Libyens Stämme–was will eigentlich die libysche Opposition?

Nachdem die ZEIT westliche Medien dafür kritisierte Ghaddafi aufgrund seiner Operettenuniformen und seltsamen Gewänder zur witzigen Popikone hochstilisiert zu haben, ist nun mehr zu vernehmen, dass all jene exotisch wirkenden Auftritte Ghaddafis vor allem der Rücksichtsnahme Ghaddafis auf die beduinische Stammeskultur geschuldet sind.Dass er mit Beduinenzelt und merkwürdigen Gewändern auf Staatsbesuch ging, war weniger für das Ausland bestimmt, sondern auf sein heimisches Publikum zugeschnitten.

Als Muammar Al-Ghaddafis Sohn, Saif vor laufender Kamera vor dem Staatszerfall Liybiens warnte und betonte, dass  Liyben anders als Ägypten und Tunesien sei und immer noch von Stammestraditionenen geprägt sei,wurde dies von Demokratisierungseuphorikern zunächst als Schutzbehauptung eines Despoten zum eigenen Machterhalt abgetan. Inzwischen sind aber auch in westlichen Medien, in Deutschland z.B. in FAZ und SPIEGEL,  vermehrt Berichte zu lesen, die genau diese Aussage bestätigen und die Geschichte Libyens nun vor allem als Stammesgeschichte darstellen.Zuerst wird einmal auf die Genese Liybens verwiesen, das nicht eigenständig , sondern als ein Gebilde des italienischen Kolonialismus entstand, der1934 die drei Provinzen Tripolitanien, Cyreineika und Fezzan zu einer Staatseinheit zusammenschloss. Erst 1951 erhielt Libyen unter König Idris, Anhänger des sufitischen Sunnitenordens der Senussi und aus der Cyreneika stammend, die Unabhängigkeit auf UNO-Beschluss. Das damalige Libyen hatte eine deutliche Westorientierung, Grossbritannien und die USA dort Militärstützpunkte, wie auch Libyen Mitglied der Arabischen Liga, der Organisation Afrikanischer Staaten und der UNO wurde,aber erst 1963 als Einheitsstaat proklamiert wurde. Zwar wurde ein Parlament pro forma gewählt, doch keine Parteien zugelassen. 1959 wurde Öl in Libyen entdeckt und 1969 putschte Luftwaffenhauptmann Ghaddafi, der daraufhin einen panarabischen und panafrikanischen Kurs einschlug, die Ölindustrie nationalisierte und den US-Militärstützpunkt Wheelus schloss und sich der Sowjetunion annäherte. Ghaddafi gehörte dem Stamm der Ghaddafa an, welcher recht klein war und ging daher Bündnisse mit den Stämmen der Warfallah (der ca.1 Millionen stark ist bei einer Einwohnerzahl Liybeny von 5,9 Millionen) und der Magariha ein.Ghaddafi baute auch keine Einheitspartei wie etwa Mubarak die NDP oder Ben Ali den RCD auf, noch liess er andere Parteien entstehen, sondern er setzte auf Beziehungsgeflechte, die sich auf gewisse Stämme stützten.

In Libyen gibt es 140 Stämme, von denen aber nur 30 politisch einflussreich sind.

Stammesperspektivisch verschob sich damit das Machtzentrum innerhalb Libyens von der Cyernaika, die mehr nach Ägypten orientiert war und aus der König Idris und seine Senussianhänger stammten hin zu Tripolitanien, das sich eher an den Maghreb orientierte und aus dessen Gebiet Gahddafis Stamm stammt, der zudem mit den Warfallah-Stamm blutsverwandt war. Vor allem während der darauffolgenden Machtkämpfe, stützte sich Ghaddafi zunehmend auf bis dahin zuverlässige Stämme—ähnlich wie Saddam Hussein sich tendenziell weniger auf die Baathpartei stützte, sondern immer mehr auf seine Stammesverwandten aus dem Gebiet Tikrits. Mit dem Magariha-Stamm stellte Ghaddafi mittels Heiratspolitik dauerhaftere Verbindungen her und der starke Mann des Magariha-Stammes, Oberst Abdullah al-Sanussi wurde Ghaddafis Sicherheitschef. Auch er ist mit Ghaddafi durch Heirat verwandt und gilt als Drahtzieher des Lockerbieanschlages und hält momentan immer noch an Ghaddafi fest. Doch auch die Verbindungen zu diesen Stämmen waren keineswegs widerspruchsfrei und so kam es schon in den 90ern zu politischen Differenzen und 1993 sogar zu einem Putschversuch gegen Ghaddafi:

Gaddafis Beziehungen zum Warfalla-Stamm sind von Rivalitäten geprägt, die in die neunziger Jahre zurückreichen: 1993 verhinderten die libyschen Sicherheitskräfte einen Umsturzversuch von Offizieren, unter ihnen zahlreiche Mitglieder der Warfalla, die angeblich unzufrieden waren, weil sie nur unwichtige Armeeposten erhielten und in der Luftwaffe im Vergleich zu Gaddafis Stamm unberücksichtigt blieben. Viele Stammesangehörige wurden danach festgenommen, gefoltert und hingerichtet.

Die Warfalla sollen wiederum dem Stamm der Magariha (oder Magarha) nahestehen, der sich schon in der Vergangenheit immer wieder mit Gaddafis Stamm überworfen hatte. Das zeigt auch das Beispiel der langjährigen „Nummer zwei“ des libyschen Regimes, Abdelsalam Dschallud: Der Kommandeur und zeitweilige Regierungschef, der den Magariha angehören soll, war zusammen mit Gaddafi an der Revolution beteiligt. Seit Mitte der neunziger Jahre ist er jedoch von der politischen Bühne verschwunden; laut Gerüchten steht er unter Hausarrest.

Dschallud hatte zuletzt Gaddafis Politik kritisiert und ihn vergebens gewarnt, das Magariha-Mitglied Abdul Baset Ali al Megrahi an den Westen auszuliefern. Die Warfalla sollen zudem gute Kontakte zum Stamm der Al Zintan unterhalten. Die Bewohner der gleichnamigen Stadt südlich von Tripolis gehörten zu den Ersten, die gegen Gaddafis Regime revoltierten. Bei Gaddafi könnte das jetzt beunruhigende Erinnerungen wecken: Angehörige der Magariha und der Al Zintan sollen auch an dem Putschversuch im Jahr 1993 dabei gewesen sein.

http://www.faz.net/s/Rub87AD10DD0AE246EF840F23C9CBCBED2C/Doc~E90FDB3CD8525446D93BB52981B4E44D6~ATpl~Ecommon~Scontent.html

Was theoretisch etwas problematisch ist, ist die Frage, ob diese Stämme wirklich solch homogene Blöcke bilden und ob sie sich als Gesamtheit von Ghaddafi  verabschieden. So sind Teile der Warfallah und Magariha immer noch  auf Ghaddafis Seite, während andere Mitglieder dieser Stämme auf der anderen Seite kämpfen. Es stellt sich also die Frage, ob die Stammesloyalität wirklich so prägnant ist. Schliesslich hat ja kein Stammesrat oder ein derartiges Gremium jemals offiziell erklärt, dass er sich als Stamm von Ghaddafi  lossagt oder zu ihm stellt, noch sind Sanktionen eines Stammesorgans gegen abtrünnige Stammesmitglieder bekannt geworden.Es dürfte also auch noch auf politische Einstellungen und auf den Besitz oder Nichtbesitz von Machtpositionen ankommen, die schwieriger zu analysieren sind als eben eine Stammeszugehörigkeit. Aber die Frage ist auch, ob mittels der Stammestheorie und dem Mahnen vor einer Somalisierung Libyens nicht westlicherseits die gedankliche Vorbereitung und Einstimmung auf einen starken Mann und prowestlichen Militärdiktator vorgenommen wird, der wahrscheinlich General Junis sein und der im Westen als der neue De Gaulle Libyens, speziell von Frankreich, verkauft werden könnte. Neben den Stämmen werden politikwissenschaftlich auch noch Clan- und Grossfamilien in den Städten als politisch einflussreich ausgemacht, über deren Zusammensetzung man aber in den Medien bisher nichts erfuhr. So erklärte der Nahostexperte Mattes:

Mattes: Politisch einflussreich waren und sind neben den traditionellen Stämmen die in Tripolis und den wenigen anderen großen Küstenstädten wie Bengasi, Misurata oder Zuwara lebenden Clan- oder Großfamilien. Aus diesen rekrutierten sich während der Sanusi-Monarchie bis 1969 Ministerpräsidenten und zahlreiche Minister – eine Entwicklung, die sich nach 1969 eingeschränkt fortsetzte.

http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,747115,00.html

Die Frage ist, wer die libyische Opposition ist und was eigentlich die Ziele der libyischen Opposition sind? Sind hier die Stämme auch so bestimmend? Gibt es eine Art Stammesrat wie etwa die Loja Djirga in Afghanistan? Davon hat man noch nichts gehört. Geht es nur um eine Neuverteilung des Stammesproporzes? Will die Opposition mehr föderative Elemente? Wollen einige Stämme eigene Barbareskenstaaten in den Ölenklaven gründen und somit eine Somalisierung und Staatenzerfall Libyens einleiten? Sind überhaupt Stammestrukturen so ausschlaggebend beim Nationalen Übergangsrat oder vielleicht auch nicht? Wollen die Mitglieder des Nationalen Übergangsrates Demokratie und einen Zentralstaat oder eine Konföderation aus Tripolitanien, Cyrenaika und Fezzan? Die Informationen über den Nationalen Übergangsrat sind sehr spärlich gestreut. Der ZEIT ist noch die umfassendste Darstellung zu entnehmen:

„Die Angst vor Anschlägen lässt eine Untergrund-Verwaltung wachsen, die nach nur vier Wochen so verschlungen und hermetisch ist, dass kaum mehr jemand einen Überblick hat. Der“vorläufige Übergangsrat „tagt im Geheimen, er besteht aus 31 Mitgliedern, die meisten Mitglieder sind Anwälte, nur von der Hälfte sind die Namen bekannt.Der Rat fungiert als eine Art Kriegsparlament, das alle Beschlüsse im Konsens fällt.Es gibt Nebenkammern und offizielle wie halb offizielle Beratergremien.Dem Rat beigestellt sind drei Komitees, das politische, das militärische und das außenpolitische. Ob der Übergangsrat Entscheidungen trifft oder nur Empfehlungen ausspricht, bleibt unklar. „Die dürfen nicht lange so weitermachen“, meinen viele in Bengasi, „sonst erhebt sich das Volk ein zweites Mal“.(…) Der Cousin des ersten und bisher einzigen libyischen Königs, der 1969 von Gahddafi gestürzt wurde,spaziert herein.Ahmed Zubiar el -Sanussi , der 31 Jahre und damit länger als Nelson Mandela in Haft saß,ist im Übergangsrat für die Gefängnisse derRevolution verantwortlich.Der 77-jährige ist ein charismatischer, sanfter und ausgleichender Mann. Nicht wenige in Bengasi sähen ihn gerne als Oberhaupt einer zukünftigen parlamentarischen Monarchie.“ (ZEIT Nr. 14 vom 31.März 2011, S.7)

König Idris hatte ja auch pro forma ein Parlament wählen lassen, das dann aber nichts zu sagen hatte.Ist sein Nachkomme zum Musterdemokraten mutiert? Aber im Rat sitzen auch viele ehemalige Gefolgsmänner Ghaddafis, vor allem als Vorsitzender des Nationalen Übergangsrat, General Junis oder der ehemalige Justizminister Ghaddafis. Ob diese Wendehälse auch wirklich eine Demokratie wollen, ist fraglich. Da der Kampf gegen Ghaddafi die Form des bewaffneten Kampfes angenommen hat, werden Menschen mit militärischer Erfahrung in der Opposition auch zunehmend wichtiger. Es scheint also tendenziell auf eine Stärkung der Position General Junis zuzulaufen, der als grosser Kriegsheld und Vorsitzender des Nationalen Übergangsrates eines Tages in Tripolis einmarschieren könnte. Ob er dann die Macht abgibt und nur eine Übergangsfigur wird oder ob er vielleicht ein prowestlicher Diktator wird, der aufgrund eines neuen Stammesproporzes herrscht, bleibt offen. Bisher konnte man auch noch keine offizielle Verlautbarung des libyischen Nationlrats zu seinen politischen Zielen lesen. Bisher einigt diese Gruppen nur die Losung „Weg mit Ghaddafi !!!“.  Was danach kommt, bleibt ungewiss.

Es ist auch interessant, dass die nach Libyen entsandten Teams des MI6 und der CIA nicht nur den Auftrag haben, Ghaddafis Stellungen auszukundschaften, sondern auch erst einmal Informationen zusammenzutragen, wer die libyische Opposition denn nun überhaupt ist und was sie will.Was und wen der Westen und die NATO dabei unterstützt, scheint sie selbst noch gar nicht so genau zu wissen.

Über Ralf Ostner

Ralf Ostner geboren 1964 in Frankfurt am Main, 1984 Abitur in Bayern--Leitungskurse: Physik und Kunst/ Schülerzeitung. Studium der Physik (Nebenfächer: Mathematik, Chemie), Wirtschaftsgeographie (Nebenfächer: BWL, VWL) und Studium der Sinologie. 1991 Abschluss als staatlich geprüfter Übersetzer in der englischen und chinesischen Sprache am Sprachen- und Dolmetscher-Institut/München (Leiter der Chinesisch-Abteilung: Herr Zhang, ehemaliger Dolmetscher von Deng Xiaoping und Franz-Josef Strauß).Danach 5 Jahre Asienaufenthalt: China, Indien, Südostasien (u.a. in Kambodscha während des ersten Auslandseinsatzes der Bundeswehr, Interviews mit Auslandschinesen, Recherche im Karen-Guerillagebiet in Burma, Unterstützung einer UNO-Mitarbeiterin während den Aufständen in Nepal und bei UNO-Arbeit in Indien), Australien. Danach 5 Jahre als Dolmetscher, Delegationsbegleiter und Übersetzer in München. Abendstudium an der Hochschule für Politik /München (Schwerpunkt: Internationale Beziehungen). Abschluss als Diplom-Politologe (Diplomarbeit: Die deutsch-chinesischen Beziehungen 1989-2000 unter besonderer Berücksichtigung der SPD-Grünen-Regierung). Delegationsbegleitung von Hu Ping, Chefredakteur der chinesischen Dissidentenzeitung "Pekinger Frühling" (New York)und prominentester Vertreter eines chinesischen Liberalismus bei seiner Deutschlandtour (Uni München, Uni Mainz, Berlin/FU-Humboldt) bei gleichzeitigem Kontakt mit Liu Liqun (Autor des Buches "Westliches Denken transzendieren"/ heute: Deutschlandberater der chinesischen Regierung).Chefredakteur der Studentenzeitschrift UNIPOL . Projekte am Goethe-Institut und bei FOCUS TV. Seit 2000 Übersetzer (chinesisch-deutsch), Graphiker, freier Schriftsteller und Blogger.
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