Japans Judenpolitik 1933-1945

Ein interessantes Phänomen ist, dass Nazideutschlands Achsenverbündeter Japan sich der antisemitischen Ausrottungspolitik des 3. Reiches nicht anschloss, obwohl es immer wieder von NS-Seite dazu gedrängt wurde. Die Gründe analysiert Heinz Eberhard Maul in seiner lesenswerten Dissertation „Japan und die Juden“ genauer.

(http://hss.ulb.uni-bonn.de/2000/0225/0225-text.pdf)

Hitler und die Japaner hatten hier den gleichen Ausgangspunkt: Sie gingen von einer Weltverschwörung der Juden aus und glaubten, dass diese die  Welt beherrschten. Während Hitlers NSDAP zu dem Schluss kam, dass man  zur Erringung der Weltherrschaft alle Juden eliminieren müsse, folgerten die relevanten Politikkreise in Japan quasipragmatisch hingegen, dass man die vermeintlich weltbeherrschenden Juden zur Erlangung der Grossasiatischen Wohlstandsspäre für sich nutzen und sie daher freundlich behandeln müsse.

„Das militaristische Kaiserreich, der politische Partner, beteiligte sich am „politischen Rassekrieg“, an der Durchführung des Volkstumkampfes“ (Breitmann 1999: 41,51) nicht. Hätte von einem Verbündeten erwartet werden müssen sich einzumischen? Wäre es für eine expansionistische Militärmacht wie Japan, die zu Nanking fähig war, nicht ein Leichtes gewesen, die Aufnahme der jüdischen Flüchtlinge nicht nur zu verweigern, sondern auch zu selektieren, zu vertreiben und unter dem Deckmantel des Krieges zu liquidieren? Japan tat dies alles nicht (…) Nazi-Deutschland plante frühzeitig seine Rassenziele mit organisatorischer Sorgfalt und technischem Aufwand. Japan  hingegen stand dem Judenproblem überrascht und wehrlos gegenüber. Für die Nazis war Hitlers Mein Kampf Programm (…) In Japan hingegen war der Antisemitismus im Volk weitgehend unbekannt. Die Gesellschaft zeigte kein Interesse und vielen japanischen Politikern wie Militärs war die Judenfrage ein Rätsel. Die japanisch-jüdische Begegnung, diese historische Rarität, wurde für Japan zum unerwarteten Problem. Die Anfänge japanischen Suchens und Forschens nach der jüdischen Wahrheit waren zunächst unkompliziert. Das Fehlen von Juden im Lande zwang zur Hinwendung nach aussen, erforderte Wissensanleihen woanders und brachte geistige Abhängigkeiten, die später eigenständige und fundierte Urteile erschwerten. Phantasien schossen ins Kraut und füllten Bände. Die unglaubliche Vorstellung von einer jüdischen Weltverschwörung verwirrte und kollidierte mit der japanischen Missionsidee „Die Welt unter einem Dach“(hakko ichu). Bedrohung und Gefahr, die von Juden als den Herrschern der Welt ausgehen sollten, erzeugten einen theoretischen Antisemitismus, eine Judenfeindlichkeit aus Büchern und Schriften. Die Übersetzung der Hetzschrift Die Protokolle der Weisen von Zion erreichte den Rang einer japanischen Bibel des Antisemitismus. Die Unsicherheit mit der fremden Materie wuchs, doch die Politik schwieg und überließ den Judenexperten und der Presse das Feld. Schon vor der japanischen Besetzung der Mandschurei (1932) entstand die Idee, die sprichwörtliche Macht der Juden für Japan zu nutzen. Der Antisemitismus mutierte zu einer Mischform aus verhaltener Judenphobie und strategischer Opportunität. Zweifel an der immer heftiger grassierenden Rassenideologie der Nazis blieben präsent.Für die Haltung Japans den Juden gegenüber war die Reichskristallnacht ein historischer Einschnitt. Die Entwicklung der japanischen Judenpolitik durchlief drei Phasen: Unsicherheit (1933-1937), Aufgeschlossenheit und Krise (1938-1941), Propaganda -Antisemitismus (1942-1945).“

(Heinz Eberhard Maul : Japan und die Juden, Bonn 2000, S.15-17).

Es wäre also zu viel von einem japanischen Philosemitismus zu sprechen, es war mehr ein taktisches Verhältnis basierend auf der Idee der Weltherrschaft der Juden, ein pseudo-utilitaristisches Verhältnis, aber darauf aufbauend stellte sich die japanische Regierung schützend vor die emigrierten Juden. Ob und inwieweit sie versucht haben auch etwas für die europäischen Juden zu tun, wird nicht näher dargestellt. Zumindestens in ihrem Bereich hat sich die damalige japanische Regierung schützend vor die Juden gestellt, auch wenn sie sie nach Pearl Harbor dann wieder etwas unfreundlicher behandelten .Wer mehr über das  alltägliche Leben der jüdischen Bevölkerung unter japanischer Besatzung  in China erfahren möchte, dem sei das Buch von Ernest G. Heppner „Fluchtort Shanghai—Erinnerungen 1938-1948″ empfohlen. Heppner kommt zu ähnlichen Schlussfolgerungen wie Heinz Eberhard Maul und begründet die japanische Haltung  den Juden gegenüber derfolgt:

„Die seltsam wohlwollende Einstellung der Japaner den Juden gegenüber wandelte sich nach Pearl Harbor. Bis dahin hatten wir oft darüber spekuliert, warum sie uns so gut behandelten.Damals konnten wir nicht ahnen, daß die pro-jüdische Politik Japans auf bestimmte Zirkel in der japanischen Regierung zurückzuführen war.Wir konnten nicht wissen, daß diese Haltung stark von einigen ranghohen japanischen Regierungsbeamten mit sehr merkwürdigen Ansichten über das jüdische Volk beeinflußt wurde. Es ist kaum bekannt, daß während des russisch-japanischen Krieges von 1904 der amerikanische Jude und Mitinhaber der Investment-Gesellschaft Kuhn, Loeb&Schiff, Jacob Schiff, den Japanern hohe und letztlich ausschlaggebende Kriegsanleihen gewährt und sich geweigert hatte, dem antisemitischen Zar Nikolaus II, ähnliche Gefallen zu erweisen. Folglich wurde ihm vom Kaiser persönlich der Orden der aufgehenden Sonne verliehen. Gebildete Japaner sprechen noch heute voller Respekt über ihn. Zudem hatten laut David Kranzler zwischen 1918 und 1922 die japanischen Streitkräfte Vorstöße nach Sibirien unternommen, um zusammen mit den Weißrussen die bolschewistische Armee daran zu hindern, bis zum Fernen Osten vorzudringen. Eine der bedauernswerten Folgen dieser Allianz zwischen weißrussischen und japanischen Offizieren, unter denen sich auch Captain Inuzuka befand, war, daß die Japaner dort zum ersten Mal mit einem Antisemitismus rudimentärster Form in Berührung kamen. Ihre russischen Mentoren versorgten sie mit Büchern, zum Beispiel dem denunziatorischen Werk von Sergius Nilus Die Protokolle der Weisen von Zion, das gerade ins Japanische übersetzt wurde.Die japanischen Offiziere vertrieben es später mittels ausgewählter staatlicher Agenturen. Diese Japaner, die niemals im Leben einem Juden begegnet waren und nicht das Geringste über das Judentum wußten, glaubten alles, was sie in besagten Protokollen lasen. Sie glaubten tatsächlich, daß diese imaginären Juden an einer Weltverschwörung beteiligt waren und Banken, Wirtschaft und Regierungen der westlichen Welt kontrollierten. Von daher also erklärte sich der Versuch der Japaner, die mächtigen Juden zu überreden, sich in den östlichen Teilen Chinas und der dünn besiedelten Mandschurei niederzulassen. Als 1939 unerwartet Tausende von jüdischen Flüchtlingen in Shanghai eintrafen, wurden einige dieser Offiziere, die die japanische Regierung für Judenexperten hielt, nach Shanghai versetzt. Captain Inuzuka von den Kaiserlichen Landungstruppen wurde zum Leiter des Büros für jüdische Angelegenheiten in Shanghai ernannt und war für alle jüdischen Angelegenheiten in den von Japan besetzten Teilen Chinas verantwortlich. Diese Gruppe von Experten argumentierte mit Nachdruck, daß es großen Einfluß auf die „mächtigen jüdischen Plutokraten“ haben würde, die das Schicksal von Amerika und England in den Händen hielten, wenn man die Juden freundlich behandelte. Im Glauben an die allgegenwärtige Macht der Juden und vielleicht sogar aus Angst vor Vergeltung, wenn man sie schlecht behandelte, erklärte der japanische Außenminister am 2.März 1939, daß die japanische Politik keine Diskriminierung der Juden beabsichtigte. Im November 1941, kurz vor dem Angriff auf Pearl Harbor, drängte Captain Inuzuka die Verantwortlichen der Aschkenasim, ein Telegramm an den unter Präsident Roosevelt dienenden jüdischen Finanzminister Henry Morgenthau jun. zu schicken, damit dieser versuchte, den bevorstehenden Krieg noch abzuwenden.“ (S.161 ff.)

Die japanischen Pläne gingen sogar soweit, dass sie ein eigenes jüdisches Siedlungsgebiet  in China errichten wollten, der sogenannte Fugu-Plan.

„Derlei Gedankenspiele gipfelten in der phantasmagorischen Idee einer großräumigen jüdischen Ansiedlung in Zentralchina, bis hin zum Fugu-Plan (fugu keikaku), eine Art japanisch-jüdischer Leviathan in Kleinformat“ ( Maul, S. 18)

Von jüdischer Seite kamen ähnliche Ideen—der Bergglas-Plan–so berichtet Ernest G. Heppner:

 „Am 21.Juni 1939 brachte die in amerikanischen Besitz befindliche Zeitung „Shanghai Evening Post& Mercury“eine aufregende Nachricht. Die Zeitung berichtete über einen vielversprechenden Vorschlag des bekannten deutschen Bankiers und Industriellen Jacob Bergglas, der hunderttausende europäische Juden in der Provinz Yünnan in Südwesten Chinas ansiedeln wollte.“

(Edgar G. Heppner: Fluchtort Shanghai, S.75)

Wären die Wendungen der Geschichte anders verlaufen, läge Israel möglicherweise heute nicht in Nahost, sondern in Fernost–verbündet mit Japan. Eine seltsame Vorstellung.

Über Ralf Ostner

Ralf Ostner geboren 1964 in Frankfurt am Main, 1984 Abitur in Bayern--Leitungskurse: Physik und Kunst/ Schülerzeitung. Studium der Physik (Nebenfächer: Mathematik, Chemie), Wirtschaftsgeographie (Nebenfächer: BWL, VWL) und Studium der Sinologie. 1991 Abschluss als staatlich geprüfter Übersetzer in der englischen und chinesischen Sprache am Sprachen- und Dolmetscher-Institut/München (Leiter der Chinesisch-Abteilung: Herr Zhang, ehemaliger Dolmetscher von Deng Xiaoping und Franz-Josef Strauß).Danach 5 Jahre Asienaufenthalt: China, Indien, Südostasien (u.a. in Kambodscha während des ersten Auslandseinsatzes der Bundeswehr, Interviews mit Auslandschinesen, Recherche im Karen-Guerillagebiet in Burma, Unterstützung einer UNO-Mitarbeiterin während den Aufständen in Nepal und bei UNO-Arbeit in Indien), Australien. Danach 5 Jahre als Dolmetscher, Delegationsbegleiter und Übersetzer in München. Abendstudium an der Hochschule für Politik /München (Schwerpunkt: Internationale Beziehungen). Abschluss als Diplom-Politologe (Diplomarbeit: Die deutsch-chinesischen Beziehungen 1989-2000 unter besonderer Berücksichtigung der SPD-Grünen-Regierung). Delegationsbegleitung von Hu Ping, Chefredakteur der chinesischen Dissidentenzeitung "Pekinger Frühling" (New York)und prominentester Vertreter eines chinesischen Liberalismus bei seiner Deutschlandtour (Uni München, Uni Mainz, Berlin/FU-Humboldt) bei gleichzeitigem Kontakt mit Liu Liqun (Autor des Buches "Westliches Denken transzendieren"/ heute: Deutschlandberater der chinesischen Regierung).Chefredakteur der Studentenzeitschrift UNIPOL . Projekte am Goethe-Institut und bei FOCUS TV. Seit 2000 Übersetzer (chinesisch-deutsch), Graphiker, freier Schriftsteller und Blogger.
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