Obamas neue Asienstrategie: Asiatische NATO und Neuer Kalter Krieg mit China?

Ivo Daaldier schrieb 2006 einen Artikel in der Foreign Affairs „Global NATO“, in der er die Erweiterung der bestehenden transatlantischen NATO um eine asiatische Säule forderte. Indien, Südkorea, Japan, Australien seien da interessante Erweiterungskanidaten. Ivo Daaldier wurde US-Botschafter bei der NATO unter Obama und äußerte sich in dieser Angelegenheit nicht mehr. Nach dem Desaster in Afghanistan schien eine neue NATO-Erweiterungsrunde zum Erliegen gekommen zu sein — sowohl europäisch wie auch asiatisch. Seitdem gab es aber scheinbar doch weitere Bestrebungen, asiatische Mitglieder zu rekrutieren wie der Artikel von Global Research nahelegt: Southeast Asia: U.S. Completing Asian NATO To Confront China by Rick Rozoff
(http://www.globalresearch.ca/index.php?context=va&aid=27519)

Zwar sollte sowohl Indien wie auch China dazu eingeladen sein, aber die chinesischen Reaktionen zeigen, dass die chinesische Seite wohl nicht so offensiv angesprochen wurde und nun mehr eine Blockbildung gegen sich kommen sieht. Nachdem Obama sich als den ersten “pazifischen US-Präsidenten” ausrief, dachte man, es würde zu einer Verbesserung der sinoamerikanischen Beziehungen kommen. Doch beide Seiten misstrauen sich inzwischen und beide Seiten kritisieren die andere dafür, Grossmachtpolitik zu betreiben. Schon im August 2010 wurden die ersten scharfen Kommentare chinesischerseits gepostet, ob die USA nicht eine asiatische NATO gegen China formieren wollen:

U.S. building ‚Asian NATO‘ to encircle China
By Dai Xu
China.org.cn, August 11, 2010
One needs to have a basic understanding of the nature of the United States and its global strategy in order to comprehend its recent provocations in the Yellow Sea and the South China Sea. The 2010 US defense report said first and foremost the U.S. is a nation at war.
From a historical perspective, the U.S. has continuously found enemies and waged wars. It has become part of its social formula. Without wars the US economy loses stimulus. Without enemies the U.S. cannot hold the will of the whole nation.

Its recent military drills in the Yellow Sea and announcement to intervene in the South China Sea affairs were efforts made to encircle China. It is attempting to build the „Asian NATO“ with Japan, South Korea, Australia and the Association of Southeast Asian Nations (ASEAN).

http://www.china.org.cn/opinion/2010-08/11/content_20687335.htm

Von amerikanischer Seite werden diese Beziehungen nicht als so heftig eingeschätzt. Man sei nicht bei der Gründung einer asiatischen NATO, sondern hätte Babyschritte zu einer asiatischen NATO unternommen. D.h. man geht zwar in diese Richtung, um China etwas Abschreckung entgegenzubringen und es zum Einlenken zu bewegen, ist aber vom Zustand einer festgefügten Blockbildung noch meilenweit entfernt.

Baby Steps Towards an Asian NATO

By Michael Mazza

September 30, 2011, 11:12 am

In short, countries in Asia find themselves more and more worried about China’s rise and its increasingly aggressive behavior. They are beginning to coordinate their efforts to maintain peace in the region—and, notably, doing so without China’s participation, which they probably believe would be counter-productive.

This is no Asian NATO, not even close. But America’s friends in the region are taking baby steps in that direction.

http://blog.american.com/2011/09/baby-steps-towards-an-asian-nato/

Auch der sogenannte sicherheitspolitische Vierer-Dialog zwischen den USA, Indien, Japan und Australien erregte hierbei schon 2007 heftige chinesische Reaktionen bezüglich einer neuen asiatischen NATO, die gegen China gerichtet sein könnte:

(China: Suspicions of an ‘Asian NATO’ in the four-nation dialogue – China Monitor – Paper No. 9)By D.S.Rajan http://www.southasiaanalysis.org/%5Cpapers22%5Cpaper2103.html)

Sowohl der „quadrialist security dialogue“ zwischen den USA, Japan, Indien und Australien wie aber auch die vermehrte Einbeziehung der ASEAN-Staat erregten Pekings Misstrauen:

U.S. building ‚Asian NATO‘ to encircle China

By Dai Xu

China.org.cn, August 11, 2010

One needs to have a basic understanding of the nature of the United States and its global strategy in order to comprehend its recent provocations in the Yellow Sea and the South China Sea. The 2010 US defense report said first and foremost the U.S. is a nation at war.

From a historical perspective, the U.S. has continuously found enemies and waged wars. It has become part of its social formula. Without wars the US economy loses stimulus. Without enemies the U.S. cannot hold the will of the whole nation.

Its recent military drills in the Yellow Sea and announcement to intervene in the South China Sea affairs were efforts made to encircle China. It is attempting to build the „Asian NATO“ with Japan, South Korea, Australia and the Association of Southeast Asian Nations (ASEAN).

China is becoming the world’s wealth centre. The U.S. could benefit from China’s economic development. For China, with its backward military force, development is the top priority. It has neither the intention nor the capacity to challenge the global hegemony of the U.S.

China is unlikely to take a tough line against the strategy of the U.S. China is bound to stand side by side with the U.S. in the international arena. It will not tolerate the U.S. closing in forever, though.

In order to prevent the U.S. from surrounding it, China needs to draw a clear bottom line. The U.S. is not allowed to coerce China to give in on matters concerning China’s territory and maritime sovereignty, national solidarity and regional issues. And it is not allowed to jeopardize China’s national interest by collaborating with neighboring countries.

China has never done anything with the enemies of the U.S. that would harm the country’s security. The U.S. has no right to unscrupulously engage in activities that threaten China’s security time and again. As a responsible power, China’s priority is safeguarding its own dignity.

If the U.S. is adjusting its global strategic emphasis, China needs to reevaluate its strategy toward the U.S. China loves peace, but it will staunchly safeguard its national interests.

The author is Air Force Colonel and a military strategist.

(The post was first published in Chinese and translated by Zhang Ming’ai)

http://www.china.org.cn/opinion/2010-08/11/content_20687335.htm

Interessant finde ich jetzt Obamas neue Asienfixierung. „The return to Eastasia“ als „erster pazifischer Präsident“ nach seinem Selbstverständnis. Kissinger warnt in seinem Epilog in seinem neuen Chinabuch vor einem neuen Crowe-Memorandum bezüglich Chinas, aber das kann ich bei Obamas neuem Militärstützpunkt in Darwin /Australien, dem Airseabattle und dem quadrialist security dialogue zwischen den USA, Japan, Indien und Australien noch lange nicht entdecken.
Thomas Barnett argumentiert ähnlich und sieht schon einen neuen Kalten Krieg zwischen den USA und China. Ich selber bin der Ansicht, dass Obamas Rebalancingstratgie völlig richtig ist. Wenn China sieht, dass die USA sich um den asiatisch-pazifischen Raum kümmern, die Interessen der asiatischen Staaten gegen ein expandierendes China auch verteidigen zu bereit sind, sind die Anreize für China, expansiv in Asien zu agieren, geringer und sie müssen eben auch eine mögliche Konfrontation mit den USA einberechnen, wenn sie demnächst dominanter in Asien auftreten wollen. Das könnte sie aber eher gerade zu der Kalkulation bewegen, dass dies zu vermeiden ist und man daher doch mehr auf sinoamerikanische Kooperation setzen sollte.Ich sehe also in Obamas neuer Asienstratgie eine notwendige Counterbalance und damit sogar die Grundlage für Verhandlungen über neue sinoamerikanische Beziehungen. Einen Kalten Krieg sehe ich noch nicht. Es gibt noch keine asiatische NATO unter US-Führung und wird sie auch so schnell nicht geben. Sollte dies der Fall sein, wären wir schon im Stadium der Blockbildung und eines Kalten Krieges, den ich aber so nicht kommen sehe. Wo Thomas Barnett recht hat, ist, dass Obamas Antwort bisher vor allem sicherheitspolitisch ist, nicht aber wirtschaftlich. Die geplante Freihandelszone TransPacificPartnership (TPP) umfasst nur einen kleinen, eher undebeutenden Kreis asiatisch-pazifischer Länder und fällt noch weit hinter die APEC zurück. Zur selben Zeit haben China, Japan und Südkorea eine eigene Freihandelszone geschaffen, Japan und China auch ein Währungsabkommen (currency swap agreement) geschlossen und wurde ein Asiatischer Währungsfonds gegründet, der zwar noch nicht ohne IWF fungieren oder diesen ersetzen will, aber ein interessanter Präzedenzfall panasiatischer Kooperation ist. Während die USA also militärisch einiges kompensieren, laufen sie miitel- und langfristig doch Gefahr wirtschaftlich in Asien abgehängt zu werden, insofern sie auf diesem Gebiet nicht auch eine breitere Offensive starten.

Über Ralf Ostner

Ralf Ostner geboren 1964 in Frankfurt am Main, 1984 Abitur in Bayern--Leitungskurse: Physik und Kunst/ Schülerzeitung. Studium der Physik (Nebenfächer: Mathematik, Chemie), Wirtschaftsgeographie (Nebenfächer: BWL, VWL) und Studium der Sinologie. 1991 Abschluss als staatlich geprüfter Übersetzer in der englischen und chinesischen Sprache am Sprachen- und Dolmetscher-Institut/München (Leiter der Chinesisch-Abteilung: Herr Zhang, ehemaliger Dolmetscher von Deng Xiaoping und Franz-Josef Strauß).Danach 5 Jahre Asienaufenthalt: China, Indien, Südostasien (u.a. in Kambodscha während des ersten Auslandseinsatzes der Bundeswehr, Interviews mit Auslandschinesen, Recherche im Karen-Guerillagebiet in Burma, Unterstützung einer UNO-Mitarbeiterin während den Aufständen in Nepal und bei UNO-Arbeit in Indien), Australien. Danach 5 Jahre als Dolmetscher, Delegationsbegleiter und Übersetzer in München. Abendstudium an der Hochschule für Politik /München (Schwerpunkt: Internationale Beziehungen). Abschluss als Diplom-Politologe (Diplomarbeit: Die deutsch-chinesischen Beziehungen 1989-2000 unter besonderer Berücksichtigung der SPD-Grünen-Regierung). Delegationsbegleitung von Hu Ping, Chefredakteur der chinesischen Dissidentenzeitung "Pekinger Frühling" (New York)und prominentester Vertreter eines chinesischen Liberalismus bei seiner Deutschlandtour (Uni München, Uni Mainz, Berlin/FU-Humboldt) bei gleichzeitigem Kontakt mit Liu Liqun (Autor des Buches "Westliches Denken transzendieren"/ heute: Deutschlandberater der chinesischen Regierung).Chefredakteur der Studentenzeitschrift UNIPOL . Projekte am Goethe-Institut und bei FOCUS TV. Seit 2000 Übersetzer (chinesisch-deutsch), Graphiker, freier Schriftsteller und Blogger.
Dieser Beitrag wurde unter Allgemein veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

4 Responses to Obamas neue Asienstrategie: Asiatische NATO und Neuer Kalter Krieg mit China?

  1. Florian Beck sagt:

    Wenn ich das richtig verstehe, denkst du, dass China massiv (?) an Einfluss gewinnt und die USA dem nur etwas entgegenwirken möchten. Du nennst die US-Politik „richtig“ und „notwendig“. Meinst du das im politisch-strategischen Sinn (also als naheliegendes Interesse) oder als allgemein wünschenswert (wenn ja für wen und warum?).

    Unklar ist mir:
    – Daaldier (in welcher Funktion hat er das gefordert und mit welchem Ziel);
    – wo Obama sich zum “asiatisch-pazifischen US-Präsidenten” ausgerufen hat;
    – was Thomas Barnett (wikistrat?) damit zu tun hat.

  2. Ralf Ostner sagt:

    Ich meine es in dem Sinne, dass Gelegenheit Diebe macht und eine schwache USA in Asien-Pazifik von China als Machtvakuum angesehen werden könnte, das man dann zuungunsten der anderen asiatischen Staaten füllen könnte.

    1)Daaldier schrieb mit Goldmeier in der Oktoberausgabe 2006 von Foreign Affairs den programmatischen Artikel „Global NATO“–nachlesbar unter:

    http://www.brookings.edu/views/articles/daalder/2006sept_oct.pdf

    Hierin forderte er die Ausdehnung der transatlantischen NATO um asiatische Staaten.
    Damals war er Senior Fellow an der Brookings Institution
    Ivo Dalldier wurde sodann unter Obama zum US-Botschafter bei der NATO ernannt.

    2) Obama hat in seiner ersten Rede beim APEC-Treffen sich selbst als den „ersten asiatisch-pazifischen Präsidenten“bezeichnet. Von John Bolton(AEI) gab es daraufhin den Rüffel, dass es faktisch schon mehrere asiatisch-pazifische Präsidenten gegeben habe und der Titel eine Anmassung sei.

    -Thomas Barnett war für ein Jahr lang Mitglied des Center for American-Chinese Partnership, hat selbst ein grand strategy term sheet über die sinoamerikanischen Beziehungen aufgesetzt und kann als Chinbakenner angesehen werden, den ich eben auch zitiere.

  3. Ralf Ostner sagt:

    Zur Selbstbezeichnung Obamas als „ersten pazifischen Präsident“en siehe z.B.:
    http://www.zeit.de/politik/ausland/2011-11/usa-australien-china

    • Florian Beck sagt:

      Vielen Dank. Du siehst, ich bin nicht immer auf dem Laufenden. Vage glaube ich mich auch an die Obama-Aussage erinnern zu können, vielleicht von einem Text von Dir. Aber das scheint nicht mehr auf der Tagesordnung zu stehen, jedenfalls ist das nicht mehr die gegenwärtige Selbstdarstellung, oder?

      Zitiere wen immer du magst. Mit hilft es bloß, wenn du — wie in deinem Kommentar — ein paar Hintergrundinformationen gibst. Danke.

Kommentare sind geschlossen.