Chinas „preemptive strike“ gegen eine Jasminrevolution: Ai Weiwei verhaftet

Zwei Ereignisse in China sorgten für Aufgeregtheit in der deutschen Öffentlichkeit und Politik. Zum einen der Umgang mit der deutschen Ausstellung „Kunst der Aufklärung“ in Peking, mit deren Hilfe deutsche Kulturpolitiker den Chinesen mit viel Meissnerporzelan und Kants Schuhen die Ideale der Aufklärung nahezubringen gedenken. Zeitgleich wurde bei der deutschen Delegation der Sinologe Tilmann Spengler ausgeladen, der sich zuvor für den chinesischen Nobelpreisträger , Unterzeichner der Charta 08 und Topdissidenten Liu Xiaobo stark gemacht hatte.Dem Affront schloss sich nun die Verhaftung des prominenten Künstlers Ai Weiwei an, der bisher noch nicht die rote Linie überschritten hatte, sich offiziell in einer chinesischen Dissidentenorganisation zu organisieren, aber durch regierungskritische Kunstbeitträge auffiel.Die Frage ist, warum die chinesischen Behörden gerade jetzt Ai Weiwei unter dem Vorwand illegaler Geschäfte verhaftet haben. Offensichtlich scheint, dass die Jasminrevolutionen in den arabischen Staaten die KP China ordentlich verschreckt hat und diese daher übervorsichtig reagiert –vor allem nach dem anonymen Aufruf chinesischer Jasminrevolutinäre im Internet, Portestspaziergänge in Chinas öffentlichen Plätzen abzuhalten. Thomas Barnett spricht vom einem Übergang der chinesischen Oppositionskontrolle von preventive zu pre-emptive. Preventiv/präventiv bdeutet, einen Dissidenten festzunehmen, wenn er sich staatsfeindlich organisieren will, wie z.B.Liu Xiaobo, der ja konkret auch ein Programm eines Staatssturzes namens Charta 2008 verfasste und veröffentlichte. Präventiv wurde hier also ein faktischer Disident aus dem Verkehr gezogen, bevor er sich überhaupt organisieren konnte. Bei Ai Weiwei ist es „preemptive“, da er noch nicht einmal offiziell beabsichtigte, sich zum Staatsfeind zu organisieren, sondern schon die sanfte Staatskritik als potentielle OrgainsationsMÖGLICHKEIT aufgefasst wurde. Bevor sich also Ai Weiwei sich noch organisieren wollte, wurde er verhaftet.Das erinnert schon ein wenig an den US-Film „Minority Report“. Ai Weiwei hätte ja das Potential ein neuer Liu Xiaobo oder Havel zu werden, vielleicht sogar der Präsident eines demokratischen Chinas. Er ist also aus Sicht der KP China durchaus eine potentiell ernstzunehmende Gefahr., da er in ganz China bekannt ist wegen des Olympiastadions, das er entwarf.Ein Public Enemy No.1. Deswegen soll er schon preemptiv kalgestellt werden und der Bevölkerung zur Abschreckung signalisiert werden, dass selbst ein solch prominenter Nationalheroe wie der Architekt des chinesischen Olympiastadions nicht sicher ist.Umgekehrt wäre einmal interessant die chinesischen Bemühungen zu analysieren, den Deutschen und aller Welt chinesische “Kultur” in Form der Konfuzius-Institute beizubringen.Ob die auch so aufklärerisch sind oder nicht mehr den kollektivistisch-autoritären Geist verbreiten?
Dass die chinesische Regierung jetzt bereit ist, ihren kritischen Vorzeige- und Alibikünstler zu opfern, zeigt, dass der KP China im Ernstfall die soft power und ihr Image in der Welt relativ egal ist.So überraschend kommt dies nicht: Schon beim Tiananmen-Massaker kümmerte sich die KP China nicht um ihr Image, sondern liess 1989 vor laufenden Kameras die Studenten und Arbeiter erschiessen.Warum sollte sie also bei Ai Weiwei zögern? Eine Berliner Uni hat nun Ai Weiwei einen Gastprofessorenposten angeboten. Hiermit erhofft man sich scheinbar, einen glimpflichen Abgang für Ai Weiwei zu finden in der Hoffnung, dass er keine lange Haftstrafe erhält, sondern ins Exil abgeschoben werden kann. Es wird sich zeigen, ob die KP China und  Ai Weiwei diese goldene Brücke nutzt oder aber beide hart bleiben, um ihre Entschlossenheit zu demonstrieren.

Über Ralf Ostner

Ralf Ostner geboren 1964 in Frankfurt am Main, 1984 Abitur in Bayern--Leitungskurse: Physik und Kunst/ Schülerzeitung. Studium der Physik (Nebenfächer: Mathematik, Chemie), Wirtschaftsgeographie (Nebenfächer: BWL, VWL) und Studium der Sinologie. 1991 Abschluss als staatlich geprüfter Übersetzer in der englischen und chinesischen Sprache am Sprachen- und Dolmetscher-Institut/München (Leiter der Chinesisch-Abteilung: Herr Zhang, ehemaliger Dolmetscher von Deng Xiaoping und Franz-Josef Strauß).Danach 5 Jahre Asienaufenthalt: China, Indien, Südostasien (u.a. in Kambodscha während des ersten Auslandseinsatzes der Bundeswehr, Interviews mit Auslandschinesen, Recherche im Karen-Guerillagebiet in Burma, Unterstützung einer UNO-Mitarbeiterin während den Aufständen in Nepal und bei UNO-Arbeit in Indien), Australien. Danach 5 Jahre als Dolmetscher, Delegationsbegleiter und Übersetzer in München. Abendstudium an der Hochschule für Politik /München (Schwerpunkt: Internationale Beziehungen). Abschluss als Diplom-Politologe (Diplomarbeit: Die deutsch-chinesischen Beziehungen 1989-2000 unter besonderer Berücksichtigung der SPD-Grünen-Regierung). Delegationsbegleitung von Hu Ping, Chefredakteur der chinesischen Dissidentenzeitung "Pekinger Frühling" (New York)und prominentester Vertreter eines chinesischen Liberalismus bei seiner Deutschlandtour (Uni München, Uni Mainz, Berlin/FU-Humboldt) bei gleichzeitigem Kontakt mit Liu Liqun (Autor des Buches "Westliches Denken transzendieren"/ heute: Deutschlandberater der chinesischen Regierung).Chefredakteur der Studentenzeitschrift UNIPOL . Projekte am Goethe-Institut und bei FOCUS TV. Seit 2000 Übersetzer (chinesisch-deutsch), Graphiker, freier Schriftsteller und Blogger.
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