China: Kulturkampf um Meister Konfuzius geht in die nächste Runde

 

Nachdem die KP China das Konfuziusdenkmal auf dem Platz des Himmlischen Friedens mit viel propagandistischem Aufwand im Januar 2011 aufgestellt hatte, ist es nun über Nacht mysteriöserweise und ganz kleinlaut wieder verschwunden. Seitdem kocht die Gerüchteküche in China. Während die KP China sich hierzu noch nicht offiziell geäussert hat, versucht die regierungsnahe Global Times unpolitische Motive in den Vordergrund zu stellen: Das neue Denkmal würde repariert und in einigen Tagen wieder zurückgebracht. Eine andere Deutung: Das Konfuziusdenkmal sei kein amtlich anerkanntes Gebilde und bedürfe daher noch der behördlichen Genehmigung. Nationalmuseumsdirektor Lü Zhangsheng erklärte, die Konfuziusstatue habe nichts mit Politik zu tun, sondern sei rein kulturell zu verstehen. Diese Erklärungen nehmen sich etwas sonderlich aus für ein Land, in dem Konfuzius schon immer politisch höchst umstritten war und in dem es in der Geschichte auch immer wieder Kampagnen gegen Meister Kong und seine Apologeten gegeben hat—sei es nun die Verfolgung der Konfuzianer unter dem Kaiser Qin Shihuang oder aber die Anti-Konfuziuskampagne unter Mao. So schreibt auch James Wang in der Tapeih Times:

The display of statues of Confucius and Mao together in Tiananmen Square represents a major battle for status between Confucianism and Maoism in China and this struggle clearly shows that China is not the “harmonious society” the Chinese government would like us to believe. There is obviously more than meets the eye behind Hu’s sudden backtracking.

http://www.taipeitimes.com/News/editorials/archives/2011/04/30/2003502025

Internetblogger stellen nun Spekualtionen über die Hintergründe des Verschwindens des Konfuzius an. Zum einen wird die zeitliche Nähe zur Verhaftung von Ai Weiwei und anderen chinesischen Oppositionellen ins Spiel gebracht. So meint ein chinesischer Internetblogger ironisch:“Vielleicht wird Meister Konfuzius auch Wirtschaftsverbrechen verdächtigt“. Ein anderer scherzt: Konfuzius sei schliesslich nicht Mitglied der Kommunistischen Partei.

Ein anderer meint, dass Konfuzius mit Moral geherrscht habe, Mao hingegen mit den Gewehrläufen und Gewalt. Von daher sei es logisch, wenn die KP China Maos Blick nicht auf Konfuzius schweifen lassen will. Ebenso wird der KP China gerade jene Moralität abgesprochen, die Konfuzius vertritt. Andere Blogger wiederum sind der Ansicht, dass dies ein Zeichen für das Erstarken des linken Parteiflügels in der KP China ist.Dieser wiederum meldete sich auf der Website maoflag zu Worte und begrüsste die Entfernung des „sklavenhaltenden Magiers“:

But the website maoflag.net, a popular forum for old-school fans of the Communist Party, celebrated Confucius’s removal, showing a picture on its front page of the statue with the character „demolish“ superimposed on top.“The statue of the slave-owning sorcerer Confucius has been driven from Tiananmen Square!“ crowed „Jiangxi Li Jianjun.“

http://uk.reuters.com/article/2011/04/22/oukoe-uk-china-conficius-idUKTRE73L0ZK20110422

War Konfuzius eigentlich dazu gedacht, systemaffirmierend und sytemstabilisierend zu wirken, so hat sich nun der Streit um die Deutungshoheit fortgesetzt und hat die KP China mit dem Entfernenlassen der Statue diesen selbst ordentlich angefacht. Die Berufung der KP China auf Konfuzius hat nun auch Taiwan veranlasst, darüber nachzudenken, ob man nicht vier Bände seiner Annalen als Prüfungsgrundlage für Taiwans Studenten verwenden soll, damit Taiwans Untertanen ideologisch im Kulturkampf,.wer nun der bessere Konfuzianer sei mit ihren festlandschineischen Brüdern und Schwestern mithalten können:

As China was busy honoring Confucius, the Taiwanese Ministry of Education also just happened to announce that it will be listing the Four Books of Confucianism as “basic teaching materials for teaching Chinese culture” and that it will make the study of them compulsory in senior high school in the hope that the 2,000-year-old teachings can be a super-fix for complex problems, such as school bullying and drug use among students.(…)

In the recent battle between Confucius and Mao, Confucius has lost and the people who decided to erect the statue in Tiananmen Square could be in serious trouble. Taipei has been emphasizing Confucius as a model for the times by reviving the old practices of revering Confucius and studying the Confucian canon. However, the recent “disappearance” of the statue in China and the fact that it is unlikely to ever see the light of day again, is very interesting.

If Confucius doesn’t re-appear, this would be a good thing, as it would save Taiwanese students from being forced to recite his scriptures.

http://www.taipeitimes.com/News/editorials/archives/2011/04/30/2003502025/2

Gar so bildungswütig wie es die Ideale des Konfuzianismus vorsehen, scheinen die vorgeblich konfuzianisch geprägten chinesischen und taiwanesischen Studenten und Schüler denn auch wieder nicht zu sein.

Lesetip: Global Review/ China, Konfuzius und der Kampf um die Deutungshoheit (Archiv)

Über Ralf Ostner

Ralf Ostner geboren 1964 in Frankfurt am Main, 1984 Abitur in Bayern--Leitungskurse: Physik und Kunst/ Schülerzeitung. Studium der Physik (Nebenfächer: Mathematik, Chemie), Wirtschaftsgeographie (Nebenfächer: BWL, VWL) und Studium der Sinologie. 1991 Abschluss als staatlich geprüfter Übersetzer in der englischen und chinesischen Sprache am Sprachen- und Dolmetscher-Institut/München (Leiter der Chinesisch-Abteilung: Herr Zhang, ehemaliger Dolmetscher von Deng Xiaoping und Franz-Josef Strauß).Danach 5 Jahre Asienaufenthalt: China, Indien, Südostasien (u.a. in Kambodscha während des ersten Auslandseinsatzes der Bundeswehr, Interviews mit Auslandschinesen, Recherche im Karen-Guerillagebiet in Burma, Unterstützung einer UNO-Mitarbeiterin während den Aufständen in Nepal und bei UNO-Arbeit in Indien), Australien. Danach 5 Jahre als Dolmetscher, Delegationsbegleiter und Übersetzer in München. Abendstudium an der Hochschule für Politik /München (Schwerpunkt: Internationale Beziehungen). Abschluss als Diplom-Politologe (Diplomarbeit: Die deutsch-chinesischen Beziehungen 1989-2000 unter besonderer Berücksichtigung der SPD-Grünen-Regierung). Delegationsbegleitung von Hu Ping, Chefredakteur der chinesischen Dissidentenzeitung "Pekinger Frühling" (New York)und prominentester Vertreter eines chinesischen Liberalismus bei seiner Deutschlandtour (Uni München, Uni Mainz, Berlin/FU-Humboldt) bei gleichzeitigem Kontakt mit Liu Liqun (Autor des Buches "Westliches Denken transzendieren"/ heute: Deutschlandberater der chinesischen Regierung).Chefredakteur der Studentenzeitschrift UNIPOL . Projekte am Goethe-Institut und bei FOCUS TV. Seit 2000 Übersetzer (chinesisch-deutsch), Graphiker, freier Schriftsteller und Blogger.
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