Indien–Elefant auf einem Bein?

Neben China ist Indiens Aufstieg zu einer Großmacht die Perspektive, die Strategen am meisten in Asien beschäftigt hält. In letzter Zeit werden jedoch Bedenken geäußert, ob Indien die militärischen Bedrohungen richtig definiert hat und ob sich das enorme Wirtschaftswachstum, das eine Modernisierung und Aufrüstung des  indischen Militärs zur Folge hat, auch effektiv in militärische Macht umsetzt. Vor allem zwei Beiträge beschäftigten sich mit diesen Fragen. Zum einen:

Ein programmatischer Artikel in Forbes India „Seven Security Nightmares India must prepare for“ (http://business.in.com/article/india-and-the-world/seven-security-nightmares-india-must-prepare-for/16512/0),

bei dem es um mögliche Bedrohungsszenarien geht und um die Frage, ob Indien hierfür ausreichend darauf vorbereitet ist. Der zweite Beitrag ist das Buch der Brookings-Mitarbeiter Stephen P. Cohen und Sunil Dasgupta „Arming without Aiming“ (Rüsten ohne Zielen), dessen Kurzfassung in dem Artikel „The Drag on India´s Military Growth“ lesbar ist. (http://www.brookings.edu/papers/2010/09_india_cohen_dasgupta.aspx)

Die 7 Alpträume Indiens

In dem Forbes India-Artikel wird festgestellt, dass sich Indiens Machthaber von dem Atomtest 1998 einen Zugewinn an Sicherheit versprochen hätten, die letzten 12 Jahre aber die Feindseligkeiten gegenüber Indien zugenommen hätten.

Als erste wesentliche zukünftige Gefahr sehen die Autoren, dass Pakistans Nuklearkapazitäten in die Hände von Schurkenstaaten und Terroristen fallen könnten. Schon jetzt sei Pakistan eine prinzipielle Quelle für die Proliferation von Nuklearwaffen an Schurkenstaaten und dies sei erst die Friedenszeit. Bei einem politischen „meltdown“ Pakistans  bestünde die Gefahr, dass Atomwaffen auch in die Hände Al Kaidas fallen würden, welches Indien als expliziten Feind ausersehen hat.

“In that event, India’s interests lie in joining international efforts and providing logistics support to secure Pakistan’s nuclear warheads, says an ICRIER paper ‘Conventional Threats to India’s National Security’ authored by Brigadier Gurmeet Kanwal of the Centre for Land Warfare Studies. A more radical situation could emerge if the US and Israel decide to launch a joint operation to “take out” the nuclear facilities when terrorists begin controlling them. The second situation seems extremely unlikely, though.”

Die zweite wesentliche Gefahr besteht für die Autoren darin, dass der War on Terror verebbt und die Taliban in Afghanistan zurückkehren und die pakistanische Taliban die Macht in Pakistan erlangen, womit Indien eine direkte Grenze zum Terrorismus hätte. Hierfür gelte es ein Netzwerk von Partnern zu entwickeln, das eine integrierte Antwort auf diese Bedrohung biete. Indien könnte einen Botschafter für Counter-terrorism ernennen, der die internationale Debatte zugunsten Indiens beeinflusst. Desweiteren gibt es Vorschläge aus Israel, dass Indien mit Hilfe von Staaten wie Israel seine Counter-terrorism-Fähigkeiten erhöht.

Die dritte wesentliche Gefahr sei, dass China Indien einkreist und einen begrenzten Krieg beginnt. Die ungelösten Grenzfragen mit China und die undemarkierte Line of Actual Control (LAC) an der indisch-tibetischen Grenze seien kein Beitrag für den langfristigen Frieden zwischen Asiens beiden Giganten.

“The next major incident on the LAC could lead to a localised border conflict as either Indian patience with Chinese intransigence wears thin or the Chinese look at Indian attempts to build infrastructure and develop the border areas as the adoption of an aggressive forward posture. Hence, in the foreseeable future, a limited border war between the two cannot be entirely ruled out.”

Auch die sinochinesischen maritime Beziehungen seien nicht frei von Spannungen, vor allem seit China bei seiner “String-of-Pearl”-Strategie nun auch Hafenanlagen rund um Indien herum in Hangyi, Hambantoa, Gwadar und auf den Malediven ersteht. Während schon jetzt chinesische Nuklear-U-Boote im Norden des Indischen Ozeans operieren, würde Indiens Unsicherheit erhöht, sollte China seine maritime Präsenz im Indischen Ozean mittels Militärschiffen und Hafenanlagen ausbauen.

Ebenso sorgten chinesische Aktionen und Forderungen gegenüber der indischen Provinz Arunachal Pradesh für ständige Spannungen. Zwar wäre die bisherige chinesische Strategie, das Boot nicht zu hart zu schaukeln, aber es behalte sich vor, den Zustand jederzeit zu ändern, wenn es ihm genehm sei. Indiens Außenhandel mit China sei keine Gewähr, China hier abzuschrecken, weswegen Indien gleichzeitig seine militärischen Kapazitäten ausbauen müsste.

Das nächste Bedrohungsszenario beschäftigt sich mit der Frage, was passieren würde, wenn Indiens atomare Abschreckungsstrategie nicht wirken sollte. Die Autoren sind der Ansicht, dass Indiens Nuklearabschreckung jegliche Glaubwürdigkeit fehlen würde. Zum einen fehlten interkontinentale Raketen, d.h viele Gebiete der potentiellen Gegner lägen außerhalb der Reichweite einer indischen Abschreckung. Die Agniraketen seien noch nicht wirklich getestet — kurz: Indien besitze nicht einmal die Voraussetzung für eine minimale nukleare Abschreckung:

„At a maximum of 80, the number of warheads available to India does not fulfil even the low-end requirements of minimum deterrence. Add to all this the lingering doubts over the efficacy of the thermonuclear device tested in 1998. The outside world doesn’t believe India is ready to respond to a nuclear conflagration.“

Pakistan sei wesentlich aggressiver, zudem kontrolliere  — anders als in Indien — das Militär die Atomwaffen. Pakistan hätte genug spaltbares Material für 70 bis 115 nukleare Sprengköpfe, schließe sehr schnell die mengenmäßige Lücke bei nuklearen Sprengköpfen und könnte Indien in diesem Gebiet sogar überrunden.

China hätte ca. 400 Atomsprengköpfe, die jeden Winkel Indiens erreichen könnten.Zwar halte China an einer „No-first-Use″-Politik fest, aber diese Generosität könnte es möglicherweise im Falle Indiens missen lassen, zumal China Indien auch nicht als Atommacht ansieht und sich kontinuierlich weigert gegenseitige vertrauensbildende Maßnahmen auf dem Gebiet der nuklearen Risikominimierung zu ergreifen.

Nach diesen vor allem außenpolitischen Bedrohungen wenden sich die Autoren den innenpolitischen Gefahren zu. Hier rangiert die maoistische Guerillabewegung der Naxaliten ganz oben auf der Prioritätenliste. 194 Distrike von 22 Staaten seien gegenwärtig von den Naxaliten betroffen — wenngleich in unterschiedlichem Ausmaß. Die Naxaliten seien äußerst erfolgreich, würden unterschätzt und ihr Einfluss beschränke sich — wie fälschlicherweise angenommen — bei weitem nicht nur auf die sichtbare Gewalt, die sie ausüben. Die Zentral- und Provinzregierungen würden bisher unkoordiniert vorgehen und die nachrichtendienstliche Zusammenarbeit sei kläglich. Nötig sei ein umfassender counter-insurgency-Ansatz, der die Wiederherstellung von Staatlichkeit, vor allem des Rechtssystems und auch Sozialprogramme und wirtschaftliche Entwicklung vorsieht:

“The restoration of the authority and functions of governance, including development, health, education and basic social and human security, is imperative, and must constitute an integral part of any comprehensive approach to counter-insurgency and counter-terrorism. This can only be done after the restoration of a modicum of law and order, and efficiency in the operation of the justice system.”

Als weitere vor allem innenpolitische Gefahr wird der “home-grown jihadism”genannt. Der islamische Terrorismus habe ein indisches Gesicht, sei es nun in Kaschmir oder aufgrund der Tatsache, dass viele der muslimischen Terroristen eine nennenswerte indische Mitgliederschaft haben. Ebenso seien auf indischen Territorium zahlreichen Terroristengruppen entstanden, die wohl bedeutendste: “Student´s Movemnet of India“ (SIMI).

Pakistan sei Rückzughafen, Trainings- und Ruheraum für terroristische Bewegungen, doch würden diese zunehmend auch ihre Infrastruktur in Indien aufbauen, vor allem in einer kleinen Anzahl der 35 000 indischen Madrassas und Koranschulen, die vom pakistanischen Geheimdienst ISI unterstützt würden.

Diese innenpolitische Bedrohung könne sich auch außenpolitisch auswirken, sollte der Rest Südasiens feindlich werden — gemeint ist hier die behauptete zunehmende operationelle Zusammenarbeit zwischen Pakistans und Bangladeschs Geheimdiensten und islamischen Glaubenskriegern. Die Zweideutigkeit der Grenzziehungen zwischen beiden Ländern fördere terroristischen Tourismus und illegale Migration, daher müssten Profile der Grenzbevölkerung erstellt werden.

Nepal, das traditionellerweise indienfreundlich war, würde sich zunehmend an China anlehnen. China könne die neugebauten Straßen in Nepal nutzen, um einen Angriff auf Indien zu starten, aber dies sei unwahrscheinlich, da man dies auch direkt über die indisch-tibetische Grenze vollführen kann. Bedenklich sei jedoch die steigende Anzahl muslimischer Koranschulen an der indisch-nepalesischen Grenze.

Indien—Rüsten ohne Zielen

Während sich die Autoren des Forbes-India-Artikels mehr mit den außenpolitischen Bedrohungen für die Sicherheit Indiens beschäftigen, zielt das Buch „Arming without aiming“ und der Artikel „The Drag on India´s Military Growth“ mehr auf strukturelle innere Schwächen des indischen Militärs, seiner Rüstungsindustrie, dem zivil-militärischen Verhältnis und der pazifistisch angehauchten Ideologie der militärischen Zurückhaltung Indiens ab. Die Hoffnungen der USA, Indien als neuen strategischen Partner zu haben, der „prospect of a major rearment“ und die „hopes of a military revival“ würden jedoch nicht den Wirklichkeitstest bestehen, weswegen dringend Reformen von Indiens Militär, seiner Rüstungsindustrie und seiner defensiven Ideologie angemahnt werden.

Behauptet wird ein Ungleichgewicht in den zivil-militärischen Beziehungen zuungunsten des Militärs, die zu einem Mangel an politischer Führung, Uneinigkeit bei den Zielen und materielle und intellektuelle Korruption führten und dadurch die geplante militärische Modernisierung behindern würden.

Politik der strategischen Zurückhaltung

Zunächst wird die Ideologie der strategischen Zurückhaltung gegeißelt. Ähnlich wie die Autoren des Forbes-India-Artikels wird auch hier eine zunehmende Raketenlücke gegenüber Pakistan kritisiert, die die Qualität der nuklearen Abschreckung Indiens infrage stelle, die nur Ausdruck der strategischen Zurückhaltung sei. Indiens Wille, militärische Gewalt auch zur Durchsetzung politischer Ziele einzusetzen, sei  kaum existent:

“The high point of Indian military history – the liberation of Bangladesh in 1971– therefore, stands in sharp contrast to the persistent inability of the country to raise effective military forces. No factor more accounts for the haphazard nature of Indian military modernization than the lack of political leadership on defense, stemming from the doctrine of strategic restraint. Key political leaders rejected the use of force as an instrument of politics in favor of a policy of strategic restraint that minimized the importance of the military.”

Der starke Antimilitarismus der indischen Regierung hätte zu einer Herabstufung der militärischen Führung geführt, noch entscheidender aber sei, dass militärische Wissenschaften und Forschung über die Köpfe der Militärführung entschieden würden. Ministerpräsident Nehru hätte den Briten Blackett damals eingeladen, die Beziehungen zwischen Wissenschaft und Verteidigung zu analysieren, was zum Blackett-Bericht geführt hätte, der eine Beschränkung von Indiens Verteidigungsausgaben auf 2 % des Bruttosozialproduktes, eine begrenzte militärische Modernisierung und staatliche Finanzierung und Eigentümerschaft der militärischen Forschungslabors vorsah. Blackett hätte dann seinen Protege Dalaut Singh Kothari als Leiter der militärischen Forschungslabors eingesetzt, der diese Linie umsetzte. In den 50er Jahren sanken die Verteidigungsausgaben, engagierte sich Indien in einer freundschaftlichen „Vorwärtspolitik“ gegenüber China, was dazu führte, dass eine unvorbereitete indische Armee im Krieg von 1962 gegen China verlor. Hierauf sei es zu einer nennenswerten militärischen Expansion Indiens gekommen und wurde dem Militär mehr operationale und institutionelle Autonomie zugestanden, was zu den erfolgreichen Kriegen von 1965 und 1971 führte. Die indische politische Führung fühlte sich aber immer noch unwohl angesichts des relativen Machtzuwachs des Militärs, der immer noch sehr beschränkt war aufgrund der Furcht vor Militärputschen und eines möglichen Militarismus.

“The problem, however, was that the political leadership did not suddenly become more comfortable with the military as an institution; they remained wary of the possibility of a coup d’etat and militarism more generally. The Indian civil-military relations landscape has changed marginally since.”

In den 80ern kam es dann zu einer weiteren militärischen Modernisierung und Aufrüstung angesichts Pakistans Rüstungsbestrebungen und Fortschritten auf dem Gebiet der Atomwaffentechnologie, Rajiv Ghandi habe dieses Potential aber 1987 während der Brasstrack-Krise nicht genutzt, die die letzte Chance gewesen sei, ein nichtnukleares Pakistan zu dominieren. Ebenso zögerlich sei Indien schon bei seinem Sieg von 1971 gewesen, als es die Chance nicht nutzte diesen nicht nur nach Osten (Bangladesch), sondern auch nach Westen (Pakistan) zu tragen und stattdessen das Simla-Abkommen unterzeichnete, das eine friedliche Lösung des Konfliktes vorsah. Für die Autoren der Brookings-Institution ist es ebenso „puzzling“, dass Indien zwischen seinem ersten Nukleartest bis 1998 auf einen zweiten wartete, was alles Auswüchse der Ideologie der militärischen Zurückhaltung seien, die zwar als weise eingeschätzt, aber für einer militärischen Planung abträglich angesehen wird.

In Kombination mit anderen Faktoren ignoriere die Politik der Zurückhaltung das zunehmende aggressive Pakistan und unterlaufe die militärische Modernisierung:

“Underlying these puzzles is a remarkable preference for strategic restraint. Indian leaders simply have not seen the use of force as a useful instrument of politics. This foundation of ambivalence informs Indian defense policy, and consequently its military modernization and reform efforts. To be sure, military restraint in a region as volatile as South Asia is wise and has helped persuade the great powers to accommodate India’s rise, but it does not help military planning. Together with the separation of the armed forces from the government, divisions among the services and between the services and other related agencies, and the inability of the military to seek formal support for policies it deems important, India’s strategic restraint has served to deny political guidance to the efforts of the armed forces to modernize. As wise as strategic restraint may be, Pakistan, India’s primary rival, hardly believes it to be true. Islamabad prepares as if India were an aggressive power and this has a real impact on India’s security.”

Ungleichgewichte in den zivil-militärischen Beziehungen

Zwar gebe es eine lange Wunschliste an Waffensystemen im Wert von ca. 100 Milliarden US$, sowie Ankündigungen der Defense Research und Development Organization (DRDO) bezüglich kommender Durchbrüche bei der militärischen Modernisierung, doch sei mit substantiellen Verbesserungen nicht zu rechnen. Zum einen sähen die verschiedenen Teilstreitkräften ihre Aufgaben unterschiedlich und wären diese unkoordiniert. Ebenso gäbe es keine politische Maßnahmen, die Koordination der verschiedenen Waffengattungen zu koordinieren. Zweitens sei das indische Sicherheitsestablishment fragmentiert und ebenso unkoordiniert. Zwar stimme man noch einer Erhöhung des Verteidigungshaushaltes zu, aber versage dabei organisatorische Veränderungen oder Veränderungen der Prioritäten vorzunehmen, vor allem was Veränderungen in den Hierarchien betreffen würde. Wesentlich sei die Institutionalisierung und Ernennung eins Verteidigungsstabschefs, der die unterschiedlichen Prioritäten der 3 verschiedenen Teilstreitkräfte koordinieren und ordnen würde. Doch die Regierung zögert einem Militär zuviel Macht zu geben und hat stattdessen einen integrierten Verteidigungsstab aufgestellt, der jedoch ein zahnloser Körper sei.

Fehlender legitimer Beschaffungsprozess

Das Problem der Korruption bei Waffenbeschaffungsprogrammen sei immanent und würde die Effektivität der Waffenentwicklungen ebenfalls beeinträchtigen. So scheiterten die indischen Kampfflugzeug- und Panzerprogramme und war nur die Raketenentwicklung erfolgreich. Dennoch verfüge Indien 2010 über keinerlei Raketen, die das strategische Gleichgewicht mit China oder Pakistan zugunsten Indiens ändern könnte. Vor allem existiere ein staatliches Monopol bei den militärischen Forschungslaboratorien und sei der indische Privatsektor außerhalb der Verteidigungsindustrie belassen. Während in den USA kleine und mittlere Verteidigungsfirmen das Rückgrat des Forschungskomplexes ausmachten, sei Indien weit von solch einer Entwicklung entfernt. Die Defense Research and Development Organization sei zudem nicht rechnungspfichtig, zudem in einer Doppelfunktion als Zulieferer und Berater, die inhärente Interessenskonflikte mit sich bringe. In Indien bevorzuge man zudem Rüstungsimporte von anderen ausländischen Staatsfirmen, so vor allem aus der Sowjetunion und nun Russland, da die indische Regierung annimmt, dass westliche Rüstungsfirmen korrupt und geldgierig sind und daher intergovermentale Waffenkäufe bevorzugt.

Resumee

Übereinstimmung bei beiden Artikeln herrscht in der Frage der fehlenden nuklearen Abschreckungsfähigkeit Indiens gegenüber Pakistan und China. Die Frage wird sein, wie Indien diese herstellt und herstellen kann, wie aber wohl auch die internationale Staatenwelt auf die eventuelle Aufrüstung Indiens mit Interkontinentalraketen reagieren würde — vielleicht würden die USA dies ja sogar begrüßen (als Gegengewicht zu China). Auch ist die Frage, wodurch die Politik der strategischen Zurückhaltung Indiens ersetzt werden soll. Offensiv- oder Preemptivdoktrinen sind ja nicht weniger ungefährlich als die vermutete Schwächung Indiens durch die strategic restraint. Ob sie einen dritten Weg befürworten, dazu geben die Autoren keine Antwort. Als Mindestkonsens bleibt: Glaubwürdige Abschreckung durch Schließung der Raketenlücke. Zumal stellt sich auch die Frage, was Stephen Cohen und Sunil Dasgupta eigentlich wollen: Zwar stellen sie fest, dass die Politik der Zurückhaltung weise war, aber dennoch impliziert ihr Artikel, Indien hätte in Wirklichkeit 1971 und 1987 Pakistan erobern und dominieren sollen, solange es noch keine Atomwaffen hatte. Das unterschätzt ein wenig, dass China wohl einer solchen Entwicklung bei seinem Hauptverbündeten in Südasien, Pakistan, nicht tatenlos zugesehen hätte und sich daraus leicht ein sino-indischer Krieg entwickeln hätte können (vielleicht mit chinesischer Atomdrohung — China besaß ja schon seit 1964 Atomwaffen und ab den 70er ausreichende Trägersysteme — Gegenargument: Indien war mit der Sowjetunion 1971 verbündet und letztere hätte China vor einem Eingreifen hindern können — dies jedoch möglicherweise mit dem Risiko eines sinosowjetischen Krieges) — gut möglich, dass diese strategische Zurückhaltung weniger dem indischen Pazifismus, sondern eher kühlem realpolitischen Kalkül entsprungen sein könnte. Heute sind solche Vorwärtsstrategien angesichts der nuklearen Potentiale Chinas und Pakistans noch viel unwahrscheinlicher und absurder. Es wäre interessant zu wissen, wie wohl Indien als Militärmacht aussehen würde, wenn man die geforderten Reformen: Zulassung des Privatsektors bei der Rüstungsforschung und Waffenbeschaffung, Einrichtung eines Stabschefs, mehr Autorität für Indiens Militär verwirklicht. Es bleibt zu beobachten, inwieweit sich Indiens politische Führung den Reformvorschlägen öffnen wird. Wie man aber dem Forbes-India-Artikel entnehmen kann, steht Indien nicht nur vor außenpolitischen Herausforderungen, sondern auch vor innenpolitischen:Im speziellen die Frage der maoistischen Naxalitenbewegung. Dieser wird nicht nur mit militärischen Mitteln beizukommen sein, sondern die counter-insurgency erfordert auch Sozialprogramme. Inwieweit die indische Regierung bereit ist, hierfür Gelder aufzubringen wird wohl genauso entscheidend für die Stabilität sein wie die Frage der glaubwürdigen nuklearen Abschreckung.

Zudem: Indien als BRIC-Staat (Brasilien, Rußland, Indien, China), der zudem eine Mitgliedschaft in der Shanghai Cooperation Organization (Bündnis von Rußland, China und zentralasiatischen Staaten) überlegt, wäre falsch beraten, sich eindeutig als Speerspitze der USA und der NATO in Asien festzulegen. Das wollte nicht einmal die sehr proamerikanische indisch-hindu-nationalistische BJP-Regierung unter Vajpayee. Die erhofften „prospect of a major rearment“ und die „hopes of a military revival“, die von Seiten der US-amerikanischen und Obama-nahen Brokkingsinstitution auf Indien projeziert werden, sind nicht unbedingt deckungsgleich mit Indiens sicherheits- und außenpolitischen Interessen. Zwar mag ein Gleichziehen mit Pakistans und Chinas  Rüstungsanstrengungen, sowie eine relative Aufwertung des Militärs legitim sein, aber Indien wird genug „strategic restraint“ haben, um sich nicht in eine offene Konfrontation mit China oder Pakistan hineinziehen zu lassen, wie auch keine Lust haben, die weltgrößte Demokratie — ala Pakistan — in eine Abfolge von Militärdiktaturen versinken zu sehen. Mahatma Ghandi und Nehru haben sich schon etwas gedacht bei der Beschränkung ihres Militärs.

(Ralf Ostner/Dipl.-Politologe/staatlichgeprüfter Übersetzer in der chinesischen Sprache)

Über Ralf Ostner

Ralf Ostner geboren 1964 in Frankfurt am Main, 1984 Abitur in Bayern--Leitungskurse: Physik und Kunst/ Schülerzeitung. Studium der Physik (Nebenfächer: Mathematik, Chemie), Wirtschaftsgeographie (Nebenfächer: BWL, VWL) und Studium der Sinologie. 1991 Abschluss als staatlich geprüfter Übersetzer in der englischen und chinesischen Sprache am Sprachen- und Dolmetscher-Institut/München (Leiter der Chinesisch-Abteilung: Herr Zhang, ehemaliger Dolmetscher von Deng Xiaoping und Franz-Josef Strauß).Danach 5 Jahre Asienaufenthalt: China, Indien, Südostasien (u.a. in Kambodscha während des ersten Auslandseinsatzes der Bundeswehr, Interviews mit Auslandschinesen, Recherche im Karen-Guerillagebiet in Burma, Unterstützung einer UNO-Mitarbeiterin während den Aufständen in Nepal und bei UNO-Arbeit in Indien), Australien. Danach 5 Jahre als Dolmetscher, Delegationsbegleiter und Übersetzer in München. Abendstudium an der Hochschule für Politik /München (Schwerpunkt: Internationale Beziehungen). Abschluss als Diplom-Politologe (Diplomarbeit: Die deutsch-chinesischen Beziehungen 1989-2000 unter besonderer Berücksichtigung der SPD-Grünen-Regierung). Delegationsbegleitung von Hu Ping, Chefredakteur der chinesischen Dissidentenzeitung "Pekinger Frühling" (New York)und prominentester Vertreter eines chinesischen Liberalismus bei seiner Deutschlandtour (Uni München, Uni Mainz, Berlin/FU-Humboldt) bei gleichzeitigem Kontakt mit Liu Liqun (Autor des Buches "Westliches Denken transzendieren"/ heute: Deutschlandberater der chinesischen Regierung).Chefredakteur der Studentenzeitschrift UNIPOL . Projekte am Goethe-Institut und bei FOCUS TV. Seit 2000 Übersetzer (chinesisch-deutsch), Graphiker, freier Schriftsteller und Blogger.
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