Hiroshimagedenktag und die Aufrüstung in Asien

Zum Jahrestag des Atombombenabwurfs auf Hiroshima und Nagasaki liefen im deutschen Fernsehen zwei Dokumentationen. Die erste im Ersten, dem ARD ,behauptete, dass die USA Kriegsverbrecher seien, Japan schon kapitulationsbereit und kriegsunfähig gewesen wäre und es den USA unter Truman nur darum ging einen Menschenversuch an den Japanern  abzuhalten, um die Wirkungsweise der unterschiedlichen Bombentypen—eine Uran- und eine Plutoniumbombe zu testen.Hier wurde der alte Opfermythos  Japans auf deutschen Kanälen aufgewärmt und es fehlte nur noch, dass Dresden und Hamburg in eine Reihe damit gestellt wurdennach solch neuen deutschen Revisionistenklassikern wie „Der Brand“. Die Dokumentation auf Phönix war da schon viel differenzierter.Erstens wurde einmal gezeigt, dass die USA Japan ein Ultimatum gestellt hatten und Japan darauf nicht einging. Zweitens wurde gezeigt, dass Japan nach der ersten Atombombe immer noch nicht kapitulierte, da der Kriegsrat unter Kaiser Hirohito die Menschenleben in Kauf nahm, zumal es ja schon zuvor Massenbombardements der USA mit Brandbomben auf japanische Städte gegeben hatte und man dies daher nicht so tragisch fand. Auch stellte Truman nach der ersten Atombombe ein weiteres Ultimatum, das von Japan ebenso unbeantwortet blieb. Im ARD wurde dazu die These vertreten, dass Japan schon nicht mehr kriegsfähig war und es gar keiner Invasion mehr bedurfte und erst der Kriegseintritt der Sowjetunion gegen Japan die Kapitulationsentscheidung ausgelöst hätte. Dies ist ebenso falsch, da die Militärs und Militaristen im japanischen Kriegsrat selbst nach der zweiten Atombombe immer noch gegen eine Kapitulation waren und darauf hinwiesen, dass das japanische Militär immer noch 3 Millionen Soldaten unter Waffen und 5000 Flugzeuge hatte und die USA eine Invasion fürchten würden wie die Pest. Der japanische Ministerpräsident wies dann darauf hin, dass die USA eine Atombombe über Tokio werfen und damit das Kaiserhaus auslöschen könnten. Es ging also hierbei auch nicht um menschliche Opfer, sondern  um die Befürchtung, dass das Kaisersystem eliminiert werden könnte. Schließlich einigte man sich darauf, dass Kaiser Hirohito entscheiden sollte und dieser befürwortete dann die Kapitulation, um sein eigenes Leben zu schützen. Doch schon 4 Tage danach versuchten japanische Militärs einen Putsch, um die Kapitulation wieder rückgängig zu machen, was jedoch scheiterte. All diese Fakten brachte die ARD-Dokumentation überhaupt nicht, die USA wurden nur als Kriegsverbrecher bar jeglicher menschlicher Moral dargestellt. Auch keine der beiden Dokumentationen brachte die kriegerische Expansion Japans mit all ihren brutalen Massenmorden und Kriegsverbrechen, wie auch die Tatsache, dass Japan ein eigenes Atomwaffenprogramm unterhielt, die USA auch dessen Atomwaffentestreaktoren bombadiert hatten und Nazideutschland Japan dafür auch radioaktives Material lieferte, das Nazi-U-Boot aber aufgrund der deutschen Kapitulation nicht mehr in Japan ankam, sondern sich den Allierten ergab. Japan wurde zumindestens seitens der ARD-Dokumentation als Unschuldslamm dargestellt, an dem  US-Kriegsverbrecher Frankensteinversuche unternommen hätten. Meiner Ansicht nach hatte Truman  drei Motive: Zum einen wollten die USA der Welt zeigen, dass sie die erste und damals einzige Atommacht waren und damit eben auch die neue Weltmacht—die Atombombenabwürfe waren nicht nur als Demonstration gegen Japan gerichtet, sondern auch zugleich als Warnung an die Sowjetunion, den sich abzeichnenden Hauptgegner der USA dann im Kalten Krieg und an den Rest der Welt. Dazu hätte auch schon ein Atombombenabwurf als Demonstration gereicht und war kein zweiter nötig.Zumal auch die USA nicht einmal den ersten Atombombenwurf getätigt hätten, hätte Japan kapituliert.Dass die USA eben doch eine zweite Atombombe abwarfen, hat eben damit zu tun, dass Japan trotz aller mensclichen Opfer immer noch stur eine Kapitulation verweigerte. Zweitens: Die USA wollten ein schnelles Kriegsende und keine blutige Invasion Japans, zumal eben Japan noch 3 Millionen Soldaten unter Waffen und 5000 Flugzeuge hatte—ich halte dies keinesfalls für eine Schutzbehauptung. Drittens, wenn man schon zwei Atombomben abwerfen musste, entschied man sich eben auch als Kollateralnutzen für ein Waffenexperiment, um eben die Wirkunsgweisen der unterschiedlichen Atombombentypen zu testen. Zumal behauptete aber die ARD-Dokumentation den dritten Punkt als Hauptmotiv, was unlogisch ist, denn hätte Japan nach der ersten Atombombe kapituliert, hätten die USA auch keine zweite Atombombe abgeworfen und auf diese Sorte Praxistest verzichtet. Die ARD-Dokumentation hingegen behauptete, hätten die USA auch noch einen anderen dritten Atombombentyp, etwa eine Thoriumbombe gehabt, dass sie auch diese unabhängig von den Entscheidungen der politischen Eliten Japans, abgeworfen hätten—rein um des Menschenversuchs wegen.   Man muss den Truman-USA also schon ein gehöriges Mass an Unmenschlichkeit unterstellen, um auf solche Konstruktionen zu kommen und alle politischen Rahmenbedingungen ignorieren um dieses antiamerikanische Horrorgemäldes   einer wesensartig zutiefst teuflischen Macht pinseln und Tojo-Hirohito-Japan als Opferlamm darzustellen zu können. Desweiteren interessant war der Umgang Nachkriegsjapans mit den Hiroshimaopfern. Diese wurden als nicht heiratsfähig ausselektiert, da man die Strahlenkrankheit in der nächsten Generation befürchtete. Der Film „Black Rain“ thematisiert dies sehr gut (wohlgemerkt nicht zu verwechseln mit dem gleichnamigen Hollywoodfilm mit Michael Douglas, bei dem ein US-Cop in Japan mit der Yakuza aufräumt) Seltsamerweise ist nichts über genetische Mutationen, Fehlbildungen, Krebs und strahleninduzierte Krankheiten der Nachfolgegenerationen in Japan und im Westen je thematisiert worden. Während Vietnam in seinen Kriegsmuseen und auf Tourismusreisen immer mutierte  Opfer und Kinder infolge des Agent-Orange-Einsatzes des US-Militärs der Welt präsentierte, war dies in Japan bei den Atombombenopfern nie der Fall. Als besiegte Nation, die zumal enorme Kriegsverbrechen begangen hatte, wie auch nun während des Kalten Krieges der neue Verbündete der USA gegen den Kommunismus war, hielt man sich hier wohlweislich zurück. Auch eine Entschuldigung der USA für die Atomwaffenabwürfe wurde nie gefordert—zu absurd erscheint eine solche Forderung zweifach: Aufgrund der historischen Fakten, zweitens aufgrund des militärischen US-Atomschutzes, den Japan benötigt.  In welchem politischen Umfeld spielt sich heute der Jahrestag von Hiroshima ab? Inzwischen ist die VR China Atommacht, sitzt mit weiteren Atommächten im UN-Sicherheitsrat und rüstet ihr Militär mit zweistelligen Wachstumsraten auf, bedroht Japan bei den Senkaku/DiaoYu-inseln und im Ostchinesischen Meer, auf das es Territorialansprüche erhebt. Nordkorea hat inzwischen auch Atomwaffen und diese richten sich neben Südkorea vor allem gegen Japan. Japan hat keine Atomwaffen, aber amerikanischen Atomschutz, sowie einen bilateralen Sicherheitsvertrag mit den USA, der es vor China und Nordkorea schützen soll. Der Bürgermeister von Hiroshima machte nun den Vorschlag einer Abrüstungskonferenz mit Tagungsort in Hiroshima. Damit ist wohl vor allem Abrüstung in Asien gemeint und da Japan über keine Atomwaffen verfügt, sollen wohl vor allem Nordkorea und China abrüsten. Dies angesichts eines zunehmenden Rüstungswettlauf der asiatischen Staaten, wie auch der Tatsache, dass die USA Asien als Hauptweltgebiet von zukünftiger Bedeutung ausgemacht haben und nun den Asian Pivot rebalancieren wollen.Dazu verstärken die USA angesichts der chinesischen Herausforderung ihre Militärbündnisse und ihre Militärkapazitäten, wie nun auch Japan seine Pazifismusklausel aus der Verfassung gestrichen hat, aufrüstet und die japanischen Selbstverteidigungskräfte nun auch  für Auslandseinsätze bereit hält.  Ausländischen Beobachtern ist es zudem auch nicht klar, warum Japan trotz Fukushimas nicht auch eine Energiewende und einen Ausstieg aus der Atomkraft vollzogen hat wie etwa Deutschland. Die Antwort dürfte wohl darin liegen, dass sich Japan wohl auch eine eigenständige Atomwaffenoption offenhalten möchte, wie dazumal in Deutschland Adenauer, Strauss und Dregger.Währenddessen will China erstmals eine Militärparade auf dem blutgetränkten Platz des Himmlischen Friedens zum 70. Jahrestag des Endes des Zweiten Weltkriegs abhalten, wobei noch offen ist, ob westliche Staaten , vor allem auch die USA und Japan daran teilnehmen, zumal Japan da ja als Hauptkriegsgegner auf der Anklagebank sitzen würde. Bisher liegen nur Zusagen Putin-Russlands und der Mongolei vor, zumal Putin ja auch seine Militärparade zum 2. Weltkrieg mit Chinas Xi Jinping in Moskau abhielt und beide Staaten über Shanghai Cooperation Organization, BRICS und gemeinsame Manövern im Ostchinesischen Meer und neuerdings im Mittelmeer kooperieren. Inwieweit also der Vorschlag des Hiroshimaer Bürgermeister zu einer Abrüstungskonferenz in Hiroshima ernst genommen wird angesichts der zunehmenden Aufrüstung Asiens, bleibt abzuwarten.Die Trends laufen momentan in die diametral entgegengesetzte Richtung. Auch wird der Jahrestag von Hiroshima seitens der US-Regierung unter Obama genutzt, um ihren Atomdeal mit dem Iran als historische Lehre aus Hiroshima darzustellen, während Israel dies für einen „historischen Fehler“ hält und eher befürchtet das nächste Hiroshima mittels eines nuklearen Holocaust zu werden–obwohl Israel selbst als einzige Macht im Nahen Osten über Atomwaffen verfügt und zumal unter Schutz der USA steht, die gerade wie Russland ihre Atomwaffenarsenale modernisiert.Inwieweit die neuen Atommächte Indien und Pakistan den Gedenktag von Hiroshima propagandistisch nutzen, wäre auch einmal zu untersuchen. Auch hier läuft eine weitere Aufrüstung wie in ganz Asien, auch der nuklearen Potentiale.

Über Ralf Ostner

Ralf Ostner geboren 1964 in Frankfurt am Main, 1984 Abitur in Bayern--Leitungskurse: Physik und Kunst/ Schülerzeitung. Studium der Physik (Nebenfächer: Mathematik, Chemie), Wirtschaftsgeographie (Nebenfächer: BWL, VWL) und Studium der Sinologie. 1991 Abschluss als staatlich geprüfter Übersetzer in der englischen und chinesischen Sprache am Sprachen- und Dolmetscher-Institut/München (Leiter der Chinesisch-Abteilung: Herr Zhang, ehemaliger Dolmetscher von Deng Xiaoping und Franz-Josef Strauß).Danach 5 Jahre Asienaufenthalt: China, Indien, Südostasien (u.a. in Kambodscha während des ersten Auslandseinsatzes der Bundeswehr, Interviews mit Auslandschinesen, Recherche im Karen-Guerillagebiet in Burma, Unterstützung einer UNO-Mitarbeiterin während den Aufständen in Nepal und bei UNO-Arbeit in Indien), Australien. Danach 5 Jahre als Dolmetscher, Delegationsbegleiter und Übersetzer in München. Abendstudium an der Hochschule für Politik /München (Schwerpunkt: Internationale Beziehungen). Abschluss als Diplom-Politologe (Diplomarbeit: Die deutsch-chinesischen Beziehungen 1989-2000 unter besonderer Berücksichtigung der SPD-Grünen-Regierung). Delegationsbegleitung von Hu Ping, Chefredakteur der chinesischen Dissidentenzeitung "Pekinger Frühling" (New York)und prominentester Vertreter eines chinesischen Liberalismus bei seiner Deutschlandtour (Uni München, Uni Mainz, Berlin/FU-Humboldt) bei gleichzeitigem Kontakt mit Liu Liqun (Autor des Buches "Westliches Denken transzendieren"/ heute: Deutschlandberater der chinesischen Regierung).Chefredakteur der Studentenzeitschrift UNIPOL . Projekte am Goethe-Institut und bei FOCUS TV. Seit 2000 Übersetzer (chinesisch-deutsch), Graphiker, freier Schriftsteller und Blogger.
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