Günther Grass und sein „Friedensgedicht“

Die Reaktionen auf Grassens Gedicht finde ich etwas hysterisch und krass. Dass ein Literaturnobelpreisträger Bedenken gegen einen möglichen Krieg Israels gegen Iran hat, halte ich ja für legitim.Die Argumente kann man teilen oder auch nicht, inhaltlich widerlegen oder aber nicht, es könnte auch ein anderer Dichter ein Gegen“gedicht“für Israel schreiben.Da aber gleich wieder die Antisemitismuskeule rauszuholen, halte ich für übertrieben, aber möglicherweise hat Grass das einkalkuliert.Dass Grass ein Antisemit ist, halte ich für überzogen. Aber es wird auch mal Zeit die Heroisierung von Günther Grass und der Gruppe 47 zu beenden.Die Gruppe 47 hatte als schweigenden Konsens, nichts über den Holocaust zu schreiben.Diesen Teil der Vergangenheitsbewältigung hat sie immer vermieden, während eine solch unpolitische Gestalt wie Hildegard Knef schon in den 50er Jahren öffentlich auf einer Pressekonferenz auf Kritik an ihrer kurzen Nacktszene in dem Film „Die Sünderin“ meinte: „Ein Volk, das 6 Millionen Juden vergast hat regt sich also auf wegen ein wenig nackten Busens“. Damit war sie ihrer Zeit und selbst der Gruppe 47 weit vorraus.Ich habe auch nie verstanden, warum die „Blechtrommel“ von Grass so als das antifaschistische Meisterwerk schlechthin dargestellt wurde. In dem gesamten Roman und seiner Verfilmung bleiben die Schrecken des Naziregimes gänzlich unerwähnt.Keine Judendeportationen, keine SS-Erschiessungen, keine KZs. Kein Antisemitismus—ja man gewinnt fast den Eindruck, die Nazizeit wäre eine Art groteske Zirkusveranstaltung gewesen, bei der der kleine Oskar Mazarath die Nazischergen im Rhythmus seiner Blechtrommel lustig tanzen lässt.Die breite Aufarbeitung des Holocaust und des 3. Reiches begann eigentlich erst mit dem Eichmannprozess in Israel, ja eigentlich massenmedial erst mit der US-Serie „Holocaust“ Ende der 70er Jahre.Die deutschen Literaten schwiegen sich bis dahin lieber über das Thema aus, die Initiative zur Aufarbeitung kam von aussen.

Die noch sachlichste Entgegnung auf Grassens „Friedensgedicht“ findet sich im SPIEGEL (siehe den ersten Artikel unten), da er inhaltlich auf die einzelnen Vorwürfe eingeht, wenngleich auch der SPIEGEL etwas arg optimistisch meint, dass ein Irankrieg nur 300 Iranern das Leben kosten würde. Auch die Argumentation des SPIEGEL betreffs einer Völkerrechtskonformität eines israelischen Militärschags gegen Iran steht auf sehr wackeligen Beinen.

Etwa hetzerisch hingegen wird es wieder bei Springers Kampfblatt WELT. Hier wird Grass vorgeworfen, dass er ein originärer Antisemit und verkappter Nazi schon immer gewesen sei–interessanterweise wird behauptet, dass der Antisemitismus ein exklusives Produkt der proletarisierten Kleinbürger gewesen sei, während die alten konservativen und deutschnationalen Eliten davon unbefangen gewesen wären. Das ist wohl konservative Geschichtsklitterung im Quadrat!!! Auch eine Art Vergangenheitsbewältigung und Vergangenheitsverdrängung zu betreiben.

Die Debatte wird nun aber zielgerichtet gegen die Person Grass gewendet und von sein Kernanliegen auf einen anstehenden Krieg zwischen Israel und dem Iran hinzuweisen und der Frage wie man dazu steht abzulenken.Die Debatte müsste eigentlich sein: Ist man für oder gegen einen Militärschlag Israels gegen Iran? Grass hat versucht das offensichtliche Schweigen aller deutscher Medien und Berufspolitiker zur Frage eines israelischen Militärschlags zu Iran zu brechen. Der einzige deutsche Politiker, der sich bisher offen gegen einen isrealischen Militärschlag ausgesprochen hat, ist Verteidigungsminsiter Thomas De Maiziere. Aber seine Position wurde von den Medien gar nicht erst richtig populär gemacht oder gar verbreitet, sondern nur als Randnotiz der Münchner Sicherheitskonferenz wahrgenommen. Ansonsten schwiegen zu diesem Thema alle–von Merkel bis zur Linkspartei und den Piraten. Man sollte die Debatte auch mal anders aufzäumen: Was befürchtet man denn konkret von einem nuklearen Iran, was einen Präventivschlag Israels rechtfertigen soll?

1) Die Auslöschung Israels? Unwahrscheinlich, denn damit würde sich Iran selbst auslöschen, zumal Israel eine Zweitschlagfähigkeit hat und auch noch die grösste Militärmacht der Welt, die USA dahinterstehen.

2) Expansion? Wohin und wie? Will der Iran in den Irak einmarschieren und dann nach Saudiarabien oder in Richtung Israel vordringen? Als gebe es die USA nicht, die das verhindern würden.? Will er nach Afghanistan? Im letzteren Falle wäre dies sogar zu begrüssen, da er dann ebenso in die afghanische Falle gehen würde wie schon die Briten, Sowjets und die NATO.Viel Spass.

3)Blockade des Persischen Golfes? Der wohl wahrscheinlichste Konfliktherd–aber warum sollten die Iraner so aus Spass und Freud den Persichen Golf sperren?

4) Atomare Bedrohung europäischer oder anderer Staaten–wie schon gesagt: Da gibt es als Gegengewicht auch noch die grösste Militär- und Nuklearmacht der Welt, die USA, die das abzuschrecken weiss.

5) Ein mögliches panislamisches Bündnis mit den Muslimbrüdern in Ägypten, Syrien, Yemen und Jordanien, sollten diese an die Macht kommen–eine mögliche Entwicklung.

Auf all diese Punkte geht aber auch Grass nicht zielgerichtet ein. Ahmadinedschad wird zumal als „Maulheld“ verharmlost, den man nicht ernst nehmen dürfe. Auch die behauptete Drohung Israels einer „Auslöschung des iranischen Volkes“ hört sich so an, als stünde ein neuer Holocaust im Raum, den nun ausgerechnet ein Deutscher verhindern müsse.Einer Versachlichung der Debatte hat Grass damit sicherlich nicht geholfen. Auch der Versuch, das Schweigen über den anstehenden Militärschlag Israels gegen Iran zu brechen, ist nur von begrenztem Erfolg. Alle Welt redet jetzt von der PERSON Grass, aber nicht über das Thema, das ihn zu dem „Fedicht“ animierte: Den anstehenden Militärschlag Israels gegen Iran. Hier sollte man sich klar positionieren: Ja oder nein!!

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Der SPIEGEL kommentiert:

04.04.2012

Israel-Iran-Konflikt

So falsch liegt Günter Grass

Von Christoph Sydow

(……..)

 Was ist dran an den Thesen von Grass?

1. These: In Planspielen wird ein Erstschlag gegen Iran geübt.

Richtig. Wie von Grass geschrieben, ist in den USA und Israel in Planspielen ein Erstschlag gegen Iran geübt worden. Im März kam laut einem Bericht der „New York Times“ eine Simulation der US-Armee zu dem Schluss, dass eine Attacke Israels auf Atomanlagen in Iran einen regionalen Krieg auslösen würde. Und erst am Dienstag berichteten israelische Zeitungen von einem Planspiel des israelischen Militärs. Die Armee rechne im Falle eines Krieges mit Iran demnach mit weniger als 300 Toten.

2. These: Ein Erstschlag könnte „das iranische Volk auslöschen“.

Falsch. In Iran leben knapp 80 Millionen Menschen, keine Militärmacht der Welt kann dieses Volk auslöschen. Ohnehin würde ein Schlag gegen das iranische Regime und seine Nuklearanlagen nicht mit Atomwaffen, sondern mit bunkerbrechenden Bomben und Raketen geführt. Zivile Opfer wären dabei zu befürchten, die Gefahr einer „Auslöschung des iranischen Volkes“ ist jedoch maßlos übertrieben.

3. These: In Israel ist ein wachsendes nukleares Potential verfügbar, das sich außer Kontrolle befindet.

Nach Einschätzungen von Geheimdiensten und Beobachtern verfügt Israel seit Ende der sechziger Jahre über Atomwaffen. Bei der Entwicklung arbeitete das Land eng mit dem Apartheidsregime in Südafrika zusammen. Offiziell hat Israel aber den Besitz von Nuklearwaffen nie bestätigt. Die Schätzungen über das atomare Potential gehen weit auseinander, unterschiedliche Quellen sprechen von 50 bis 500 nuklearen Sprengköpfen in israelischem Besitz. Israel ist nie dem Atomwaffensperrvertrag beigetreten. Dies würde nach israelischer Darstellung die nationalen Sicherheitsinteressen gefährden. Daher hat bislang auch noch nie ein offizieller Beobachter der Internationalen Atomenergiebehörde (IAEA) die israelischen Nuklearanlagen betreten. Irans Atomprogramm wird hingegen von der IAEA beobachtet. Nach der Bewertung von Geheimdiensten dient Israels Nukleararsenal jedoch der Abschreckung und soll die Feinde des jüdischen Staates, allen voran Iran, von Angriffen abhalten.

4. These: Wer diese Sachverhalte benennt, gerät unter Antisemitismusverdacht.

Falsch. In der israelischen Öffentlichkeit und den Medien weltweit wird seit Jahren über den Konflikt zwischen Israel und Iran debattiert. Die Meinungen dabei gehen weit auseinander und die Debatte wird mitunter hitzig und kontrovers geführt. Anders als von Grass behauptet, ist eine Diskussion über die israelische Politik und die Drohungen gegenüber Iran aber sehr wohl möglich, ohne in den Verdacht antisemitischer Einstellungen zu geraten.

5. These: Deutschland liefert Israel U-Boote, die Sprengköpfe für einen Angriff auf Iran tragen können.

Richtig ist, dass die Bundesregierung bislang drei U-Boote der „Dolphin“-Klasse nach Israel geliefert hat. Drei weitere sollen noch in diesem Jahr folgen. Mit den an Bord befindlichen Torpedorohren könnte die Besatzung vier atomar bestückte Marschflugkörper abfeuern. Nach Einschätzung von Militärexperten dienen die U-Boote jedoch in erster Linie der nuklearen Zweitschlag-Kapazität. Damit wäre die israelische Armee auch nach einem Atombombenangriff Irans zu einem Gegenschlag fähig. Die Bundesregierung rechtfertigt den Verkauf daher damit, dass die U-Boote der Abschreckung dienten.

6. These: Die Existenz einer Atombombe in Iran ist unbewiesen.

Richtig. Westliche Geheimdienste gehen davon aus, dass Teheran noch mindestens ein Jahr bis zur Fertigstellung einer Atombombe benötige. Nach Angaben von US-Verteidigungsminister Leon Panetta bräuchte Iran weitere zwei Jahre um ein Trägersystem für die Waffe zu bauen. James R. Clapper, Direktor aller 16 US-Geheimdienste, erklärte Ende Januar vor dem Kongress in Washington, es gebe keine unzweifelhaften Beweise dafür, dass Teheran Atomwaffen baue. Ende März schrieb jedoch ein ehemaliger Sprecher der iranischer Verhandlungsdelegation in Sachen Nuklearprogramm im „Boston Globe“, sein Land stehe kurz vor der Atombombe.

7. These: Israel gefährdet den Weltfrieden.

Das Regime in Teheran bezeichnet Israel immer wieder als „zionistisches Besatzerregime“, das früher oder später von der Landkarte verschwinden werde. Iran unterstützt zudem Gruppen wie die palästinensische Hamas und die libanesische Hisbollah, die das Existenzrechts Israels ablehnen und den jüdischen Staat bekämpfen. Israel droht seinerseits seit Jahren offen mit militärischen Angriffen gegen Iran – und suchte zuletzt nach Unterstützern für dieses Vorhaben. Der Vorwurf von Grass, Israel gefährde den Weltfrieden, erscheint ausgesprochen fragwürdig und populistisch – schließlich geht zunächst eine offen ausgesprochene Drohung gegen Israel von Seiten Irans aus.

8. These: Deutschland könnte „Zulieferer eines Verbrechens“ werden.

Auch hier bedient Grass sich populistischer Töne. Er behauptet, dass ein möglicher Angriff Israels gegen Iran grundsätzlich und in jedem Fall gegen geltendes Recht verstoßen würde. Völkerrechtlich ist der Fall aber wohl sehr viel komplizierter und keineswegs eindeutig. So wird unter Völkerrechtlern etwa die Frage einer präventiven Selbstverteidigung diskutiert. Es ist allerdings umstritten, „ob und in welchem Umfang nach Uno-Charta und Gewohnheitsrecht eine sogenannte präventive Selbstverteidigung, also Selbstverteidigung vor dem Vorliegen eines aktuellen Angriffs möglich ist“, schreibt etwa der Jurist Stephan Hobe in seinem Buch „Einführung in das Völkerrecht“. So sei etwa der Präventivangriff Israels auf Ägypten im Sechs-Tage-Krieg von einigen Staaten als zulässig erachtet worden. Anders verhielt es sich demnach dagegen beim israelischen Bombenangriff auf den im Bau befindlichen irakischen Atomreaktor Tamuz I. Die Attacke im Jahr 1981 wurde überwiegend kritisch bewertet.

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Die WELT kommentiert:

Grass‘ „letzte Tinte“ transportiert NS-Stereotypen

Trotzige Donnerworte, die sich irgendwann Bahn brechen müssen: Günter Grass‘ Anti-Israel-Gedicht „Was gesagt werden muss“ steckt voller Anklänge an die Sprache der Nationalsozialisten. Von Tilman Krause

Wer sich auf das zynische Niveau von Günter Grass‘ Gedicht „Was gesagt werden muss“ begeben wollte, könnte sagen: Wenn es nur der Antisemitismus wäre! Henryk M. Broder hat an dieser Stelle in wünschenswerter Klarheit analysiert, warum es sich bei Grass‘ notdürftig als Lyrik verkleidetem Aufruf, die internationale Politik gegenüber Israel zu ändern, der in drei großen Tageszeitungen der westlichen Welt abgedruckt wurde, um ein Zeugnis antisemitischer Denkungsart handelt. Doch dass Grass „schon immer ein Problem mit den Juden“ hatte, wie Broder nachweisen kann, wird den Staat Israel, wird auch die vielen jüdischen Menschen in aller Welt wohl kaum mehr übermäßig erstaunen.

Was an dem in Gedichtform gegossenen Leitartikel des Romanciers so überrascht und erschreckt, ist im Grunde etwas anderes. Wer „Was gesagt werden muss“ genauer liest, der wird eine solche Fülle von Denkfiguren und Sprachformeln finden, die ihre Herkunft aus der NS-Ideologie nicht verbergen können, dass man leider sagen muss, dieses Dokument, angeblich vom Autor „mit letzter Tinte“ geschrieben (will sagen: mit ersterbender Kraft quasi als Vermächtnis verfügt), bringt es endgültig an den Tag: Hier kann sich ein Mensch von den intellektuellen Prägungen seiner Jugend offenbar nicht lösen. Oder anders gesagt: Sie holen ihn jetzt im hohen Alter von fast 85 Jahren endgültig ein.

Jetzt muss es heraus

Die demagogische Rhetorik, die den gesamten Text durchzieht, dieses bohrende anaphorische „warum“ und „darum“, das zu Strophenbeginn unablässig wiederholte „warum schweige ich“, „warum sage ich jetzt erst“ erinnert an das aus der NS-Phraseologie sattsam bekannte Muster des trotzigen Donnerworts, das sich irgendwann Bahn brechen muss: Allzu lange hat man die Demütigungen und Knebelungen des „Weimarer Systems“ oder wahlweise „Schandfriedens von Versailles“ hingenommen, aber jetzt kann man einfach nicht mehr, jetzt muss es heraus, und koste es das Leben (oder die „Strafe“, dem „Verdikt ,Antisemitismus'“ zu verfallen).

(……) 

Mächte des Instinkts

Der alte Kulturhass der Nazis, projiziert auf die jüdischen Mitbürger, die das insgeheim beneidete und bewunderte zivilisiert Urbane verkörpern, während man für sich selbst nur die Mächte des Instinkts und „gesunden Volksempfindens“ reklamieren kann: diese NS-Stereotypen klingen an, wenn Grass die „Heuchelei“ des (natürlich dekadenten) Westens beklagt, während er für sich das kerndeutsche „Hier stehe ich und kann nicht anders“ in Anspruch nimmt.

Auch die bei den Nazis so beliebte Untergangs-Metaphorik, diese Angewohnheit, als Alternative zur eigenen Politik nur die komplette Auslöschung gelten zu lassen, findet gleich zu Anfang von Grassens Gedicht ihren Nachhall, wenn er drohend unkt, dass wir alle „als Überlebende allenfalls Fußnoten sind“, wenn wir Israel weitermachen lassen wie bisher und dem Land auch noch, horribile dictu, deutsche U-Boote liefern.

(……)

Es gibt noch viel aufzuarbeiten

Aber vielleicht hat er ihn sich gar nicht „gestattet“, vielleicht rächt sich jetzt ganz einfach das lange Verdrängte, vielleicht kommt auf seine alte Tage eben doch der glühende Nazi, der er einmal war, durch die Hintertür wieder hereinspaziert? Man darf ja nicht vergessen, das Grass, Walser, Wolf und andere aus illiteraten Elternhäusern stammen, die der NS-Ideologie geistig nichts entgegenzusetzen vermochten.

Diese Kleinhäusler und Kleinhändler waren das Milieu, mit dem die Nazis ihr „Weltreich“ aufzubauen gedachten, dem die „Rittergüter im Osten“ versprochen wurden. Die alten Eliten waren dem braunen Mob suspekt, sie wurden unterdrückt und wenn irgend möglich auch vernichtet. Doch dieses proletarisierte Kleinbürgertum der Grass und Walser, von beiden in der „Blechtrommel“ und im „Springenden Brunnen“ anschaulich beschrieben, das wurde nun auf einmal politikfähig. Von eben diesem ungeheuren Missverhältnis kündet nun, wie vor siebzig Jahren, Grassens angemaßte Präceptorenrolle. Da gibt es noch viel aufzuarbeiten.

http://www.welt.de/kultur/literarischewelt/article106155994/Grass-letzte-Tinte-transportiert-NS-Stereotypen.html

Über Ralf Ostner

Ralf Ostner geboren 1964 in Frankfurt am Main, 1984 Abitur in Bayern--Leitungskurse: Physik und Kunst/ Schülerzeitung. Studium der Physik (Nebenfächer: Mathematik, Chemie), Wirtschaftsgeographie (Nebenfächer: BWL, VWL) und Studium der Sinologie. 1991 Abschluss als staatlich geprüfter Übersetzer in der englischen und chinesischen Sprache am Sprachen- und Dolmetscher-Institut/München (Leiter der Chinesisch-Abteilung: Herr Zhang, ehemaliger Dolmetscher von Deng Xiaoping und Franz-Josef Strauß).Danach 5 Jahre Asienaufenthalt: China, Indien, Südostasien (u.a. in Kambodscha während des ersten Auslandseinsatzes der Bundeswehr, Interviews mit Auslandschinesen, Recherche im Karen-Guerillagebiet in Burma, Unterstützung einer UNO-Mitarbeiterin während den Aufständen in Nepal und bei UNO-Arbeit in Indien), Australien. Danach 5 Jahre als Dolmetscher, Delegationsbegleiter und Übersetzer in München. Abendstudium an der Hochschule für Politik /München (Schwerpunkt: Internationale Beziehungen). Abschluss als Diplom-Politologe (Diplomarbeit: Die deutsch-chinesischen Beziehungen 1989-2000 unter besonderer Berücksichtigung der SPD-Grünen-Regierung). Delegationsbegleitung von Hu Ping, Chefredakteur der chinesischen Dissidentenzeitung "Pekinger Frühling" (New York)und prominentester Vertreter eines chinesischen Liberalismus bei seiner Deutschlandtour (Uni München, Uni Mainz, Berlin/FU-Humboldt) bei gleichzeitigem Kontakt mit Liu Liqun (Autor des Buches "Westliches Denken transzendieren"/ heute: Deutschlandberater der chinesischen Regierung).Chefredakteur der Studentenzeitschrift UNIPOL . Projekte am Goethe-Institut und bei FOCUS TV. Seit 2000 Übersetzer (chinesisch-deutsch), Graphiker, freier Schriftsteller und Blogger.
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5 Responses to Günther Grass und sein „Friedensgedicht“

  1. 1) Der kämpfende Pazifist, der sich der Größe seiner Aufgabe bewusst ist, wird keinen Unterschied machen zwischen Bürger- und Völkerkrieg, zwischen äußeren und inneren Feinden. Für ihn gibt es nur einen Krieg, nur einen Frieden. Mit gleicher Macht erstrebt er den Frieden nach innen wie nach außen.

    2) Der Pazifist, der tiefer in die Beweggründe der Kriege schaut, geht noch einen Schritt weiter in der Beurteilung des Bürger- und Völkerfriedens und sagt, der Kriegsgeist, der Geist der Gewalt, ist ein Kind des chronischen bürgerlichen Kriegszustandes, der die Eingeweide aller Kulturvölker zerreißt. Wer diesen Geist bekämpfen will, muss ihn in erster Linie als Bürger im eigenen Lande bekämpfen. Der Weg zum Völkerfrieden geht über den Weg des Bürgerfriedens und nicht umgekehrt.

    3) Das, was die Völker und Volksklassen in Waffen gegeneinander treibt und immer getrieben hat, sind Dinge wirtschaftlicher Natur, die Notzustände schaffen oder vorherrschen lassen, und für diese Zustände gilt das Gesetz: NOT KENNT KEIN GEBOT. Die Not bricht nicht nur Eisen, sondern auch Verfassungen, Verträge und Bündnisse und setzt sich über alle moralischen, ethischen und religiösen Hemmungen hinweg. Nichts ist schließlich der Not heilig als der Kampf gegen ihre Ursachen.

    4) Auf die Beseitigung solcher Notzustände hat also der ernsthafte Friedenskämpfer sein Augenmerk zu richten, unbeschadet seiner etwaigen Überzeugung, dass der Frieden oder wenigstens der Friedenswunsch mit moralischen, religiösen und ethischen Mitteln auch noch gefordert werden könne.

    5) Der Notzustand, der zu den Kriegen treibt, hat wenigstens bei den heutigen Industrie- und Handelsvölkern seinen Grund nicht in einem naturgegebenen Mangel an Industrie- und Nährstoffen, sondern in unseren gesellschaftlichen Einrichtungen, die die Produktion und den Austausch beherrschen und die Arbeit tributpflichtig machen, wobei der Umstand noch erschwerend wirkt, dass zur Sicherung dieses Tributes der Produktion und dem Tausch Hemmungen bereitet werden müssen, die zu Krisen und Arbeitslosigkeit führen. Die gesellschaftlichen Einrichtungen, um die es sich da handelt, sind das Privateigentum an Grund und Boden und das herkömmliche, aus dem Altertum in unveränderter Gestalt von uns übernommene Geldwesen, dessen Mängel immer offensichtlicher geworden sind. Grund- und Geldbesitzer fordern Zins, sonst sperren sie der Produktion den Boden und dem Austausch der Produkte das Geld. Dieser Zins überträgt sich automatisch auf das gesamte Wirtschaftsleben und schafft das, was als Kapitalismus bezeichnet wird.

    Silvio Gesell (Stabilisierung des Bürger- und Völkerfriedens, 1928)

    Ein geistiger Tiefflieger wie Günter Grass wird das wohl bis zum Jüngsten Tag nicht mehr begreifen.

    http://www.deweles.de/intro.html

  2. Ralf Ostner sagt:

    Ob Silvio Gesells Zinstheorie stimmt, mal dahingestellt.Kriege und Weltkriege nur aus dem Witschaftssystem, hier vor allem dem Zins und damit einhergehenden Notlagen erklären zu wollen, erscheint mir doch etwas monokausal. Nehmen wir mal den Ersten Weltkrieg: Deutschland befand sich in keiner wirtschaftlichen Notlage, der Kapitalismus blühte, der Welthandel wuchs, man hatte einen Boom und nichts auch nur annähernd Ähnliches wie die Weltwirtschaftskrise 1929. Dennoch begann Deutschland den Krieg.Mir scheint es erst einmal erklärungsbedürftig, wie genau der Zins zu welchen Notlagen führen soll und wie das mit den Kriegen zusammenhängt.Marx hätte Gesells Theorie als sehr reduktionistisch angesehen, da er sich die Ökonomie nur mittels des Zinses, nicht aber mittels der Profite und tendenziell fallenden Profitrate erklärt.Selbst Marx hat niemals einen Zusammenhang zwischen Ökonomie und Krieg so direkt hergestellt. Das kam erst unter Lenin mit seiner Schrift „Der Imperialismus als höchste Stufe des Kapitalismus“. Jedenfalls sollte man, wenn man Geslls oder Lenins Theorien hernimmt, sich einmal konkret anschauen, ob sie sie sich historisch auch so ereignet haben. Ich habe da meine Zweifel an diesen ökonomistischen Simplifizierungen.

  3. Ralf Ostner sagt:

    Der Kommentar eins Freundes zur Holocaustaufarbeitung in der BRD:

    „Sie haben in den meisten Punkten recht. Allerdings glaube ich nicht,
    dass der furchtbare Massenmord an den Juden, aber auch die
    Terroraktionen gegen andere Volksgruppen
    nach 1945 künstlerisch in der Öffentlichkeit gänzlich ausgeblendet
    wurden. Ich verweise auf die ausführliche Behandlung in den Nürnberger
    Prozessen, aber auch auf die allerdings sehr literarische Verarbeitung
    in Ernst Jüngers „Heliopolis“ (Verfolgung der Parsen), auf den
    Auschwitz- und Treblinka-Prozess. Vergleiche Peter Weiss „Die Ermittlung“.

    Gerade der Treblinka-Prozess führte zu einer künstlerisch herausragenden
    Darstellung der
    Thematik, nämlich dem Denkmal Vadim Sidurs vor dem Amtsgericht
    Charlottenburg, in dem der Treblinka Prozess stattfand. Ich habe nie
    verstanden, dass diese m.E. vorbildliche
    juristische Behandlung eines singulären Verbrechens keine breitere
    nationale und internationale Resonanz fand. Vadim Sidurs Plastik ist
    übrigens tief beeindruckend, in ihrer Wirkung
    viel tiefer gehend als der große Stelenwald für die Touristen. Sie
    sollten sie bei Ihrem nächsten Berlin-Besuch einmal aufsuchen.“

  4. Florian Beck sagt:

    Leider habe ich meine Mitarbeit hier fast eingestellt (oder fast nie betrieben). Hatte daher übersehen, dass schon ein Artikel zum Thema existiert. Statt einem Kommentar, hier mein Beitrag.

  5. Ralf Ostner sagt:

    Antwort auf den Kommentar eines Freundes zur Holocaustaufarbeitung in der BRD:

    „Ich habe auch nicht behauptet, dass der Holocaust gänzlich ausgeblendet wurde. Aber: weitgehendst von den deutschen Literaten, vor allem der Gruppe 47 und Grass.Die Nürnberger Prozesse sind wie der Eichmannprozess oder die US-Serie Holocaust unter ausländischer Kuratel. Ernst Jünger gehörte nicht zur Gruppe 47. Ich habe Heliopolis nicht gelesen, aber wie sie selbst schreiben ergeht sich Jünger da auch mehr in literarischen Andeutungen und geschichtlichen Metaphern (Parsen) als einmal den Holocaust selber klar zu benennen. Peter Weiss „Die Ermittlung“ kenne ich nicht, aber gehörte er zur Gruppe 47 und wird der Holocaust da auch expilizit so benannt? Falls ja, dann bestätigt die Ausnahme die Regel!! Kurz: Keiner traute sich an das Thema wirklich ran, es wurde uns aufarbeitungsmässig von aussen herangetragen.Und eine Treblinkastatue steht da eher unbekannt in Berlin (die werde ich mir auch mal ansehen), aber massenmedial ist sie wohl nie wirksam gewesen.Ich selber hatte im Deutschunterrricht „Die Deutschstunde“von Siegfried Lenz. Ein junger Deutscher, dessen Vater Nazi war schildert die Schikanen seines Nazivaters gegenüber einem „entarteten“Künstler auf einer abgelegenen Nordseeinsel. Richtig schrecklich ist daran nichts.Wenn der Nazismus so idyllisch gewsen wäre, wäre er zwar Schikane gewesen, aber eben kein mörderisches Verbrechersystem. Oder Borchert „Draussen vor der Tür“–gefällt mir zwar sehr gut, aber die Perspektive ist auch nur der deutsche Soldatenrückkehrer als Opfer, der alles verloren hat, auch seine Frau.Und wie gesagt: Die Blechtrommel–hier kommt überhaupt nichts zu den Nazivberbrechen.Mit Ausnahme der kleinen Menschen im Zirkus kommt hier auch keine Auseinandersetzung mit der Brutalität des 3. Reiches oder gar etwas zum Holocaust.Kurz: Wenn die 68er nicht gewesen wären und nicht die US-Serie Holocaust hätte ich als Jugendlicher kaum etwas erfahren über den Holocaust.Die Initiative zur Aufarbeitung kam weitestgehend von aussen–von den USA und Israel. Daher sehen auch einige Deutsche dies als fremdbestimmt an.“

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