Danny Lowinski—TV-Anwältin für Unterschichten–Juristen im Wandel der Zeiten

Lange Zeit waren Juristen aufgrund des 3. Reiches ein wenig angesehener Berufsstand. Aus 2 Gründen. Zum einen verdeutlicht das der68  Slogan“ Deutschland-ein Land der Dichter und Denker? Deutschland-ein Land der Richter und Henker!“. Mit Juristen brachte man vor allem die NS-Justiz und den Volksgerichtshof samt Freißler in Verbindung. Desweiteren den hinterhältigen, ausgefuchsten „Winkeladvokaten“.Zudem galten Juristen, wie auch Jurastudenten als elitäre, für das Establishment, die Herrschenden und Reichen gegen das Volk agierende Werkzeuge des Kapitals, vornehmlich konservativer und rechter Gesinnung. Also als Repressionsmaschine. Der in linken Kreisen inflationär gebrauchte Witz vom Rechtstaat als Rechts-Staat sei als Indiz hierfür genommen. In den 68ern kam dann als neuer Typ der linke Anwalt, , der sich für die unterdrückten Schwachen und das Volk einsetzte. Selbst die RAF sperrte im eigenen Jargon auch Vertreter des Systems in sogenannte Volksgefängnisse und hielt ihre linke Art von linkem Volksgerichtshof ab.Linke Anwälte verteidigten in Mieterinitiativen, Arbeitsloseninitiativen, etc. das Volk und linke Protestler. Am berühmtesten wurde das Sozialistische Anwaltskollektiv mit Christian Ströbele und Horst Mahler, sowie der damals linksliberale Anwalt Otto Schily, die von konservativer Seite sehr verkürzend und denunziatorisch  als „RAF-Anwälte“ bezeichnet wurden.Zu derartiger Prominenz kamen kaum noch andere linke Juristen. Seit den 80er Jahren erfolgte zudem die „geistig-moralische Wende“ unter Kohl und der Neokonservatismus der Reagan- und Thatcherregierung.Von nun an verdingten sich Anwälte in den Medien wieder für gehobenere Bevölkerungsschichten und wurden Yuppieanwälte en vogue. Dominierte in den Medien der 70er Jahre z. B. der in einem Wohnmobil hausende , in saloper Kleidung rumlaufendeTV-Anwalt Petrocelli noch das Bild des Juristen, so änderte sich dies mit „L.A. Law“in den 80ern, als die Anwälte nur noch geschniegelt und gestriegelt herumliefen—ähnlich wie der Paradigmenwandel anhand von Serien wie „Reich und arm“ zu „Reich und schön“abzulesen war. In den 90ern war die beliebteste Anwaltsserie Ally Mc Beal,in der weniger Fälle mit sozialem Hintergund gebracht wurden, sondern exotische Grenzfälle von Transsexualität bis zu Psychomacken. Seit 2010 gibt es nun wieder eine Anwältin des Volkes: „Danny Lowinski“—die 1-Euroanwältin, die ihre Kanzelei in Form eines Klapptisches FDP-ideologisch und selbstinitiativ in einem Einkaufszentrum eröffnet, mit ihrem kiffenden 68er Vater in einer Plattenwohnsiedlung wohnt und sich primär aus Dosenbier zu ernähren scheint. Danny Lowinski, polnischstämmig verteidigt von Reichen ausgebeutete Arbeitsimmigranten, Sexualstraftäter und ärmere Schichten, die von den Immobilienspekulationsgeschäften von Banken übers Ohr gehauen wurden und die Danny Lowinski zumal unter Zuhilfenahme kleinkrimineller Methoden zur sozialen Gerechtigkeit führt.In Zeiten, wo die Löhne der einkommensschwächeren Einkommensgruppen seit 2000 um 20% gesunken sind und zunehmender „sozialer Kälte“, ist solch eine Anwältin des Volkes auf dem Unterschichtenkanal quasi ein Muss. Denn so wird suggeriert, dass der kleine Mann doch sein Recht verteidigen kann und auch noch siegt.Die Fälle wirken alle etwas konstruiert, wie auch ihre Happy- End-Lösungen, die im realen Leben wohl nie so stattfinden werden, zumal erst recht nicht ,wenn man keine Rechtsschutzversicherung hat und selbst dann nur begrenzt. Ausser Zweifel steht die ganz normale, juristisch legale Ausbeutung breiter Teile der Bevölkerung.Es ist ja eben gerade nicht illegal, Löhne zu drücken,Mieten zu erhöhen, Sozialhilfe zu kürzen,in gewinnträchtige Objekte zu investieren, Arbeiter und Angestellte länger arbeiten zu lassen, Kündigungen vorzunehmen, etc. Das ist alles ganz legal und auch nicht einklagbar , d.h. der normale Betriebsgang des Kapitalismus steht ausser jeglichem Zweifel und wird affirmiert.Im Fokus stehen nur extreme Entgleisungen, bei denen ja jeder zustimmen und den Kopf schütteln kann.Am besten sieht man ja wie erfolglos auch Sammelklagen gegen Banken im Windschatten der Immobilien- und Finanzkrise bleiben. Gerade die formelle Gleichbehandlung aller Bürger vor dem Recht, egal ob reich oder arm, egal ob mit Macht und Kapital ausgestattet oder eben nicht, führt ja eben–wie auch der Konzentrationsprozess des Kapitalismus in einer ganz normalen Marktwirtschaft zu einer Machtzunahme ersterer.Die Reichen und Mächtigen können sich eben ganze Anwaltskanzeleien leisten, Prozesse bis ad infinitum verschleppen, bestechen, Politiker einschalten, Gutachten zu ihren Gunsten anstellen, etc., während eine dahergelaufene 1- Euro-Anwältin mit begrenzt formaljuristischem Wissen und mangelnden Kapazitäten dies eben nicht kann. Es siegt eben doch das Recht des Stärkeren im realen Leben—ganz sozialdarwinistisch. Wer kann sich ohne oder aber auch mit Rechtsschutzversicherung einen längeren Prozess gegen eine mächtigere Partei leisten ohne selbst Gefahr zu laufen bankrott oder aber über beide Ohren verschuldet zu werden, zumal ja beide Parteien vor dem Gesetz gleichberechtigt behandelt werden?Welcher 1- Euro-Jobber könnte sich eine derartige 1- Euro-Anwältin (pro Minute) leisten, die zumal im Realleben gar nicht existiert?Zudem habe ich auch noch nie einen Anwalt mit Klapptisch  in einem Einkaufszentrum angetroffen.Zum 1-Eurojobber und „Haste mal `ne Mark“-Bettler soll es medial nun eben auch die passende 1- Euro-Anwältin geben. Dagegen spricht zwar schon einmal die Gebührenordnung der Anwälte, aber die Privatmedien setzen eben an dieser aus den materiellen Engpässen der Unterschichten entspringenden Hoffnung auf einen Verteidiger ihrer Existenz an und produzieren die dazugehörigen, deshalb quotenträchtigen TV-Illusions-Anwälte.So wie es den proletarischen Bullen Horst Schimanski gab, so eben auch die proletarische Anwältin des Volkes Danny Lowinski.Aber eben in echt nicht!!

Über Ralf Ostner

Ralf Ostner geboren 1964 in Frankfurt am Main, 1984 Abitur in Bayern--Leitungskurse: Physik und Kunst/ Schülerzeitung. Studium der Physik (Nebenfächer: Mathematik, Chemie), Wirtschaftsgeographie (Nebenfächer: BWL, VWL) und Studium der Sinologie. 1991 Abschluss als staatlich geprüfter Übersetzer in der englischen und chinesischen Sprache am Sprachen- und Dolmetscher-Institut/München (Leiter der Chinesisch-Abteilung: Herr Zhang, ehemaliger Dolmetscher von Deng Xiaoping und Franz-Josef Strauß).Danach 5 Jahre Asienaufenthalt: China, Indien, Südostasien (u.a. in Kambodscha während des ersten Auslandseinsatzes der Bundeswehr, Interviews mit Auslandschinesen, Recherche im Karen-Guerillagebiet in Burma, Unterstützung einer UNO-Mitarbeiterin während den Aufständen in Nepal und bei UNO-Arbeit in Indien), Australien. Danach 5 Jahre als Dolmetscher, Delegationsbegleiter und Übersetzer in München. Abendstudium an der Hochschule für Politik /München (Schwerpunkt: Internationale Beziehungen). Abschluss als Diplom-Politologe (Diplomarbeit: Die deutsch-chinesischen Beziehungen 1989-2000 unter besonderer Berücksichtigung der SPD-Grünen-Regierung). Delegationsbegleitung von Hu Ping, Chefredakteur der chinesischen Dissidentenzeitung "Pekinger Frühling" (New York)und prominentester Vertreter eines chinesischen Liberalismus bei seiner Deutschlandtour (Uni München, Uni Mainz, Berlin/FU-Humboldt) bei gleichzeitigem Kontakt mit Liu Liqun (Autor des Buches "Westliches Denken transzendieren"/ heute: Deutschlandberater der chinesischen Regierung).Chefredakteur der Studentenzeitschrift UNIPOL . Projekte am Goethe-Institut und bei FOCUS TV. Seit 2000 Übersetzer (chinesisch-deutsch), Graphiker, freier Schriftsteller und Blogger.
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