Kambodscha: Pol Pot und der Agrarkommunismus

Bei den vielen Dokumentationen und Werken über Pol Pot und die Roten Khmer fiel mir immer wieder auf, wie wenig es Schriftliches ihrer Seite über sich selbst gibt. Während Lenin, Mao, Stalin, Ho Chi Minh, ja selbst Castro als Vielschreiber bezeichnet werden können, die deutsche Linke lange und oft aus ihren gesammelten Werken oder Maobibeln zitieren konnte, ist über PolPot und die Roten Khmer scheinbar nicht viel Schriftliches erhalten oder aber zumindestens nicht veröffentlicht worden.Als ich 1992 in Kambodscha war, konnte ich trotz intensiver Recherche keine Texte von Pol Pot oder seine Handlangern erhalten. Es schien kaum Zitierfähiges und Gedrucktes zu geben. Über Umwege stiess ich dann über das Archiv des Kommunistischen Bundes Westdeutschland (KBW) auf eine Doktorarbeit von Pol Pots rechter Hand Khieu Samphan, die er während seiner französischen Studentenzeit verfasst hatte—sehr zum Gefallen seines Professors und die in einer KBW-Zeitung in voller Länge veröffentlicht wurde. Doch auch wenn man sich diese Schrift durchliest, wird zwar die kambodschanische Wirtschaft als Kolonialwirtschaft geschildert, aber keineswegs klar, welchen Ausweg der Autor denn zu gedenken nimmt.Während man in China oder der Sowjetunion die Werke Mao Tsetungs oder Stalins lesen und  rezitieren können musste, sie quasi Allgemeinwissen waren, scheint es dies in Kambodscha nicht gegeben zu haben.Es gab zwar einen Personenkult um Pol Pot, aber schriftliche Werke von ihm scheinen dabei nie eine Rolle gespielt zu haben. Auch in der damaligen westlichen Linken finden sich zwar immer ellenlange Zitate von Mao, Stalin, Castro, Ho Chi Minh, aber eben –mit Ausnahme von 3 KBW-Artikeln- nie von Pol Pot. Man kann Vermutungen anstellen, warum dies so war. Vielleicht liegt dies auch in der Logik des Roten Khmer-Antiintellektualismus- und Agrarkommunismus, der lesende Menschen als schon quasi bürgerlich-bourgoise und damit reaktionäre Klasse sah, die man ausrotten musste. In Pol Pot-Kambodscha wurden ja auch Menschen ermordet, weil sie Brillen trugen und somit als Lesende und Gebildete, damit als potentielle Feinde angesehen wurden.

Pol Pots gesammelte Werke, eine Maobibel auf kambodschanisch oder aber eine Art „Mein Kampf“ scheint es nicht gegeben zu haben. Dabei hielten die Roten Khmer all ihre Verhöre in ihren Konzentrationslagern pedantisch fest, sind auch innerparteiische Dokumente erhalten. Aber von Pol Pot und seiner KPK scheinen bis heute noch kaum interne Briefwechsel, Erklärungen oder Dokumente vorzuliegen. Ob dies nun an der Geheimhaltung der Angkar lag oder diese allesamt vernichtet wurden, ist nicht zu klären. Auffällig ist jedoch, dass bisher noch kein Dokumentarfilm, linke Kenner der damaligen Szene oder die Vertreter des Internationalen Gerichtshofes derartige Dokumente zitiert haben. Es ist schon seltsam, dass es von Pol Pot und seinem engeren Umkreis von der französischen Zeit bis heute keinerlei schriftliche Zeugnisse geben soll. Oder werden sie einfach nicht ausgewertet und verbleiben Dokumentationen lieber an der gruseligen Oberfläche der Roten Khmer, die sich sensationslüsternd mehr an den Grausamkeiten des Pol-Pot-Regimes ergötzt ?

Pol Pots Agrarkommunismus—Sonderweg zum sowjetischen, vietnamesischen  und chinesischen Modell

Ob Lenin,Stalin. Mao oder Ho Chiminh—alle befassten sie sich in ihren Programmen mit einem alternativem Industrialisierungsprogramm zum Westen, das diesen überholen sollte. Alle sahen einen streng planwirtschaftlichen Weg dahin und sahen im Kapitalismus vor allem den Kolonialismus. Doch es gab schon die ersten Unterschiede: Während die Sowjetunion vor allem Hochtechnolgie und Gross- und Schwerindustrie förderte, sah Maos Industrialisierungsplan vor allem die Massenlinie vor, die mit kleinen Hochöfen in jedem Hinterhof mittels des Grossen Sprungs nach vorn die Stahlproduktion Chinas vorantreiben sollte.Maos Revolution unterschied sich auch von der russischen, da sie vor allem die Bauern im Zentrum hatte. Ho Chiminh versuchte mittels der Kollektivierung der Landwirtschaft und der Förderung der Schwerindustrie ebenso sein Land voranzubringen. Ganz anders wiederum Kambodscha unter Pol Pot: Die erste Massnahme war, die Städte zu entvölkern, die städtische Bevölkerung in Agrarkommunen umzusiedeln und mittels eines riesigen Bewässerungssystems eine Art Agrarkommunismus herzustellen. Weder Lenin noch Stalin noch Mao noch Castro noch Ho Chi Minh wäre jemals auf die Idee gekommen, ihre Grosstädte zugunsten eines Agrarkommunismus zu entvölkern. Zwar ähnelten Pol Pots Agrarkommunen den chinesischen Volkskommunen, doch waren diese auf Ausbeutung der Bevölkerung angelegt—der Nahrungsmittelverbrauch wurde anders als in China völlig reduziert und diese Agrarkommunen glichen militärische  Konzentrationslagern, bei denen das möglichste an Arbeitsleistung aus der Bevölkerung herausgepresst wurde. Eine eiserne Reisschüssel wie in China gab es jedoch nicht.

Die Hungerskatastrophe in China ist mehr dadurch zu erklären, dass die Bauern wegen der eisernen Reisschüssel sich so richtig vollassen und dann die landwirtschaftliche Produktion ausging. Während es in Kambodscha unter Pol Pot eine absolute Hungersration von Anfang an gab. Aus den Menschen sollte das Extremste herausgeholt werden und in ihrem Begriff von Produktivität wollten sich die Khmer Rogue in nichts überbieten lassen. Hungern und maximales Arbeiten fürs Vaterland war die Devise. Ihr Konzept des Agrarkommunismus stellt eben auch den wesentlichen Unterschied zur Sowjetunion, China und Vietnam dar. Der Pol-Pot-Kommunismus wollte eine egalitäre Agrargesellschaft, die sich frei machte von den Zwängen der Grossstädte.Ebenso schien sich Pol Pot sehr reaktionär auf die alte Blütezeit der Angkor-Wat-Kultur Kambodschas zurückzubesinnen, als Kambodscha noch ein mächtiges Reich war und die Menschen scheinbar unverdorben in einer zentralstaatlich gesteuerten hydraulischen Gesellschaft entlang der Bewässerungssysteme des Mekong lebten.Von daher war der Agrarkommunismus der Roten Khmer eine durchwegs reaktionäre Ideologie, die von alten Mythen und Legenden eines prosperierenden Khmer-Reiches zehrte. Die Frage ist bisher ungeklärt: Warum und ab wann entwicklete Pol Pot seine Idee des Agrarkommunismus, die ja vom industriellen Fortschrittsdenken der anderen kommunistischen Parteien sehr offensichtlich abweicht? Entstanden diese Ideen schon in seiner Zeit in Frankreich–vielleicht als Ausfluss der Rousseauschen Idee des edlen Wilden, den er im industriell unberührten, bäuerlichen Naturmenschen sah? Oder als Reaktion mit seinen Erfahrungen mit der kapitalistischen Industriegesellschaft Frankreichs, die ihn vielleicht abstiess ? Oder erst später als Zuspitzung der maoistischen Ideen eines Kommunismus, der auf die Bauernklasse als Hauptsubjekt setzt? Oder waren da eben auch nationalistische Gedanken im Spiel, wonach die Khmer-Kultur in der hydraulischen Agrargesellschaft von Angkor-Wat ihren Höhepunkt hatte? Oder war Pol Pots Aufenthalt in China in den 60ern und Maos Bauernkommunismus samt Volkskommunen das inspirierende Grunderlebnis? Es gibt mit David Chandler , Short und Matthias Böhme mindestens 3 Autoren, die die Deutung des Pol-Pot-Agrarkommunismus als Ausfluss Rouseauscher (und Sartrescher) Ideen teilen:

Pol Pot and his cohorts, many of whom were educated in France and received militant training from the French Communist Party, boasted that they were influenced by Jean Paul Sartre’s doctrine of “necessary violence” and Jean Jacques Rousseau’s charge that the perfect state must “possess men and all their powers.” On the way towards establishing the Marxist paradise, therefore, Pol Pot – whose brother-in-law said: “Pol Pot thought that he was above everyone else on the whole planet … a god on earth” – eliminated Cambodia’s property and business owners and its intellectual class. And faithful to Rousseau’s dictum that “cosmopolitanism” was the rooot of all evil, Pol Pot ordered the depopulation of the nation’s urban centers.

http://www.thecatholicthing.org/columns/2011/cambodias-genocide-and-catholic-slaughter.html

Die Gründe für diese beispiellose Radikalität wurzeln nicht zuletzt in ihrer Ideologie. Sie umfaßte neben dem Marxismus-Leninismus auch eine besondere anthropologische Vision: In einem jeden Mensch, so glaubten die Roten Khmer, schlummere eine egalitäre Haltung, die den Gedanken des Eigentums nicht kenne und mit der sich private Interessen sofort den öffentlichen beugten. Es waren die Ideen des französischen Philosophen Jean Jacques Rousseau (1712–1787), die sie dazu inspirierten. Einige der Führer der „Roten Khmer“ hatten sich mit ihnen vertraut gemacht, als sie in den 1950er Jahren in Frankreich, der einstigen Kolonialmacht studiert hatten – allen voran Pol Pot selbst, der, wenn auch erfolglos, einige Semester Radioelektronik belegt hatte. Um einen neuen Menschen zu „erziehen“, versuchten die Roten Khmer, das abzuschaffen, was nach ihnen für dessen alleinige Korruption verantwortlich war: die moderne Großstadt mit ihrem Bürgertum. Auch darin folgten sie Rousseau, denn dieser pries das ländliche Leben und sah die Stadt als Hort von Laster und Entfremdung an, in der man nicht mehr wagt, „als der zu erscheinen, der man ist“.

http://www.webarchiv-server.de/pin/archiv09/0320090117paz35.htm

 

At the same time, Sâr developed the distinctive ideology which made the CPK very different from all other Marxist-Leninist parties. He mistrusted the working class, relying instead on the poor peasantry whom he saw as the incarnation of Rousseau’s ‘noble savage’ (Short, 2004).

http://www.massviolence.org/Saloth-Sar-Pol-Pot

Weitere Fragen wären:Hatten die Khmer-Rogue so etwas wie eine Wirtschaftstheorie? Hatten sie (5-oder 10-)Jahrespläne, wie dies etwa die Sowjetunion, Nordkorea, China oder Vietnam hatten? Falls ja, wäre ja mal interessant, was sie als Planvorgaben hatten.Gab es überhaupt Sollziele oder war die Devise eher: So hart arbeiten, wie möglich und möglichst viel rausholen? Wer war eigentlich Wirtschaftsminister unter Pol Pot und gab es überhaupt solch einen Posten? Oder war Pol Pots Ökonomie nur auf Subsistenzautarkie angelegt, da Reichtum und ein Mehrprodukt die Leute nur dekadent macht und ideologisch degeneriert ? War Wirtschaftswachstum überhaupt eine Kategorie der Khmer Rogue? Und: Hatte PolPot völkisch-rassistische Elemente in seiner Ideologie, die von einem überlegenen bäuerlichen Khmer-Volk von Blut, Boden und Scholle ausging und Minderheiten wie vietnamesisch- oder chinesischstämmige Kambodschaner oder aber die muslimischen Chams ethnisch ausrotten wollte? All diese Fragen bleiben leider in den bisherigen Publikationen noch offen und wären einmal näher zu untersuchen.

Über Ralf Ostner

Ralf Ostner geboren 1964 in Frankfurt am Main, 1984 Abitur in Bayern--Leitungskurse: Physik und Kunst/ Schülerzeitung. Studium der Physik (Nebenfächer: Mathematik, Chemie), Wirtschaftsgeographie (Nebenfächer: BWL, VWL) und Studium der Sinologie. 1991 Abschluss als staatlich geprüfter Übersetzer in der englischen und chinesischen Sprache am Sprachen- und Dolmetscher-Institut/München (Leiter der Chinesisch-Abteilung: Herr Zhang, ehemaliger Dolmetscher von Deng Xiaoping und Franz-Josef Strauß).Danach 5 Jahre Asienaufenthalt: China, Indien, Südostasien (u.a. in Kambodscha während des ersten Auslandseinsatzes der Bundeswehr, Interviews mit Auslandschinesen, Recherche im Karen-Guerillagebiet in Burma, Unterstützung einer UNO-Mitarbeiterin während den Aufständen in Nepal und bei UNO-Arbeit in Indien), Australien. Danach 5 Jahre als Dolmetscher, Delegationsbegleiter und Übersetzer in München. Abendstudium an der Hochschule für Politik /München (Schwerpunkt: Internationale Beziehungen). Abschluss als Diplom-Politologe (Diplomarbeit: Die deutsch-chinesischen Beziehungen 1989-2000 unter besonderer Berücksichtigung der SPD-Grünen-Regierung). Delegationsbegleitung von Hu Ping, Chefredakteur der chinesischen Dissidentenzeitung "Pekinger Frühling" (New York)und prominentester Vertreter eines chinesischen Liberalismus bei seiner Deutschlandtour (Uni München, Uni Mainz, Berlin/FU-Humboldt) bei gleichzeitigem Kontakt mit Liu Liqun (Autor des Buches "Westliches Denken transzendieren"/ heute: Deutschlandberater der chinesischen Regierung).Chefredakteur der Studentenzeitschrift UNIPOL . Projekte am Goethe-Institut und bei FOCUS TV. Seit 2000 Übersetzer (chinesisch-deutsch), Graphiker, freier Schriftsteller und Blogger.
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7 Responses to Kambodscha: Pol Pot und der Agrarkommunismus

  1. Johannes Thiedig sagt:

    Herr Ostner,

    in der KBW-Zeitung Kommunismus und Klassenkampf gab es am 22. Januar 1979 den Abdruck von Texten der Roten Khmer, eventuell von Pol Pot:

    Die großartigen Siege der kampucheanischen Revolution unter der richtigen und klaren Führung der Kommunistischen Partei Kampucheas (27. September 1977);

    Laßt uns weiterhin entschlossen das Banner des Sieges der ruhmreichen Kommunistischen Partei Kampucheas hochhalten, um das Demokratische Kampuchea zu verteidigen, die sozialistische Revolution fortzuführen und den Sozialismus aufzubauen (27. September 1978);

    Erklärung vom 5. Januar 1979.

    Die Jungs vom KBW haben ja echt jedem Abschaum die Stange gehalten…

  2. Ralf Ostner sagt:

    Herr Thiedig,

    danke für die Literaturtips. Ich hatte auch schon mal im KBW-Archiv angefragt, aber sie hatten mich nie auf diese Erklärungen der KPK verwiesen–mit Ausnahme eben der Doktorarbeit Khieu Samphans.Interessant auch, wer alles im KBW rumgurkte:

    „Einige seiner ehemaligen Mitglieder waren später in der Bundes- und Landespolitik in führenden Positionen erfolgreich (Reinhard Bütikofer, Winfried Kretschmann, Ursula Lötzer, Krista Sager und Ulla Schmidt).“

  3. Aljoscha Ortmann sagt:

    Hallo Hr.Ostner,

    Ich Interessiere mich seit einiger Zeit für die jüngere Geschichte Kambodschas, insbesondere die Khmer Rouge Jahre. Die 3 Artikel die Herr Thiedig ansprach habe ich alle zuhause. Man kann sie bestellen unter http://www.archivsozialebewegungen.de Ich glaube 50 cent pro Blatt. Habe sie gelesen, sie stammen alle von Pol Pot. Man erfährt mehr über seine Denkweise und wie straff er seine Partei organisiert hat. Ansonsten scheint er mir nicht sonderlich Intelektuell. Es gibt auch verschiedene Bücher zu dem Thema: z.B. Geschichten von Überlebenden wie ,,Du mußt überleben mein Sohn!“ von Pin Yathay oder ,,Der weite Weg der Hoffnung“ von Loung Ung. Was sehr schwer zu bekommen ist (wegen begrenzter Auflage) aber gleichzeitig sehr lesenswert ist ,,Der Reis und das Blut – Kambodscha unter Pol Pot“ von Harry Thürk (Ich empfehle es in der Bibliothek zu leihen, wenn die es nicht haben können die es auch per Fernleihe aus einer anderen Bibliothek leihen). Sachbücher wie ,,Die Kinder der Killing Fields – Kambodschas Weg vom Terrorland zum Touristenparadies“ von SPIEGEL – Autor Erich Follath ist auch zu empfehlen. Ansonsten gibts ja auch noch das Worl Wide Web;) Hoffe ich konnte etwas weiterhelfen!
    Würde mich freuen von ihnen zu hören
    P.S. Habe gehört das Pol pot in seinen letzten Jahren seinem Sekretär Tep Khunnal noch seine Memoiren und auch die Geschichte der Roten Khmer sowie seine Ideologie diktiert hat (sollte wohl so etwas wie sein ideologisches Vermächtnis sein).
    Leider sind diese Aufzeichnungen laut Aussage des Sekretärs bei einem Angriff von Regierungstruppen vernichtet worden. Tja schade drum, hätte zu gern gewußt wie er die Sache beurteilt.

    MFG

    Aljoscha

  4. Ralf Ostner sagt:

    Hallo Herr Ortmann,

    herzlichen Dank für die Literaturtips–ich habe schon gleich mal beim KBW-Archiv nochmals nachgefragt.Jedenfalls scheint es nicht so etwas wie Pol Pots Gesammelte Werke zu geben oder Schriften wie sie Lenin, Stalin oder Mao verfasst haben.Vielleicht wollte das Pol Pot ja noch später verfassen, aber wie sie schreiben, scheinen alles Ansätze dahin vernichtet worden zu sein–aus welchen Gründen auch immer.Die Bücher über die Roten Khmer haben aber meist eben immer den Makel, dass sie nicht aus den wenigen zugänglichen Materialien mal einiges im O-Ton zitieren. Es überwiegen die Augenzeugen- und Opferberichte–Interviews mit den Roten Khmer oder Exzerpte aus deren Schriften finden sich extrem selten–sind eher die Ausnahme.So z.B. auch das Kambodscha-Buch des SPIEGELs, wo zwar ausführlich Prinz Sihanouk interviewt wird, aber über die Roten Khmer selber kaum etwas kommt.

  5. Ralf Ostner sagt:

    Hallo Herr Thiedig, hallo Herr Ortmann,

    so einfach ist das nicht mit dem KBW-Archiv. Meine erneute Anfrage wurde derfolgt beantwortet:

    „Lieber Ralf Ostner,
    sofern mit Kommunismus und Klassenkampf das Theoretische Organ des KBW gemeint ist, ist das ohne Datum sondern mit durchgehender Nummernzählung erschienen. In den entsprechenden Ausgaben Septemmber 77, 79 etc. habe ich keine entsprechenden Artikel gefunden.
    Was andere Schriften betrifft, empfehle ich unser Broschürenverzeichnis zu durchsuchen. Die entsprechende PDF ist über unsere Homepage durchsuchbar.
    Mit freundlichen Grüßen
    Volkmar Vogt“

  6. Aljoscha Ortmann sagt:

    Hallo Hr. Ostner,

    Habe nochmal nachgeschaut, sie müssen wie oben genannt auf die Internetseite des Archivs gehen dann gehen sie auf ,,Bestände“ dann auf ,,Broschüren“ und klicken dann ,,Online – Verzeichnis“ an. Da sehen sie das Alphabet, und gehen auf P und K. Dort sind verschiedene Artikel, wie die von ihnen gesuchten und andere vorhanden.
    Wen sie die gewünschten Artikel ausgewählt haben, schicken sie eine Mail mit den Konkreten Artikel hin. Dann werden die rausgesucht, kopiert und zu ihnen geschickt.
    Vorher müssen sie aber das Geld überweisen.
    Dann müssen die nämlich nicht suchen und wissen direkt Bescheid.

    MFG

    Aljoscha Ortmann

  7. Ralf Ostner sagt:

    Ein sehr guter Artikel, der auch einmal einen Katalog der offenen Fragen aufstellt ist bei GLOBKULT von Lutz Götze zu lesen–Artikel und Link unten:
    ———————————————————————————————————————–

    Warum Diktatur und Völkermord? Das Pol Pot-Regime
    MITTWOCH, DEN 02. JUNI 2010 UM 13:25 UHR

    von Lutz Götze
    Offiziell dauerte das Schreckensregime des Pol Pot und seiner Kumpane der Roten Khmer nicht einmal vier Jahre, genauer: vom 18. April 1975 bis zum 7. Januar 1979. Doch in Wahrheit brachte sich der Großteil der politischen Führung und des Militärs vor den anstürmenden vietnamesischen Truppen in westlicher Richtung in Sicherheit: Im Regenwald, nahe der thailändischen Grenze mit dem Hauptquartier in Anlong Veng, tobte der Terror weiter. 1998 starb dort Bruder Nr. 1, wie sich Pol Pot nennen ließ, friedlich. Das Morden freilich wurde fortgesetzt bis zum Jahre 2002; dann tauchten die noch lebenden Verbrecher in der kambodschanischen Gesellschaft unter. Die meisten leben 2010 immer noch, unbehelligt von Verfolgung oder Bestrafung. Fünf führende Repräsentanten des Democratic Kampuchea (DK) stehen derzeit vor Gericht, darunter Deuch, der Kommandant des Schreckensgefängnisses Tuol Sleng (S 21), in Phnom Penh, der als Einziger teilweise seine Schuld vor Gericht eingestand, freilich im gleichen Atemzug erklärte: »I´m only interested in my children, my stomach and God. There is no future of the Khmer Rouge, they´re finished.« (Kiernan 2002: X).

    Die historische Analyse des Genozids in Kambodscha hat gute Fortschritte gemacht, die Zahlen der ermordeten Khmer und der religiösen und ethnischen Gruppen (buddhistische Mönche, die muslimische Minderheit der Cham, Vietnamesen, Laoten,Thais, Europäer u.a.) gelten als gesichert. Danach sind etwa zwei Millionen Menschen von den Mörderbanden des Pol Pot auf viehische Weise gefoltert und hingerichtet worden. Wer die Orte des Schreckens – vor allem die Killing Fields und Tuol Sleng am Stadtrand sowie im Herzen Phnom Penhs heute aufsucht, dem stockt der Atem und er ringt um Fassung. Bilder und Berichte über Foltermethoden und Exekutionen überschreiten menschliches Fassungsvermögen selbst dann, wenn man Buchenwald und Auschwitz gesehen hat. Hier ist alles gegenwärtiger, noch barbarischer! Vor allem aber: Der Besucher vermag, auch nach Tagen des Studiums in Kambodscha, sich lebhaft vorzustellen, dass jenes Schreckensregime der siebziger Jahre eine Wiederholung erfahren könnte!

    Warum?

    Zum einen deshalb, weil die meisten der großen und kleinen Verbrecher der Pol Pot-Gefolgschaft ungeschoren davonkamen und noch heute frei herumlaufen, obwohl ihre Namen und Verbrechen weithin bekannt sind. Einen ernsthaften Versuch, sie vor Gericht zu stellen und hart zu bestrafen, hat es nie gegeben; lediglich 1997 beantragten die beiden Ministerpräsidenten Hun Sen und Norodom Ranariddh-Prinz Sihanouks Sohn bei den Vereinten Nationen ein Internationales Tribunal einzurichten, das die Verbrechen der Roten Khmer untersuchen und die Schuldigen bestrafen sollte. Die Antragsteller sahen den Tatbestand des Genozids im Sinne der Menschenrechtscharta der Vereinten Nationen als gegeben. Es folgten einzelne Untersuchungen, doch im Februar 2002 zogen sich die Vereinten Nationen aus dem Prozess zurück. Die kambodschanischen Behörden zeigten fortan immer geringeres Interesse, zumal Khmer Rouge-Vertreter bereits wieder im Regierungsapparat tätig waren. Die 1991 vom damaligen US-Außenminister James A. Baker gegebene Zusicherung, bei der Suche nach den Schuldigen zu helfen, wurde nie eingelöst. Erneut begingen die USA einen schweren außenpolitischen und – vor allem – die Menschenrechte verletzenden Fehler. Seither fanden sich immer neue Ausflüchte, die fünf vor Gericht stehenden Hauptverbrecher nicht zu verurteilen, vor allem seitens der korrupten kambodschanischen Regierung und Chinas.

    Der zweite und entscheidende Grund aber ist das konsequente Ausblenden der Ursachenforschung: Warum kamen Pol Pot und seine Mörderbande an die Macht? War dieser Genozid anderes als Chinas Kulturrevolution, als Stalins Gulag-Folterkammer, als die Nazi-Verbrechen oder die jetzigen Völkermorde in Nord-Korea, Burma, Ruanda oder Darfur?
    Woher rührt der infernalische Hass der Roten Khmer auf ihre Landsleute – Mönche, Bürgerliche, Intellektuelle, Städter – sowie auf ethnische Minderheiten wie die Cham, die Vietnamesen oder Menschen aus dem Westen? Die Antwort auf diese Fragen im Phnom Penh des Frühjahrs 2010 lautet Achselzucken. Verdrängung herrscht allerorten.
    Der Lebensweg des Rädelsführers bietet einige Aufklärung. Pol Pot – so sein selbst gegebener Deckname – wurde am 19. Mai 1928 als Saloth Sar in der Hafenstadt Kompong Thom geboren: das jüngste von sieben Kindern. Die Familie war keineswegs arm – Pol Pot hätte sie später als Klassenfeind gebrandmarkt, vor allem wegen ihrer Beziehungen zum Königshaus. Eine von Pol Pots Kusinen stieg auf zur Gruppe der Hauptfrauen von König Monivong, Frankreichs Marionette. Pol Pots Bruder diente in der Palastwache, bald gesellte sich Saloth Sar dazu. Reisfelder und harte Arbeit, die der Palitführer später den Kambodschanern oktroyieren sollte, hat der Junge nie gesehen.

    Es folgten Ausbildungsjahre im königlichen Kloster sowie in einer katholischen Eliteschule von Phnom Penh. Der Junge erlebte das Kriegsende 1945 sowie die nationale Erhebung unter dem Kindkönig Norodom Sihanouk freilich in Kompong Cham, in der Provinz, und kehrte erst 1948 in die Hauptstadt zurück. Auch die Annäherung der kambodschanischen Nationalisten an die vietnamesischen Kommunisten unter Ho Chi Minh erlebte er nicht.
    Nach dem Schulabschluss erhielt er ein Stipendium für eine Ausbildung als Radioelektriker in Paris. Im September 1949 traf er, nach einem Zwischenaufenthalt in Saigon – seiner ersten Erfahrung der westlich geprägten Welt –, in Marseille ein.
    Während der Ausbildung trat er, zusammen mit Landsleuten, der kambodschanischen Sektion der Kommunistischen Partei Frankreichs bei, die damals auf streng stalinistischem Kurs segelte. Er begeisterte sich für die Ideen der Französischen Revolution so sehr, dass er, später, den 14. Juli 1956 als Tag der Hochzeit mit Khieu Ponnary wählte. 1953 traf er, ohne seine Ausbildung abgeschlossen zu haben, wieder in Kambodscha ein.

    Über seine politischen Aktivitäten, seine Gespräche und Lektüren in Paris ist wenig bekannt; hier ist noch wichtige Forschungsarbeit zu leisten. Vor allem ist der Frage nachzugehen, ob seine Kontakte ihn bereits in Paris auf seine terroristischen Verbrechen vorbereiteten.
    Zurückgekehrt in Phnom Penh, wurde er von kambodschanischen und vietnamesischen Kommunisten erzogen, die ihn vor allem den Kampf gegen die französische Kolonialmacht lehrten: Arbeit an der Basis, Kontakt zu den Massen sowie die Bildung unabhängiger Komitees auf Dorfebene, die schnell angreifen und wieder untertauchen konnten – gewissermaßen die kambodschanische Variante der vietnamesischen Guerilla-Taktik.
    Am Befreiungskampf gegen die französische Kolonialarmee beteiligte er sich, freilich nie in führender Position. 1954, nach dem Fall von Dien Bien Phu, verließ der letzte Franzose Phnom Penh; 1963 übernahm Pol Pot den Vorsitz der 1951 von Sou Ngoe Minh und Tou Samouth gegründeten Kambodschanischen Arbeiterpartei und benannte sie um in Kommunistische Partei Kambodschas, streng nach chinesischem Vorbild. Die jungen Pariser Intellektuellen um ihn rekrutierten vor allem Bauern und Mönche und verfolgten eine anti-kolonialistische und anti-vietnamesische Politik – im Gegensatz zu den Gründern der Partei, den Issarak-Veteranen, die im wesentlichen in Vietnam ausgebildet worden waren. Anti-vietnamesisch bedeutete einerseits eine ethnisch-rassische Ausgrenzung aller Nicht-Khmer und andererseits einen Generationenkonflikt, also eine Rebellion gegen die alte Führungsschicht der Partei. Verhasst war Pol Pot obendrein die undurchsichtige Politik von Staatschef Sihanouk.

    1966 dehnten die USA ihren Vietnam Krieg aus: Sihanouk wurde von einem Teil seiner Palastwache unter General Lon Nol gestürzt und ging in das Pekinger Exil; Lon Nol wurde – wie sein Pendant Diem in Saigon – zur Marionette Washingtons, die von Präsident Nixon und Außenminister Kissinger am kurzen Zügel geführt wurde. Beide sind hauptverantwortlich für die Flächenbombardements und Massentötungen von Zivilpersonen in Indochina. Die Verwüstungen Nordvietnams, Kambodschas und Laos´ durch Napalmbomben und Agent Orange-Gifte kosteten Hunderttausende das Leben und fachten den Hass gegen den US-Imperialismus an. Diese Stimmung nutzten der kambodschanische Widerstand und seine Speerspitze, die Khmer Rouge, jene Kommunisten aus dem Regenwald, die niemand kannte und die am 18. April 1975 von der Bevölkerung Phnom Penhs mit Jubel begrüßt wurden. Am Tag darauf evakuierten sie die Stadt und leiteten die Massenmorde ein.

    Die Beziehung Pol Pots und seiner Gefolgschaft zu China waren komplex. Pol Pot besuchte Beijing zum ersten Male 1965 mit einer kambodschanischen Delegation. Chen Yi, chinesischer Außenminister, wies ihn auf manche Schwierigkeiten des Großen Schrittes hin, den Mao Tse Tung dem Lande verordnet hatte. Die Wirtschaft lag größenteils am Boden, die Menschen hungerten. Heute geht man von 20 bis 30 Millionen Chinesen aus, die in den Jahren zwischen 1958 und 1961 verhungerten. Ob diese Informationen Pol Pots Denken beeinflussten, ist nicht bekannt.
    Er verließ China 1966, noch vor Ausbruch der Großen Proletarischen Kulturrevolution, hatte aber Mao wie auch Lin Piao sowie Kang Sheng – verantwortlich für Internationale Beziehungen innerhalb der chinesischen KP-Führung – kennengelernt. Die Schriften der beiden Ersten muss er gelesen haben. Zurückgekehrt nach Kambodscha, änderte er nicht nur den Namen der Partei, sondern formte sie in Analogie zur Kommunistischen Partei Chinas um, dieser Perversion marxistischen Denkens: Das revolutionäre Element waren jetzt die Bauern. Städter und Intellektuelle mussten durch harte Arbeit auf dem Lande umerzogen oder dabei liquidiert werden, die Internationale Ausrichtung war zentrale Aufgabe. Entsprechend waren Pol Pots Ziele der nächsten Jahre unter drei Aspekte gestellt: Bauern als revolutionäre Vorhut, ethnisch-rassische Säuberung des Khmer-Reiches von allen Minderheiten und straffe zentralistische Führung. Im einzelnen hieß das:
    1. Die Khmer sind eine auserwählte Rasse und betrachten alle Nachbarn, in Sonderheit die Vietnamesen und die muslimischen Cham, als minderwertig.
    2. China ist ein mächtiger Verbündeter, aber die Khmer müssen ihren eigenen, autonomen Weg gehen, um die Blüte des Angkor-Reiches aus dem 11./12. Jahrhundert zu erreichen und zu übertreffen. Entsprechend ließ sich die Khmer Rouge-Führung als angkar (›Organisation‹) bezeichnen und dämonisieren. Es ist nicht bekannt, ob Pol Pot die chinesische Kulturrevolution begrüßt hat.
    3. Es gibt keine autonomen Territorien für Minderheiten – wie etwa in der Sowjetunion –, sondern alle Nicht-Khmer werden beseitigt, ebenso die Feinde unter den Khmer selbst: Städter, Intellektuelle, Bürgerliche, vor allem jene mit vietnamesischer Abstammung: Khmer mit vietnamesischem Kopf wurden diffamiert.
    4. Alle antiimperialistischen Kräfte in Asien werden uneingeschränkt unterstützt.
    5. Democratic Kampuchea muss wirtschaftlich autark sein, gestützt auf self-reliance.
    6. Die Grundlage des Staates ist die Landwirtschaft; die Geldwirtschaft, Handel und Industrie werden abgeschafft, das gesellschaftliche Leben gemeinschaftlich organisiert; es gibt gemeinsame Mahlzeiten und Einheitskleidung; die Verteilung der Lebensmittel wird organisiert und überwacht, es gibt keine privaten Treffen, dafür kollektive Feiern und Hochzeiten, kein individuelles Leben, dafür den Aufruf zur Denunziation von Staatsfeinden, die zu verhaften, zu foltern und zu liquidieren waren.
    Dergestalt wurde George Orwells Schreckensvision aus dem Roman 1984 Wirklichkeit; ein Drittel der Bevölkerung Kambodschas wurde ausgerottet.

    Erneut die Frage: Warum?

    Warum haben Pol Pot und seine Verbrecherbande diese Barbarei geplant und durchgeführt?
    War es Rache an der Klasse, der er entstammte?
    War es sein Vorsatz, die in seiner abstrusen Ideenwelt nur halb verwirklichte chinesische Kulturrevolution der Jahre 1966 bis 1976 zu ›vollenden‹ – ähnlich wie die »Viererbande« in Shanghai es wollte?
    War es sein ›antikapitalistisches‹ Erwachen in Frankreich?
    War es die Verseuchung durch Maos verbrecherische Ideen während Pol Pots Aufenthalt in China?
    War es der Hass auf Vietnam?
    War es der Hass auf buddhistische Mönche und muslimische Cham?
    War es sein Protest gegen die alten, vietnamesisch erzogenen, Kommunisten in Lande?
    War es der Hass auf die Vereinigten Staaten von Nordamarika und alle anderen Kolonialmächte?
    Oder war es am Ende nur ein einziger Gedanke, nämlich eine neue, reine Gemeinschaft von Kollektivelementen statt Menschen mit ihm an der Spitze zu schaffen – ähnlich wie St. Justs Tiraden 1792, als er von den Töchtern des Pelleas spricht, die die alte absolutistische Gesellschaft rücksichtslos ausrotten sollten, wie es dann mit der Guillotine der Jakobiner auch geschah?

    Der letzte Gedanke ist entscheidend: Ein ethnisch-rassisch ›reines‹ Volk der Khmer sollte geschaffen werden: auf bäuerlicher Grundlage und ohne Klassenunterschiede. Drei Aspekte sind also entscheidend: die ethnisch-rassische Säuberung, zum zweiten die straffe zentralistische Führung und Dämonisierung des angkar, der alles sieht (»big brother is watching you!«) und drittens eine Auslöschung jeglicher Individualität – Ideen, Gedanken, Liebe, Kreativität – und ihr Ersetzen durch das Kollektiv: gleiche Sitten und Gebräuche, gemeinsames Essen und entfremdete Arbeit, Beseitigung jeglichen Privatlebens und Denunziation. Das Individuum geht dergestalt auf in der Masse und verschwindet damit. Es tut willenlos, was angkar befiehlt, und mordet auf Befehl: aus Angst, dem Herdentrieb folgend oder aus Lust. Die Rache der bislang zu kurz Gekommenen auf jene da oben lässt alle Dämme von Moral und Sittlichkeit zusammenbrechen.

    Das Pol Pot-Regime: ein Einzelfall?

    Damit aber werden die millionenfache Verbrechen der Pol Pot-Bande paradigmatisch und sind kein Einzelfall, wie häufig in der Literatur behauptet (Kiernan u.a.). Der kambodschanische Genozid reiht sich ein in die Kette der Völkermorde des 20. Jahrhunderts: der Genozid an den Armeniern 1915, die Massenmorde der Nazis, die Verbrechen Stalins und seiner Kamarilla, die Völkermorde in Ruanda, in Ex-Jugoslawien, in Burma oder Nord-Korea. Ihre Phänomene sind vergleichbar:
    1. Es dominiert eine rassistisch-ethnische Ideologie, die alle ›Anderen‹ zu Volksfeinden erklärt, die es zu vernichten gilt: christliche Armenier, Juden in Deutschland, Nichtrussen in der Sowjetunion, Muslime in Serbien, muslimische Cham in Kambodscha, Hutus und Tutsis.
    2. Es gibt einen selbst ernannten Führer, der dämonisiert wird und Gottähnlichkeit erlangt: Hitler, Stalin, Mao, Pol Pot, Karadzic.
    3. Das Individuum ist der Feind schlechthin; seine Gedanken sind gefährlich, also wird es beseitigt oder in der Masse versklavt.
    4. Der gottähnliche Führer entscheidet über Leben und Tod aller Untergebenen; er sieht mit der Zeit nur noch Abtrünnige oder Verräter, selbst im engsten Kreis der einst Vertrauten: Sie werden daher Zug um Zug beseitigt: Röhm-Putsch 1934, die Moskauer Prozesse 1935-1937, Pol Pots Ermordung früherer politischer Freunde wie Khek Penn oder Hou Yuon.
    5. Jeder Schritt, jede Bewegung und jedes Wort der Bürgerinnen und Bürger werden überwacht, um ›Volksfeinde‹ zu entdecken. Das System der Bespitzelung und Denunziation erfasst jegliches Leben. Nichts darf der Führung verborgen bleiben.
    6. Das einstige Ziel – arischer Wahn, kommunistische Revolution und Weltherrschaft – ethnische Überlegenheit – gerät dabei zunehmend aus dem Blickfeld. Entscheidend ist die Erhaltung der Macht einer kleinen Clique hemmungsloser Verbrecher durch Ausrottung der ›Volksfeinde‹.
    7. Dabei werden wirkungsvoll die niedrigsten Triebe der Menschen aktiviert: Neid, Unterlegenheitsgefühl der Unterschicht, Rache für erlittene oder behauptete Benachteiligungen, Ausgrenzung der Fremden, chauvinistische Ängste, archaische Urphönomene wie Mord oder Totschlag, Absenken der kulturellen Schamgrenze. Diese Vernichtungsgefühle werden auf den jeweiligen Hauptfeind gelenkt.
    8. Um dieses Ziel zu erreichen, muss die Masse unwissend und lenkbar sein: Deshalb sind Intellektuelle verdächtig, deshalb werden historische Tatsachen gefälscht und die Bildung insgesamt abgeschafft. An ihre Stelle treten Unwissenheit und emotionale Bindungen an den gottähnlichen Führer. Die Masse soll fühlen, nicht denken.
    9. Das gesamte Leben wird gleichgeschaltet und kollektiv organisiert. George Orwells 1984 wird Wirklichkeit.
    10. Der Fall Pol Pot kann sich jederzeit wiederholen und er wiederholt sich. Das einzige Mittel dagegen sind Bildung und Aufklärung.
    Bangkok, Ende April 2010
    http://www.globkult.de/geschichte/zeitgeschichte/513-warum-diktatur-und-voelkermord-das-pol-pot-regime

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