Der Dalai Lama — ein sehr weltlicher Mensch

 

Ich bin kein Fan von Religion und habe den Dalai Lama bisher immer sehr kritisch gesehen. Gestern hatten sie auf ORF aber ein Interview mit dem Dalai Lama, das meinen Eindruck eines vor sich dahin brabbelnden alten Mönchnes revidierte, ja mich tief beeindruckte–dieses Interview sollte man mal den 1, 3 Milliarden Chinesen per TV zum Sehen und Hören geben, wäre da nicht die Zensur.Zum einen wurde klar, dass der Dalai Lama seine eigene Stellung selbst hinterfragt, ja sogar infrage stellt. Er sagte, dass es das Amt des Dalai Lamas in der Zukunft nicht mehr geben müsse, ja dass es sogar eine Frau sein könne, die dieses Amt ausfülle.Er verwies darauf hin, dass die Institution des Dalai Lamas gerade einmal 600 Jahre alt sei, historisch keine Notwendigkeit.Er widersprach dem Geschwätze von dem höchsten Buddha, dem Gotteskind, dem Dämon, sondern meinte, er sei in erster Linie ein Mensch und wolle als solcher gleichbehandelt werden. Desweiteren bezeichnete sich der Dalai Lama als Marxist, sprach sich für die soziale Gerechitgkeit und die Befreiungstheologie in Südamerika aus–letzteres hätte er auch dem Papst gesagt.Er unterschied zwischen Marxismus und Leninismus, kritsierte die chinesischen Kommunisten als unkommunistisch, da sie nur noch auf Macht und Profit aus seien–eben Leninisten und keine Marxisten mehr. Desweiteren meinte er, dass Religion nutzlos sei, wenn sie nicht auf Fragen der Gegenwart und der weltlichen Realität einginge, wie z.B. soziale Ungerechtigkeit oder globale Klimaerwärmung oder die Zerstörung der Umwelt.Er meinte auch, dass die Menschen erst einmal ihre eigene Religion kritsieren sollten, ja diese modernsieren und nicht einfach zum Buddhismus wechseln sollten. Wenn er mit westlichen Menschen diskutiere, dann zuerst über säkular-ethische Prinzipien und nicht Religion.Falls sie tiefer auf den Buddhismus einsteigen wollten, dann natürlich schon. Desweiteren ist er ein Befürworter der Kooperation der Religionen und nicht nur dieser sondern auch der gesamten Menschheit.Dennoch kann ich mir gut vorstellen, dass der feudal-religiöse Klerus in der tibetischen Gemeinde diese Thesen des Dalai Lamas nicht teilt, ja vielleicht auf einen anderen, reaktionären Dalai Lama als Wiedergeburt hoffen, der wieder auf das Konzept des Gottkönigs zurückgreift. Aber ich glaube innerhalb der tibetischen Gemeinde kann man das Rad der Geschichte nicht mehr zurückdrehen. Dazu hat der Dalai Lama schon zuviele Änderungen vorgenommen. Wenn er stirbt, wird seine Lücke schwer zu füllen sein–aber gerade deswegen hat er ja jetzt frühzeitig die demokratischen Reformen innerhalb der tibetischen Gemeinde eingeführt, dass diese quasi hündische Abhängigkeit von einem Führer zugunsten einer Volksherrschaft aufgehoben wird. Kurz: Für einen religiösen Führer ist der Dalai Lama ein doch sehr weltlicher Mensch, der geerdet erscheint.

Über Ralf Ostner

Ralf Ostner geboren 1964 in Frankfurt am Main, 1984 Abitur in Bayern--Leitungskurse: Physik und Kunst/ Schülerzeitung. Studium der Physik (Nebenfächer: Mathematik, Chemie), Wirtschaftsgeographie (Nebenfächer: BWL, VWL) und Studium der Sinologie. 1991 Abschluss als staatlich geprüfter Übersetzer in der englischen und chinesischen Sprache am Sprachen- und Dolmetscher-Institut/München (Leiter der Chinesisch-Abteilung: Herr Zhang, ehemaliger Dolmetscher von Deng Xiaoping und Franz-Josef Strauß).Danach 5 Jahre Asienaufenthalt: China, Indien, Südostasien (u.a. in Kambodscha während des ersten Auslandseinsatzes der Bundeswehr, Interviews mit Auslandschinesen, Recherche im Karen-Guerillagebiet in Burma, Unterstützung einer UNO-Mitarbeiterin während den Aufständen in Nepal und bei UNO-Arbeit in Indien), Australien. Danach 5 Jahre als Dolmetscher, Delegationsbegleiter und Übersetzer in München. Abendstudium an der Hochschule für Politik /München (Schwerpunkt: Internationale Beziehungen). Abschluss als Diplom-Politologe (Diplomarbeit: Die deutsch-chinesischen Beziehungen 1989-2000 unter besonderer Berücksichtigung der SPD-Grünen-Regierung). Delegationsbegleitung von Hu Ping, Chefredakteur der chinesischen Dissidentenzeitung "Pekinger Frühling" (New York)und prominentester Vertreter eines chinesischen Liberalismus bei seiner Deutschlandtour (Uni München, Uni Mainz, Berlin/FU-Humboldt) bei gleichzeitigem Kontakt mit Liu Liqun (Autor des Buches "Westliches Denken transzendieren"/ heute: Deutschlandberater der chinesischen Regierung).Chefredakteur der Studentenzeitschrift UNIPOL . Projekte am Goethe-Institut und bei FOCUS TV. Seit 2000 Übersetzer (chinesisch-deutsch), Graphiker, freier Schriftsteller und Blogger.
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