Peter Scholl-Latour–der letzte deutsche Gaullist

Kaum eine Talkshow kommt ohne den altersweisen und inoffiziellen elder statesman der deutschen Republik Peter Scholl-Latour aus. Auf der Beliebtheitsskala der deutschen Bevölkerung dürfte er locker an Altbundeskanzler Helmut Schmidt heranreichen. Aufgrund seiner realpolitischen Hintergrundsfärbung und seiner immer pronouncierten Kommentare möchte man nicht auf ihn verzichten. Dieser im Elsass geborene Deutsche mit frankophilen Anwandlungen und ausgeprägter De-Gaulle-und Katholizismus- Bewunderung ist auch der aussterbenden Sorte der deutschen Gaullisten zuzuordnen. Ein Gesamtbild seiner politischen Weltanschauung vorzunehmen, bedeutet die Puzzlesteine seiner Äusserungen und Bücher zusammenzusetzen. Klar ist seine Abgrenzung zur deutschen Linken: Die 68er, die er als Korrespondent in Mai-Paris 1968 kennenlernte, waren für ihn ein Haufen unerzogener und verblendeter Bürgersöhne/töchter mit idiotischem, wirkichkeitsfremden Idealismus. Auf der Rechten vertritt er aber am ehesten noch ein Weltbild, dass Peter Gauweiler, Franz Josef Strauss und Alfred Dregger am nächsten kommt und sich von der Mehrzahl der Atlantiker in CDU/CSU und FDP merklich unterscheidet. So forderte Scholl-Latour eigene deutsche und zumindestens europäische Atomwaffen, um sich von den USA zu emanzipieren. Dies war schon immer auch das Ziel der deutschen Gaullisten, zu denen eben auch FJ Strauss und Dregger zählten und die in der Unterzeichnung des Atomwaffensperrvertrages in den 60er Jahren durch Deutschland auch ein „neues Versailles“ erblickten. Wie diese deutschen Gaullisten glaubte Scholl-Latour niemals an die Mär, dass Atomwaffen überholte Relikte vergangener Grossmachtkonkurrenz seien, sondern wie die Force de Frappe De Gaulles  immer Verhandlungsgewicht, Souveränität und Machtpotential einer Nation im Innersten ausmachen.So forderte Scholl-Latour zuletzt 2007  im CICERO offen deutsche Atomwaffen

http://www.cicero.de/weltb%C3%BChne/deutschland-muss-atomar-aufr%C3%BCsten/37957#top

Scholl-Latour träumt von einem starken, nuklear und militärisch gerüstetem Europa und speziell als Elsässer würde er das Ganze gerne unter einer deutsch-französischen Achse sehen—er selbst sieht sich als die Personifizierung dieses Anspruches. Durch und durch militaristisch ist auch sein Weltbild: Zum Vietcong und den Islam fühlt er sich geistig hingezogen, da hier noch reine Lehren, Kampfgeist, Opferbereitschaft herrsche, die den verweichlichten westlichen Menschen inzwischen abginge. Sein Vergleich des Vietcong mit einem katholischen Kreuzritterverein war eine Danksagung an diesen verbliebenen Kampfgeist einer kleinen Nation, die es mit einem technologisch verweichlichten Riesen wie den USA aufgenommen hatte und dennoch gewann.  Scholl-Latour ist auch stolz darauf, dass er Khomeini selbst getroffen hat und im Flugzeug die Verfassung der Islamischen Republik Iran heimlich transportierte. Auch an Khomeini gefiel ihm diese tiefe Spiritualität, die dem säkularisierten Europa abginge und die Kampfansage an die USA.Diesen Kampfgeist wünscht sich Scholl-Latour auch heute noch immer für Europa. Seine Ablehnung des Irakkrieges 2003 und des Afghanistankrieges darf man nicht mit Pazifismus verwechseln. An diesen Kriegen stört ihn das für ihn unrealistische Kriegsziel der islamischen Kultur Demokratie bringen zu wollen und dass diese Kriege seiner Ansicht nach nicht gewinnbar sind und einen schlechteren Zustand herbeiführen. Umgekehrt ist Scholl-Latour nun aber einer der eifrigsten Verfechter des Lybieneinsatzes, zumal auch die Europäer hier eine dominantere Rolle spielen und es sich um einen Konflikt vor der eigenen Haustür handelt–anders als Afghanistan.  Linksliberale Orientalisten rümpfen die Nase über Scholl-Latours recht grobschnittmässige religiöse und ethnische Einteilungen (er pauschalisiert und zitiert gerne solch arabische Sprichwörter wie: Die Tunesier sind Frauen, die Algerier Männer und die Marrokaner die Krieger), die für einige an der Grenze am Rassismus angesiedelt sind. Scholl-Latour hat allerdings wirklich die Neigung Völker als Schicksalsgemeinschaften —von ihrer vermeintlich allmächtigen Geschichte und Kultur  determiniert– zu betrachten. Dementsprechend übersah der Präsident der Deutsch-Arabischen Gesellschaft (DAG) Scholl-Latour–wie aber auch das Gros der deutschen Orientalisten und Politikwissenschaftler–das Kommen der demokratischen Revolutionen in Arabien. Sie passen nicht so in sein kulturalistisches Weltbild. Zudem beäugt Scholl-Latour als bekennender Konservativer Neuerungen erst einmal skeptisch, vor allem wenn es sich um mögliche Demokratisierungen islamischer, afrikanischer oder asiatischer Staaten handelt.Folgerichtig kommt Scholl-Latour bezüglich des Islam oft zu eigenwilligen Einschätzungen: So empfahl er Milli Görus aus dem Verfassungsschutzbericht zu streichen und der deutschen Regierung offizielle Kontakte zu der fundamentalistischen Organisation aufzunehmen. Auch der neo-osmanische Kurs der türkischen AKP-Regierung fand sein Gefallen. Dies wie auch andere Stellungsnahmen zum Islam, Iran und ablehnender Haltung zum Irakkrieg hätten ihm in den USA locker den Ruf eines deutschen Neo-Dhjiaddsiten der Marke Max Oppenheim, der eine Allianz zwischen einem atomargerüstetem Europa mit islamischen und konfuzianisch- asiatischen  Staaten  will, einbringen können—aber so wurde dies seltsamerweise niemals wahrgenommen und selbst bei Daniel Pipes, Henrik M. Broder (Schmock der Woche), der Achse des Guten und anderen Neocons bleibt Scholl-Latour unter der Wahrnehmungschwelle des antiislamistischen Frühwarnradarschirms.  An Scholl-Latour hat sich Henryk M. Broder, der sonst alles leidenschaftlich kritisiert, bisher noch nicht gewagt. Möglicherweise imponiert aber Henrik M. Broder auch der Kampfeswillen des Alteuropäers Scholl-Latour für das christliche Abendland, den er in seinen Büchern wie „Hurrah, wir kapitulieren“ bei seinen sonstigen europäischen Gutmenschen vermisst. Die Frauenbewegung ging über Peter Scholl-Latour hinweg, als hätte sie nie stattgefunden. Alice Schwarzer zählt ihn auch zur „Old School“ von Männern, die ihre Siegesfeiern als Weltbeweger- und kommentatoren in Werner Höfers „Internationalem Frühschoppen“ abzelebrierten–meist ohne Frauen. Angesprochen in einer Frauenrunde, die die sexuellen Übergriffe von Dominique Strauss-Kahn ins Visier nahmen, meinte er auf die Äusserung, wonach der französische Präsidentschaftsanwärter eine Bedienstete des Hotels zum Oralsex gewzungen habe: „Das kann ja nicht sein, sie hätte ja reinbeissen können“. Angesichts der aufkommenden Empörung unter den Frauen, versuchte Scholl-Latour das vermeintlich Geschehene nochmals zu relativieren, indem er darauf hinwies, dass im Sudan und andernorts täglich ja Tausende von Frauen vergewaltigt würden und man diesen Fall nicht so hochspielen solle. Nachdem ihn der vereinte Frauenprotest daran erinnerte, dass Europa und die USA kein Kriegsgebiet sind, schwieg er erstmals. Peter Scholl-Latours letzte Bücher wurden auch als Filme verdreht, die nie unter 2 Stunden Länge sind. Ein Scholl-Latour will sich episch ausbreiten und duldet filmisch keine zeitlichen Beschränkungen–nur mit Ausnahme von Talkshows. In seiner Kombination zwischen Karl-May-Abenteuertum, politischer Analyse und Landeskunde verbleibt er als aussterbende Spezies der wirklich guten Journalisten. Scholl-Latour abstrahierte immer konkrete Erfahrungen und konkretisiert umgekehrt immer theoretisches Wissen an Hand  von praktischer Erfahrung.Diese Dialektik zwischen induktivem und deduktiven Verfahren, die Lebendigkeit seiner Berichte und das Vermögen, sich in die Interessenslagen anderer Staaten hineinzuversetzen, zeichnet ihn aus. Sein Bericht „Russland—im Zangengriff zwischen NATO, Islam und China“ war eine hervorragende Reportage, die auch schon klar vor einer NATO-Osterweiterung warnte und den Georgienkrieg kommen sah, da Russland sich wehren würde. Sein letztes Buch über den Niedergang des weissen Mannes klingt hingegen wie ein Abgesang auf die westliche Zivilisation und möglicherweise ist es die Vorahnung, dass mit sich selber ein scharfkantiges Exemplar eben dieser Spezies ausstirbt. Der Tod Peter Scholl-Latours würde wohl auch das Ende des Qualitätsjournalismus mit einleiten. Das Absterben des letzen deutschen Gaullisten und hochwertiger Landesberichte und politischer Analysen scheint Hand in Hand zu gehen. Zu hoffen, dass jemand von gleicher Qualität die Lücke schliesst.

Über Ralf Ostner

Ralf Ostner geboren 1964 in Frankfurt am Main, 1984 Abitur in Bayern--Leitungskurse: Physik und Kunst/ Schülerzeitung. Studium der Physik (Nebenfächer: Mathematik, Chemie), Wirtschaftsgeographie (Nebenfächer: BWL, VWL) und Studium der Sinologie. 1991 Abschluss als staatlich geprüfter Übersetzer in der englischen und chinesischen Sprache am Sprachen- und Dolmetscher-Institut/München (Leiter der Chinesisch-Abteilung: Herr Zhang, ehemaliger Dolmetscher von Deng Xiaoping und Franz-Josef Strauß).Danach 5 Jahre Asienaufenthalt: China, Indien, Südostasien (u.a. in Kambodscha während des ersten Auslandseinsatzes der Bundeswehr, Interviews mit Auslandschinesen, Recherche im Karen-Guerillagebiet in Burma, Unterstützung einer UNO-Mitarbeiterin während den Aufständen in Nepal und bei UNO-Arbeit in Indien), Australien. Danach 5 Jahre als Dolmetscher, Delegationsbegleiter und Übersetzer in München. Abendstudium an der Hochschule für Politik /München (Schwerpunkt: Internationale Beziehungen). Abschluss als Diplom-Politologe (Diplomarbeit: Die deutsch-chinesischen Beziehungen 1989-2000 unter besonderer Berücksichtigung der SPD-Grünen-Regierung). Delegationsbegleitung von Hu Ping, Chefredakteur der chinesischen Dissidentenzeitung "Pekinger Frühling" (New York)und prominentester Vertreter eines chinesischen Liberalismus bei seiner Deutschlandtour (Uni München, Uni Mainz, Berlin/FU-Humboldt) bei gleichzeitigem Kontakt mit Liu Liqun (Autor des Buches "Westliches Denken transzendieren"/ heute: Deutschlandberater der chinesischen Regierung).Chefredakteur der Studentenzeitschrift UNIPOL . Projekte am Goethe-Institut und bei FOCUS TV. Seit 2000 Übersetzer (chinesisch-deutsch), Graphiker, freier Schriftsteller und Blogger.
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2 Responses to Peter Scholl-Latour–der letzte deutsche Gaullist

  1. Ralf Ostner sagt:

    Ein Bekannter verfasste zu dem PSL-Artikel folgenden Kommentar:

    „Der letzte Gaullist? Meinem Eindruck nach verbindet PSL eine intensive
    persönliche Erfahrung mit einer Analyse- und Darstellungsfähigkeit, die
    sich weniger auf die feinen Gravuren, als auf die harten,
    holzschnittartigen Linien konzentriert.
    Auch ist sein Zeithorizont stets asiatisch weit gefasst, greift weiter
    aus als das taktisch-operative Denken westlicher Politiker
    und Analysten. Er ist meinem Eindruck nach besser mit dem Begriff
    „Alteuropäer“ zu kennzeichnen als mit dem Terminus
    „Gaullist“. Allerdings sieht PSL de Gaulle als letzte, große
    Verkörperung klassischer europäischer Politik.“

  2. Hervorragende Charakterisierung eines alten Kämpen, der sich nicht so leicht definieren lässt, Gaullist hin, Graham Greene her. Pointierte Äußerungen laden immer zu Gegenattacken ein. Da mag manches zu pointiert sein. Aber der Mann kennt sich aus. Und hat Format. Das ist in derzeitigen Talkrunden selten zu finden – am Ende eben doch wieder nur bei Helmut Schmidt. Danke

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