Ägypten: Schulterschluss zwischen Muslimbrüdern und Militär und China?

US-Aussenministerin Clinton und der deutsche Aussenminister Westerwelle stützten mit ihren Besuchen und Erklärungen zuletzt den neu gewählten Präsidenten der Muslimbruderschaft. Muslimbruder-Präsident Morsi hat jetzt sehr viel Macht auf sich vereinigt. Zum einen Legislative und Exekutive, zum anderen die Verfassungsgebende Kommission, zum dritten hat er das Militär in seiner Macht beschnitten wie wohl nur noch zuletzt Erdogan in der Türkei.Letzteres wäre meiner Ansicht nach ohne dazu bereite Militärs nicht möglich gewesen. Es scheint einen Deal zwischen Militär und Muslimbrüdern zu geben, auch scheinen jüngere Offiziere an die Macht zu drängen, die sich wojhl auch eine Karriere unter den Muslimbrüdern vorstellen können.Während Claus Kleber dies im ZDF-Heute als „Sieg der Demokratie“ feiert, spricht ein ehemaliger Muslimbruder von einer Pakistanisierung Ägyptens–eine Einschätzung, die ich für realistscher halte. Es scheint zu einem Schulterschluss zwischen Militär und Muslimbrüdern gekommen zu sein. Die Muslimbrüder müssen nun eine neue Rolle für das ägyptische Militär (immerhin 500 000 Mann plus eigenes Wirtschaftsimperium plos 1,5 Milliarden US-Militärhilfe für Camp David) finden, um es bei Laune zu halten.

Ob dies in einer aggressiveren Aussenpolitik besteht oder aber einer Truppenreduzierung und etwaigen Einbindung des wirtschaftlichen Imperiums des Militärs in Wirtschaftsreformen wird sich wohl schon bald zeigen.Interessant ist, dass Isreal einen angeblichen Brief Morsis an die isrealische Regierung veröffentlichte, in dem dieser sich für eine Fortführung von Camp David ausgesprochen haben soll. Morsi dementierte umgehend.Nun bleibt im unklaren, ob dieser Brief eine Fälschung war oder echt oder überhaupt existiert.Auch interessant: Morsi besuchte Saudiarabien und kündigte an, die Muslimbrüder beabsichtgten keinen Revolutionsexport. Das mag zwar für die Golfstaaten gelten, nicht jedoch für Syriens Muslimbrüder und die Hamas, die tatkräftig von den ägyptischen Muslimbrüdern unterstützt werden.Desweiteren:Es bleibt abzuwarten, wie die neue Verfassung aussehen wird und ob auf die säkulare Minderheit überhaupt noch Rücksicht genommen wird. Zuletzt ist interesant, dass Ägyptens neuer Mulimbruderpräsident seinen erst0en Auslandsbesuch in ein nichtmulsimisches Land in China abhält. Morsi möchte wahrscheinlich einmal China als Gegengewicht zu den USA ins Spiel bringen, um seinen Handlungsspielraum zu erweitern. Wie Pakistan und die Türkei jetzt schon gemeinsame Militärmanöver mit der chinesischen Luftwaffe abhielten, wäre Ägypten für China vielleicht auch ein interessanter Partner–vor  allem mit Blick auf das Mittelmeer und den Suezkanal.China könnte auch potentiell die 1,5 Milliarden US-Militärhilfe für Ägyptens Militär aus der Portokasse bezahlen. Freilich wäre erst einmal zu untersuchen, ob China die USA im Greater Middle East so frontal angehen werden oder doch lieber auf Deeskalation und Handelskontakte mit Ägypten setzt statt auf direkter militärischer Unterstützung, zumal auch die Befürchtung sein könnte, sich hier in einen Konflikt mit Israel hineinzubegeben.Aber auch China wird sich überlegen, wer die Rolle Syriens im Falle des Sturzes Assads in der Region für ihn ausfüllen könnte. Ebenso könnte China als Antwort auf die Verstärkung des US-Militärs in Asien einen Kontrapunkt setzen, indem es seinen pivot in Richtung Greater Middle East verlagert.Vielleicht spekuliert Morsi auch darauf, dass ein Zugehen auf China ihn den Weg nach Washington ebnen könnte.Aber wohl erst nach dem US-Wahlkampf, da die Republkaner noch viele Resentiments gegen die Muslimbrüder haben und schon den Besuch von Hillary Clinton bei Mursi kritisierten.

Über Ralf Ostner

Ralf Ostner geboren 1964 in Frankfurt am Main, 1984 Abitur in Bayern--Leitungskurse: Physik und Kunst/ Schülerzeitung. Studium der Physik (Nebenfächer: Mathematik, Chemie), Wirtschaftsgeographie (Nebenfächer: BWL, VWL) und Studium der Sinologie. 1991 Abschluss als staatlich geprüfter Übersetzer in der englischen und chinesischen Sprache am Sprachen- und Dolmetscher-Institut/München (Leiter der Chinesisch-Abteilung: Herr Zhang, ehemaliger Dolmetscher von Deng Xiaoping und Franz-Josef Strauß).Danach 5 Jahre Asienaufenthalt: China, Indien, Südostasien (u.a. in Kambodscha während des ersten Auslandseinsatzes der Bundeswehr, Interviews mit Auslandschinesen, Recherche im Karen-Guerillagebiet in Burma, Unterstützung einer UNO-Mitarbeiterin während den Aufständen in Nepal und bei UNO-Arbeit in Indien), Australien. Danach 5 Jahre als Dolmetscher, Delegationsbegleiter und Übersetzer in München. Abendstudium an der Hochschule für Politik /München (Schwerpunkt: Internationale Beziehungen). Abschluss als Diplom-Politologe (Diplomarbeit: Die deutsch-chinesischen Beziehungen 1989-2000 unter besonderer Berücksichtigung der SPD-Grünen-Regierung). Delegationsbegleitung von Hu Ping, Chefredakteur der chinesischen Dissidentenzeitung "Pekinger Frühling" (New York)und prominentester Vertreter eines chinesischen Liberalismus bei seiner Deutschlandtour (Uni München, Uni Mainz, Berlin/FU-Humboldt) bei gleichzeitigem Kontakt mit Liu Liqun (Autor des Buches "Westliches Denken transzendieren"/ heute: Deutschlandberater der chinesischen Regierung).Chefredakteur der Studentenzeitschrift UNIPOL . Projekte am Goethe-Institut und bei FOCUS TV. Seit 2000 Übersetzer (chinesisch-deutsch), Graphiker, freier Schriftsteller und Blogger.
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2 Responses to Ägypten: Schulterschluss zwischen Muslimbrüdern und Militär und China?

  1. Ralf Ostner sagt:

    Thomas Wagner kommentierte:

    Hallo Ralf,

    ich halte eine „Pakistanisiereung“ Ägyptens definitiv für wahrscheinlicher. Ich kann dieses dumme Mantra von der „Demokratie“, das die Verkünder starr ideologisch
    predigen und im Grunde nur Liberaliserung der Märkte meinen, nicht mehr hören! Es sollte sich bei diesen Idioten herumgesprochen haben, dass nicht jeder Kulturkreis die
    gleiche Entwicklung durchlaufen hat. Vom Kommunismus könnten sie lernen: man kann nicht jedem Kulturkreis marktliberale Vorstellungen übrerstülpen.
    Wenn, wie in Libyen Stammesstrukturen herrschen, sitzen dort die Machtträger und lassen sich auch nicht einfach mal schnell vetreiben.

    Ich teile deine Befürchtungen bez. Ägypten voll und ganz. Die dort herrschende bittere Armut lässt sich nicht mit feuchten Sprüchen von der demokratischen Gesellschaft bannen.
    Ich würde mir wünschen, dass Mursi an Camp David festhält. Aber ich habe hier auch meine Zweifel. Ich hoffe, Mursi hat Augenmaß genug, die neue Verfassung ausgewogen zu gestalten. Es wäre ein Gkück für Ägypten und für uns, wenn sich Mursi zu einer Art islamischen Franz Josef Strauß entwickeln würde: stets die Religion im Blick, autoritäre Position
    und gleichzeitig Offenheit für Innovationen…aber das sind meine Wünsche!

    Liebe Grüße

    Tom

  2. Ralf Ostner sagt:

    Ich schätze mal, dass die US-amerikanische deutsche Regierung genau diese Hoffnung teilt: Mursi als neuer FJStrauss in Äygpten–oder wie es der Verfassungsschutz NRW sagt: Mulsimbrüder: „Realpolitik mit islamischen Werten“. Wir hoffen, dass Mursi trotz seines autoritären Machtgehabes im Innern, die Hamas ud die Muslmbrüder in Syrien zügelt und nicht mit dem Iran gemeinsame Sache gegen Israel macht. Aber noch nichts ist gewiss.Dennoch muss man sehen, dass die Muslimbrüder eien anderen Kurs als AKP-Erdogan/Türkei eingeschlagen haben. Erdogans Besuch in Ägypten wurde von den Muslimbrüdern hoch gelobt, aber sein Statement, dass man Religion und Staat trennen solle, wurde tulichst verschwiegen.Zumal gibt es schon eine Muslimbruderschaftabsplitterung namens Al-Wasat, die für einen moderaten Islamismus eintreten, aber nur 1% der Stimmen einfuhren. Was also die Muslimbrüder wirklich wollen, können wir nur anhand ihrer Taten beurteilen–und da ist es eben schon sionnvll, wenn man da eine geiegite Gegenkraft wie die National Salvation Front der S
    äkularen und moderaten Muslime aufmacht. Da hab´ich es mit Lenin: Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser!!!

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