Wikileaks–schon wieder vergessen

Wie es so ist in der Medienwelt: Wikileaks ist schon wieder vergessen–obwohl ihm weltverändernde Wichtigkeit unterstellt wurde.

Bei aller Solidarität mit Wikileak muss man sich aber auch einmal fragen, inwieweit die dort publizierten Informationen überhaupt so relevant waren.400 000 Seiten GI-Berichte. Erkenntniswert: In einem Krieg geht es grausam zu und werden auch Zivilsiten und Unschuldige getötet.Konnte man dies nicht schon zuvor wissen?
Dann die kabaretreifen Kommentare des US-Außenminsiteriums über andere Politiker.Daß er ein “Alpharüde”ist, wird Putin eher als Lob empfinden, daß Ghaddafi eine vollbusige ukrianische Krankenschwester hat, dürfte ihn in seinem Machismus noch eher bestätigen und daß Berlusconi wilde Sexfeiern hatte, wird seine Anhänger eher noch darin bestärken ihn wiederzuwählen.
Zumeist waren diese Kommentare auch mehr Charakterprofile als dass sie inhaltlich etwas über deren Politik verraten hätten. Wirklich mehr Tratsch und Cocktailklatsch wie man ihn aus Celebritymagazinen kennt. Dann die Ankündigung, dass man über eine Großbank Internas veröffentlichen will. Dass Banken nicht nach ethischen Motiven handeln, dürfte auch keinen großartigen Erkenntniswert haben. Die Finanzkrise als Aneinanderreihung von moralisch dubiosen Einzelentscheidungen zu präsentieren, ist keine makroökonomische Analyse oder gar Kapitalismuskritik. Hier wäre eher Wirtschaftsanalyse als Moralkritik gefordert, um auch prkatische Forderungen zur Bankenregulierung einzufordern. All dies will Wikileak nicht machen, sondern nur “entlarven”und “enthüllen”. Das ist eben die Krone des sogenannten investigativen Journaklismus, dem es mehr um Skandalträchtigkeit geht als um politische oder ökönomische Aufklärung, der auch keine Zusammenhänge liefert und diese kritisiert, sondern das schrille Einzelexemplar herausstreicht.Wikileak ist also vom Erkenntniswert als eher gering einzuschätzen.

Die Hoffnungen auf neue Wikileakplatformen versperren ein wenig den Blick, dass es zur US-Strategie nun gehören wird andere Whistleblower-Angebote zu schaffen, die die Aufmerksamkeit von Wikileak abziehen sollen und dann gegen andere Staaten agieren sollen.Ursprünglich wurde ja Wikileak von den USA unterstützt, nach Google in China auch von Hillary Clinton in ihrer Freedom of Information Act-Rede gelobt.Die Idee war eben,alle Whistleblower in anderen missliebigen Staaten zu fördern.Daß Assange sich dann gegen seinen Erschöpfer stellte, ist ein wenig wie die Geschichte des Frankensteinmonsters,das sich gegen seinen Erbauer wendet.Wir werden in Zukunft andere Wikileakplattforen aufblühen sehen, aber diese werden kaum mehr über Missstände im Westen berichten, sondern über für den Westen unbeliebte Staaten.Mal sehen, wie die nächste Veröffentlichungen aussehen werden. Und die Rolle, die Assanges rechte Hand Domscheidt-Berg dabei einnehmen wird, bleibt erst einmal zu beobachten.

Über Ralf Ostner

Ralf Ostner geboren 1964 in Frankfurt am Main, 1984 Abitur in Bayern--Leitungskurse: Physik und Kunst/ Schülerzeitung. Studium der Physik (Nebenfächer: Mathematik, Chemie), Wirtschaftsgeographie (Nebenfächer: BWL, VWL) und Studium der Sinologie. 1991 Abschluss als staatlich geprüfter Übersetzer in der englischen und chinesischen Sprache am Sprachen- und Dolmetscher-Institut/München (Leiter der Chinesisch-Abteilung: Herr Zhang, ehemaliger Dolmetscher von Deng Xiaoping und Franz-Josef Strauß).Danach 5 Jahre Asienaufenthalt: China, Indien, Südostasien (u.a. in Kambodscha während des ersten Auslandseinsatzes der Bundeswehr, Interviews mit Auslandschinesen, Recherche im Karen-Guerillagebiet in Burma, Unterstützung einer UNO-Mitarbeiterin während den Aufständen in Nepal und bei UNO-Arbeit in Indien), Australien. Danach 5 Jahre als Dolmetscher, Delegationsbegleiter und Übersetzer in München. Abendstudium an der Hochschule für Politik /München (Schwerpunkt: Internationale Beziehungen). Abschluss als Diplom-Politologe (Diplomarbeit: Die deutsch-chinesischen Beziehungen 1989-2000 unter besonderer Berücksichtigung der SPD-Grünen-Regierung). Delegationsbegleitung von Hu Ping, Chefredakteur der chinesischen Dissidentenzeitung "Pekinger Frühling" (New York)und prominentester Vertreter eines chinesischen Liberalismus bei seiner Deutschlandtour (Uni München, Uni Mainz, Berlin/FU-Humboldt) bei gleichzeitigem Kontakt mit Liu Liqun (Autor des Buches "Westliches Denken transzendieren"/ heute: Deutschlandberater der chinesischen Regierung).Chefredakteur der Studentenzeitschrift UNIPOL . Projekte am Goethe-Institut und bei FOCUS TV. Seit 2000 Übersetzer (chinesisch-deutsch), Graphiker, freier Schriftsteller und Blogger.
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