Marx–Band 4 des Kapital, der illusorische Finanzkapitalismus und das Gesetz der tendenziell fallenden Zinsrate

Wenn Ökonomen den heutigen Kapitalismus diskutieren, so berufen sie sich oft auf Adam Smith, Ricardo, Marx, Keynes—aber all diese Autoren sind Denker des Industriekapitalismus.Als Marx sein Kapital schrieb, analysierte er vor allem die Realökonomie der verarbeitenden Industrie und die Geldkreisläufe, die unmittelbar darum entstehen. Während sich Band 1 und Band 2 vor allem mit der Realwirtschaft des Industriekapitalismus beschäftigen, analysiert er in Band 3 mehr das Finanzkapital. Dabei unterscheidet er das Finanzkapital in fiktives Kapital (Kredite, Aktien, Warentermingeschäfte,etc.), also alles Finanzkapitalformen, die noch unmittelbar mit erwarteten Gewinnaussichten zu tun haben. Aber er erwähnt auch schon das sogenannte „illusorische Kapital“, d.h. im wesentlichen Derivate, die Ableitungen des fiktiven Kapitals sind, die Option auf die Option und wiederum die Option auf die Option auf die Option. Aber in seinem Gesamtwerk „Das Kapital“ spielt das illusorische Kapital eine völlig untergeordnete Rolle und zu negierende Restgrösse. Zentral bei Marx ist das Gesetz des tendenziellen Falls der Profitrate, der die Kapitalisten durch einige Massnahmen entgegensteuern und die Gesamtdynamik des Kapitalismus erklären soll. Man muss nun aber sehen, dass sich der Kapitalismus weiterentwickelt hat. Schon Lenin beschrieb im „Imperialismus als höchstem Stadium des Kapitalismus“ das Finanzkapital als die treibende Kraft. Damit meinte er aber im wesentlichen, was Marx als das fiktive Kapital beschrieb.Die Entwicklung des Kapitalismus hat sich jedoch vom Industriekapitalismus zum Finanzkapitalismus weiterentwickelt und innerhalb des Finanzkapitals ist das illusorische Kapital seit der Einführung der Derivate unter Reagan und Thatcher das absolute treibende Moment kapitalistischer Entwicklung weltweit geworden.Während die Realökonomie weltweit ein Wirtschaftsvolumen von ca. 50 Billionen US $ erwirtschaftet, beträgt dies beim illusorischen Kapital und den Derivaten 500 Billionen US-$.Bisher hat noch keiner einen Band 4 geschrieben, der die Rolle des illusorischen Kapitals und seine Gesetzmässigkeiten erforscht hat.Zeit wäre es.Meinerseits eine Anregung: Ich glaube, genauso wie es ein Gesetz der tendenziell fallenden Profitrate beim Industriekapitalismus gibt, gibt es ein Gesetz der tendenziell fallenden Zinsrate beim Finanzkapitalismus. Die Zinsen sind über die letzten Jahrzehnte tendenziell immer weiter gefallen, fraglich ist, wie es weietergehen soll: Negativzinsraten und was hätte dies für Auswirkungen auf die Weltwirtschaft. Mit welchen Mechanismen bekämpfen dann die domineierenden Finanzkapitalisten die fallende Zinsrate, wie die Industriekapitalisten bei der tendenziell fallenden Profitrate entgegenzusteuern suchen. Vielleicht wäre dies die Fragestellung für einen 4. Band von Marx und einen Nobelpreis. Auch bleibt die Frage, wie sich der Kapitalismus von seiner Enwticklung vom Industriekapitalismus zum fiktiven Finanzkapitalismus zum illusorischen Finanzkapitalismus noch weiterentwickeln soll. Gibt es nach dem Finanzkapitalismus noch eine weitere Entwicklungsstufe oder Entwicklungsstufen oder stösst der Kapitalismus mit seiner Entwicklung zum illusorischen Finanzkapitalismus da an historische Grenzen. Man muss ja nicht wie Robert Kurz und die Krisis-Gruppe mal wieder von Zusammenbruchstheorien ausgehen, aber vielleicht gibt es eine weitere ökonomische Gesellschaftsform als den Finanzkapitalismus.

Über Ralf Ostner

Ralf Ostner geboren 1964 in Frankfurt am Main, 1984 Abitur in Bayern--Leitungskurse: Physik und Kunst/ Schülerzeitung. Studium der Physik (Nebenfächer: Mathematik, Chemie), Wirtschaftsgeographie (Nebenfächer: BWL, VWL) und Studium der Sinologie. 1991 Abschluss als staatlich geprüfter Übersetzer in der englischen und chinesischen Sprache am Sprachen- und Dolmetscher-Institut/München (Leiter der Chinesisch-Abteilung: Herr Zhang, ehemaliger Dolmetscher von Deng Xiaoping und Franz-Josef Strauß).Danach 5 Jahre Asienaufenthalt: China, Indien, Südostasien (u.a. in Kambodscha während des ersten Auslandseinsatzes der Bundeswehr, Interviews mit Auslandschinesen, Recherche im Karen-Guerillagebiet in Burma, Unterstützung einer UNO-Mitarbeiterin während den Aufständen in Nepal und bei UNO-Arbeit in Indien), Australien. Danach 5 Jahre als Dolmetscher, Delegationsbegleiter und Übersetzer in München. Abendstudium an der Hochschule für Politik /München (Schwerpunkt: Internationale Beziehungen). Abschluss als Diplom-Politologe (Diplomarbeit: Die deutsch-chinesischen Beziehungen 1989-2000 unter besonderer Berücksichtigung der SPD-Grünen-Regierung). Delegationsbegleitung von Hu Ping, Chefredakteur der chinesischen Dissidentenzeitung "Pekinger Frühling" (New York)und prominentester Vertreter eines chinesischen Liberalismus bei seiner Deutschlandtour (Uni München, Uni Mainz, Berlin/FU-Humboldt) bei gleichzeitigem Kontakt mit Liu Liqun (Autor des Buches "Westliches Denken transzendieren"/ heute: Deutschlandberater der chinesischen Regierung).Chefredakteur der Studentenzeitschrift UNIPOL . Projekte am Goethe-Institut und bei FOCUS TV. Seit 2000 Übersetzer (chinesisch-deutsch), Graphiker, freier Schriftsteller und Blogger.
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5 Responses to Marx–Band 4 des Kapital, der illusorische Finanzkapitalismus und das Gesetz der tendenziell fallenden Zinsrate

  1. Florian Beck sagt:

    Oh je, welcher der heutigen Ökonomen beruft sich denn auf Keynes, von Marx ganz zu schweigen?

    Einen vierten Band (oder fünften, wenn Du die Theorien über den Mehrwert mitrechnest) haben ja schon viele geschrieben. Im Prinzip gibts zwei Tendenzen mit Marx »umzugehen«. Die eine ist – und das hat schon sehr früh begonnen – zu behaupten, der Kapitalismus habe sich geändert und die Analyse müsse modifiziert werden: dazu gehört Lenins Imperialismustheorie, die Theorie des Monopolkapitalismus, das angebliche Verschwinden der Klassen, Globalisierung und eben auch die These, heute gehe es v.a. um das Finanzkapital. Die andere ist die Akzentverschiedbung auf Rassismus, Patriarchat, Umweltschutz, etc.; dazu gehören in gewisser Weise die Postmoderne einerseits, die Ideologiekritik andrerseits.

    Bitte nicht durch die Assoziationen von »fiktiv« und »illusorisch« aufs Glatteis führen lassen. »Illusorisch« kommt bei Marx kaum vor und wird synonym mit »fiktiv« verwendet. Gemeint sind damit v.a. Staatsschulden, weil dieses Geld nie als Kapital eingesetzt wurde.

    Dass heute das Finanzkapital eine wichtiger Rolle spielt als vor 150 Jahren, versteht sich von selbst. Darüber werden auch ständig Bücher geschrieben, ich weiß nicht wo da ein Mangel sein soll. Populär ist zur Zeit David Graebers »Debt: The First 5000 Years«. Seine These ist, dass dem Kapitalismus (und nicht nur dem) der Kredit zugrunde liegt und der wiederum nur durch den Staat (speziell den amerikanischen) existieren kann. Das ist natürlich eine anti-marxistische Position par excellence, die übersieht, dass der Kapitalismus seine Voraussetzungen einschließlich Staat und Kredit (in einem ihm brauchbaren Form!) reproduziert. Die richtige Analyse des Finanzkapitals wäre daher, zu fragen, was die heutigen Formen des Finanzkapitals notwendig macht. Und damit sind wir wieder beim Industriekapitalismus. Auch wenn es im Kapital um die Form des Reichtums geht, ist es doch der »Reichtum«, der sich immer wieder durchsetzt. Denn auch der Staat, selbst der amerikanische, lebt nicht von fiktivem Kapital, sondern durch Aktenordner, Gewehre, Computer und Flugzeugträger. Und das Finanzkapital korrespondiert mit Hochhäusern, Polizeifahrzeugen, Villen, Computerprogrammen und den Werkzeugen, die bei Zwangsräumungen eingesetzt werden – oder es existierte nicht.

  2. Florian Beck sagt:

    Von Ralf Ostner:

    Florian Beck [1]
    3. Januar 2013 um 19:08 [2]

    Oh je, welcher der heutigen Ökonomen beruft sich denn auf Keynes,
    von Marx ganz zu schweigen?

    Einen vierten Band (oder fünften, wenn Du die Theorien über den
    Mehrwert mitrechnest) haben ja schon viele geschrieben.

    —————————————————————————————————————–

    Dann benenne doch mal ein paar Autoren und vor allem solche, die eine
    schlüssige Theorie über den Mehrwert hinaus auf das Finanzkapital
    als treibender Kraft und dessen Gesetzmässigkeiten geschrieben
    haben.Also Autoren, die nicht nur die Finanzkrise beschrieben, sondern
    eine Theorie dafür liefern.Und vor allem einen Autor der einmal
    Gesetzmässigkeiten postuliert, wie ich dies mit dem Gesetz der
    tendenziell fallenden Zinsrate gatan hat.Am weitest führenden
    erscheint mir da noch Robert Kurz und die Krisisgruppe, die jedoch
    auch wieder nur bei einer Zusammenbruchstheorie landen.

    Aber auch Robert Kurz kommt nie zu einer Theorie wie ich, z.B. des
    Gesetzes der tendenziell fallenden Zinsrate in Analogie mit dem Gesetz
    der tendenziell fallenden Profitrate.

    —————————————————————————————————————–

    Im Prinzip gibts zwei Tendenzen mit Marx »umzugehen«. Die eine ist
    – und das hat schon sehr früh begonnen – zu behaupten, der
    Kapitalismus habe sich geändert und die Analyse müsse modifiziert
    werden: dazu gehört Lenins Imperialismustheorie, die Theorie des
    Monopolkapitalismus, das angebliche Verschwinden der Klassen,
    Globalisierung und eben auch die These, heute gehe es v.a. um das
    Finanzkapital.

    —————————————————————————————————————–

    Du sagst, dass es sie gibt, aber nicht, was zentral falsch an der
    Auffassung ist, dass sich der Kapitalismus modifiziert habe.Lenins
    Imperialismustheorie und die Theorie des Monopolkapitalismus halte ich
    für falsch—die Kritik dazu wurde bei der Marxistischen Gruppe unter
    der Rubrik „Falsche Klassiker“ schon geschrieben.Dennoch
    „umgehst“ du eben die neuen Formen des Finanzkapitalismus, im
    speziellen die Derivate, die unter Reagan und Thatcher seit den 80er
    Jahren eingeführt wurden und die weder Marx noch Lenin kannten oder
    jemals beschrieben.

    —————————————————————————————————————–

    Die andere ist die Akzentverschiedbung auf Rassismus, Patriarchat,
    Umweltschutz, etc.; dazu gehören in gewisser Weise die Postmoderne
    einerseits, die Ideologiekritik andrerseits.

    Bitte nicht durch die Assoziationen von »fiktiv« und
    »illusorisch« aufs Glatteis führen lassen.

    »Illusorisch« kommt bei Marx kaum vor und wird synonym mit
    »fiktiv« verwendet. Gemeint sind damit v.a. Staatsschulden, weil
    dieses Geld nie als Kapital eingesetzt wurde.

    —————————————————————————————————————–

    Kurz bestätigst du doch damit: Marx hat sich mit dem
    Finanzkapitalismus nicht beschäftigt und kannte keine Entwicklung hin
    zu Derivaten.Das ist ja gerade die Lücke

    —————————————————————————————————————–

    Dass heute das Finanzkapital eine wichtiger Rolle spielt als vor 150
    Jahren, versteht sich von selbst.

    —————————————————————————————————————–

    Also bestätigst du damit auch eine Akzentverschiebung: Dass das
    Finanzkapital eine grössere Rolle spielt. Oben hast du das noch als
    „Umgehung“ beschrieben.

    —————————————————————————————————————–

    Darüber werden auch ständig Bücher geschrieben, ich weiß nicht
    wo da ein Mangel sein soll. Populär ist zur Zeit David Graebers
    »Debt: The First 5000 Years«. Seine These ist, dass dem Kapitalismus
    (und nicht nur dem) der Kredit zugrunde liegt und der wiederum nur
    durch den Staat (speziell den amerikanischen) existieren kann. Das ist
    natürlich eine anti-marxistische Position par excellence, die
    übersieht, dass der Kapitalismus seine Voraussetzungen
    einschließlich Staat und Kredit (in einem ihm brauchbaren Form!)
    reproduziert. Die richtige Analyse des Finanzkapitals wäre daher, zu
    fragen, was die heutigen Formen des Finanzkapitals notwendig macht.

    —————————————————————————————————————–

    Dazu schweigst du aber auch recht beharrlich und lieferst keine
    nähere Erklärung.

    Warum brauchte es die Lösung vom Goldstandard, die Einführung des
    illusorischen Kapitals, speziell der Derivate,etc. Vielleicht wäre
    die Globalsierung da vielleicht doch eine Erklärung. Wenn die
    Wirtschaft mehr multinationalisiert und globaler wird, müssen dies
    auch die Finanzinstrumente. Dennoch bleibt zu erklären, wie es dazu
    kommen kann, dass die weltweite Realwirtschaft nur noch 50 Billionen
    US$ erwirtschaftet, während allein der Derivatehandel 500 Billionen
    US$ beträgt.Das macht doch klar, wer der Hund ist, der mit dem
    Schwanz wedelt.

    —————————————————————————————————————

    Und damit sind wir wieder beim Industriekapitalismus. Auch wenn es im
    Kapital um die Form des Reichtums geht, ist es doch der »Reichtum«,
    der sich immer wieder durchsetzt. Denn auch der Staat, selbst der
    amerikanische, lebt nicht von fiktivem Kapital, sondern durch
    Aktenordner, Gewehre, Computer und Flugzeugträger. Und das
    Finanzkapital korrespondiert mit Hochhäusern, Polizeifahrzeugen,
    Villen, Computerprogrammen und den Werkzeugen, die bei
    Zwangsräumungen eingesetzt werden – oder es existierte nicht.

    —————————————————————————————————————

    Daran richtig ist, dass die Realwirtschaft und die Produktivität
    eines Landes letztendlich auch wieder bei der Beurteilung seiner
    Finanzbonität hergenommen werden—Griechenland deswegen ein
    schlechtes Rating erhält, da es keine produktive Industrie und
    Staatsverschuldung von 160% hat. Japan aber mit 200%
    Staatsverschuldung aufgrund produktiver Industrie eine deutlich
    günstigere Bonität eingeräumt bekommt.Aber die Tendenz der
    fallenden Zinsen erklärt der Verweis auf den industriellen
    undmateriellen Reichtum auch nicht.

    Links:
    ——
    [1] http://www.global-review.info
    [2]
    http://www.global-review.info/2013/01/03/marx-band-4-des-kapital-der-illusrische-finanzkapitalismus-und-das-gesetz-der-tendenziell-fallenden-zinsrate/#comment-854

    • Florian Beck sagt:

      Ich war mir freilich nicht bewusst als Orakel befragt zu werden und schäme mich dafür, zu der umfassenden »schlüssigen« Theorie zu schweigen (worüber ist ja nicht ganz klar).

      Aber bevor man zu großartigen, an herbeigegoogelten Quellen entzündeten Spekulationen ansetzt, sollte man doch besser wissen, was Derivate sind und wozu es sie gibt, dass negative Zinsen keine Neuheit sind und in welcher Beziehung der Zins zum Profit steht.

  3. Florian Beck sagt:

    Von Ralf Ostner:

    Lieber Herr Ostner,

    erstmal alles Gute zum neuen Jahr.

    Ferner: Ich bin kein Volkswirt. Aber folgende Tendenz beobachten ich
    schon seit längerem, wobei ich nicht glaube, dass es hier eine
    Gesetzmäßigkeit gibt, sondern interessenorientiertes Handeln:

    Die FED betreibt seit über einem Jahrzehnt konsequent eine Politik
    des billigen Dollars. Das macht zum einen aus US-Perspektive durchaus
    Sinn, denn nur so können die USA ihr wachsendes
    Außenhandelsbilanzdefizit bewältigen und gleichzeitig eine einseitig
    auf Stärkung der Binnennachfrage ausgerichete Politik betreiben.

    Langfristig sind die Nutznießer dieser Politik in erster Linie aber
    die Finanzspekulanten, die von extrem günstigen Krediten profitieren,
    mit geborgtem Geld ihre Geschäfte betreiben und dann rechtzeitig vor
    Platzen der Blase aussteigen. Siehe Michael Douglas in den
    entsprechenden Filmen.

    Wir erleben also in immer kürzeren Abständen das Phänomen der
    ASSET-Inflation und das Platzen von Blasen. Opfer sind die
    Kleinanleger (siehe den US-Film „Boiler Room“) und die Steuerzahler.

    Gesetzmäßig ist das alles nicht unbedingt, aber auch nicht illegal.

    Viele Grüße

    Ihr

    Dr.X

    Lieber Dr.X

    dennoch ist es auffällig, dass die Notenbanken und Banken historisch
    niedrige Zinsen haben–nicht nur die Fed, sondern auch die EZB (0,75%)
    und die japanische Notenbank um die Null.Ja, das geht sogar soweit,
    dass es kurzfristig sogar zum Phänomen der Negativzinsen kam.Die
    Politik des billigen Geldes scheint somit nicht nur eine Angelegenheit
    der Fed, sondern ein allgemeineres Phänomen.Es scheint so etwas wie
    ein Unterbietungswettbewerb zu bestehen.

    Lieber Dr. X,

    auch folgender Artikel zu den Bric-Staaten der
    FinicialTimesDeutschland (FTD) zeigt: Die Leitszinsen werden als zu
    hoch empfunden, den Brictsaaten niedrigere Zinsen angeraten. Brasilien
    als Hoffnung, da s die Leitzinsen drückte.Mal sehen, ob es auch noch
    zu einem Unterbietungswettbewerb bei den Zinsen in den Bric-Staten
    kommt.

    Mit beste Grüssen

    Ralf Ostner

    Bric-Staaten: Dicke Luft zum Jubiläum

    Premium Zehn Jahre nach der Gründung des Akronyms „Bric“ sacken die
    Mitgliedsländer an den Börsen tief ab. Dabei bot gerade dieses Jahr
    ideale Voraussetzungen für ein fulminantes Kursfeuerwerk.

    von Isabel Gomez, Frankfurt

    Die Voraussetzungen für ein schönes Jubiläum waren gut: Die
    Rivalen in den Industrieländern wachsen mau oder gar nicht mehr,
    türmen immer höhere Schulden auf, und ihre Anleger lechzen
    angesichts niedriger Zinsen nach attraktiven Renditen.

    Und doch war es ein schlechtes Jahr für die Bric-Staaten Brasilien
    Russland, Indien und China. Und das ausgerechnet zehn Jahre, nachdem
    der damalige Chefstratege von Goldman Sachs, Jim O’Neill, 2001 das
    Akronym Bric für die wachstumsstarken Länder prägte, die laut
    damaliger Prognose bis 2050 zu den größten Volkswirtschaften der
    Welt wachsen sollten.

    [1]Als sich die Oberhäupter der Bric-Staaten – Manmohan Singh
    (Indien), Dmitri Medwedew (Russland) Hu Jintao (China) und Dilma
    Rousseff (Brasilien, v. l.) – im Frühjahr trafen, waren die
    Aussichten noch gut

    2011 konnte der von MSCI berechnete Bric-Index jedoch nicht von den
    Schuldenproblemen in Industrieländern profitieren, sondern sackte um
    24 Prozent weg – doppelt so stark wie die Börsen der
    schuldengeplagten Euro-Länder. Die US-Börsen legten sogar leicht zu,
    wie auch selbst biedere US-Standardwerte gemessen am S&P 500 seit
    fünf Quartalen in Folge besser laufen als Bric-Aktien.

    Auf Dauer kann sich die Bilanz zwar sehen lassen – und das aus
    Marketing-, aber auch Renditegesichtspunkten: Rund 70 Mrd. Dollar
    (53,5 Mrd. Euro) flossen laut Berechnungen der Nachrichtenagentur
    Bloomberg seit 2001 in Bric-Fonds. Bric-Aktien warfen seit 2001 das
    Vierfache des Ertrags des US-Index S&P 500 ab. Nun bekommen die
    Bric-Staaten allerdings Wachstumsschmerzen – und daran ist der
    Marketingerfolg mitschuldig. „Die Zuflüsse sind über Jahre weit
    über das hinausgegangen, was einige Teilmärkte verkraften konnten.
    Das hat die Bewertungen überhöht und viele Firmen schnell satt
    werden lassen“, urteilt ein Schwellenländerfondsmanager. Ein
    chinesischer Lebensmittelkonzern wie Want Want ist mit dem 36-Fachen
    des Gewinns bewertet bei einem geschätzten Umsatzplus von gerade
    einmal 7,7 Prozent für 2012.

    [2]Erwartungen nicht erfüllt

    Arjuna Mahendran, Asien-Stratege bei HSBC, geht davon aus, dass die
    Indizes der Bric-Staaten 2012 um weitere 20 Prozent fallen werden.
    „Verglichen mit den USA waren die Unternehmensdaten schlecht, weil die
    Firmen höhere Löhne, höhere Zinssätze und Währungsschwankungen
    aushalten müssen, und im besten Fall werden sie im zweiten Halbjahr
    2012 die Auswirkungen der lockeren Geldpolitik spüren“, so Mahendran.

    Auch am Wachstumsmodell keimen Zweifel: Das Bric-Wirtschaftswachstum
    flachte im dritten Quartal 2011 auf das niedrigste Niveau seit zwei
    Jahren ab. In China bremsen weniger Exporte und die staatliche
    Begrenzung von Immobilieninvestitionen das Wachstum. In Indien stieg
    der Leitzins, und die Rupie fiel auf ein Rekordtief, was die Inflation
    antrieb und Investoren fernhielt. Brasilien und Russland, deren
    Wachstum auf Rohstoffen fußt, trafen fallende Metallpreise und das
    langsamere Wachstum Chinas. Durchschnittlich wuchsen die vier Länder
    2007 um 9,7 Prozent, für 2012 rechnet der Internationale
    Währungsfonds (IWF) mit 6,1 Prozent. „Wir haben möglicherweise den
    Wachstumsgipfel der Bric-Staaten als Gruppe gesehen“, glaubt nun
    selbst Goldman-Ökonom Dominic Wilson.

    Hoffnung schöpfen Verfechter aus der Geldpolitik – Brasilien
    drückte seinen Leitzins seit August um 1,5 Prozentpunkte auf elf
    Prozent, und auch in China deuten sich seit November die ersten
    geldpolitischen Lockerungen seit 2008 an. Nach Leitzinssenkungen in
    den Jahren 2003, 2005 und 2008 legte der MSCI Bric Index um
    durchschnittlich 35 Prozent zu – allerdings nur kurzfristig.

    Mehr und mehr Anleger werden nun skeptisch: 15 Mrd. Dollar zogen
    Anleger nun 2011 aus Bric-Fonds wieder ab, wie Bloomberg-Daten zeigen.
    Allein aus in Deutschland zugelassenen Schwellenländerfonds flossen
    bis Oktober 1,6 Mrd. Euro ab, wie aus Daten des Branchenverbands BVI
    hervorgeht. Der Mittelabfluss könnte sich fortsetzen. „Im letzten
    Jahrzehnt musste man nur verstehen, dass die Bric-Staaten das große
    Ding waren, um hohe Renditen einzufahren. Es ist schwieriger zu
    akzeptieren, dass heute allein der Glaube an das langfristige Wachstum
    dieser Länder als Investitionsgrund ausreicht“, schreibt
    Goldman-Ökonom Wilson.

    http://www.ftd.de/finanzen/maerkte/:bric-staaten-dicke-luft-zum-jubilaeum/60147546.html
    [3]

    Lieber Herr Ostner,

    Der „Unterbietungswettbewerb“ ist m.E. auch eine Folge der Ernennung
    Draghis zum Chef der EZB, aus meiner Sicht ein schwerwiegender Fehler.

    Zur „Gesetzmäßigkeit“ der niedrigen Zinsen: Mir fiel nachträglich
    ein, dass Otto Röpke, einer der Väter der Sozialen Marktwirtschaft,
    in den 60er Jahren des 20. Jahrhunderts zwar kein „Gesetz“, aber eine
    treffende empirische Beobachtung formulierte: „Banken haben im
    Allgemeinen die Tendenz, niedrigere Zinsen zu verlangen als
    volkswirtschaftlich geboten. Dies hängt damit zusammen, dass sie das
    Interesse haben, ihren Umsatz zu steigern“. Damals gab’s noch keine
    Boni. Und heute gibt es sie. Röpke hat den Punkt genau getroffen.

    Lieber Dr.X

    der Verweis auf den Vater des Ordoliberalismus Otto Röpke ist sehr
    wertvoll. Können Sie sich noch erinnern, in welchem Buch oder in
    welcher Quelle dieses Zitat fiel und in welchem Kontext es stand?

    Wenn aber Röpke schon diese Tendenz auffällt und er sie empirisch
    für die erste Hälfte des 20. Jahrhundert meint feststellen zu
    können, wäre es desto interessanter, wie sich dies im Verlaufe der
    zweiten Hälfte des des 20. Jahrhunderts und den ersten 3 Jahrzehnten
    des 21. Jahrhunderts entwickelte–also, ob die Empirie da für solch
    eine gewagte These vom tendenziell fallenden Zins etwas hergibt. Als
    Gegenargument könnte man ja bringen, dass es nach dem 2. Weltkrieg
    wohl niedrigere Zinsen gab als dann unter der Hochzinsära Reagans in
    den 80ern (bis zu 13%), es also zu einer absoluten Umkehrung des
    Trends kam.Meine Behauptung ist auch nicht, dass es zu einer solchen
    Gegensteuerung nicht kommen kann, aber das die Tendenz trotz allem
    langfristig fallend bleibt.Interessant wäre es herauszufinden, wie
    und wann gegengesteuert wird–genauso wie beim tendenziellen Fall der
    Profitrate.Ich habe nächste Woche mit einer Ökonomin der Bundesbank
    ein Kaffeetreffen–mal sehen, was sie dazu sagen kann.

    Mit besten Grüssen

    Ralf Ostner

    Links:
    ——
    [1]
    http://www.ftd.de/finanzen/maerkte/:bric-staaten-dicke-luft-zum-jubilaeum/60147546.html
    [2]
    http://www.ftd.de/finanzen/maerkte/:bric-staaten-dicke-luft-zum-jubilaeum/60147546.html
    [3]
    http://www.ftd.de/finanzen/maerkte/:bric-staaten-dicke-luft-zum-jubilaeum/60147546.html

  4. Florian Beck sagt:

    Von Ralf Ostner:

    Lieber Dr.X

    Sie schrieben:

    „Der „Unterbietungswettbewerb“ ist m.E. auch eine Folge der Ernennung
    Draghis zum Chef der EZB, aus meiner Sicht ein schwerwiegender Fehler.

    Draghi ist ja nur das Phänomen, die Charaktermaske, die
    inthronisiert wurde, um gewisse eherne Gesetze der Ökonomie, die
    apersonal sind, zu exekutieren. Er ist nicht die Ursache, sondern die
    Folge.Mit Unterbietungswettbewerb meine ich die globale Konkurrenz von
    Finanzkapitalien und Staaten die Zinsen zu senken–genauso wie sie
    dies in der Realökonomie mit Löhnen, Steuern und anderen
    „Standortvorteilen“ machen.Dennoch bleibt die Frage, ob diese Tendenz
    nicht reversibel ist. Ich glaube schon, dass es Gegenlenkugen wie bei
    Reagans Hochzinspolitik gibt, aber diese Gegenlenkung erfolgt unter
    extrem desperaten Situationen und zeitigt nachhaltige Folgen
    langfristig. Die EU, die USA und Japan scheinen schon in einem
    Unterbietungswettbewerb beim Zins, die Brix-Staaten blieben bisher
    davon verschont, aber der Artikel der FTD macht klar, dass Brasiliens
    Zinssenkung in diesem Kontext zu verstehen ist. Wenn sich Chinas oder
    Indiens Wachstum abschwächen sollte, wenn der Yuan konvertibel werden
    soll, werden wir vielleicht ähnliche Readjustierungen der Zinssätze
    auch feststellen können.

    „Zur „Gesetzmäßigkeit“ der niedrigen Zinsen: Mir fiel
    nachträglich ein, dass Otto Röpke, einer der Väter der Sozialen
    Marktwirtschaft, in den 60er Jahren des 20. Jahrhunderts zwar kein
    „Gesetz“, aber eine treffende empirische Beobachtung formulierte:
    „Banken haben im Allgemeinen die Tendenz, niedrigere Zinsen zu
    verlangen als volkswirtschaftlich geboten. Dies hängt damit zusammen,
    dass sie das Interesse haben, ihren Umsatz zu steigern“. Damals gab’s
    noch keine Boni. Und heute gibt es sie. Röpke hat den Punkt genau
    getroffen.““

    Ich glaube nicht, dass das Bonisystem die Erklärung für die
    Finanzkrise und die sinkenden Zinsen ist. Ich behaupte: Auch ohne Boni
    hätte es diese Entwicklung gegeben. Die Boni forcierten die
    Entwicklung nur etwas. Meiner Ansicht nach hat die Finanzkrise primär
    damit zu tun, dass ab 2001 die New Economy, d.h. die
    Investitionsmöglichkeiten in die neuen Industrien zusammenbrachen–es
    gibt Leute, die nennen das das Auslaufen der Langen Welle–und
    zugleich die BRIC-Staaten so mit Kapital und Investitionen
    übersättigt waren, dass sich aus beiden Quellen eine riesige nicht
    mehr verwertbare Kapitalmasse ergab. Schon hier wäre es zur
    eigentlichen Finanz- und Weltwirtschaftskrise gekommen. Aber exakt zu
    diesem Zeitpunkt entdeckte der US-amerikanische Staat für sein
    Finanzkapital einen Ausweg: Die subprimes–über Fanny Mae und die
    anderen Institute. Das verzögerte den eigentlichen Ausbruch der Krise
    nochmals um 5 Jahre, bis die Bubble platzte. Was lernen wir daraus?
    Genau wie Marx es sagte, existiert der Kapitalismus eben nur mit
    Krisen oder wie VWler es sagen mit „Schweinezyklus“, aber wir sollten
    mal in der Bevölkerung reinbekommen, dass es keinen ewigen Boom gibt,
    sondern eben immer nur Boom und Krise, Boom und Krise.Genauso wie der
    deutsche Exportboom auch mal wieder in eine Krise kommt. Wenn man
    diesen Zusammenhang klar macht–auch im Erziehungssystem-, gäbe es
    vielleicht weniger Politikverdrossenheit und Kritik am politischen
    System, dass eben auf einem sich abwechselnden boomenden und dann
    wieder crashenden Unterbau aufgebaut ist.

    Mit besten Grüssen

    Ralf Ostner

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