Filmkritik: Gran Torino–Amerikas Wiedergutmachung für den Vietnamkrieg–Suizid als Reaktion auf Asiens Aufstieg

 

Kaum ein Krieg hat in den USA solch ein Trauma hinterlassen wie der Vietnamkrieg. Während die Great Generation noch auf den 2.Weltkrieg stolz war, Korea noch eine Art Patt war, stellte Vietnam die ultimative Niederlage dar und demoralisierte die US-Nation bis in die Grundfesten. Seitdem gab es zahlreiche Filme, die den Vietnamkrieg versuchten zu verarbeiten.Während der erste kritische Film mit „Hanoi“-Jane Fonda das Schicksal eines Vietnamsoldaten, der zum Krüppel geschossen wurde, thematisierte, brachte Deer Hunter von John Milius ( auch Regisseur von“Conan, der Barbar“) mit Robert de Niro eine eher patriotisch-proletarisch-rassistische Darstellung des Vietcong. Bei Francis Coppolas „Apocalypse Now“ ist man sich nicht klar, ob dies ein Antikriegsfilm sein soll, da die Szene einer Napalmbombadierung eines vietnamesischen Dorfes mit der Musik von Wagners Walkürenritt schon kriegsästethisch-verherrlichend ist wie Ernst Jünger, der einst meinte, dass ein gutes Glas Champagner vor dem Hintergrund einer brennenden Stadt im Kriege sehr schön sei, da sich die Feuersbrunst in den Sektperlen wiederspiegelten.Auch wird gerade diese Szene heute schon bei dem US-Militär zur Anheizung der Soldaten als Propagandafilm gebracht.“Rambo“mit Sylvester Stallone war auch mal wieder eine Trauerapologie auf den gefallenen Vietnamveteranen, der in den USA seine Achtung erkämpfen muss, wobei er dann aber in den darauffolgenden Teilen wieder heldenhaft für US-Kriegsgefangene in Vietnam, für Djihaddsiten in Afghanistan und dann gegen die Militärjunta in Burma kämpft.“Full Metal Jacket“von Stanley Kubrich ist bestenfalls ambivalent.

Der Filmemacher, der in den 90ern das Vietnamtrauma am dominierendsten aufarbeitete war Oliver Stone. Sein mehrteiliger Epos zog sich über „Platoon“ zu „Born on the 4th of July“ bis zu „Zwischen Himmel und Erde“. Während die ersten beiden Vietnamfilme immer nur die US-Perspektive der poor US-boys hatten, war „Zwischen Himmel und Erde“ das erste Mal, dass die Lebensgeschichte eines konvertierten Vietcongmädels erzählt wurde—erstmals eine vietnamesische Sicht des Krieges, wenngleich mit buddhistischem Vergebungskitsch. Der Film kam in die Kinos nachdem Clinton erstmals versuchte, die Beziehungen mit Vietnam wieder zu normalisieren.

Ich lernte 1992 Clintons Agrarexperten in Saigon kennen, der mit einem französischen Landwirtschaftfachmann nach Vietnam gekommen war, um das Potential Vietnams als zukünftigem Reisexporteur auszukundschaften und neben einem Friedensmarathon in Ho-Chi- Minh-City von US- und Vietcong-Kriegsveteranen erste Kontakte anzubahnen. Dies waren die ersten Vietnamkontakte des damaligen Gouverneurs von Arkansas, Clinton, der damals noch gar nicht als US-Präsident gehandelt wurde, aber ein wesentlicher Antreiber des Aussöhnungskurses wurde. Es war ein Indikator, dass es in den USA Kräfte gab, die eine Wiederherstellung der Beziehungen mit Vietnam suchten. Unter Clinton wurde dies auch Regierungspolitik und Oliver Stones Film war hierzu die propagandistische Begleitung, die in der Filmindustrie diesen aussenpolitischen Wandel reflektierte. Südvietnamesische Oppositionsgruppen drohten US-Kinos damals noch mit Bombenanschlägen falls sie „Zwischen Himmel und Erde“ zeigten, was dann aber nicht geschah. Aber es war ein Zeichen, dass Amerika mit Vietnam und Asien „ins Reine“ kommenwollte.

Ähnlich ist auch der Hintergrund von Grand Torino. Es ist ein patriotischer Wiedergutmachungsfilm, der die Grenze zum Symbolkitsch deutlich überschreitet.Das kollektive Unterbewusstsein Amerikas spiegelt sich hier wieder: Während des Vietnamkrieges hatte die CIA im Regierungsauftrag den Minderheiten- und Bergstamm der Hmong gegen den Vietcong aufgerüstet und diesen dann ebenso schnell fallen lassen, als der Erfolg ausblieb. Dies wird heute noch von US-Patrioten und Hmong-Vertretern als Verrat der USA an den Hmong gesehen, der für diese tödliche Folgen hatte.

“Gran Torino“ ist die filmische Wiedergutmachung für diesen „Verrat“, in dem ein rassistischer US-Kriegsveteran—gespielt von Clint Eastwood-, der ein leidenschaftlicher Asiatenhasser ist, sich zum Guten wendet, Gefallen am Volk der Hmong findet und letzlich für die Hmongs den Opfertod stirbt. In der Schlussszene liegt er mit waagrecht ausgebreiteten Armen wie der gekreuzigte Jesus am Boden und wird somit symbolisch zum Märtyrer erhoben. Gran Torrino ist der Alternativ-Dirty Harry, nur eben mit dem Unterschied, dass er die Bösewichte am Ende nicht abmetzelt, sondern dies indirekt und subtiler tut, in dem er sich von ihnen erschiessen lässt und diese somit lebenslänglich hinter Gitter bringt.

Law and Order bleibt wie bei Dirty Harry, aber diesmal streng rechsstaatlich und vornehmlich anitrassitisch. Dass dies eine Hmonggang ist, die ihn erschiesst, soll wohl eher die Unterscheidung zwischen guten und schlechten Asiaten aufmachen—die Hmonggang steht eher für den Vietcong und wird als solche besiegt.Es ist auch bezeichnend,dass der Koreaveteran seine Vorliebe nicht für die mächtigen Chinesen, Japaner oder Japaner hat,sondern für die kleinen, von den USA verratenen Hmong.Im ganzen Film wird jedoch auf den Aufstieg Asiens und die Auseinandersetzung der absteigenden Weltmacht Amerika mit dem aufstrebenden Asien immer wieder angespielt, der Katalysator manch rassistischer antiasiatischer Einstellungen in den USA ist. So war im Film der US-Koreaveteran, den Clint Eastwood spielt, (wohlgemerkt: ein Koreakriegsveteran und kein Vietnamkriegsveteran–Korea als der saubere Krieg, bei dem die USA noch nicht ihre Verbündeten wie die Hmongs verrieten und alle amerikanischen Autos noch reinrassig amerikanisch waren–er verkörpert das noch „unschuldige“ und gute Amerika der 50er Jahre) noch US-Autohändler in der Zeit als alle Autos noch „Made in USA“  waren und es hiess: „Was gut ist für Generral Motors ist auch gut für Amerika“—so eben sein Gran Torino, der dann von einem Asiaten gestohlen wird und Auslöser dieses Kleinkrieges wird. Sein Sohn arbeitet ebenso als Autohändler, aber vertreibt unpatriotisch japanische Autos und hat auch keinen Familiensinn mehr, sondern möchte ihn, seinen Vater,  in ein Altersheim abschieben, um dessen Haus zu erben.Eine wirkliche Famile und Heimat findet der US-Veteran dann bei dem Volke der Hmong, die in seiner Nachbarschaft wohnen und gegenüber denen er zuvor Vorurteile hegte, die sich langsam abbauen, bis er sich eben sogar für sie opfert.Paternalistisch und patriachalisch bleibt dieser Film allemal: Hmongs oder Asiaten können ihre Probleme nicht selber lösen, es braucht immer den US-amerikanischen Grossen Bruder dazu–und halt in diesem speztiellen Fall einen echt harten Mann alter Schule wir Dirty Harry und Clint Eastwood, bei dem rassitsiche Kommentare, die gegen die Political Correctness verstossen („Schlitzaugen“, „Bambusratten“,“Reisfresser“,etc.) natürlich nur gut und nie ernst gemeint sind und nur auf den edlen Charakter seines Schöpfers hinweisen sollen.Dirty Harry versucht zig Umerziehungsversuche, um das Hmong-Weichei in einen echt stahlhaften US-Krieger umzumodelln, aber am Ende traut er es sich und seiner eigenen Intelligenz nur selbst zu stellvertretend für die Hmong seinen Feldzug zu führen.Die guten Hmongs : zu doof und/oder zu sanft, um selber ihre Probleme zu lösen.

Alternative Freunde meinten, dass dieser Film ein zu lobendes  antirassistisches Meisterwerk sei. Ich halte ihn eher für ein recht durchschaubaren patriotisch-kitschigen Wiedergutmachungsfilm, der aber einen guten Einblick in die Verfasstheit der USA gibt. Die neue Achtung der US-Amerikaner vor den Asiaten dürfte wohl eher von deren steiler wirtschaftlichen Erfolgsgeschichte resultieren, denn auf Humanität oder Antirassismus von US-Hardlinern. Dass ein Gran Torrino heute gar nicht mehr und wenn zumeist in China und Japan gefertigt wird, ist das herausstechende Symbol.Von daher ist es für US-Hardliner schwer sich vorzustellen, dass das Nationalsymbol General Motors ein sinoamerikanisches Joint Venture und die erste wirklich globale Automobilfirma werden könnte, wie dies etwa der US-Amerikaner John-Milligan-Whyte vorschlägt.Ein reinrassiger Grand Torrino soll wohl ein reinrassiger Grand Torrino bleiben, aber verschwindet halt wie der US-Veteran Clint Eastwood, wenn er sich mit den Asiaten einlässt.Scheinbar fällt US-Hardlinern nichts mehr anderes ein als der Opfertod anstatt sich mit den neuen asiatischen Mächten zu arrangieren.Für diesen Machismus: Auto, Frau, reinrassig USA steht Grand Torino und Clint Eastwood.Freilich opfert sich der „Made in the USA“-Gran Torino-Fanatiker aus quasirationalen Gründen, da er Lungenkrebs hat und nicht mehr lange zu leben hat. Für Asiaten opfert man sich nicht einfach so, sondern nur wenn man nichts mehr zu gewinnen hat. Allen anderen US-Amerikanern sei empfohlen vielleicht doch über eine langlebigere Kooperation mit den Asiaten nachzudenken.

Lesetip: John Milligan-Whyte: How the US car industry can survive

http://english.people.com.cn/90001/98705/99725/7237648.html

http://english.peopledaily.com.cn/90001/98705/99725/7082238.html

Über Ralf Ostner

Ralf Ostner geboren 1964 in Frankfurt am Main, 1984 Abitur in Bayern--Leitungskurse: Physik und Kunst/ Schülerzeitung. Studium der Physik (Nebenfächer: Mathematik, Chemie), Wirtschaftsgeographie (Nebenfächer: BWL, VWL) und Studium der Sinologie. 1991 Abschluss als staatlich geprüfter Übersetzer in der englischen und chinesischen Sprache am Sprachen- und Dolmetscher-Institut/München (Leiter der Chinesisch-Abteilung: Herr Zhang, ehemaliger Dolmetscher von Deng Xiaoping und Franz-Josef Strauß).Danach 5 Jahre Asienaufenthalt: China, Indien, Südostasien (u.a. in Kambodscha während des ersten Auslandseinsatzes der Bundeswehr, Interviews mit Auslandschinesen, Recherche im Karen-Guerillagebiet in Burma, Unterstützung einer UNO-Mitarbeiterin während den Aufständen in Nepal und bei UNO-Arbeit in Indien), Australien. Danach 5 Jahre als Dolmetscher, Delegationsbegleiter und Übersetzer in München. Abendstudium an der Hochschule für Politik /München (Schwerpunkt: Internationale Beziehungen). Abschluss als Diplom-Politologe (Diplomarbeit: Die deutsch-chinesischen Beziehungen 1989-2000 unter besonderer Berücksichtigung der SPD-Grünen-Regierung). Delegationsbegleitung von Hu Ping, Chefredakteur der chinesischen Dissidentenzeitung "Pekinger Frühling" (New York)und prominentester Vertreter eines chinesischen Liberalismus bei seiner Deutschlandtour (Uni München, Uni Mainz, Berlin/FU-Humboldt) bei gleichzeitigem Kontakt mit Liu Liqun (Autor des Buches "Westliches Denken transzendieren"/ heute: Deutschlandberater der chinesischen Regierung).Chefredakteur der Studentenzeitschrift UNIPOL . Projekte am Goethe-Institut und bei FOCUS TV. Seit 2000 Übersetzer (chinesisch-deutsch), Graphiker, freier Schriftsteller und Blogger.
Dieser Beitrag wurde unter Allgemein veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

1 Response to Filmkritik: Gran Torino–Amerikas Wiedergutmachung für den Vietnamkrieg–Suizid als Reaktion auf Asiens Aufstieg

  1. Ralf Ostner sagt:

    Ein Bekannter aus der USA kommentierte hierzu:

    „Whether a large portion or majority of Americans have a single view of the Vietnam war, I cannot say. If the movie you speak of is hugely popular, „a box office hit“, as we say, that might be some evidence of how the US population thinks about the war; but again, more than one reason can explain why a movie is a „hit“ in addition to a „message“ or „meaning“ the movie is thought to have.

    I think movies , at least the great majority of Hollywood movies, are intended as an entertainment product, which its producers hope will be financially successful. I don’t look to a movie (whose interpretation or meaning is always a matter of opinion and controversy) to find out „what Americans think/believe‘ about any topic. Again, perhaps the degree of popularity of a movie may be evidence for deciding what Americans think about something. But „Gone with the Wind“ was the most popular movie ever in the US, yet I don’t know if that movie is evidence of „what Americans think about the Civil War.“ „

Kommentare sind geschlossen.