Rezension: Achim Wohlgethan– Schwarzbuch Bundeswehr

Rezension: Guntram Gattner

Überfordert, demoralisiert, im Stich gelassen – mit diesem Untertitel kann die Gesamtsituation der Bundeswehr aus der Sicht des Autors sicherlich gut zusammen gefasst werden. Und dieser desolate Zustand wird deutlich und ausführlich dargestellt. Als ehemaliger Zeit- und Berufssoldat kann ich aus eigener Erfahrung gerade den geschilderten Ausrüstungsmangel fast uneingeschränkt bestätigen, vor allem was die Vorgehensweise bis zu Einführung des jeweiligen Ausrüstungsmaterials betrifft. In anderen Streitkräften bereits gewonnene Erfahrungen mit bereits existierendem, aber eben nicht in Deutschland hergestellten Wehrmaterial werden nicht in die Beschaffungsüberlegungen einbezogen, es bleibt stets bei Lippenbekenntnissen, und gerne entwickelt man mit hohem Kostenaufwand neue Produkte für den Wehrbereich. Ein Wettbewerb wird somit von vornherein ausgeschlossen. Da muss man nicht beim Transporthubschrauber anfangen, das kannte man schon von der geplanten Einführung eines Gefechtsrucksackes.. Im Einsatz erfahrene Armeen wie z.B. die britische Armee oder auch die Special Forces der US Army testeten einfach zivile Rucksäcke auch deutscher Firmen, ließen sie dann nach dem jeweiligen Placet der Begutachter in Tarnfarben herstellen, und das war`s. Kein großartiges Rüstungsprojekt, und bestimmt Kosten gespart. Die Berichte des Autors zum Kampfhubschrauber Tiger oder  auch zum immer noch nicht einsatzbereiten Militärtransportflugzeug  von EADS sind mehr als glaubwürdig, sie zeigen die völlig bar aller Kostenüberlegungen laufenden Beschaffungsvorhaben der Bundeswehr in ihrem ganzen Ausmaß. Sicherlich haben auch andere Armeen mit Lobbyismus zu kämpfen, die Bundeswehr erhält allerdings nicht rechtzeitig das gewünschte Gerät, das andere Streitkräfte schon seit Jahren erfolgreich im Einsatz haben, siehe z.B. den Apache- Kampfhubschrauber der niederländischen Streitkräfte, die in Afghanistan seit Jahren wertvolle Unterstützung leisten.

Letzten Endes zeigt sich hier der Mangel eines fehlenden Einsatzkonzeptes, besser: einer Strategie, die sich lange Zeit im sogenannten Weißbuch wieder fand. Die arg schnelle Abschaffung der Wehrpflicht verschärft sicherlich die Lage der Bundeswehr. Sie war insofern konsequent, als dass mittels einer nur sechsmonatigen Wehrpflichtdauer sicherlich von Einsatzfähigkeit geschweige Abschreckung die Rede sein konnte. Der Autor ist froh, dass der Schritt zur Abschaffung der Wehrpflicht getan wurde, weil auch die Truppe darunter „litt“. Gleichwohl greift hier seine Argumentation zu kurz, da auch die Verkürzung der Wehrpflicht ohne großen Protest seitens der Bundeswehrführung und auch ohne große wehrpolitische Diskussion erfolgt ist. Alle wollten sich Lieb Kind machen, der scheinbare Wählerwille war ausschlaggebend. Immerhin weist Achim Wohlgethan darauf hin, dass durch die Aussetzung der Wehrpflicht der Bundeswehr die Intelligenz verloren geht. In Frankreich, das schon Erfahrung mit den Folgen der Abschaffung der Wehrpflicht hat, wird seitens der Militärführung dieser Qualitätsschwund schon zugegeben, bei den Amerikaner kennen wir das geringere Ausbildungsniveau noch aus Zeiten des Kalten Krieges, als USA und Großbritannien schon über reine Berufsarmeen verfügten, wobei die britische Armee da weniger Probleme hatte, da zumindest das Dienen als Offizier für die gebildeten Klassen die normalste Sache der Welt war und ist.

Insgesamt ein informatives und spannend geschriebenes Sachbuch zum Thema Bundeswehr, an manchen Stellen sicherlich übertreibend, das gleichwohl vor allem der interessierte Laie bzw. nichtdienende Zivilist lesen sollte. Das hier gezeigte Bild der Bundeswehr kommt der Wahrheit ziemlich nahe. Es schärft den Blick für die notwendige Diskussion, wie wir in Zukunft unsere Armee ausrichten und ausrüsten sollten. Hoffentlich wird diese Diskussion auch geführt. Das Verhalten der Bundesregierung nach den Aufständen in Lybien gibt allerdings wenig Anlass zur Hoffnung.

C. Bertelsmann, 19,99 €

Über Ralf Ostner

Ralf Ostner geboren 1964 in Frankfurt am Main, 1984 Abitur in Bayern--Leitungskurse: Physik und Kunst/ Schülerzeitung. Studium der Physik (Nebenfächer: Mathematik, Chemie), Wirtschaftsgeographie (Nebenfächer: BWL, VWL) und Studium der Sinologie. 1991 Abschluss als staatlich geprüfter Übersetzer in der englischen und chinesischen Sprache am Sprachen- und Dolmetscher-Institut/München (Leiter der Chinesisch-Abteilung: Herr Zhang, ehemaliger Dolmetscher von Deng Xiaoping und Franz-Josef Strauß).Danach 5 Jahre Asienaufenthalt: China, Indien, Südostasien (u.a. in Kambodscha während des ersten Auslandseinsatzes der Bundeswehr, Interviews mit Auslandschinesen, Recherche im Karen-Guerillagebiet in Burma, Unterstützung einer UNO-Mitarbeiterin während den Aufständen in Nepal und bei UNO-Arbeit in Indien), Australien. Danach 5 Jahre als Dolmetscher, Delegationsbegleiter und Übersetzer in München. Abendstudium an der Hochschule für Politik /München (Schwerpunkt: Internationale Beziehungen). Abschluss als Diplom-Politologe (Diplomarbeit: Die deutsch-chinesischen Beziehungen 1989-2000 unter besonderer Berücksichtigung der SPD-Grünen-Regierung). Delegationsbegleitung von Hu Ping, Chefredakteur der chinesischen Dissidentenzeitung "Pekinger Frühling" (New York)und prominentester Vertreter eines chinesischen Liberalismus bei seiner Deutschlandtour (Uni München, Uni Mainz, Berlin/FU-Humboldt) bei gleichzeitigem Kontakt mit Liu Liqun (Autor des Buches "Westliches Denken transzendieren"/ heute: Deutschlandberater der chinesischen Regierung).Chefredakteur der Studentenzeitschrift UNIPOL . Projekte am Goethe-Institut und bei FOCUS TV. Seit 2000 Übersetzer (chinesisch-deutsch), Graphiker, freier Schriftsteller und Blogger.
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1 Response to Rezension: Achim Wohlgethan– Schwarzbuch Bundeswehr

  1. Ralf Ostner sagt:

    Das Phänomen, dass teure nationale Rüstungsprojekte trotz anderer funktionsfähigerer konkurrierender ausländischer Rüstungsgüter dennoch betrieben werden, ist für mich eher ein klarer Indikator, dass der Erhalt einer eigenen nationalen Rüstungsindustrie in den politischen Überlegungen Priorität hat.Es scheint hier ein gewisses Autarkiedenken zu geben, das die heimische Rüstungsproduktion und die Armee unabhängig von ausländischen Zulieferungen machen möchte.Von daher erklären sich mir auch die ewigen Wehklagen über mangelnde Kosteneffizienz, die ja auch in dem Buch „Seemacht Deutschland“anklingen.
    Nun, ob Deutschland keine Stratgie hat, weiss ich nicht.In den Weissbüchern werden ja gerade die verteidigungspolitischen Strategien definiert.Diese müsste man dann erläutern und analysieren und mit der Bundeswehrstruktur und Rüstungsprogrammen vergleichen.Dies scheint das Buch aber nicht zu leisten, oder? Es gibt aber auch immer diese Diskussionen, ob die Bundeswehr mehr nationalen, europäischen, transatlantischen oder internationalen Interessen dienen soll. Viele sehen ja z.B. den Afghanistankrieg schon nicht mehr im nationalen Interesse und De Maizieres Ankündigung, dass die Bundeswehr in Zukunft internationalen Interessen, vor allem der UNO dienen soll steht ja auch in der Kritik. Dabei bleiben diese Diskussionen, was jetzt eigentlich die Interessen sind,immer etwas vage. Soll sich die Bundeswehr auf Landesverteidigung beschränken oder mehr eine internationale Interventionsarmee. werden? Die Zurückhaltung bei Libyen ist für mich ein Indiz, dass die deutsche Regierung vor allem auf Landesverteidigung setzt, internationale NATO-Einsätze eher beschränken möchte und Afghanistan als bündnisnotwendiges, aber lästiges Enagement ansieht, das die Ausnahme von der Regel ist.

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