China, Konfuzius und der Kampf um die Deutungshoheit

In a ritual equal only to that of the church, last week China placed a statue of Confucius in its political heart, Tiananmen Square, before Mao Zedong’s portrait and near the modern obelisk to the People’s Heroes, two symbols that materially defined China’s national identity for 60 years.
This is a political statement, not a celebration of art, and it reshapes the country’s ideological mission.  (http://www.atimes.com/atimes/China/MA21Ad01.html)

Die Errichtung eines Konfuziusdenkmals am Platz des Himmlischen Friedens ist in der Tat ein sehr bemerkenswerter Vorgang in der VR China und eine Zeitenwende, wenngleich noch kein klarer Schnitt.Zwar bemüht man sich auf Konfuzius zu berufen, aber die Versuche nun Mao als Konfuzianer umzudeuteln, sind gelinde gesagt amüsant.Der klare Schnitt mit Mao ist noch nicht vollzogen–der gehört nun einmal zur Geschichte  des neuen China.
Bis das Maoportratit abgenommen wird, das kann noch einige Zeit dauern.Das spricht dafür,daß man in der Zwischenzeit mehr dem Ekletizismus huldigt, wenngleich mit Betonung auf Konfuzius.

Helmut Schmidt erzählt immer wieder gerne von dem Treffen mit Deng Xiaoping, bei dem er Deng fragte, ob es nicht besser und passender sei die Kommunistische Partei Chinas in die Konfuzianische Partei Chinas umzubennen. Deng Xiaoping meinte daraufhin: „Vielleicht“. Kurz: Deng war das ziemlich egal, solange es der KP China diente.So ähnlich scheint auch die Einstellung der Nachfolgekader Hu Jintao und Wen Jiabao zum Konfuzianismus zu sein.Solange Konfuzius nützlich und verwendbar ist, wird man ihn auch zitieren.Auch Hu und Wens Konzept der „harmonischen Gesellschaft“ nimmt Anleihen am Konfuzianismus.
(Lesenwert ist in diesem Zusammenhang auch der Artikel von Van Ess , der fragt: „Ist China konfuzianisch ?) (http://www.chinapolitik.de/studien/china_analysis/no_23.pdf)“.
Es ist interessant, daß sich auch asiatische Demokraten auf Konfuzius berufen, vor allem auf die Stellen, wonach der weise Beamte in seiner Pflichterfüllung dem Herrscher auch unangenheme Wahrheiten sagt und der Herrscher, wenn er das Mandat des Himmels verliert abgesetzt werden wird.Somit dient Konfuzius in Asien sowohl als Legitimation für Demokratien (Taiwan) wie auch für umgekehrt für autoritäre Systeme (China).
Für China bedeutet dies klar, die Betonung autoritärer und wertekonservativer Traditionen.
Ich glaube jedoch, daß der Konfuzianismus der KP China nicht einfach eine Neuauflage des alten Konfuzianismus ist.Zwar werden Kernelemente des Konfuzianismus (Autoritätshörigkeit, Betonung der Familie, puritanisch-preußische Tugenden wie Pflichterfüllung, Arbeitsethik, Bildungseifer) im Zentrum stehen, aber es werden wohl nicht die konfuzianischen Klassiker die Grundlage des Bildungssystems und der Beamtenprüfungen sein.Ebenso wird der Konfuzianismus mit seinem stupidem Rezitieren und Auswendiglernen auf die Grenzen einer kommenden Informationsgesellschaft stoßen.Zudem ist die Familienbetonung bei der kommenden Gesellschaftsstruktur der „little emperor“ und angesichts der Ein-Kind-Famile auch neu zu entwickeln.Dazu bietet der Konfuzianismus–wie schon gesagt–auch Oppositionellen Legitimitätsgrundlagen und die Falungong ist gerade im Wettstreit mit der KP China, was chinesische Kultur ausmacht und wie Konfuzius, Buddhismus und Daoismus zu interpretieren ist.Dabei legt die Falungong bisher vor allem Wert auf die daoistischen und buddhistischen Aspekte, wird sich aber wohl als Antwort auf den Vorstoß der KP China auch in Richtung Konfuzianismus bewegen, um hier kein ideologisches Machtvakuum entstehen zu lassen.Die Falungong, die die KP China ja als den Zerstörer chinesischer Kultur portraitiert, wird es wohl kaum hinnehmen können, dass sich die KP China nun als grösster Wahrer der chineischen Kultur und ihrer Zentralinstanz,Meister Konfuzius, darstellt.Der Kampf um die Deutung des Konfuzius hat also erst begonnen.Die VR China selbst gründet inzwischen weltweit Konfuziusinstitute, bei der chinesische Sprache und Kultur vermittelt werden sollen.Als Antwort auf die Nobelpreisverleihung an den chineischen Dissidenten Liu Xiaobo, verlieh ein neu gegründetes Konfuziuskomitee Lian Chan, einem taiwanischen Kuomintangmann für seine Beiträge zur Annäherung an China einen alternativen Friedenspreis.Die Berufung auf das gemeinsame Erbe des Konfuzius soll wohl auch dazu dienen, die Nationalchinesen auf Taiwan mit den Volksrepublikchinesen auszusöhnen und mit dem Verweis auf das gemeinsame kulturelle Erbe Brücken zu bauen. Aber auch in Festlandchina selber gibt es schon Konfuziusinterpretationen, die sich für ein semidemokratisches System einer Drei-Kammer-Legislative aussprechen:

Einige konfuzianische Gelehrte kritisieren denn auch die rabiate Modernisierung Chinas auf Kosten der Umwelt und der sozialen Gleichheit. Sie wünschen sich eine Debatte, in der politische Veränderungen kein Tabu sind. Einige favorisieren den Aufbau einer Meritokratie, in der die Macht zumindest teilweise durch verdiente und besonders qualifizierte Personen ausgeübt werde. Besonders angetan ist der Kanadier Bell von dem Gelehrten Jiang Qing, der den Konfuzianismus wieder zur Staatsdoktrin befördern will. Jiangs politischer Konfuzianismus sehe die Bildung einer Art Drei-Kammer-Legislative vor, deren Mitglieder teilweise durch freie Wahlen und teilweise durch Ernennung und konfuzianische Prüfungen ausgesucht würden.

http://www.faz.net/s/RubDDBDABB9457A437BAA85A49C26FB23A0/Doc~E9CE085F9E600405297B49EEF037084B9~ATpl~Ecommon~Scontent.html

Man sieht: Die Hoffnung der KP China mittels Konfuzianismus die Demokratiedebatte abzuwürgen, verfängt somit nicht ganz.Der Kampf um die Deutungshoheit hat gerade erst angefangen.

Über Ralf Ostner

Ralf Ostner geboren 1964 in Frankfurt am Main, 1984 Abitur in Bayern--Leitungskurse: Physik und Kunst/ Schülerzeitung. Studium der Physik (Nebenfächer: Mathematik, Chemie), Wirtschaftsgeographie (Nebenfächer: BWL, VWL) und Studium der Sinologie. 1991 Abschluss als staatlich geprüfter Übersetzer in der englischen und chinesischen Sprache am Sprachen- und Dolmetscher-Institut/München (Leiter der Chinesisch-Abteilung: Herr Zhang, ehemaliger Dolmetscher von Deng Xiaoping und Franz-Josef Strauß).Danach 5 Jahre Asienaufenthalt: China, Indien, Südostasien (u.a. in Kambodscha während des ersten Auslandseinsatzes der Bundeswehr, Interviews mit Auslandschinesen, Recherche im Karen-Guerillagebiet in Burma, Unterstützung einer UNO-Mitarbeiterin während den Aufständen in Nepal und bei UNO-Arbeit in Indien), Australien. Danach 5 Jahre als Dolmetscher, Delegationsbegleiter und Übersetzer in München. Abendstudium an der Hochschule für Politik /München (Schwerpunkt: Internationale Beziehungen). Abschluss als Diplom-Politologe (Diplomarbeit: Die deutsch-chinesischen Beziehungen 1989-2000 unter besonderer Berücksichtigung der SPD-Grünen-Regierung). Delegationsbegleitung von Hu Ping, Chefredakteur der chinesischen Dissidentenzeitung "Pekinger Frühling" (New York)und prominentester Vertreter eines chinesischen Liberalismus bei seiner Deutschlandtour (Uni München, Uni Mainz, Berlin/FU-Humboldt) bei gleichzeitigem Kontakt mit Liu Liqun (Autor des Buches "Westliches Denken transzendieren"/ heute: Deutschlandberater der chinesischen Regierung).Chefredakteur der Studentenzeitschrift UNIPOL . Projekte am Goethe-Institut und bei FOCUS TV. Seit 2000 Übersetzer (chinesisch-deutsch), Graphiker, freier Schriftsteller und Blogger.
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