Sommer in Orange und das deutsche Indien- und Chinabild

Gestern lief im ARD noch „Sommer in Orange“–eine Komödie vom bayerischen Regisseur Rosenmüller über eine Bagwhankommune, die in ein bayerisches Dorf siedelt und dort in Konflikt mit den den traditionellen Dorfbewohnern kommt.Ein Clash of Civilizations, der dann aber ein gutes Ende nimmt.Bis in die 80er Jahre war das deutsche Indienbild ja noch vor allem durch Ghandi, Ravi Shankar (Sitaspieler mit den Beatles) und Bagwhan und Hare Krishna geprägt. Erst in den 90er Jahren wurde Indien erst als mögliche kommende Großmacht gesehen und studierten auch Politologen, VWL und BWLstudenten Indiologie, die die Geschäftsmöglichkeiten und die zunehmende politische Rolle, dioe Indien in der Weltpolitik spielt im Auge hatten.Galt das Interesse der meisten jungen Deutschen in den 70er Jahren mehr den spirituellen und musikalischen Aspekten Indiens, herrschte hier eine gewisse Romantik vor , so dürfte Indien heute eher als größte Demokratie der Welt und Supermarkt wahrgenommen werden.Times are changing.

 

Ein Bekannter schrieb mir:

Die indische Filmindustrie ist die größte der Welt. Die Filme werden in der ganzen Welt gezeigt. In den Filmen spielen die religiösen Riten und Gebräuche eine große Rolle:Die indischen Komponisten betreiben „Fusion“ der indischen mit der abendländischen Kultur. Das geschieht seitens der chinesischen Kulturen nicht.Indologie – das Studium von Sanskrit – ist weiterhin Teil der Indologie und der Südasienstudien an unseren Universitäten. So auch in anderen Ländern.Es wäre falsch, anzunehmen, Indien werde heute nur oder vornehmlich  nur als Demokratie-Phänomen und als Wirtschaftspartner gesehen. Nein  – es ist auch eine „Kulturmacht“ auf dem Erdball, die in Kommunikation mit fast allen anderen Kulturen steht und diese Begegnung  auch nicht scheut.

Darauf:

Da fehlt die soft power, Bollywood und die indische Kulturmacht.Die indischen Bollywood-Produktionen sind auch in deutschen TV-Sendern zu sehen, bei der deutschen Jugend sehr beliebt, wie es auch im JugendTV eine Comicserie gibt „Sally Bollwood“, die eine indischstämmige Heroin als Protagonistin hat.Indien dürfte im Kultursektor mehr zu bieten haben als China. Zwar knüpft die Esoterikwelle in Deutschland auch an China (TCM, Daoismus)an , aber China dürfte weniger soft power als Indien haben, auch wenn es überall auf der Welt jetzt Konfuziusinstitute gründet. Wenn es als Kulturnation angesehen wird, so fehlen ihm doch die modernen Elemente, die Indien mit der westlichen Welt verschmelzen lässt.Da bietet eine indische Demokratie doch mehr Freiraum für kreative Geister als das autoritäre China, in dem alles zensiert wird.Aber noch als Nachwort zu „Sommer in Orange“, Bagwhan und Indien folgende Gedanken:

1)ich finde es auch interesant, wie Indien und China auf die deutschen Jugend in den 70er Jahren wirkten. Im wesentlichen dürfte es ja eher die Indienfraktion der Hippies gegeben haben, die spirituell, antimaterialistisch,pazifitisch, hedonistisch unterwegs war und dann zum anderen die ganzen Maoisten, die die Kulturrevolution und die revolutionäre Militanz Maos anlockte, da sie hier eine Alternative zum westlichen Kapitalismus und dem bürokratischen Kommunismus der Sowjetunion sahen.Sowohl Mao wie auch Ghandi predigten das einfache Leben, standen aber zum einen für Friedfertigkeit und Reform, zum anderen für revolutionäre Gewalt und Revolution.Aber ich glaube, heute sieht kein deutscher Jugendlicher mehr den Sytemänderungsaspekt, es ist eine pragmatische Generation wie die Shell-Jugendstudie sagt und Indien und China sind da nicht mehr so die Alternativmodelle.Indien dürfte für Jugendliche vor allem wegen Bollywood interessant sein als Variation der Tanz- und Musikfilme von Hollywood oder eben für BWL-Studenten als Suopermarkt und für Politologen als die „größte Demokratie der Welt“..Aber mehr auch nicht. Dennoch wäre es einmal eine interessante Studie, wie Deutschlands Jugend von China oder Indien inspiriert wird oder auch nicht.

2) Noch zu Bhagwan. Dieser wird vor allem in westlichen Medien nur als hedonistischer Freie-LIebe-Prophet wahrgenommen. Es ist aber interesant, dass sich seine“Lehre“ aus einer politischen Auseinandersetzung mit Ghandi zum einen und dem RSS zum anderen entwickelte.Zu seiner Biographie vermerkt Wikipedia:

„Als Jugendlicher wurde Rajneesh Atheist; er interessierte sich für Hypnose und engagierte sich vorübergehend für Kommunismus, Sozialismus und zwei nationalistische Bewegungen, die für Indiens Unabhängigkeit kämpften: die Indian National Army und den Rashtriya Swayamsevak Sangh.[3][8] Er las viel und wurde ein hervorragender Debattierkünstler.[3] Sein Ruf war der eines egoistischen, hochfahrenden, sogar aufrührerischen jungen Mannes.[

In den 1960er Jahren unternahm Rajneesh, wann immer es ihm seine Lehrtätigkeit erlaubte, ausgedehnte Vortragsreisen durch Indien,[4] in denen er Gandhi und den Sozialismus kritisierte.[3] Sozialismus und Gandhi, so sagte er, verherrlichten beide die Armut, anstatt sie abzulehnen.[9] Indien brauche Kapitalismus, Wissenschaft, moderne Technologie und Geburtenkontrolle, um seiner Armut und Rückständigkeit entkommen zu können.[3] Auch zum orthodoxen Hinduismus äußerte er sich kritisch: die brahminische Religion sei steril, alle politischen und religiösen Systeme seien falsch und heuchlerisch“.

Der gute Osho war also ein höchst politischer Mensch, verwandelte sich dann aber in einen religiösen Sektierer, der die Menschheitsveränderung nur noch durch Freie-Liebe- Selbstverwirklichung in Kommunen und Ashrams und freudianischer Urschreitheorie beglücken wollte. Ab diesem Punkt wurde er unpolitisch.

Über Ralf Ostner

Ralf Ostner geboren 1964 in Frankfurt am Main, 1984 Abitur in Bayern--Leitungskurse: Physik und Kunst/ Schülerzeitung. Studium der Physik (Nebenfächer: Mathematik, Chemie), Wirtschaftsgeographie (Nebenfächer: BWL, VWL) und Studium der Sinologie. 1991 Abschluss als staatlich geprüfter Übersetzer in der englischen und chinesischen Sprache am Sprachen- und Dolmetscher-Institut/München (Leiter der Chinesisch-Abteilung: Herr Zhang, ehemaliger Dolmetscher von Deng Xiaoping und Franz-Josef Strauß).Danach 5 Jahre Asienaufenthalt: China, Indien, Südostasien (u.a. in Kambodscha während des ersten Auslandseinsatzes der Bundeswehr, Interviews mit Auslandschinesen, Recherche im Karen-Guerillagebiet in Burma, Unterstützung einer UNO-Mitarbeiterin während den Aufständen in Nepal und bei UNO-Arbeit in Indien), Australien. Danach 5 Jahre als Dolmetscher, Delegationsbegleiter und Übersetzer in München. Abendstudium an der Hochschule für Politik /München (Schwerpunkt: Internationale Beziehungen). Abschluss als Diplom-Politologe (Diplomarbeit: Die deutsch-chinesischen Beziehungen 1989-2000 unter besonderer Berücksichtigung der SPD-Grünen-Regierung). Delegationsbegleitung von Hu Ping, Chefredakteur der chinesischen Dissidentenzeitung "Pekinger Frühling" (New York)und prominentester Vertreter eines chinesischen Liberalismus bei seiner Deutschlandtour (Uni München, Uni Mainz, Berlin/FU-Humboldt) bei gleichzeitigem Kontakt mit Liu Liqun (Autor des Buches "Westliches Denken transzendieren"/ heute: Deutschlandberater der chinesischen Regierung).Chefredakteur der Studentenzeitschrift UNIPOL . Projekte am Goethe-Institut und bei FOCUS TV. Seit 2000 Übersetzer (chinesisch-deutsch), Graphiker, freier Schriftsteller und Blogger.
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