Wenn Helmut Dietl den G-7-Gipfel überlebt hätte

Bayern zeigte sich bewegt: Sein scheinbar bester Filmemacher Helmut Dietl ist an Lungenkrebs gestorben. Über Jahrzehnte portraitierte er die Münchner Szene, sei es nun „Münchner Geschichten“, „Kir Royal“ oder eben „Monaco Franze“ und „Rossini“. Zumeist befassten sich seine Filme sehr satirisch über die Eigenarten der Münchner Bussi-Gesellschaft, Schickeria und Münchens Oberschicht, die sich ohnehin für die „geheime Hauptstadt“der Republik, ja wenn nicht gar der Welt hielt, nachdem ihr das Gütesiegel „Hauptstadt der Bewegung“schon weggebrochen war. Dabei schilderte Dietl deren Dekadenz, Eitelkeiten, Korruption, lokale Eigentümlichkeiten, deren Opportunismus, Selbstherrlichkeit und inneren Widersprüche. Mit „Schtonk“ schaffte es Dietl auch bundesweit eine Parodie auf die STERN-Hitlertagebücher und auch wieder  die Funktionsweise der Oberschichtenhierarchien und Medienwelt  zu parodieren und popularisieren, was ihn auch über Bayern hinaus bekannt machte. Zuletzt versuchte Dietl auch noch eine Serie über die  Oberschicht der neuen Berliner Republik, was aber nicht erfolgreich war. Ob dies nun daran lag, dass Dietl eben ein Bayer war , der im Biotop der Münchner Szene lebte und dieses in sich aufgesogen hatte und für ihn Berlin eben ein Fremdkörper blieb und umgekehrt oder ob die Berliner Oberschicht ähnliche Parodien auf sich nicht goutierte und er deswegen erfolglos blieb, werden wir nie erfahren. Zumindestens wäre es interessant gewesen, ob Helmut Dietl Stoff für einen neuen Film nicht aus dem nun in Bayern stattfindenden G-7-Gipfel der Weltmächtigen im Schloss-Elmau bei Garmisch-Partenkirchen nächst zu München hätte schöpfen können. Zum einen wären da die erhofften Prestigegewinne, die sich eine bayerische Regierung und ihre lokalen CSU-Außenposten von solch einem Megaereignis erhoffen. Zum anderen wären dies die etwas undurchsichtigen taktischen Spielchen, die innerhalb der Oberschicht vollzogen werden. Zum einen Putin aus der G-8 zu entlassen und einen G-7-Gipgfel ohne ihn abzuhalten, während nun eine russische Veranstaltungsagentur  eine Superparty  kurz vor dem Gipfeltermin  in der Nähe von Schloss-Elmau auf dem Flugzeuglandeplatz abfeiern will und der Feiernde ein deutscher Unternehmer , der seine Millionen im Russlandgeschäft gemacht hat mit Rammstein, Max Raabe und Levi Krevitz scheinbar unregistriert von den ganzen Sicherheitskräften, die die ganze Region peinlichst genau überwachen  seinen 50-jährigen Geburtstag begehen will. Das Gerücht, dass sich hier Putin als  Überraschungsgast seilbst einladen und einen Gegengipfel inszenieren wollte, zirkulierte nun im  ganzen Tal. Doch dem nicht genug: Die sagenumschriebenen Bilderberger tagen eine Woche zuvor über den nächsten Berg hinweg in Österreich, weswegen Verschwörungstheoretiker zum Schluss kommen, dass die Bilderberger zuvor tagen, um dann ihre Weltregierungsbeschlüsse bei der G-7 mittels ihrer Politikermarionetten durchstellen zu lassen. Vielleicht ist da ja auch eine Teilwahrheit dran, da die Bilderberger schon eine relativ mächtige Gruppe sind, aber eben auch keine geheime Weltregierung, vielleicht hätte Dietl auch mal beide Gipfel und deren Zusammenspiel parodiert,  aber genauso wie von den Bilderbergern behauptet wird, dass sie von einem Jesuiten gegründet wurden und damit letztendlich die katholische Kirche und  der Papst der eigentliche Strippen- und Drahtzieher einer geheimen Weltregierung sei, wird nun auch die Rolle des G-7-Schlossbesitzers Diether Müller-Elmau seitens vermeintlich kundiger BILD-Zeitungsmitarbeitern  aus der berühmten Dietlschen Münchner Szene kolportiert, nämlich, dass er bei Scientology sei und sowohl G-7-Gipfel wie auch die Bilderberger als nächste geheime Weltregierung an seinen Fäden tanzen lasse. Helmut Dietl hätte wohl eine Parodie auf die Verschwörungstheorien von BILD und Verschwörungstheoretikern gebracht, die aus einem relativ unbedeutenden Hotelbesitzer den mächtigsten Mann der Welt konstruieren wollen. Genauso könnte man dies aus dem Besitzer des Heiiligendammhotels des letzten G-8-Treffens einen spiritus rector der Weltgeschichte machen und aus jedem Hotelbesitzer. Vielleicht liegt es auch daran, dass derjenige, der solche BILD-nahen Storys nachkäut selbst Hotelbesitzer ist und auch gerne ein Dieter Müller-Elmau und somit möchtigster Mann noch vor der Merkel.-Frau in der Times wäre. Dann wäre als weiterer Filmstoff der Kontrast zwischen kosmopolitischem Großweltmachtbayerngebaren und den kleinkarierten Ängsten der doch mehr provinziellen Einheimischen, die vor  allem Angst vor Umweltschäden, linksradikalen Chaoten und Unruhestiftern haben, ihre Dörfer , Strassen, Infrastruktur von Bahnhöfen bis schnellen Internetanschluss auf Staatskosten schnell noch sanieren ein weiterer amüsanter Aspekt. Zum dritten, dass die ganze Region zu einem Hochsicherheitstrakt verwandelt wird, bei dem nun auch die GSG-9 per Fallschirm über dem Werdenfesler Land abspringt , Kleinflughäfen wie Pömetsried als Zentralflughäfen für die Bundespolizei umgebaut werden und die gesamte professionelle Sicherheitsdienstparanoia sich übers die Region ausbreitet. Vielleicht auch noch, wie der Staat und die bayerische Regierung versucht jeglichen Protest im Keime zu ersticken, den Demonstranten Camp-Plätze zu verweigern, aber eben bauernschlaue Bauern dennoch ein Geschäft in der profitablen Verpachtung von Plätzen für Protestierende wittern.Damit wären noch nicht alle möglichen Aspekte für einen Film genannt. Wirklich schade, dass Helmut Dietl dies nicht mehr als sein Abschlusswerk produzieren kann. Er wird uns fehlen und kein anderer bayerischer Filmemacher scheint dazu im Stande—ober übernehmen sie Herr Rosenmüller oder aber eben die Nachwuchskader der Filmhochschule München.

Über Ralf Ostner

Ralf Ostner geboren 1964 in Frankfurt am Main, 1984 Abitur in Bayern--Leitungskurse: Physik und Kunst/ Schülerzeitung. Studium der Physik (Nebenfächer: Mathematik, Chemie), Wirtschaftsgeographie (Nebenfächer: BWL, VWL) und Studium der Sinologie. 1991 Abschluss als staatlich geprüfter Übersetzer in der englischen und chinesischen Sprache am Sprachen- und Dolmetscher-Institut/München (Leiter der Chinesisch-Abteilung: Herr Zhang, ehemaliger Dolmetscher von Deng Xiaoping und Franz-Josef Strauß).Danach 5 Jahre Asienaufenthalt: China, Indien, Südostasien (u.a. in Kambodscha während des ersten Auslandseinsatzes der Bundeswehr, Interviews mit Auslandschinesen, Recherche im Karen-Guerillagebiet in Burma, Unterstützung einer UNO-Mitarbeiterin während den Aufständen in Nepal und bei UNO-Arbeit in Indien), Australien. Danach 5 Jahre als Dolmetscher, Delegationsbegleiter und Übersetzer in München. Abendstudium an der Hochschule für Politik /München (Schwerpunkt: Internationale Beziehungen). Abschluss als Diplom-Politologe (Diplomarbeit: Die deutsch-chinesischen Beziehungen 1989-2000 unter besonderer Berücksichtigung der SPD-Grünen-Regierung). Delegationsbegleitung von Hu Ping, Chefredakteur der chinesischen Dissidentenzeitung "Pekinger Frühling" (New York)und prominentester Vertreter eines chinesischen Liberalismus bei seiner Deutschlandtour (Uni München, Uni Mainz, Berlin/FU-Humboldt) bei gleichzeitigem Kontakt mit Liu Liqun (Autor des Buches "Westliches Denken transzendieren"/ heute: Deutschlandberater der chinesischen Regierung).Chefredakteur der Studentenzeitschrift UNIPOL . Projekte am Goethe-Institut und bei FOCUS TV. Seit 2000 Übersetzer (chinesisch-deutsch), Graphiker, freier Schriftsteller und Blogger.
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