Jasminrevolution in Tibet? Der Dalai Lama tritt zurück

 

In letzter Zeit gab es einige Berichte über die undemokratischen Zustände unter dem Dalai Lama.So in Deutschland eine Titelstory des STERN. Gewirkt scheint es zu haben: Der Dalai Lama hat angekündigt als politisches Oberhaupt der tibetischen Exilregierung abzutreten und sich nur noch seinen geistlichen Aufgaben zu widmen. Damit wolle er einen Prozess der Demokratisierung auch in der tibetischen Gemeinde einleiten. Es ist die Frage, ob Chinas rigider Gegenkurs ihn dazu animierte aufgrund von Frustration oder die Tatsache, dass die tibetische Gemeinde immer noch eine Exiltheokratie bildet, die noch keine säkulare Trennung von politischen und geistigen Ämtern hat, wie auch ihr politisches Oberhaupt bisher noch nicht gewählt wurde, sondern mittels Orakel bestimmt wurde. Wenn in Nordafrika nun eine Demokratiewelle tobt, kann sich die tibetische Exilregierung davon nicht einfach isolieren. Die Frage der Legitimität wird immer mehr eine Frage der Gewähltheit und damit der Demokratie. Daher kann sich die tibetische Exilregierung von diesem Trend nicht einfach separieren.

Speziell die tibetische Rangzen-Allianz hat schon immer die Frage der Demokratie bezüglich Tibet gestellt, immer die feudalistische, reaktionäre, zumeist von Mönchen und Nonnen kontrollierte Struktur des tibetischen Exilparlaments kritisiert, ja eine Art Meiji-Reform gefordert. Wie es aussieht, kommt der Dalai Lama diesen Forderungen jetzt nach. Die Reaktion des jetzigen Premierministers des exiltibetischen Parlaments ist bezeichnend: Der Dalai Lama solle diesen Schritt verzögern, da die tibetische Gemeinschaft momentan überhaupt nicht in der Lage sei, Demokratie zu praktizieren. Das heisst: Für Jahrzehnte war die tibetische Gemeinschaft auf den Gottkönig Dalai Lama zu sehr eingeschworen, um selbst zu denken oder gar zu agieren. Diese geradezu hündische Untergebenheit seiner Untertanen hat jeglichen demokratische Strukturen verhindert und nun sollen sie über Nacht existent werden. Diese Schock-Kur, die der Dalai Lama seinem Volk auferlegt, stellt aber immer noch die Frage: Selbst wenn nun die 100 000 Exiltibeter einen politischen Führer wählen, ist dies repräsentativ angesichts der 5 Millionen Tibeter, die in China-Tibet keinerlei Wahlrecht haben? Wer fragt diese nach ihrer Meinung? (Hier sieht wahrscheinlich Peking die nächste spalterische Aktivität, da ausgewiefte Tibetaktivisten die Forderung nach demokratischen Wahlen auch in Tibet fordern könnten oder eine Art unauthorisierte Volksabstimmung untergrundmässig selbst organisieren könnten).DENN: Selbst wenn gewählt, wäre der neue politische Führer doch nur ein Produkt der Exilgemeinde. Der Dalai Lama möchte sich auch nicht mehr auf Orakel verlassen. Inzwischen hat ja auch schon Peking seine eigenen Pantschem Lamas und Rinpoches inthronisiert, darauf scheint kein Verlass mehr, auch wenn der Dalai Lama jetzt verkündigte, das nächste Gotteskind werde ausserhalb Tibets gefunden. Zu offensichtlich ist, dass die Erwählung zu solch einem Posten sehr weltlichen und keineswegs magischen Gesetzen folgt. Peking wiederum hat die Erklärung des Dalai Lamas als „einen Trick, um die internationale Weltöffentlichkeit zu blenden“ abgetan. Peking stört dabei eher, dass der Dalai Lama jetzt nur noch als religiöses und nicht als politisches Oberhaupt in allen westlichen Staaten empfangen werden kann, aber er gleichzeitig hinter den Kulissen immer noch eine wesentliche Gestaltungsmacht auf die politischen Geschehnisse in der tibetischen Exilgemeinde und in Tibet haben wird. Auch ist die Vorstellung nicht so attraktiv, dass der Dalai Lama jetzt Tibet als Demokratieprojekt verkaufen kann, während die Chinesen immer noch Ein-Parteien-Diktatur sind—ohne Demokratisierung und Jasminrevolution. Das gefällt Peking doppelt nicht und daher wittern sie nur einen noch ausgefeilteren Schachzug eines „Seperatisten“.

Über Ralf Ostner

Ralf Ostner geboren 1964 in Frankfurt am Main, 1984 Abitur in Bayern--Leitungskurse: Physik und Kunst/ Schülerzeitung. Studium der Physik (Nebenfächer: Mathematik, Chemie), Wirtschaftsgeographie (Nebenfächer: BWL, VWL) und Studium der Sinologie. 1991 Abschluss als staatlich geprüfter Übersetzer in der englischen und chinesischen Sprache am Sprachen- und Dolmetscher-Institut/München (Leiter der Chinesisch-Abteilung: Herr Zhang, ehemaliger Dolmetscher von Deng Xiaoping und Franz-Josef Strauß).Danach 5 Jahre Asienaufenthalt: China, Indien, Südostasien (u.a. in Kambodscha während des ersten Auslandseinsatzes der Bundeswehr, Interviews mit Auslandschinesen, Recherche im Karen-Guerillagebiet in Burma, Unterstützung einer UNO-Mitarbeiterin während den Aufständen in Nepal und bei UNO-Arbeit in Indien), Australien. Danach 5 Jahre als Dolmetscher, Delegationsbegleiter und Übersetzer in München. Abendstudium an der Hochschule für Politik /München (Schwerpunkt: Internationale Beziehungen). Abschluss als Diplom-Politologe (Diplomarbeit: Die deutsch-chinesischen Beziehungen 1989-2000 unter besonderer Berücksichtigung der SPD-Grünen-Regierung). Delegationsbegleitung von Hu Ping, Chefredakteur der chinesischen Dissidentenzeitung "Pekinger Frühling" (New York)und prominentester Vertreter eines chinesischen Liberalismus bei seiner Deutschlandtour (Uni München, Uni Mainz, Berlin/FU-Humboldt) bei gleichzeitigem Kontakt mit Liu Liqun (Autor des Buches "Westliches Denken transzendieren"/ heute: Deutschlandberater der chinesischen Regierung).Chefredakteur der Studentenzeitschrift UNIPOL . Projekte am Goethe-Institut und bei FOCUS TV. Seit 2000 Übersetzer (chinesisch-deutsch), Graphiker, freier Schriftsteller und Blogger.
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