Sarrazin versus Steinbrück bei Günther Jauch: DM versus Euro –eine falsche Frontstellung

Sonntag abends bei Günther Jauch: Steinbrück versus Sarrazin, der somit sein neuestes Buch vorstellte.Leider muss ich feststellen, dass der Rassist und Sozialdarwinist Sarrazin bei Jauch gut argumentiert hat.Steinbrück behauptete die positive Wirkung des Euros auf die Exporte. Sarrazin widerlegte dies mit der Tatsache, dass die Exporte in die Nicht-Euroländer und das ferne Ausland mehr gestiegen sein als in die Euroländer. Steinbrück malte den ökonomischen Untergang Deutschlands bei einer Rückkehr zur DM aus, Sarrazin zitierte die Schweiz und Schweden.Als das all nicht mehr half, wich Steinbrück darauf aus, dass Europa mehr sei als der schnöde Mammon–nämlich: Menschenrechte, Kultur, Zivilisation, Reise-, Presse- und Meinungsfreiheit. Sarrazin meinte daraufhin, dass es all dies auch in der vorherigen EU OHNE Euro gab.Es gab die EU als Kultur, Zivilistaion, Menschenrechte, Meinungs- Presse- und Reisefreiheit ja auch schon ohne den Euro.Dann meinte Steinbrück, dass ein Abgehen vom Euro eine nationalistische Welle der Renationalisierungen auslösen würde. Sarrazin wies darauf hin, dass gerade der Euro zu einer Zunahme nationalistischer Strömungen geführt habe und die Verhältnisse der Völker Europas untereinander in höchstem Masse vergifte.Kurz: Steinbrück machte keinen einzigen Pluspunkt in der Argumentation.

Dann kam eben nur noch der Verweis auf Sarrazins Holocaustzitat, das sich scheinbar als letzte Ausflucht bot.Daraufhin meinte Sarrazin, dass Helmut Schmidt genauso argumentiert habe, was wiederum Steinbrück bestritt.Ich schätze mal, dass Sarrazin da den grossen Teil des Auditoriums auf seiner Seite hatte.Und ehrlich gesagt: Mir fielen auch keine guten Gegenargumente ein.Mir kam nur noch Theo Waigel in den Sinn, der vor einer Romantisierung der DM warnte–schliesslich hätte die BRD mit der DM über 20 Währungskrisen durchzustehen gehabt und auch einmal bei der Stabilisierung des französischen Francs 90 Mrd. DM eingeschossen. Aber nicht einmal dies brachte Steinbrück. Klarer Gewinner des Abends: Sarrazin.

Was mich am meisten erstaunte, war dass Steinbrück gegenüber Sarrazin nicht das Totschlägerargument Globalisierung gebracht hat.Das freilich müsste man auch nochmals näher erklären, warum der Euro die einzige Antwort auf die Globalisierung sein solle.Zumal: Ohne politische Union kein funktionsfähiger Euro. Aber was bedeutet politische Union denn konkret? Die Vereinigten Staaten von Europa wie es von der Leyen und Joschka Fischer immer wieder fordern–das ist aber wohl genauso utopisch. Meiner Ansicht nach hat Europa gearde das Problem, das es sich ökonomisch weiter integriert ohne dass der politische Überbau, die politische Integration da jemals zu einer adäquaten Stufe kommen könnte. Der Euro ist eine neoliberlae Konstruktion–es ist eine Währungseinheit ohne einen gemeinsamen Staat, ohne gemeinsame Wirtschaftsregierung oder andersweitige Regierung. Europa ist halt nicht die USA, Russland, Indien oder China, sondern eben das vielfältige Europa.Ob Europa dieser Makel zur Katastrophe führen wird, ist da die Frage.

Es folgte gestern die Tagesschau im ARD mit einem Bericht über die Thesen von Sarrazins neuem Buch–kommentiert von Thomas Meier, dem Chefökonom der Deutschen Bundesbank. Dieser widerlegte jedoch nicht Sarrazins Thesen, sondern bekräftigte diese. So sei Deutschlands Exporterfolg nicht dem Euro, sondern der Agenda 2010 zu verdanken. Wirtschaftlich hätte der Euro Deutschland kaum Vorteile gebracht.Die Einführung des Euro sei zudem aus politischen Gründen erfolgt, um die Ängste der deutschen Nachbarn vor einem wirtschaftlich zu starken Deutschland in Europa zu mindern.Zudem meinte er, dass die 461 Seiten von Sarrazins Buch“analytisch sauber” geschrieben wären.Zu Ende wurde noch vermekrt, dass Thomas Meier die Bundesbank bald verlassen würde—ich gewinne den Eindruck, dass es innerhalb der Bundesbank auch einen Pro-Sarrazin-, bzw. Anti-Euro-Flügel gibt.Nicht umsonst betonte Sarrazin, dass Bundesbankpräsident Tietmeier, er und Köhler gegen die Einführung des Euros gewesen seien, während Bundeskanzler Kohl dies „leichtfertig“ vollzogen hätte. Die Frage bleibt aber von Sarrazin unbeantwortet, wie er bei einer Rückkehr zur DM die sinkende Konkurrenzfähigkeit durch die Aufwertung der DM kompensieren würde. Wie Thomas Meier sagte: Agenda 2010, wie schon jetzt von Merkel-Steinbrück eine Agedna 2020 gefordert wird und Gerhard Schröder , der Steinbrück wie auch Helmut Schmidt unterstütztdies durch eine Agenda 2030 toppen will.Unter Sarrazin wäre gleiches oder Schlimmeres zu erwarten: Die totale Agenda, die Lohnkürzungen, Privatiserung, Deregulierung, dramatische Ausweitung der Billiglohnverhältnisse, Ende des Sozialstaates bedeuten würde. Ob Euro oder DM—es bleibt die Wahl zwischen Pest und Cholera—für die werktätigen Menschen in Deutschland und der Welt scheint es nichts dabei gewinnen zu geben.

Über Ralf Ostner

Ralf Ostner geboren 1964 in Frankfurt am Main, 1984 Abitur in Bayern--Leitungskurse: Physik und Kunst/ Schülerzeitung. Studium der Physik (Nebenfächer: Mathematik, Chemie), Wirtschaftsgeographie (Nebenfächer: BWL, VWL) und Studium der Sinologie. 1991 Abschluss als staatlich geprüfter Übersetzer in der englischen und chinesischen Sprache am Sprachen- und Dolmetscher-Institut/München (Leiter der Chinesisch-Abteilung: Herr Zhang, ehemaliger Dolmetscher von Deng Xiaoping und Franz-Josef Strauß).Danach 5 Jahre Asienaufenthalt: China, Indien, Südostasien (u.a. in Kambodscha während des ersten Auslandseinsatzes der Bundeswehr, Interviews mit Auslandschinesen, Recherche im Karen-Guerillagebiet in Burma, Unterstützung einer UNO-Mitarbeiterin während den Aufständen in Nepal und bei UNO-Arbeit in Indien), Australien. Danach 5 Jahre als Dolmetscher, Delegationsbegleiter und Übersetzer in München. Abendstudium an der Hochschule für Politik /München (Schwerpunkt: Internationale Beziehungen). Abschluss als Diplom-Politologe (Diplomarbeit: Die deutsch-chinesischen Beziehungen 1989-2000 unter besonderer Berücksichtigung der SPD-Grünen-Regierung). Delegationsbegleitung von Hu Ping, Chefredakteur der chinesischen Dissidentenzeitung "Pekinger Frühling" (New York)und prominentester Vertreter eines chinesischen Liberalismus bei seiner Deutschlandtour (Uni München, Uni Mainz, Berlin/FU-Humboldt) bei gleichzeitigem Kontakt mit Liu Liqun (Autor des Buches "Westliches Denken transzendieren"/ heute: Deutschlandberater der chinesischen Regierung).Chefredakteur der Studentenzeitschrift UNIPOL . Projekte am Goethe-Institut und bei FOCUS TV. Seit 2000 Übersetzer (chinesisch-deutsch), Graphiker, freier Schriftsteller und Blogger.
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