Das Attentat auf Robert Kennedy: Mandschurischer CIA-Kandidat oder radikalisierter Palästinenser?

Das ZDF und Phönix beglückten uns dieser Tage unter der Ägide von Guido Knopp mit einer Doku über das Attentat auf Robert Kennedy im Jahre 1968. Nachträglich zu sehen unter:

http://www.youtube.com/watch?v=y7USm9sDJv0

Dabei wurden im wesentlichen 2 Versionen dargestellt:

Version 1: Sirhan Sirhan, ein US-Amerikaner palästinensischer Herkunft erschoss als Einzeltäter Robert Kennedy ein Jahr nach dem tragischen 67 Krieg, da er ihn wegen der Israelpolitik hasste..In seinem Tagebuch hatte er entsprechende Eintragungen vorgenommen.

Version 2: Sirhan Sirhan wurde an der Universität von Los Angeles Opfer des CIA-Psycho-Programms MK Ultra und hypnotisiert. Seine Tagebucheinträge und das Attentat habe er unter Hypnose vorgenommen. Ebenso hätte er nur 8 Schuss im Revolver gehabt, gefunden worden seien aber mehr Einschusslöcher. Zudem wurde ein  Pärchen beobachtet, das zur Hintertreppe des Hotels geflohen sein soll und gerufen habe „Wir haben Kennedy ermordet“.

Ein Reporter prüfte nach, dass die angeblichen überzähligen Einschusslöcher gar keine Einschusslöcher waren, die Polizei sie aber als solche registrierte. Eine schlampige Spurensicherung, die man dann zu vertuschen versuchte.Ebenso führte er ein Interview mit Sirhan Sirhan und gewann den Eindruck, dass dieser sich bewusst doof stellte, behauptete, er könne sich an die Tagebucheinträge und das Attentat gar nicht erinnern, um die Verschwörungstheorien erst richtig anzuheizen.Für die angebliche MK Ultrageschichte gab es auch keine Belege, ausser dass Sirhan Sirhan an der Universität von Los Angeles studiert hatte und sich mit Hypnose und Übersinnlichem beschäftigt hatte-ansonsten keine Belege oder irgendwie Indizien.Die Doku liess dann offen, welcher Version man sich anschliessen wollte.

Die einzigen seltsamen Details an dem Attentat an Robert Kennedy sind das abgebliche Pärchen, das die Hintertreppe des Hotels runterlief und geschrien haben soll „Wir haben Robert Kennedy getötet“–aber schon merkwürdig, dass jemand der angeblich vom Tatort flüchtet, um seine Mittäterschaft zu verdecken dann quasi ein Geständnis so offenherzig in alle Welt rausschreien soll. Zumal für ein angebliches CIA-Killerteam, das wohl auf Verschwiegenheit wert legen dürfte, eine wohl sehr unprofessionelle Vorgehensweise. Also extrem unglaubwürdig.Das zweite Detail:

„Drei Schüsse verletzten den Senator so schwer, das er Stunden später im Krankenhaus starb. Die tödliche Kugel traf Kennedy in den Kopf. Fast alle Zeugen sagten aus, der Täter habe von vorne, aus einer Entfernung von ein bis zwei Metern auf Kennedy gefeuert.

Bei der Obduktion wurde jedoch festgestellt: Kennedy starb durch einen Kopfschuss aus einigen Zentimetern Entfernung und von hinten. Können 74 Zeugen sich irren?“

http://www.3sat.de/page/?source=/ard/sendung/71303/index.html

Hier muss man genau lesen: „fast alle Zeugen sagten aus“–also nicht alle. Es gab also auch andere Zeugen, die möglicherweise erklärt haben, dass Sirhan von hinten schoss oder wie soll man das deuten?

Von daher würde sich vielleicht der Kopfschuss von hinten erklären. Genauso möglich, dass Robert Kennedy sich um die eigene Achse drehte und dann den Schuss von hinten abbekam. Die Reportagen gehen diesen eigentlichen 2 Spuren allerdings gar nicht nach, sondern beissen sich an der Hypnosetheorie fest und lenken ihr Hauptaugenmerk auf diese. Klingt ja auch gruselig: MK Ultra, CIA-Frankensteinexperimente und Hypnose.

Eine zweite Reportage konzentriert sich dann auch noch einmal auf die Hypnosethese und stellt das MK Ultraprogramm in seinen Mittelpunkt: Wurde hier ein „mandschurischer Kandidat“, ein ferngesteuerter Attentäter von der CIA produziert?

http://www.youtube.com/watch?v=v9yDO2LNDCY

Eigentlich wird festgestellt, dass die meisten CIA-Experimente zur Gedankenkontrolle ein ziemlicher Flop waren.Auch nährt sich der Mythos vom mandschurischen Kandidaten aus dem gleichnamigen Film in den 50er Jahren und der angeblichen Gehirnwäsche, die Nordkoreas Gefängnisexperten an inhaftierten US-GIs vorgenommen haben sollen.Dass US-GIs während des Koreakrieges kriegsmüde wurden und zumal unter Todesdrohung zu Bekenntnissen gegen ihr Vaterland genötigt wurden und auch noch diese Ansichten in den USA vertraten, konnte sich der damalige US-Patriot im Zeitalter von Joseph Mc Carthys „Comitees on Unamerican activities“ nur noch mit Gehirnwäsche erklären. Dass während des Vietnamkrieges so viele US-GIs gegen diesen Krieg waren, erklärte man sich dann aber nicht mehr mittels angeblichen Gehirnwäscheprogrammen des Vietcongs. Es blieb aber der Mythos der Gedankenkontrolle und der gehirngewaschenen mandschurischen Kandidaten,. die als Schläfer des Kommunismus in den USA lauerten. Die heutigen Verschwörungstheoretiker drehen das um und sehen nur noch von der CIA hypnotisierte Attentäter und Schläfer, die mittels eines Signals aktiviert werden. Ebenso Truman Capotes Buch „ In the Cold blood“ regte die Phantasien zu ferngesteuerten, hirngewaschenen Attentätern an.Bezeichnend, dass Sirhan Sirhan dieses Buch auch bekannt war und er seine Verteidigung darauf aufbaute.Bezeichnend ist auch, dass man über Sirhans Leben nahezu nichts in beiden Reportagen erfährt—er bleibt ein geschichtsloses Neutrum. Selbst wenn man den Suchbegriff Sirhan Sirhan eingibt, gibt es auf Wikipedia überhaupt keinerlei Hinweise auf das Leben und die Vorgeschichte des Täters. (http://de.wikipedia.org/wiki/Sirhan_Sirhan)So kann man den Nahostkonflikt als eigentliches Motiv der Tat auch bestens ausblenden.Beides bleiben kurz reisserische Reportagen, die somit durch die Ausblendung des Nahostkonfliktes weitgehend unpolitisch bleiben. Dass ein radikalisierter Palästinenser einfach mal einen US-proisrealischen Präsidentschaftskanidaten umgenietet hat–so einfach darf die Geschichte nicht gewesen sein. Zumal auch interessant ist, dass die USA gegen die PLO keinen Racheschlag versuchten als Reaktion auf das Attentat.Wahrscheinlich hielten sie ihn auch für einen Einzeltäter und Israel scheint die Geschichte auch nicht hochgespielt zu haben. Auch erfährt man nichts, wie die PLO und die arabische Welt auf dieses Attentat reagiert haben.Ja, es scheint sogar so etwas wie ein Gentlemen´s Agreement gegeben zu haben: Genauso wenig wie man das Attentat auf JF Kennedy dazu nutzte, um gegen Kuba , die Sowjetunion oder einen verbündeten Staat dieser wegen Ermordung eines US-Präsidenten vorzugehen, wurde auch die Ermordung Robert Kennedys nicht genutzt um antiarabische Stimmung oder gegen die PLO vorzugehen. In beiden Fällen wurden Lee Harvey Oswald und Sirhan Sirhan als Einzeltäter gesehen und keine allgemeinpolitische Anklage noch Revanche gegen angebliche Hintergrundsmächte gesucht.Was Verschwörungstheoretiker wieder zu der Ansicht bringen würde, dass die Sowjetunion die wirklichen Drahtzieher der Attentate auf die Kennedys wusste und diese sich deshalb zurückgehalten haben, um nicht enttarnt zu werden. Also: Keine Einmischung  in interne Machtkämpfe und interne Angelegenheiten, insofern sie nicht gegen einen selbst gerichtet werden. Mal abgesehen davon, dass somit bei diesen Reportagen alle politischen Bezüge rausgekippt werden, bleibt die Frage offen: Wer war Sirhan Sirhan eigentlich?Über Lee Harvey Oswald ist seine ganze Lebensgeschichte bekannt, sein Lebenslauf, sein Umfeld, seine Kontakte, seine Ansichten,die ganzen Vortage seines Attentats und wo und mit wem er sich aufhilet, über Sirhan Sirhan erfährt man merkwürdigerweise gar nichts.Auch nicht, wie er an diesem Abend ins Ambassadorhotel kam. Die Vorliebe für die Hypnosetheorie und deren einfache Widerlegung lenken ein wenig davon ab, dass sowohl Oswald wie auch Sirhan als Sündenböcken von Anti-Kennedykräften reingelockt und in Stellung gebracht worden sein könnten– im Falle Sirhans auch ohne Hypnose.Im chinesischen gibt es die Strategie den Feind durch das Schwert eines anderen zu töten.Diese alte Kriegskunst dürfte nicht nur auf Sun Tze und China begrenzt sein, sondern Allgemeinwissen- und -methode interessierter Kreise zu sein.Im Umfeld Oswalds ergaben sich ja auch belegbare Kontakte zu Exilkubanern, CIA, FBI und der Mafia.Wie sah es dann im Fall Sirhan Sirhan aus? Die Reportagen dazu bringen dazu keinerlei Informationen, sondern stellen die Hypnose-CIA-MK-Ultra-Psychostory in den Vordergrund um durch deren Widerlegung von allen möglichen Verwicklungen anderer Kreise abzulenken.

Über Ralf Ostner

Ralf Ostner geboren 1964 in Frankfurt am Main, 1984 Abitur in Bayern--Leitungskurse: Physik und Kunst/ Schülerzeitung. Studium der Physik (Nebenfächer: Mathematik, Chemie), Wirtschaftsgeographie (Nebenfächer: BWL, VWL) und Studium der Sinologie. 1991 Abschluss als staatlich geprüfter Übersetzer in der englischen und chinesischen Sprache am Sprachen- und Dolmetscher-Institut/München (Leiter der Chinesisch-Abteilung: Herr Zhang, ehemaliger Dolmetscher von Deng Xiaoping und Franz-Josef Strauß).Danach 5 Jahre Asienaufenthalt: China, Indien, Südostasien (u.a. in Kambodscha während des ersten Auslandseinsatzes der Bundeswehr, Interviews mit Auslandschinesen, Recherche im Karen-Guerillagebiet in Burma, Unterstützung einer UNO-Mitarbeiterin während den Aufständen in Nepal und bei UNO-Arbeit in Indien), Australien. Danach 5 Jahre als Dolmetscher, Delegationsbegleiter und Übersetzer in München. Abendstudium an der Hochschule für Politik /München (Schwerpunkt: Internationale Beziehungen). Abschluss als Diplom-Politologe (Diplomarbeit: Die deutsch-chinesischen Beziehungen 1989-2000 unter besonderer Berücksichtigung der SPD-Grünen-Regierung). Delegationsbegleitung von Hu Ping, Chefredakteur der chinesischen Dissidentenzeitung "Pekinger Frühling" (New York)und prominentester Vertreter eines chinesischen Liberalismus bei seiner Deutschlandtour (Uni München, Uni Mainz, Berlin/FU-Humboldt) bei gleichzeitigem Kontakt mit Liu Liqun (Autor des Buches "Westliches Denken transzendieren"/ heute: Deutschlandberater der chinesischen Regierung).Chefredakteur der Studentenzeitschrift UNIPOL . Projekte am Goethe-Institut und bei FOCUS TV. Seit 2000 Übersetzer (chinesisch-deutsch), Graphiker, freier Schriftsteller und Blogger.
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