitet zu sein. Den meisten Chinesen war diese Sorte Propaganda jedoch zu offen chauvinistisch, zu negativ beladen und zu unharmonisch, ja geradezu unheimlich und bedrohlich.

Zuletzt, aber zahlenmäßig an erster Stelle formierte sich die Harmoniepartei der Falungong, die ihren Meister Li Hongzhi zum Präsidentschaftskanidaten gekürt hatte. Die Harmoniepartei verwendete in ihrem Wahlkampf die bekannten Parolen der chinesischen Demonstrationsbewegung und modifizierte diese leicht: „Land für die Bauern“, „Land, Frieden und Harmonie für die Bauern“,„Betriebe, höhere Löhne und Gewerkschaften für die Arbeiter“, „Banken-gebt uns unser Geld zurück“, „Für ein harmonisches und demokratisches China“. Die Harmoniepartei verband die soziale Frage mit wohlklingenden Phrasen von Harmonie, Frieden und Gerechtigkeit, sowie den Gesetzesprinzipien der Falungong:„Wahrhaftigkeit(Zhen),Barmherzigkeit(Shan) und Nachsicht (Ren). Sie knüpfte an dem traditionellen chinesischen Weltbild vom Kosmos an, das sich auf der Welt, in China und der Gesellschaft nach denselben Gesetzmäßigkeiten vollziehe. Mit der sozialen Demagogie versuchte die Falungong ihr buddhistisch-religiöses Programm zu vermarkten und jede Wahlveranstaltung wurde nach einer flammenden Rede mit einer Massenmeditation und kulturell gefärbten Massenumzügen abgeschlossen. Auf ihren Büchertischen vertrieb sie neben ihrem kurz und einfach gehaltenen Wahlprogramm auch noch die Schriften ihres „Meisters“Li Hongzhi wie die Falungong-Bibel „Zhuan Falun“, sowie andere grundlegende Schriften und die aktualisierte Ausgabe von „Die 9 Kommentare zur Kommunistischen Partei“. Kritik, dass hier Religion und Politik vermengt werde, konterte die Falungong damit, dass sie keine monotheistische Religion sei, nur an den buddhistisch-daoistischen Wurzeln der lange verborgenen chinesischen Kultur anknüpfe und es zudem ja auch  im demokratischen Japan auch eine buddhistische Partei im Parlament gebe. Desweiteren berief sich die Harmoniepartei auf das türkische Modell, bei dem das Militär sowie eine religiös gefärbte Partei wie die AKP ihr friedliches Zusammenleben hätten. Ein Vergleich, der ganz dem Geschmack des Offizierskomitees entsprach. Zudem genoss die Falungong und damit die Harmoniepartei in der Bevölkerung den Ruf sauber, gerecht und nicht korrupt zu sein . Die anderen Parteien wollten auch nicht in den Ruf kommen, die Religionsfreiheit zu beeinträchtigen, zumal das bis dahin atheistische China gerade aus dem jährlichen „Bericht zur Religionsfreiheit in anderen Ländern“ des US-Kongresses gestrichen worden war und sich Amerikas religiöse Rechte für unbegrenzte Religionsfreiheit in China stark machte. Die anderen Parteien aber streuten einige Gerüchte über ein angeblich ausschweifendes Leben Li Hongzhi im amerikanischen Exil, aber die neuen Parteien stoppten dies sofort, als der Falungong-Meister mit einer ähnlichen moralischen Kampagne über ihr Exilleben hinter hervorgehaltener Hand drohte. Es sei nicht sinnvoll, dass sich die neuen Parteien, wie zuvor die alten hässlichen 3 gegenseitig zerfleischten und so hielten sich alle an dieses Stillschweigeabkommen, um sich nicht genauso zu demolieren. Außerdem hatte das Offizierkorps darauf hingewiesen, dass es keine persönlichen Schmutzkampagnen und Parteienzwiste in der jungen chinesischen Demokratie mehr sehen wolle und die Parteien positiv und konstruktiv argumentieren sollten. Offen vergleichender Wahlkampf wurde verboten. Zudem erhofften sich die Führer der Weltreligionen einen Boom der Religion in China, ob katholische, protestantische oder evangelikale Christen und andere Glaubensrichtungen. Ein religiöses China sei alle mal besser als ein gottloses und nur sekuläres China. Auch hatte die Harmoniepartei weder eine ausgeprägt städtisch-intellektuelle oder bäuerlich-ländliche Ausprägung, sondern erschien als neutrale und alles vereinigende, harmonische Kraft aller Chinesen. Sie stand –anders als die Falungong – auch säkularen Menschen offen und einige wurden sogar in die Leitung berufen, wenngleich unangefochtener Führer Li Hongzhi und seine Kernmannschaft blieb. Seine Massenaufmärsche und öffentlichen Kulthandlungen in gelber Uniform gaben den Schein einer höheren sakralen Geweihtheit und Würdigkeit, sowie eine scheinbare Geschlossenheit und Einheit, die sich von den ansonsten eher nüchternen Kandidaten unterschied. Lediglich Wei Jingsheng war noch ein geschulter und charismatischer Redner.

Li Hongzhi wiederholte immer und immer wieder  seine Botschaft einer„harmonischen Demokratie“, die nicht in Klassen zerstritten sein, aber die bösen Kräfte ausmerzen solle. Ebenso plädierte er gegen Materialismus und sprach sich für die Beseitigung von Eigensinn aus. Den Bauern solle Land gegeben werden und die Staatsbetreibe gerecht verteilt werden, eine breite und gesunde Mittelschicht für alle entstehen. Die Harmoniepartei sei für freie Marktwirtschaft, jeder solle seine Tätigkeit und Aufgabe an seiner gesellschaftlichen Stelle harmonisch und ungestört vollbringen dürfen. Die Bauern fanden die Harmoniepartei vor allem sympathisch, da sie bei den Unruhen am entschiedensten und an vorderster Front für die Forderungen der Bauern und Arbeiter gekämpft hatte und sie nun als beschwichtigende Vermittlerkraft bei Streitigkeiten eingriff und manches Zankgespräch mit einer kurzen Meditationsübung beseitigte. Man konnte nicht um die Harmoniepartei herumkommen, sie war überall präsent und bekannt.

Die Harmoniepartei von Falungongführer Li Hongzhi gewinnt

In den Wahlen gewann die Harmoniepartei dann 52% aller Sitze, während die Kommunistische Partei 10%, die Kuomintang 6%, die Moderne Sozialistische Partei 5%, die Sozialdemokratische Partei 11%, die Grüne Partei 5%, die Liberale Partei 2% , die Demokratische Partei 3%, die Republikanische Partei 1% und die Nationaldemokratische Partei 5% erhielt. Es zeichneten sich zwei Lager ab: Das uneinige und zersplittere säkulare Lager hatte zusammengenommen 48% und umschloss auch die alten hässlichen Drei und dann war da das scheinbar monolithische geeinte religiöse Lager der Harmoniepartei mit 52% und einem starken Führer. Li Hongzhi wurde bei weitem vor Wei Jingsheng, Ma Ying Jiu und Hu Ping als erster Präsident des neuen Chinas gewählt , ein Ergebnis, das sich sogar in der Stichwahl im zweiten Wahlgang noch deutlicher abzeichnete.

Die Wahlergebnisse wurden umgehend von allen Verlierern in Frage gestellt. Wie könne es sein, dass die Harmoniepartei einen derartigen Vorsprung habe. Sei es demokratisch,wenn eine Partei solch eine Übermacht habe. Forderungen wurden laut, die Harmoniepartei durch die neue Verfassung und das Wahlgesetz zu beschränken, ja Neuwahlen durchzuführen.

Ein derartiger Vorsprung sei ungewöhnlich und vielerortens wurde von Wahlbetrug, Stimmenkauf, nicht einzuhaltenden Versprechen und Manipulationen gesprochen, die dies aber kaum erklären konnten, da die kritisierenden Parteien ja genau mit diesen Mitteln selbst gearbeitet hatten.An einigen Wahlurnen wurde nochmals abgezählt und kam es zu Streitereien und Zank, der sich auch faustfeste und lautstark entlud. Mancherorts brannten Wahlurnen- oder gleich ganze Wahlbüros und kam es zu Schlägereien mit schweren Verletzungen. Erregte Menschenmassen jagten einander die nächsten zwei Wochen, es gab schließlich Tote und General Liu Yazhou ermahnte in einer öffentlichen Fernsehansprache die Opponenten unverzüglich den Streit zu beenden. Dies sei eine „nationale Schande“ und „China nicht Kenia“. Eine Untersuchung wurde gefordert, die eventuell zu Neuwahlen führen sollten. Zwar wurde eine Untersuchungskommission eingesetzt, doch fanden sich kaum belegbare Verstösse gegen das Wahl- und Parteiengesetz, die einen nochmaligen Urnengang gerechtfertigt hätten.

Bei abergläubischen Bauern und Wanderarbeitern machte sich zudem das Gerücht breit, Li Hongzhi verfüge über übernatürliche und magische Kräfte und es sei vielleicht das Schicksal, das ihn für China ausgewählt habe. Dies sei sein Dharma und das Buddha-Gebot habe es wohl so gewollt .Diesem weit verbreiteten Wunderglauben an einen Führer, den die Vorhersehung geschickt habe, versuchten die säkularen Parteienvertreter mit der Darstellung entgegenzutreten; Li sei ein ganz normaler, sterblicher Mensch und habe nur mit List und Tücke viele Versprechungen gemacht, die er wohl nicht einhalten werde. Die Harmoniepartei verwies auf Amerikas Zweiparteiensystem, auf Indien, bei dem die Congress Party auch mehr als 30 Jahre faktisch alleine regiert habe, wie auch die LDP in Japan oder die CSU in Bayern schon über Jahrzehnte die Geschicke des Landes bestimmten. Und auch die religiöse AKP in der Türkei regiere mit mehr als 60%, wenngleich noch nicht solange. Das sei auch in westlichen Staaten ein klares Zeichen des Volkswillen und der Demokratie und keineswegs ungewöhnlich. Zudem kündigte Li Hongzhi als ersten Schritt seiner Regierung eine umfassende Landreform und eine weitere Privatisierung der verbliebenen Staatsbetriebe an. Zuvor privatisierte Betriebe, die von Kadern der Kommunistischen Partei in ihren Besitz oder ihre faktische Kontrolle genommen wurden, würden enteignet und an fachkompetente Elitekräfte und Manager als neuer Leitung neu verteilt und das Betriebsvermögen als Volksaktien oder Arbeitergewinnbeteiligungen verteilt.

Dieser Schritt wurde von allen Parteien begrüßt, aber von der Kommunistischen und der Modernen Sozialistischen Partei, sowie ihrer Basis aus ehemaligen Kadern, Beamten, Fabrikdirektoren, Mittelständlern und Militärs heftig kritisiert. Diese Parteien nutzten ihr inzwischen geschrumpftes, aber noch Millionen zählende Sympathisantennetz, um landesweit gut besuchte Demonstrationen zu organisieren und  andere Forderungen zu stellen: Die bereits privatisierten Betriebe sollten in der Hand ihrer alten Besitzer bleiben, da dies nur Unklarheit in den Besitz- und Eigentumsverhältnissen führe und für Zwist und Streit, sowie Chaos im Wirtschaftsprozess führen könne. Ungebildeten Arbeiterführern und in Betriebswirtschaft unerfahrenen Bauern die Verfügungsgewalt über Grund und Boden und Betriebe, sowie Ländereien zu geben, würde einem Großen Sprung nach hinten gleichkommen. Zudem gefährdeten die geforderten Lohnerhöhungen, Gewerkschaftsrechte und Sozialsysteme, wie auch die Umweltstandards Chinas Wettbewerbsfähigkeit in einer globalisierten Welt. Jahrzehnte harter und erfolgreicher Arbeit unter der KP China würden somit zunichte gemacht. Auf den Demonstrationen sprachen auch bekannte Nationalökonomen, die vor ungesunden, klassenkämpflerischen Forderungen warnten und die Einigkeit der Chinesen beschworen. Die Industrialisierung Chinas bedürfe Millionen billiger Wanderarbeiter und Arbeiter, die das Land liefern solle, sowie günstige Nahrungsmittel, die die Bauern herstellen sollten. Lohnsteigerungen seien der sichere Weg in den Abgrund. Gerade als Kommunistische Partei kenne man die Unsinnigkeit überfordernder ultralinker und pseudokommunistischer Forderungen.

Die Sozialdemokratische Partei und die Harmoniepartei kritisierten diese Botschaft scharf: Es seien dies vordergründige, leicht zu durchschauende und offensichtliche Versuche von zu Betriebsbesitzern gewandelten politischen Kadern sich ihr unrechtmäßig erworbenes Eigentum auf Kosten des Volkes zu erhalten. Am Rande der Demonstrationen kam es zu heftigen Auseinandersetzungen und auch zu Schlägereien zwischen den erregten Anhängern der Parteien. Mancherorts musste die bewaffnete Volkspolizei schlichten und die Kampfhähne auseinanderbringen. Es wurde immer mehr zur Sitte, dass die jeweiligen Gruppen die Treffen und Demonstrationen der anderen Partei störten oder sprengten. Die Argumente gingen in wüsten Schimpftiraden und und Handgreiflichkeiten unter, auch das Parlament glich zumeist einer Boxbude.

Dabei hielten sich die Mitglieder der Harmoniepartei zurück und fingen bei Streit an sich zusammenzustellen und zu meditieren. Wurden sie hierbei aber direkt gestört, war es auch mit ihrer Friedfertigkeit vorbei und verteidigten sich ihre Mitglieder, zum Teil mit traditionellen Kampfkünsten, die sie scheinbar neben ihrem Lotussitz ebenso gelernt hatten. Die Stimmung kochte in den nächsten Wochen immer wieder hoch und kristallisierte sich um die zu privatisierenden Betriebe und Ländereien. Die kommunistischen Kader und Besitzer wollten das Land und die Betriebe nicht übergeben und blockierten die Werke mit eigenen Demonstranten und angeheuerten Schlägertrupps, die sich zum Teil aus Tagelöhnern oder Arbeitslosen rekrutierten. Viele Arbeiter hatten Angst, dass die Privatisierung zu einer umgehenden Werkschließung und Entlassungswelle führen werde, obwohl die Harmoniepartei und die Sozialdemokratische Partei für eine gemäßigte Privatisierung mit Übergangsfristen eintrat. In den Betrieben und in der Landwirtschaft diskutierten die Arbeiter und Bauern mehr über ihr mögliches neues Eigentum, als an die Arbeit zu gehen. Produktionsausfälle folgten, die Preise stiegen, einige Güter wurden knapp und in einigen Großstädten herrschte akuter Versorgungsmangel. In den Dörfern wurde mehr am Dorfplatz gestritten, als auf den Feldern gearbeitet. Auch ging das Gerücht herum, dass ausländische Agromultis und kapitalkräftige Grundbesitzer sich zuungunsten der Bauern einkaufen wollten und die Kuomintang die alten Großgrundbesitzer und deren Nachkommen zurückkehren lasse, während in der Realität die Agromultis ihre Direktinvestitionen eher zurückstellten, da sie die daraus resultierende Kleinfelderwirtschaft für höchst unproduktiv und jeglicher Mechanisierung und Produktivitätssteigerung abgeneigt ansahen. Die Forderung hatte die Gier der Bauern nach einem eigenem Stück Land ins Unermessliche getrieben. Die damit einhergehende unproduktive Kleinparzellierung war den Bauern ebenso egal, wie die von der Sozialdemokratischen Partei geforderten Genossenschaften, die sie als Kollektivzwang fürchteten, dem sie schon einmal in den Volkskommunen ausgesetzt waren. Chinesische Nationalökonomen wiesen zudem daraufhin, dass das Landeigentum für Bauern gering sein und infolge von Mechanisierung und Rationalisierung Konzentrationsprozessen unterliegen werde, die jede Menge überflüssiger Arbeitsplätze produzieren, die dann ihr Land gegen ein geringes Geld verkaufen und in die Städte auswandern würden. Aber solch mittelfristig denkende Argumentationen interessierte die meisten Bauern nicht: Sie wollten ihre eigene Scholle Land, jetzt und hier, und so groß wie irgendwie möglich. Dabei gingen sie rabiat und rücksichtslos vor. Viele gingen schon unauthorisiert daran, Geländestücke abzugrenzen und eigenständig für sich zu reklamieren—es kam zu wilden Besetzungen, die einem Herdentrieb folgte. Dies zum Ärger der anderen Bauern, die Angst hatten zu kurz zu kommen und hastig und panisch sich den ihren Teil sichern wollten–es kam zu Streitereien und Gewalttätigkeiten in ganz China mit Tausenden von Verletzten und Hunderten von Toten. General Liu schickte die bewaffnete Volkspolizei, staatliche Vermittler und verschiedene Parteivertreter, die die Bauern zu Geduld anhalten und ihnen klar machen sollten, dass eine geordnete Landverteilung in Sinne aller und der Stabilität des Landes wäre—mit äußerst mäßigem Erfolg. Die Situation hatte jetzt eine Eigendynamik, die auch die bisher besonneneren Parteien dazu brachte, die radikalen Besitzforderungen nochmals zu steigern, um sich bei den Arbeitern und Bauern beliebt zu machen. Populismus und Demagogie grassierte allerortens. Lediglich die Harmoniepartei rief zu Geduld und Ruhe auf, organisierte fiktive Landverteilungen, die rechtlich zwar nicht gültig waren, aber den Bauern ein gewisses Sicherheitsgefühl vermittelten und sie beruhigten .Ergänzt wurde dieses Vorgehen mit einer gemeinsamen Runde Meditation nach den aufregenden Diskussionen, der Arbeit oder einem Streit. Dieses gemeinsame Meditieren brachte den Bauern ein wenig die fehlende Ausgeglichenheit und dämpfte ihre Ängste. Jeder solle ruhig überlegen, meditieren und seine Ansprüche formulieren, die dann von der Regierung und dem Staat berücksichtigt würden. Damit wurde viel Druck aus dem sozialen Dampfkessel abgelassen und General Liu Yazhou lobte die Harmoniepartei für ihre vermittelnden Dienste und ihre verantwortliche Rolle.

Der Gegenputsch der alten Kräfte

Der Tag des offiziellen Land- und Betriebverteilunggesetzes und seiner Exekution kam näher und die Kommunistische Partei, sowie die Moderne Sozialistische Partei verstärkten ihre Aktionen und Agitation dagegen um ein Vielfaches. Doch in den frühen Morgenstunden vor der Parlamentssitzung platzte eine überraschende Medienmeldung herein:

„Heute morgen hat das Komitee Neues China General Liu Yazhou und seine parlamentarischen Helfershelfer und vaterlandsverräterischen Hilfskräfte verhaftet.

Ab sofort übernimmt das Komittee Neues China die Regierungsgeschäfte und stellt die alte Ordnung wieder her“.

Alte Generäle, Teile des Offizierskorps und Großteile der Kommunistischen Partei und der Modernen Sozialistischen Partei hatten einen Gegenputsch inszeniert.  Sie wollten sich nicht enteignen lassen und sahen überhaupt ihr bisheriges Wachstumsmodell einer autoritären Entwicklungsdiktatur China von der neuen Demokratie gefährdet. Wie sich jedoch herausstellte, war vom Offizierskorps nur Liu Yazhou gefangengenommen worden, nicht aber der Rest des Jungoffizierskorps des Komitees zur Rettung des Vaterlandes, das immer noch weite Teile der Armee und der bewaffneten Volkspolizei befehligte. An die Stelle Liu Yazhou trat nun befehlsgemäß sein Stellvertreter Wang Boguang. Die Hoffnung der Putschisten, dass mit der Festnahme von General Liu Yazhou das Offizierskomitee führungslos würde, sich zerstreute und somit keine Gegenkraft mehr darstellen würde, hatte sich nicht erfüllt. Die Putschisten hatten in Kanton ihr Zentrum und schienen bei weitem nicht ganz China, geschweige denn Nord-, Mittel- und Westchina zu kontrollieren. In Peking hatten sie es auch versucht, aber dort war ein Putschversuch wegen einer Indiskretion von Seiten des Geheimdienstes aufgeflogen. Sie forderten die Machtübergabe über ganz China und die Verhinderung eines Bürgerkrieges. Sollte alles scheitern, kalkulierten sie mit der Errichtung einer Volksrepublik Südchina mit einer Hauptstadt Kanton, die sich zuerst abspalte, die alten Zustande restauriere und in Zukunft wieder versuchen solle, die Kontrolle über ganz China zu erringen. Das Komitee Neues China kündigte den Ausnahmezustand an und Millionen Vertreter der Kommunistischen Partei, sowie viele Studenten und Teile des neuen Mittelstandes gingen zur Unterstützung in ganz China auf die Straßen. Das Jungoffizierskomitee zur Rettung des Vaterlandes mobilisierte dagegen alle demokratischen Kräfte, Bauer, Arbeiter, andere Teile des Mittelstandes und der Studenten, forderte die umgehende Freilassung von General Liu Yazhou, die Weiterführung der Land- und Betriebsverteilungen sowie die Aufgabe der Putschisten. Es kam im ganzen Lande zu gewalttätigen Straßenschlachten, die schon an eine bürgerkriegsähnliche Situation erinnerten.

Parteigegner schlugen mit Eisenstangen und Holzstöcken aufeinander, einige schossen und Fenster und Autos gingen in Brand .In Kanton gingen die Putschisten mit aller Gewalt gegen die Demonstranten vor, dass diese sich nicht mehr auf die Straße trauten. Aber sie lieferten dem Offizierskomittee im Norden wertvolle Informationen über die militärische Lage in der Stadt und wirkten so als Kundschafter hinter den Linien. Zudem kam es zu Arbeitsniederlegungen und die öffentlichen Verkehrsmittel standen in Kanton und den umherliegenden Gebieten still. Gegen Nachmittag flog die Luftwaffe des Nordens über Kanton, lieferte sich mit den wenigen Kampfflugzeugen der Südtruppen Gefechte und drangen Armeekontingente aus dem Norden und den umherliegenden Militärbezirken nach Südchina ein, um sich gegen die Putschisten in Stellung zu bringen. Die Atomwaffen hatte das Komitee für die Rettung des Vaterlandes wohlweislich nach Norden verbracht und unter alleiniger Kontrolle. Flugblätter und Aufrufe waren in der ganzen Stadt präsent, die altbekannt appellierten: „Armee schießt nicht auf Armee! „, „Armee schießt nicht auf das Volk!“, „Lasst General Liu Yazhou frei », « Nieder mit den Vaterlandsverrätern ! »“Ein China, eine Armee!“, “Land für die Bauern, Betriebe für die Arbeiter“. Die Putschisten stellten daraufhin ein Ultimatum: General Liu Yazhou werde erschossen, wenn sich das Jungoffizierkorps nicht dem Komitee Neues China innerhalb von 24 Stunden beuge und Nordchina kapituliere. Die Nachricht war kaum verklungen, da erwiderte das Jungoffizierskorps unter Wang Boguang mit der Verlesung eines Testament von General Liu Yazhou, das dieser für alle Notfälle schon vor seiner Festnahme aufgesetzt hatte:

Das Komitee zur Rettung des Vaterlandes werde sich unter keinen Umständen seperatistischen oder landesverräterischen Kräften beugen, auch nicht um den Preis seines Lebens. Etwaige Putschisten seien zu beseitigen und die Einheit Chinas wieder herzustellen.

Das Komitee Neues China sendete darauf Bilder von General Liu Yazhou im Fernsehen, auf denen es ihm gut zu gehen schien, er aber nichts sagen durfte. Es folgte die Nationalhymne und Militärmusik.

In und um Kanton kam es zu Gefechten, die Putschisten wurden bedeutend schwächer, bildeten aber trotzdem ein gut eingespieltes Team. Lu Jintao, das ehemalige Politbüro und die radikalen Generale waren aus ihrem Hausarrest in Peking entflohen und hatten sich mit Hilfe des Komitees Neues China und deren militärischer Logistik nach Kanton abgesetzt, wo sie nun die Schaltzentrale des Aufstandes waren. Über die Medien riefen sie die Volksbefreiungsarmee, das Jungoffizierskorps unter Wang Boguang und die kommunistischen Parteimitglieder offen auf, sich ihnen anzuschließen. Die Einheit China sei ein viel zu hohes Gut, als das man es riskieren solle. Das Ultimatum war inzwischen abgelaufen, aber Liu Yazhou schien immer noch zu leben, glaubte man den Fernsehbildern und es schienen hintenrum eifrige Gespräche geführt zu werden. Den Putschisten hatten sich nur begrenzt Anhänger angeschlossen, sie waren weitgehendst auf Kanton isoliert. Der Elan ihres Putsches war in den ersten 24 Stunden erschlafft und sie konnten sich nur noch in einem kleinen Gebiet in Südchina halten. Um einen blutigen Showdown und den Tod Liu Yazhous und anderer zu verhindern, suchte Wang Boguang nach möglichen Kompromissen, mit denen beide Seiten ihr Gesicht wahren könnten. Schließlich wurde verkündet, dass die Putschisten bereit wären aufzugeben. Die Einheit Chinas bleibe erhalten, General Liu Yazhou werde freigelassen und die Verteilung von schon verteiltem Land an Kader nicht rückgängig gemacht. Dafür werde aber zügig von staatlicher Stelle eine Landreform für Bauern und Privatisierung der letzten Staatsbetriebe mit Übergangsfristen durchgeführt. Die Wahlergebnisse würden beibehalten. Es werde keine Neuwahlen geben und die Stimmen der Kommunistischen Partei und der Modernen Sozialistischen Partei blieben gültig trotz ihrer landesverräterischen Umtriebe. Es sei nun die Zeit der nationalen Aussöhnung und der inneren Befriedung gekommen. Zudem kündigte General Liu Yazhou an, den neugewählten Präsidenten und Führer der Harmoniepartei Li Hongzhi in den Offiziersclub zu einer Rede mit Diskussion einzuladen, damit dieser Gelegenheit habe das Programm seiner Partei und die Lehren der Falungong-Bewegung dem unkundigen Publikum vorzustellen. Die Harmoniepartei habe eine stabilisierende und vorbildliche Rolle in der Entwicklung der chinesischen Demokratie gespielt und man wolle genauer wissen, was man sich unter der von ihr propagierten „harmonische Demokratie“ vorstellen solle.

Die Harmoniepartei regiert

Der Offiziersclub war gefüllt mit der Elite der Nation: Militärs, Vertreter der Sicherheitsdienste, Ökonomen, Manager von Groß- und Mittelbetrieben, Professoren und Wissenschaftlern. Alle waren sie gekommen, um die Rede des legendenumrankten Führers der Falungong und Präsidenten Li Hongzhis zu hören. Li traf mit leichter Verspätung ein, war anstatt seines gelben Meditationsanzuges in einen westlichen Anzug mit Schlips und Krawatte gekleidet, trat ans Podium und begann seine Rede. Zuerst führte er in die Geschichte seiner Bewegung ein, die als eigenständige Kultivierungsbewegung entstanden sei. Anders als die bisherigen Qigong-Bewegungen , die vor allem das Qi kultivierten und auf keine andere Ebene vordrängen, kultiviere Falungong das höhere Gong .Die Falungong sei eine der 84 000 buddhistischen Schulen, die sich aber durch ihre Verbindung aus uralten Lehren und einer modernen Verbreitung auszeichne und an der chinesischen Kultur unmittelbar ansetze. „Obwohl die chinesische Nation in der Geschichte viele Male Invasionen und Angriffe erlebte, zeigte die chinesische Kultur ihre integrierende Kraft und Lebensenergie, und so wurde ihre Essenz fortwährend weitergegeben. Die Einheit von Himmel und Menschen repräsentiert die Kosmologie (Wissenschaft des Kosmos) unserer Ahnen. Es ist Allgemeingut, dass Gutes belohnt und Schlechtes bestraft wird. Es ist eine grundlegende Tugend, dass man anderen nicht das antut, was einem auch selbst nicht widerfahren soll. Loyalität, Achtung gegenüber den Eltern, Ehre und Gerechtigkeit setzten den gesellschaftlichen Standard, und die fünf Haupt-Tugenden von Konfuzius, Güte, Rechtschaffenheit, Anstand, Weisheit und Zuverlässigkeit bildeten die Grundlagen für gesellschaftliche und persönliche Moral. Mit Hilfe dieser Prinzipien schaffte es die chinesische Nation, Ehrlichkeit, Güte, Harmonie und Toleranz zu verkörpern. Die Grabsteine der gewöhnlichen Chinesen mit Bezug auf „Himmel, Erde, Kaiser, Familienangehörige und Lehrer” sind ein gesellschaftlicher Ausdruck der tief verwurzelten chinesischen Traditionen, die die Verehrung von Göttern (Himmel und Erde), Loyalität für das Land (Kaiser), Wertschätzung der Familie (Eltern) und Respekt vor den Lehrern beinhalten. Die traditionelle chinesische Kultur erstrebte Harmonie zwischen den Menschen und dem Kosmos und betonte die Moral und Ethik eines Menschen. Sie war gegründet auf den Glauben der Kultivierungspraxis von Konfuzianismus, Buddhismus und Taoismus und förderte Toleranz und gesellschaftlichen Fortschritt, bewahrte die menschliche Moral und ermöglichte Menschen den rechtschaffenen Glauben.

Im Gegensatz zu Gesetzen, die strenge Regeln vorschreiben, hat die Kultur die Wirkung eines lockeren Zügels. Die Gesetze sehen die Strafe für ein Verbrechen vor, das begangen wurde, während die Kultur, die durch die Moral verstärkt wird, das Verbrechen von vornherein verhindert. Die Moral einer Gesellschaft findet normalerweise in ihrer Kultur ihren konkreten Ausdruck.“ An diese Kultur anzuknüpfen und sie in einen modernen Rahmen zu stellen, sei Aufgabe der Falungong.

Ziel sei die Schaffung von Dafa- Eliten, Menschen, die durch die Kultivierung auf das höchste Niveau der Kultur, das zugleich auch das höchste Niveau der Moral sei, gebracht würden. „Wenn ein Mensch gut praktizieren will, muss er ein moralisch edler Mensch werden. In Wahrheit habe ich es geschafft, dass die über hundert Millionen Menschen, gute und noch bessere Menschen werden. Eigentlich wollte ich dies nicht tun, aber die sich kultivierenden Menschen, deren Moral wieder anstieg, haben der Gesellschaft wirklich Vorteile gebracht“ .Die Dafa-Eliten seien selbstlos, sozial, nicht korrupt, denken an die Gesellschaft, respektieren die höchsten Würdenträger des Staates wie die Armee und seine Eliten und passen sich in das harmonische Ganze ein. Demokratie ohne Harmonie würde nur Eigensinn, Achten auf den eigenen Vorteil, Parteienzwist und Streit bedeuten, der die Gesellschaft schädige. Harmonische Demokratie hingegen betone die Auflösung des Individuums in das kosmische Ganze und hier konkret in die Gesellschaft. Ein organisches, harmonisches Zusammenwirken aller Kräfte zum Wohl der Nation, der Welt und des Kosmos sei anzustreben. In der Globalisierung, die durch einen Werte –und Identitätszerfall gekennzeichnet sei, könne die Falungong mit ihrem Bezug zu der alten chinesischen Kultur und ihrer modernen Verbreitung als Gegenkraft gegen staatszersetzende und destruktive Kräfte wirken und viel zur Einheit Chinas , seiner spirituellen Wiedererweckung und sein Erkennen seiner eigenen Kräfte und Potentiale sowie seiner zivilisatorischen Ausbreitung in der Welt beitragen. Während die Falungongbewegung jedoch nur für Anhänger und Gläubige offen stehe, sei die Harmoniepartei auch für säkulare Menschen und alle Chinesen offen. Hier gelte es die verschiedenen gesellschaftlichen Kräfte zu vereinigen und zu sammeln und sie im Geiste der gesellschaftlichen Harmonie, die den Gesetzen und Eigenschaften des  Kosmos ähnlich seien, zu erziehen. Man wolle Kompetenz und charakterliche Eignung, die durch Kultivierung erreicht werde, ergänzen. Fachexperten und Dafa-Eliten würden sich ergänzen, fachlich, wie moralisch und anzustreben sei eine fachlich kompetente Dafa-Elite oder auch Experten, die sich der Falungong-Bewegung und deren Lehren anschließen würden. Jeder sei willkommen, mit Ausnahme der Kräfte, die destruktiven Kräfte verkörperten und Verbrechen auf sich geladen hätten. Es werde jedoch nicht wie bei den Kommunisten „rot statt Expertentum“ gelten, sondern Fachleute seien willkommen. Die Harmoniepartei halte strikt am Privateigentum fest und setze sich für ein harmonisches Funktionieren der Wirtschaft, des Staates und aller seiner Glieder ein. Dabei sei aber auch das Allgemeinwohl zu berücksichtigen und die Harmoniepartei lehne blanken Materialismus ab, wie er von manch anderen Parteien vertreten werde. Ein spirituelles Erwachen sei Vorbedingung für ein nationales Erwachen und für ein Erstarken Chinas in der Welt. Überall in der Welt werde man Zeuge spiritueller Wiedererweckung: In den USA, Südamerika und  Afrika sei hier das evangelikale Christentum zu nennen, in den muslimischen Ländern der Islam und in Indien der Hinduismus. Von daher sei es nur logisch, wenn auch China seine spirituelle Wiedererweckung um seine Wurzeln des Konfuzianismus, Buddhismus und Daoismus und Kräftigung erlange. Hierzu wolle die Falungong spirituell und die Harmoniepartei politisch und gesellschaftlich ihren Beitrag leisten. Eine neue Epoche sei angebrochen für China, und man müsse sich dem bewusst werden.Der Rede Li Hongzhis schloss sich eine Diskussion an, die aber von den Medien nicht mehr dokumentiert wurde. So manchem Journalisten fiel die auffallend wohlwollende Reaktion der Offiziere auf, die doch eher für säkular gehalten wurden

Der Rede folgten zentrale Kundgebungen der Harmoniepartei, bei der diese ihren Wahlerfolg feierte. In allen Städten und Dörfern fanden sich an den zentralen Plätzen die Anhänger und Neugierigen zusammen und feierten mit der Harmoniepartei. Wie im Wahlkampf folgte einer kurzen, aufpeitschenden Rede eine Gruppenmeditation und darauf ein Kulturumzug mit chinesischen Gongs und Instrumenten. Die Mitgliederzahl der Partei und der Falungong-Bewegung wuchs nun rapide an. Li Hongzhi selbst trat auf die Tribüne zum Platz des Himmlischen Friedens, wo Hunderttausende seiner Anhänger aufmarschiert waren und das Mao-Portrait am Tor zur Verbotenen Stadt wurde unter dem Gegröhle und Applaus der Menge abgehängt und als Ersatz das Portrait von Meister und Präsidenten Li Hongzhi aufgehängt. Zu seinem Schutz wurden Wachen des Militärs postiert. Die Opposition protestierte, konnte aber nichts machen. In den darauf folgenden Wochen verteilten Komitees der Harmoniepartei Landbesitz an Bauern. Die so Beglückten erwiderten dieses Geschenk mit Parteispenden- und mitgliedschaften und es etablierte sich ihr Ruf als Menschheitsbeglücker und Wohltäter für das Volk. Die Falungong und die Harmoniepartei wiederum nutzten einen Teil der hinzugewonnenen Einnahmen für soziale Wohltätigkeitsfonds und sammelten bei ihren Meditationen und Parteiversammlungen auch immer für Ärmere, Ältere und Behinderte, die sie ebenso zu integrieren versuchten. Sie veröffentlichten die Beiträge und Spenden dabei penibel im Internet. Die anderen säkularen Parteien im Parlament saßen relativ passiv auf ihren Sitzen, wurden kaum mehr wahrgenommen und protestierten gegen die selbstherrlich wirkende Art Li Hongzhis, aber in der Bevölkerung galt die Harmoniepartei als sozial gerechter und nicht korrupter Wohltäter und die säkularen Oppositionsparteien als Schlecht- und Miesmacher. Unter Jugendlichen wurde es nun chic zu meditieren und politisch zu diskutieren. Die Harmoniepartei gründete als erste einen Jugendverband, der sich neben Forderungen der Jugendlichen auch deren moralischer Erziehung annahm und Eltern, die ihre Kinder dorthin schickten, meinten sich gewiss zu sein, dass sich ihr Nachwuchs nur in moralisch einwandfreien und guten Händen befand. Gemeinsame Freizeitaktivitäten der Jugendlichen wurden gepaart mit Meditation, chinesischem Kulturprogramm und Exkursionen durchs Land. Kaum an der Regierung etablierte die Harmoniepartei ein Amt für öffentliche Tugend ,startete Erziehungskampagnen für die Moral und gegen die Korruption und ergänzte den Lehrplan in den Schulen und Universitäten. Gleichberechtigt neben den Naturwissenschaften und der Evolutionslehre Darwins wurde die Falungong-Bibel Li Hongzhis „Zhuan Falun“ auf den Lehrplan gesetzt, sowie Astronomie in Kosmologie umbenannt. Aufgabe dieses Faches war es, die Gesetzesmäßigkeiten und Eigenschaften des Kosmos zu untersuchen und Ähnlichkeiten zur menschlichen Gesellschaft zu verdeutlichen .In einer kurzen Einführungsschrift hieß es:

“Die grundlegendsten Eigenschaften dieses Kosmos sind Zhen, Shan und Ren. Sie stellen das Buddha-Gebot dar, und zwar das grundlegendste Buddha-Gebot.(…) Denn dieses Buddha-Dharma sieht so aus wie eine Pyramide .Auf der obersten Stufe kann man es in drei Worten zusammenfassen, nämlich Zhen, Shan und Ren. Wenn Zhen, Shan und Ren auf verschiedenen Ebenen erscheinen sind sie sehr kompliziert. Wir wollen den Menschen als Beispiel nehmen. Die Taoisten betrachten den menschlichen Körper per se als kleinen Kosmos. Ein Mensch hat seinen materiellen Körper, aber allein der materielle Körper bildet noch keinen vollständigen Menschen. Er muß noch Temperamente, Naturanlagen, Charakterzüge und nicht zuletzt die Seele besitzen. Erst dann bildet sich ein vollständiger, unabhängiger  Mensch mit seiner Individualität. Das gleiche gilt auch für unseren Kosmos. Er hat ein galaktisches System, andere Sternensysteme, Lebewesen und Wasser und  alle materiellen Dinge, all dies gehört zur Materie, zugleich hat er noch die Eigenschaften Zhen (Wahrhaftigkeit), Shan(Barmherzigkeit) und Ren (Nachsicht). In den Teilchen aller Materialien existieren diese Eigenschaften, auch in den winzigsten Teilchen. Diese Eigenschaften sind das Kriterium zur Unterscheidung zwischen dem Gutem und dem Schlechten im Kosmos. Durch dieses Kriterium wird beurteilt, was das Gute und was das Schlechte ist. Es gilt auch für die Beurteilung der Moral. Wir meinen, dass es mit der Menschheit immer bergab geht. Für die Normen der Moral der Menschheit ist es auch der Fall. Die Moral in der heutigen Zeit wird immer schlechter. Daher ist es wichtig, dem durch die Kultivierung und Schaffung von Dafa-Eliten entgegenzuwirken und wissenschaftlich und spirituell den Kosmos, den Mensch und die Gesellschaft auf ihre Eigenschaften hin zu untersuchen: Zhen, Shan und Ren“. Wissenschaftler und säkulare Geister protestierten gegen diese Maßnahme, dies sei Verbreitung unwissenschaftlichen Aberglaubens, doch Präsident Li wies darauf hin, dass der demokratisch gewählte Präsident der –nach China und Indien-drittgrößten Demokratie der Welt, sich selbst für die Zulassung des „intelligent Design“ im Lehrplan ausgesprochen hätte und was für die USA schlecht und billig, für China nur recht sein könne. Um das neue Fach Kosmologie wissenschaftlich zu untermauern, wurde der Ausbau von Sternwarten und der Weltraumforschung bewilligt. Eine Kooperation mit den Sternwarten der Islamischen Republik Iran und der Sternwarte des Großajatollah Sistanis wurden im Rahmen des Dialogs der Zivilisationen beschlossen. Der Kampf gegen die schlechten Kräfte, auch chinesisch das yeli genannt sei individuell, gesellschaftlich, weltweit und kosmologisch zu führen. In den folgenden Monaten wurde der Kampf vor allem gegen die demokratische Oppositionsparteien geführt, die als korrupt, eigensinnig, eigensüchtig und als Verkörperung des yeli, der schlechten Kraft, angesprochen wurden. Das Amt für Öffentliche Tugend forderte dieses auf, ihre Spenden öffentlich ins Internet zu stellen, bedrängte diese neuen Gesetzesvorhaben ohne weitere Diskussion zuzustimmen und unterstellte böse Absichten und Sabotage. Zwar hatte die Antikorruptionskampagne vor allem mit der Kommunistischen Partei begonnen, bei der man auch fündig wurde, doch hatte sie sich systematisch auf die anderen Parteien ausgedehnt. Anhänger der Harmoniepartei marschierten vor den Parteizentralen der Opposition auf, hielten flammende Reden, forderten Reuebekenntnisse und Schuldeingeständnisse, schwenkten Fahnen mit der Aufschrift „beseitigt die bösen Kräfte“, „Beseitigt das Yeli“ , “Für Zhen, Shan und Ren!“. Die Oppositionspolitiker wurden aufgefordert, zu meditieren und die Materialien der Falungong zur Kultivierung und Hebung der Moral öffentlich und bekennend zu lesen. Das Fernsehen , die Medien und ihre Rundfunkräte waren inzwischen von der Harmoniepartei dominiert und entsprechend des Proporzes der Ausgewogenheit bestimmte die Harmoniepartei als größte Partei, die inzwischen nochmals gewachsen war, das Programm. New Tang Television war inzwischen zum größten privaten Fernsehsender und Multimedienkomplex herangewachsen, wie auch die Zeitung Neue Epoche Pflichtlektüre jedes Chinesen geworden war, was Li Hongzhi auch noch zum Medienmogul a la Berlusconi machte.Neben Nachrichten, Soaps, Kultivierungsshows, die aus moralisch gebrechlichen Menschen dank Falungong nun redliche und stabile Mitglieder der Gesellschaft gemacht haben sollten, waren auch Serien unter dem Namen „Shenzhou—China als Land der Gottheiten“ zu sehen. In der Programmankündigung hie ß es:

Shenzhou – „Das Land der Gottheiten“

Namen erzählen Geschichten, sie sagen etwas über die vielen Vorkommnisse in China im Laufe der letzten Jahrhunderte aus – eine dieser Geschichten hebt sich besonders hervor: Shenzhou – „Das Land der Gottheiten“.

Die Beschäftigung mit der chinesischen Geschichte ist ein weites Feld, das äußerst vielschichtig ist. Sie überschreitet diese Welt hin zu einer größeren, höheren Wirklichkeit.

Die allerfrühsten Arbeiten chinesischer Kunst, mit bewundernswerter Sorgfalt gemalt, sind Motive mit göttlichen Figuren oder Szenen über ehrfurchtsvolle Taten. In der Zeit der ersten Dynastien berücksichtigten die Herrscher den Willen des Himmels als Grundlage zum Wohl und zur Integrität des Staates. Die frühesten bekannten chinesischen Schriftzeichen, eingraviert in Schildkrötenpanzer, waren einzig dem Willen einer höheren geistlichen Kraft gewidmet. Ganze Städte wurden, nach einer höheren, unsichtbaren Ordnung ausgerichtet, angelegt. Die chinesische Fiktion und der Roman handelten von buddhistischen Geschichten über Moral. Ebenso die chinesische Metallurgie war davon durchdrungen und oftmals von daoistischen Visionen der Alchemie angetrieben, den Körper in göttliche Substanz zu verwandeln.

In fast jedem Aspekt der traditionellen Kultur Chinas lässt sich der Wunsch ausmachen, menschliches Handeln und Denken nach einer höheren geistigen Präsenz oder Ordnung, genannt „Dao“ (der Weg), „Fa“ (das Gesetz), „Tian“ (der Himmel), „Shen“ (Gott) oder „Li“ (Prinzip) auszurichten. Dies galt für Zimmerhandwerk und Architektur, Kampfkunst, Dichtung und Malerei, Astronomie, Akupunktur, den Festkalender und sogar Militärstrategien. Kaum ein Aspekt von Chinas klassischer Kultur kann ohne dies verstanden werden. Dies ist das kulturelle Erbe von Shenzhou China – dem Land der Gottheiten.

In den Betrieben, in der Landwirtschaft und in den Schulen und Universitäten wurden gemeinsame Meditationen unter Anleitung von Falungong-Instrukteuren abgehalten, die Arbeitsstress vorbeugen sollten, die Menschen entspannen, reinigen und kultivieren sollten. Dies Angebot wurde teils amüsiert, teils dankbar aufgenommen. Viele sagten sich, dass ein wenig kostenlose Gymnastik und Entspannung ja noch keinem geschadet habe. Ebenso in Kindergärten wurde eine vorschulische Form der Kultivierung angeboten, von der die Eltern bedingt Gebrauch machten. Aber im Fernsehen und in den Medien wurde von Wunderheilungen, dem Zusammenhang zwischen Meditation, Kultivierung und beruflichen Erfolg berichtet, dass es vielen Chinesen auch auf Hinblick auf die eigene Karriere ratsam erschien, an den Gruppenmeditationen teilzunehmen, zudem von der Harmoniepartie auch aufmerksam registriert wurde, wer ein guter Kultivierender war und wer sich eher vor diesen Veranstaltungen drückte. Bei Motivationsgurus und Erfolgsautoren wurde Li Hongzhis Schriften gleich neben denen von Strategen wie Sun Tze, Mao und Clausewitz gehandelt.Kein Manager-Training erfolgte mehr ohne bezug auf den „Meister“ und wer etwas gelten wollte, wusste auch schon einige Passagen aus Zhuan Falun zu zitieren.

Die Verteilung von Land unter den Bauern, hatte die Harmoniepartei bei Hundertmillionen Bauern mit einem Schlag beliebt gemacht und hatte den Staat eigentlich nichts gekostet. Doch es existierten noch Entschädigungsforderungen an die Banken wegen der Bankenkrise und die Privatisierung der restlichen Staatsbetriebe hatte man auch noch nicht angegangen. Auch hatte sich die Harmoniepartei wirtschaftspolitisch noch nicht sehr geäußert, noch war ein Grundsatzprogramm zu erkennen. Zudem waren die Gewerkschaften für höhere Löhne in den Streik getreten und hatte die Sozialdemokratische Partei diesen unterstützt, auch in der Hoffnung dadurch selbst einmal wieder politisch wahrgenommen zu werden. Die Forderungen beschränkten sich jedoch nicht nur auf höhere Löhne, sondern auch auf Forderungen nach einem Sozialstaat. Wirtschaftsfachleute und Ökonomieprofessoren warnten in den Zeitungen und ihren Kathedern vor unrealistisch hohen Forderungen, die Chinas Wirtschaft überfordere, Unternehmer zur Kapitalflucht treibe und seine Wettbewerbsfähigkeit infrage stellte. Die Amerikaner , Japaner und Europäer warteten nur darauf, dass China seine Kostenvorteile und harte Arbeitsethik verliere, um in der Dekadenz unterzugehen. Ein Sozialstaat westlichen Ausmaßes sei für ein Entwicklungsland wie China nicht denkbar. Erst müsse man Reichtum erwirtschaften, den man dann erst verteilen könne. Klüger sei es aber diesen in die Zukunft zu investieren anstatt nur zu konsumieren. “Meister“ Li Hongzhi hielt hierzu eine Rede, in der er feststelle, die Wirtschaft funktioniere wie der Kosmos und die Geschichte in Zyklen und Wellen. Dies sähe die traditionelle chinesische Kultur so, dies hätten bedeutende Ökonomen wie Kontradieff und Schumpeter so gesehen. Genauso wie es die kurzen, zyklischen Wellenbewegungen der Wirtschaft gäbe, oszilierten diese selbst auch noch einmal auf längeren Wellen der Marktwirtschaft, den sogenannten langen Wellen. China sei gerade in solch einer langen Aufwärtswelle des Aufschwungs begriffen und die momentanen Störungen sei nur das relativ geringe Tal der kurzen Welle, die man aber schon bald hinter sich lassen werde. Dabei geschehe wie auch im Kosmos viel „kreative Zerstörung“ , die aber neues Wachstum erst ermöglich und natürlich sei, wie dies auch der bedeutende westliche Ökonom Schumpeter einmal bezeichnet habe. Die künstliche Erhaltung staatlicher Betriebe sei unnatürlich und gegen das Buddha-Gebot. Die klügste Strategie sei es sich diesen Zyklen anzupassen und harmonisch mit ihnen zu schwingen. Antizyklische Wirtschaftspolitik a la Keynes sei daher abzulehnen. Der Markt sei im wesentlichen von Staatseingriffen zu verschonen, da er sich weitgehend wie der Kosmos und die Natur selbst reguliere und auch von einem überbordenden Sozialstaat und hohen Löhnen sei abzusehen. Hierfür sei die Mobilisierung der Zivilgesellschaft zuständig, die sich ja auch unter anderem im Aufbau der Wohltätigkeitsfonds für Bedürftige bei der Harmoniepartei und der Falungong zeigten. Andere sollten diesem Beispiel folgen. Die privaten Wohlfahrtsfonds sollten die Rolle des Sozialstaates ersetzen und zugleich die Armen kultivieren, moralisch erziehen und vor moralischen Abweichungen abhalten. Viel wichtiger als ein Sozialstaat sei ein gesunder Mittelstand und dieser sei, wie die Bevölkerung auch, möglichst von Steuern und Abgaben zu entlasten. Nach dieser Rede konnte die Harmoniepartei zahlreiche wohltätige Spenden von Managern, Betriebsleitern, Neu- und Altreichen auf ihrem Parteikonto vermerken. Zahlreiche Wirtschaftsinstitute und Professoren applaudierten den wirtschaftspolitischen Vorstellungen von Meister und Präsidenten Li. Die Bauern interessierten die Arbeiter nicht, sie waren mit ihrem eigenen Stück Land vorerst saturiert. Der Mittelstand wandte sich nun zunehmend der Harmoniepartei zu. Vor den streikenden Betrieben zogen nun als Streikbrecher Mitglieder der Harmoniepartei und der Falungong auf mit Schildern „Keine Streiks“, „Bekämpft das Yeli“, „Gegen Materialismus, für Zivilgesellschaft!“, „Für Neue Betriebe statt Staatsbetriebe!“, „Für natürliches Wachstum, gegen künstliches Wachstum!“. Die Sozialdemokratische Partei Wei Jingshengs, die aus der Gewerkschaftsbewegung seiner Wei Jingsheng- Stiftung hervorgegangen war, erhielt nur wenig Zustimmung für ihre wirtschaftspolitischen Forderungen und nur die marxistische und linke Fraktion  der alten Kommunistischen Partei, der Modernen Sozialistischen Partei und der Staatsgewerkschaften unterstützten die Rechte der Arbeiter. Die Wanderarbeitergewerkschaft hielt sich erstaunlich neutral. Alle anderen Parteien hingegen stimmten der mehr unternehmerfreundlichen Position der Harmoniepartei, wenn auch in anderen Worten, zu und applaudierten ihr.

Sexkampagne gegen Hu Ping

Hu Pings Liberale Partei hatte zwar im Parlament bei weitem nicht die Stimmen erhalten, die er erhofft hatte, doch blieb er für die liberale Klientel in China, die sich vor allem aus dem Mittelstand, einigen Neureichen , diversen Jugendlichen und vor allem Chinas zahlreichen Anwälten und Nichtregierungsorganisationen zusammensetzte, der Ansprechpartner schlechthin. Er blieb die erste Adresse für Bürgerrechte, für die niemand so unverwässert und klar eintrat. Anders als die meisten Parteien setzte er sich auch für eine radikale Humanisierung des chinesischen Strafsystems und der Justiz ein und stellte sogar die Todesstrafe infrage. Damit machte er sich vor allem zum Feind der Nationaldemokratischen Partei, die seine Forderungen polemisch übersetzte in „Hu Ping fordert Freiheit für Kinderschänder!“. Aber auch die alten Parteien wollten Hu Pings Ausführungen nicht folgen und Lis Harmoniepartei sah darin auch einen Angriff auf die bürgerliche Moral Chinas. So erklärte Li Hongzhi, dass es zwar richtig sei, dass die Moral, die lockereren Zügel sein, die Verbrechen erst verhindern sollten. Dies könne aber nicht bedeuten, dass man nur allein die Moral hebe und keine scharfen Gesetze mehr habe, für den Fall, dass ein Verbrechen doch geschieht. Es gelte Konfuzianer und Legalisten zu versöhnen mit der Forderung: Hohe Moral und scharfe Gesetze. Die Todesstrafe solle bleiben, andere Gesetze sogar verschärft werden. Jedoch sah er ein besondere Form der Amnestie vor: Leichtere und mittlere Verbrecher könnten in Kultivierungskursen der Falungong resozialisiert und zu moralisch gefestigten Menschen gemacht werden. Vorbildlich in dieser Richtung sei in den westlichen Ländern das Wirken religiöser Institutionen im Bereich des Strafvollzugs.Hu Ping versuchte dieses neue Gesetzeswerk einer kritischen juristischen Prüfung zu unterziehen und galt als der schärfste Kritiker der Regierung. Da traf es sich aus Sicht der Harmoniepartei bestens, dass Hu Ping Opfer eines Sexskandals wurde. Eine junge und hübsche Chinesin, die der Harmoniepartei nahestand, behauptete, Hu Ping habe sie sexuell verführt und vergewaltigt. Zwar konnte sie nicht genau angeben, wie, wann und wo dies geschehen sei, doch die Harmoniepartei griff den Spielball begierig auf und liess vor Hu Pings Parteizentrale wütende Mitglieder mit Schildern „Sexgangster Hu Ping-Tritt zurück!“, „Beseitigt das Yeli!“ aufmarschieren. Im Fernsehen gestand das junge Mädchen unter herzenserweichenden Tränen vom bösen, sexgierigen Hu Ping entehrt worden zu sein. Eine alte Frau aus der Nachbarschaft , ein hysterischer alter Drachen in Menschenform, wollte unmittelbare Zeugin des Geschehens gewesen sein und hatte – wie sie selbst erklärte, noch nie viel von diesem „Playboy, der in westlichen Anzügen rumläuft“ und „Sexstrolch“ gehalten. Li Hongzhi griff persönlich ein: Der Fall müsse umgehend geklärt werden und Folgen gezogen werden.Hu Ping solle sich aus dem öffentlichen Leben zurückziehen und kultivieren. Falungong könne ihm dazu eine helfende Hand sein. Nun sekundierte der Landfrauenverband der Harmoniepartei: Eine zarte Knospe der Unschuld, eine Lotusblüte des Ostens sei brutal geschändet worden und dies sage wohl alles über die niedere Moral dieses Mannes und seiner Anhänger aus. Rücktritt und politische Abstinenz sei das Mindeste, was man von diesem Heuchler erwarten könne. Seine Kritik an Gesetz und  Moral sei wohl ein untrügliches Anzeichen dafür, dass er es mit Gesetz und Moral selber wohl nicht so genau halte. Die von der Harmoniepartei dominierten Medien fachten die öffentliche Wut noch an und Hu Ping konnte gar nicht so schnell neue Gerüchte zerstreuen, wie sie in die Welt gesetzt wurden und neu zirkulierten. Angebliche Versäumnisse und Ausschweifungen in seinem früheren New Yorker Exilleben wurden nun an den Tag befördert und als reißerische Exklusivstory aufgemacht, die von Sensationsblättern ungefragt nachgedruckt wurden. Ein Photo  Hu Pings mit einer angeblichen Prostituierten erwies sich zwar als das Photo mit einem Filmstar, aber für manche Chinesen war das dasselbe und stand Hollywood –wie auch für konservative und religiöse Amerikaner—ohnehin nur für AIDs, Sodom und Gomorah, kurz. für moralische Verkommenheit und Dekadenz. Ein Teil der Oppositionsparteien verhielt sich abwartend, einige männliche Parlamentarier witzelten, das habe man dem braven Hu Ping gar nicht zugetraut—ob man ihn da nicht unterschätzt habe. Zoten und Männerwitze kursierten trotz der ernsten Angelegenheit. Andere Teile der Oppositionsparteien, spürten, dass es sich um eine gezielte Desinformations- und Rufmordkampagne handelte, deren Opfer sie eines Tages einmal selbst sein könnten und halfen dem armen Hu Ping. Das Land war gespalten über diesen Vorfall, aber die Initiative der Harmoniepartei zur Verschärfung der Gesetze und Einschränkung der bürgerlichen Freiheiten wurde Realität.

Zweifel an der neuen Demokratie

Im Offiziersclub saßen General Liu Yazhou und General Wang Boguang zusammen. Sie hatten gerade die neuesten Geseztesinitiativen der Harmoniepartei in die Hand bekommen. Der erste Vorschlag befasste sich mit der Entwicklungshilfe Chinas und besagte, dass

Mitglieder der Falungong in die Welt hinausziehen sollten, um mit dem chinesischen Unternehmertum, Staat und Militär die Welt gemeinsam zu kultivieren. Ähnlich wie der katholische Papst als Aufgabe des 3.Jahrtausend die Aufgabe sehe, Asien für das Christentum zu erschliessen, so solle China das 3. Jahrtausend für das Chinesentum erschließen und die Verbreitung der Falungong sei ein Mittel chinesische Kultur auszubreiten. Falungong-Missionare sollten gemeinsam mit den chinesischen Entwicklungshelfern und Militärberatern in Afrika und Lateinamerika Aufbauarbeit leisten und den Glauben zu diesen Kontinenten bringen. Zudem sollten die weltweiten Konfuzius-Institute in Zukunft auch die Lehre der Falungong verbreiten. Das Sonnenkreuz sollte dem Spaten folgen.

“Das klingt ja wie ein neues Kreuzfahrertum. Produzieren wir da nicht einen Clash of Civilizations?“, meinte Liu Yazhou.

Der zweite Vorschlag sah vor, die Amtszeit des Präsidenten zu verlängern und ein Referendum über eine neue Verfassung zu beschließen, die wesentliche Verschärfungen der bürgerlichen Rechte vorsah und den Sicherheitsdiensten große Freiheiten , ja gewisse Willkür einräumte. Vor allem eine Klausel machte Liu und Wang stutzig: Die Kräfte des Yeli sollten verhaftet werden können. Dies war Willkür und hier wurden religiöse mit juristischen Begriffen vermengt. Während die Generale aber gerade noch bereit gewesen wären, diese Vorschläge zu diskutieren, erregte die dritte Gesetzesinitiative Unbehagen. Sie sah vor, das Militär auch für die Falungong und die Harmoniepartei zu öffnen, sowie den ausschließlichen Zugriff des Präsidenten über die strategischen Atomwaffenpotentiale im Konfliktfall.

„Bevor du das diskutierst, lies´erst einmal folgende Schriften von Li Hongzhis“, sagte Wang zu Liu und schob ihm zwei Gedichte des  Präsidenten herüber, die in der Englischklasse seiner Tochter als Unterrichtstexte durchgenommen worden waren.

Das erste lautete:

The Foretelling

Autumn is not over

Yet spring has arrived

What humans don´t believe In

All now comes forth

The sky cracks open

And the earth burns

The evil tries to hide

The wicked ones to flee

As gong surges forth

Evil spirits wail and scream

The Dafa disciples

Ascend to the heights of the heavens

In control of Heaven and Earth, rectifying the human realm

Li Hongzhi,December 30, 2001”.

Der zweite war kürzer, aber kaum weniger seltsam:

„The Cleansing

Heaven and Earth turned upside down, raining sand and dust,

The minds of hundreds of millions in the mortal world poisoned,

How many can be saved by mercy

New graves cover the landscape of China Proper.

Li Hongzhi, January 31, 2002”.

“Das klingt ja gruselig”, meinte Liu.

”Dann lies´noch folgende Passage aus der Falungong-Bibel Li Hongzhi Zhuan Falun“, meinte Wang Boguang und gab ihm folgende Textpassage:

„Die ganze menschliche Gesellschaft befindet sich auf einer Ebene. Die Lebewesen, die auf diese Ebene gefallen sind, sollten aus Sicht der Kultivierungsfunktionen oder in den Augen der Großen Erleuchteten eigentlich vernichtet werden. Aber aus Barmherzigkeit wollten die großen Erleuchteten ihnen noch eine Chance geben, wodurch eine besondere Umgebung und ein Spezialraum entstanden sind.“

General Liu Yazhou seufzte und lehnte sich zurück. Er blickte aus dem Fenster in die untergehende Abendsonne hinein und meinte: „Sollen wir diesem Mann auch noch unsere Atomwaffen geben? Es ist ja alles demokratisch.“



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