Neue Weltordnung

Jenseits von tagesaktuellen Fragen, hatte ich heute eine recht interessante Diskussion mit einem ehemaligen Piraten und einem FDP-Mitglied.Thema war: Ist eine neue Weltordnung denkbar. Gemeinsamer Punkt war, dass die Welt heute sehr chaotisch geworden ist, Verschwörungstheoretiker dies auf die Existenz oder dem Streben einer New World Order, irgendwelchen Illuminaten, Bilderbergern oder Freimaurern in allen Internetforen zurückführen. Erst einmal ging es um eine Bestandsaufnahme. Zum einen fällt auf, dass die ganzen neuen Bewegungen ein 1% gegen die 99% aufmachen wollen, eine Art neuen Feudalismus, eine hierarische Elite innerhalb einer NWO und eine Postdemokratie sehen, wobei sie schon eine differenziertere Gesellschaft oder das Aufkommen eines Mittelstands ignorieren, das Aufkommen von Startups, die sich zu neuen „Monopolen“mausern. Die NWO-Kritiker sehen da eine weltverschörungstheoretische Herrschaft eines 1% der globalistischen Elite, das zwischenstaatliche Konflikte herbeizaubere, um die Völker gegeneinander auszuspielen und gegeneinandner zu bringen, da sie ja schon eine vereinte Oberschicht seien und die wahren Weltherrscher- Divide et impera. Mal hat eine globalistische Verschwörerclique die Welt schon unter Kontrolle und spielt alle gegeneinander aus, mal wieder wil sie das. Ob das also Status Quo oder erklärtes Ziel ist, bleibt bewußt offen, ja zwischen beiden Optionen wird hin- und hergesprungen, um die eigene Argumentation noch irgendwie plausibel zu machen.Mal stecken alle unter einer Decke, mal wird von Seiten der NWO-Kritiker die BRICS als Gegen-NWO-Modell der Bildergebergten NWO gehypt. Sind sie jetzt alle unter einer Decke oder sind sie jetzt gegeneinander? Dass es eine Oberschicht gibt bestreitet keiner, dass diese sehr mächtig sind und alles tun, um ihre Macht zu erhalten und zu erweitern auch nicht, aber eben schon, dass sie als globalistische Weltregierung schon verschmolzen sei,dass  eine globalistische Elite sich alle Staaten und Regierungen völlig untergeordnet habe und jenseits der Staaten alleiniger Befehlsgeber sei. dass es eine im wesentlichen statische Gesellschaft ist, die einem neuen Feudalismus gleichkäme, bezweifelten wir schon. Zumal Klassenherrschaft auch nichts Neues ist, ein Rockefeller, Krupp, Thyssen,etc. schon natürlich mehr zu sagen hatte und ein Bill Gates oder Marc Zuckerberg mehr oder eben neukapitalistisch, dass ein chinesischer oder russischer Unternehmer/Oligarch mehr im staatskapitalistischen Staate mehr zu sagen hat , als ein einfacher Arbeiter, der sich mittels Organisation durch die SPD oder KPD oder die AFL/CIO aber eben eine eigene Repräsenation schaffte oder in Russland oder China nur eine Repräsentanz in Staatsgewerkschaften erhält, während alle unabhängigen Gewerkschaften als CIA-geförderte Auslands-NGOs behandelt und verfolgt werden, die nur das russische oder chinesische Volk in seiner Einheit unterminieren wollten. Nur: Zur Zeit eines Lenin, Mandel hatte ein Rockefeller und Ford auch schon wesentlich mehr zu melden als ein Arbeiter oder Mittelständler,vielleicht sogar mehr–warum dann heute die Postdemokratie ausgebrochen sein soll und ein neuer Feudalismus erschliesst sich da nicht. Auch im Arbeiterparadies unter Stalin und Pol Pot hatten Arbeiter und Mittelständler gelinde gesagt wenig zu sagen.Unter einem Mao, Stalin oder Pol Pot hatte ein Arbeiter oder Mittelständler auch wesentlich weniger zu sagen als unter einem Jelzin, Xi Jinping oder Hun Sen.Weswegen jetz plötzlich neofeudalistische Systeme und Postdemokratien im Ggegensatz zur Vergangenheit herbeschworen werden, ist nicht so einsichtig.Also, es geht nicht um die naive sozialkundliche und staatstragende Betrachtung, wonach jedes Individuum seines eigenen Glückes Schmied sei und aufgrund formaler rechtsstaatlicher Gleichbehandlung als Bürger die gleichen Machtpotentiale und Aussichten habe, wie dies ja unsere NWO-Kritiker scheinbar fordern, sondern eher mal um eine nüchterne Bestandsaufnahme. Wir diskutierten erst mal, wie denn die heutige Welt aussehe und konnten uns darauf einigen: Kein Neofeudalismus und eben gerade keine Weltregierung oder höhere Koordination, sondern es gibt zwar politische Machtgruppen und wirtschaftliche Eliten, die allesamt auf eine Vorherrschaft drängen, aber während sich die Wirtschaft immer mehr globalisiert, befinden wir uns aufgrund der Nationalstaaten auf politischer und gesellschaftlicher Ebene eher noch auf einer feudalistischen Gesellschaft, bei der jeder Nationalstaat versucht seinen Wirtschaftsstandort für sein sich zunehmend globalsierendes Kapital möglichst durchzusetzen, wenngleich es schon die Bewegung gibt grössere Einheiten und Art neue Reichsbildungen mittels Freihandelszonen oder aber eben supranationalen Organisationen wie der EU, den BRICS, der Eurasischen Union/Novorussland,etc. zu begründen, die aber gesellschaftlich Gegenbewegungen und Fragmentierungen nach sich ziehen.Die Wirtschaft globalisiert sich, die Nationalstaaten versuchen dies auch, stossen aber an ihre Grenzen und lösen damit gesellschaftliche Gegenbewegungen aus.Es gibt vielerlei Theorien, die sich auf eine neofeudalistische Klasse einlassen in Anlehnung an Ernest Mandels Schrift “Der Monopolkapitalismus der USA”, der in den 70er Jahren geschrieben wurde oder Lenins “Imperialismus als höchstes Stadium des Kapitalismus”, wo 8 Dynastein in den USA wie die Rockelfellers, Fords, Morgans, etc. ausgemacht wurden und ein paar Monolpole und darauf basierend eine Art Neofeudlaismus behaupetet wurde, wie jetzt eben bei Occupy oder vielen Internetforen die berühmt-berüchtigten 99%gegen die 1%. Wir kamen zu dem Diskussionsergebnis, dass diese marxistischen Leitblider zwar als partielle Bestandsaufnahme stimmte, aber eben übersah, dass der Kapitalismus eben keine statische feudalistische Gesellschaft ist, in denen ein paar Firmen und Kapitalistenfamilien herrschen, sondern dies ein sehr dynamisches System ist bezüglich innerer sozialer Mobilität, wie auch für neue Unternehmen und neue Industrien, wie eben auch in der Konkurrenz der Nationalstaaten untereinander weltweit. Zwar stimmt es, dass jede Elite und jede Firma auf eine Art Monopol und eine Art Neofeudalismus zustrebt, aber die gesamte Dynamik lässt es nicht dazu kommen.Zumal auch nicht, wenn auch noch verschiedene Nationalstaaten darum konkurrieren, die aber auch nicht mehr darum kommen grössere Freihandelszonen oder Organisationsversuche zu starten, sei es jetzt TTIP, Ostasiatische Freihandelszone, TPP, NATO-/EUerweiterung, Novorussland/Eurasische Union, Harmonisches Asien als Haupttendenzen.und Hauptwidersprüche, wobei Lenis falsch hergeleite Zuspitzung der imperialistischen Konflikte der Monopole  in einem Weltkrieg sich durchaus wiederholen könnte, wenngleich uns heute jeder versichert, dass Weltkriege aufgrund der Globalisierung, der Atom- Cyber- und Weltraumwaffen gar nicht mehr möglich seien.Aber als Zukunftsaussicht hatten wir auch noch:Zumal ensteht durch die Digitalsierung und Industrie 4.0 eine neue Dynamik, die zu weiteren Polarisierungen führen werde.Wir kamen dann auf die Frage, was denn die Lösung sei: Wir meinten übereinstimmend, dass eine Neue Weltordnung doch eine Notwendigkeit sei.Unklar blieb: Eine Weltregierung, ein  Machttrio USA, EU und China, wobei die EU ja Auflösungserscheinungen zeigt,ein multipolares System (BRICS) oder ein polyzentrisches System, ein System,das sich vielleicht über G-20 oder eine G-9 (mit Indien und China) samt Uno abstimme.Aber alles ist im Fluß. Zumal: Auf welcher wirtschaftlichen Basis: Washington Consensus oder Beijing Consensus.–aber beide sind ja seit der Finanzkrise 2009 und dem Börsensturz in China 2015 teilweise delegitimiert.Natürlich war uns klar, dass wir dies in unserer Lebzeit nicht mehr erleben werden, sondern mehr eine Neue Weltunordnung, aber trotzdem eine NWO  als Ziel fördern sollten anstatt den islamistischen, religiösen, ethnischen oder nationalistischen Wahnsinn, der uns aus allen Ecken der Welt entgegenkommt. Dennoch bleibt die Frage, wie denn solch eine neue Weltrordnung aussehen könnte, völlig ungeklärt–es ist eine vage und unbestimmte Hoffnung auf bessere Zeiten.

Über Ralf Ostner

Ralf Ostner geboren 1964 in Frankfurt am Main, 1984 Abitur in Bayern--Leitungskurse: Physik und Kunst/ Schülerzeitung. Studium der Physik (Nebenfächer: Mathematik, Chemie), Wirtschaftsgeographie (Nebenfächer: BWL, VWL) und Studium der Sinologie. 1991 Abschluss als staatlich geprüfter Übersetzer in der englischen und chinesischen Sprache am Sprachen- und Dolmetscher-Institut/München (Leiter der Chinesisch-Abteilung: Herr Zhang, ehemaliger Dolmetscher von Deng Xiaoping und Franz-Josef Strauß).Danach 5 Jahre Asienaufenthalt: China, Indien, Südostasien (u.a. in Kambodscha während des ersten Auslandseinsatzes der Bundeswehr, Interviews mit Auslandschinesen, Recherche im Karen-Guerillagebiet in Burma, Unterstützung einer UNO-Mitarbeiterin während den Aufständen in Nepal und bei UNO-Arbeit in Indien), Australien. Danach 5 Jahre als Dolmetscher, Delegationsbegleiter und Übersetzer in München. Abendstudium an der Hochschule für Politik /München (Schwerpunkt: Internationale Beziehungen). Abschluss als Diplom-Politologe (Diplomarbeit: Die deutsch-chinesischen Beziehungen 1989-2000 unter besonderer Berücksichtigung der SPD-Grünen-Regierung). Delegationsbegleitung von Hu Ping, Chefredakteur der chinesischen Dissidentenzeitung "Pekinger Frühling" (New York)und prominentester Vertreter eines chinesischen Liberalismus bei seiner Deutschlandtour (Uni München, Uni Mainz, Berlin/FU-Humboldt) bei gleichzeitigem Kontakt mit Liu Liqun (Autor des Buches "Westliches Denken transzendieren"/ heute: Deutschlandberater der chinesischen Regierung).Chefredakteur der Studentenzeitschrift UNIPOL . Projekte am Goethe-Institut und bei FOCUS TV. Seit 2000 Übersetzer (chinesisch-deutsch), Graphiker, freier Schriftsteller und Blogger.
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1 Response to Neue Weltordnung

  1. Ralf Ostner sagt:

    Interessant ist in diesem Zusammenhang auch der Börsencrash in China. Im Westen sieht man das ja ambivalent. Zum einen freuen sich viele, dass Chinas staatsregulierter Kapitalismus als Gegenmodell nun selbst eine Krise wie die westliche Finanzkrise 2008 hat, also auch nicht mehr so das garantierte Erfolgsmodell ist. Endlich zeigt der chineische Musterknabe auch mal Schwächen.Umgekehrt sind sich aber auch die meisten bewußt, dass dies Auswirkungen auf die Weltwirtschaft und den Westen selbst wieder haben kann.Schadenfreude mischt sich da mit Ängsten.Bisher sah sich die KP China und auch ihre Bevölkerung ja auf dem Erfolgsweg, war ja der contract social, dass man eine Entwicklungsdiktatur akzeptiert,wenn sie denn für eine Steierung des Wohlstands sorgt.Jedenfalls kann sich China nicht mehr so sicher sein, dass sein politisches System nun nicht auch in eine Krsie kommen könnte, da die KP China bisher ja eine Aura der Omnipotenz verstrahlte, die den Bürgern und der Weltgemeinschaft suggerierte, alles unter Kontrolle zu haben. Folge könnte aber auch sein, dass China dies nun versucht durch das Anfachen außenpolitische Stärkedemonstrationen und billigen Nationalismus ala Putin zu kompensieren, zumal ja nicht nur das eigene politische System, sondern eben auch der Anspruch der stärkste Pol innerhalb eines multipolaren Systems zu sein, infrage gestellt ist.Damit wird auch die multipolare Weltrodnung infrage gestellt, die ja von verschiednenen Polen als Ordnungskräften ausgeht, unterminiert.Ob diese zivilisatorische Transformationskrse angesichts der Delegitimuerung des Washington Consensus und des Beijing Consensus auch in eine polyzentrische Struktur kommt oder aber nicht China auch selbst seine Selbstdefinition als Pol infragegestellt sieht und diesen nun in einer Art Vorwärtsverteidigung schnell durchsetzen will, kann aber auch wieder zu mehr Unordnung führen, dass hieraus auch eine antizivilisatorische Transformationskrise hervorgehen könnte.

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