Anschlag in Paris–warum Frankreich?

Über den Anschlag in Paris gibt es zwei  unterschiedliche Erklärungen: Der erste Ansatz sieht dies als Anschlag gegen den westlichen Lebensstil allgemein und zitiert die Stelle aus der IS- Erklärung, dass Paris eine “Hauptstadt der Unzucht und Dekadenz”sei. Paris steht für Amour, Moulin Rouge, Amüsement, Franzosen wird ja auch nachgesagt, die besseren Liebhaber zu sein,westlicher Kultur der Aufklärung (universale Werte wie Menschenrechte, Egalite, Fraternite, Liberte/Frz. Revolution) und Multikulturalität, Mai 68, Laizismus und Burkaverbot. Es werden also mehr kulturell-symbolische Gründe für den Anschlag ausgemacht. Interessant im übrigen, dass ein kambodschanischer Student so angeekelt von Paris war,dass er als rückgekehrter Herrscher seines Landes, alle Großstädte entvölkern liess und einen Agrarkommunismus einführen wollte, der Rousseaus Ideal des edlen Wilden anvisierte und den Kosmopolitismus und die Dekadenz der Großstädte auslöschen wollte–des Namens: Pol Pot.Das erinnert sehr an den IS und seine Erklärung.

Der andere Ansatz macht vor allem strategische Gründe geltend. Hier soll ein Eskalationsmechanismus in Gang gesetzt werden, der Europa und vor allem die deutsch-französische Achse beschädigt.Interessant ist, dass die Logistik des Attentats in Belgiens Brüssel vorbereitet worden zu scheint im dortigen Muslimviertel. Die Frage liegt nahe, warum sich dann der Anschlag nicht gegen die EU richtete, die ja ihren Verwaltungssitz in Brüssel hat.Die Attentäter planten ja vor allem zuerst ein Massaker an den Nationalmannschaften und Zuschauern während des deutsch-französischen Fußballspiels vor laufenden Kameras zu verüben.Scheinbar hatten sie diletantischerweise keine Tickets und wurden nicht eingelassen.Sodenn verübten sie an 6 weiteren Örtlichkeiten Anschläge, vor allem Cafes, Bistros, Konzerthallen, also Örtlichkeiten des wochenendlichen Amüsements und der Lebensfreude der jungen Generation.
Der strategische Ansatz ist der Ansicht, dass Frankreich sich am besten eignet, um Europa und den Westen zu destabiliseren. Zum einen gibt es 9% der Bevölkerung mit muslimischen Hintergrund, die schlecht integriert in den Ghettos der Ban Lieus hausen,zudem eine starke faschistische Partei, den Front National, sodass sich hier der Eskalationsmechanismus der rassistischen Paranoia und gegenseitigen Ausgrenzung besser in Gang setzen lässt als in anderen europäischen Ländern. Desweiteren ist Frankreich als Grand Nation Mitglied des Ständigen Ausschuss des UNO-Sicherheitsrates, die deutsch-französische Achse der Motor der europäischen Integration, zudem führt Frankreich Militärschläge gegen Islamisten in Lybien, Syrien, Irak und Mali. Schon Putin hofft auf eine Machtergreifung von Marine Le Pen, da diese aus dem Euro, der EU und der NATO austreten möchte und somit den Westen und die EU nachhaltig nach einem Brexit schwächen würde. Nicht umsonst hat eine russische Bank dem Front National einen Wahlkampfkredit von 40 Millionen Euro gegeben und hat Putins NGO, das “ Institut für Demokratie und Entwicklung“  seinen Hauptsitz in Paris. Siehe Webseite:

http://www.idc-europe.org/en/The-Institute-of-Democracy-and-Cooperation

Eine russisch-französische, vielleicht auch -chinesische Achse für eine multipolare Welt gegen die USA wird seitens Le Pens, Putins und Xi Jinping anvisiert. Ähnlich hofft auch der IS auf ein Erstarken des Front National, da dieser vehement gegen Muslime vorgehen wird und Solidarisierungseffekte mit dem Islamismus in Gang setzen wird, sowie eben auch die Uneinigkeit des Westens befördern wird. Auch wäre ein Sieg des faschistischen Front Nationals eine nachhaltige Schwächung des Liberalismus, der Demokratie und des Pluralismus in Europa. Die Frage ist dabei nur, ob der IS hier nicht eher die gemeinsame Solidarität des Westens mit China und Russland befördert, wie es nun beim Syriengipfel in Wien und nun dem G-20-Gipfel in der Türkei zum Ausdruck kommt. Auch ist die Frage, ob der IS so weltpolitisch-strategisch denkt und meint, die Großmächte gegeneinander ausspielen zu können oder er eher nach dem Motto handelt: Viel Feind, viel Ehr und „Der IS kennt keine Grenzen, sondern nur Fronten“. Ebenso weiss der IS, dass die Stimmung innerhalb der EU aufgrund der Flüchtlingswelle sehr polarisiert ist und die Terrorismusfrage mit der Flüchtlingsfrage verbunden und angstvoll aufgeladen werden kann, was zu Ausgrenzung und Radikalsierung führen kann–das dürfte der Hauptansatzpunkt seiner strategischen Überlegungen sein. Beide Erklärungsansätze haben etwas für sich, vielleicht ist die Motivation auch eine Mischung aus beiden, da sie sich ja nicht ausschließen, sondern durchaus kompatibel sind.

Dennoch ist die Frage „Warum Paris?“auch etwas irreführend, denn genauso könnte man fragen „Warum eigentlich nicht?“. Jede Hauptstadt oder fast jedes Land kann aufgrund des westlichen Lebensstil und als Verkörperung westlicher Werte als „Hauptstadt der Unzucht und Dekadenz“ oder „ungläubiges Land“gesehen werden. Berlin mit seiner früheren Loveparade wäre genauso ein lohnenswertes Ziel wie Paris oder das tugendhafte Vatikanstadt. Frankreich genauso wie Deutschland, Spanien, China oder Russland.Ebenso richtete sich der Anschlag nicht nur gegen Frankreich, auch wenn er in Frankreich stattfand. Die beiden Hauptziele waren das Stadium, in dem auch die deutsche Mannschaft spielte und viele deutsche Zuschauer anwesend waren. Zum anderen dürfte sich der Anschlag auf das zweite Hauptziel , das Bataclan auch den USA und Israel, wie auch Juden im allgemeinen gegolten haben:

„Den französischen Sicherheitsbehörden war bekannt, dass der von zwei Franzosen jüdischen Glaubens geführte Konzertsaal im Osten von Paris seit langem eine Zielscheibe von radikalen Islamisten war. Besondere Schutzmaßnahmen gab es trotzdem nicht. Die letzten konkreten Anschlagsdrohungen reichen in die Jahre 2007 und 2008 zurück. Im Februar 2011 stießen die Kripobeamten bei Ermittlungen im Zusammenhang mit einem Anschlag der „Armee des Islams“ in Kairo auf ein Attentatsprojekt gegen den Pariser Konzertsaal.„Bataclan“ zog den Hass der Islamisten auf sich, weil dort jedes Jahr ein Galaabend für die „Magav“, eine Grenzeinheit der israelischen Polizei, organisiert wurde. Die amerikanische Rockgruppe „Eagles of Death Metal“, die am Freitagabend im „Bataclan“ auftrat, war zuvor auf Israel-Tournee gewesen. Dies scheinen Gründe zu sein, warum der IS Mostefai und seine zwei Mitstreiter zum Selbstmordanschlag in den Konzertsaal entsandte.“

http://www.faz.net/aktuell/politik/terror-in-paris/debatte-nach-den-anschlaegen-tausende-die-frankreich-hassen-13914232.html?printPagedArticle=true#pageIndex_2

Frankreich und Paris wurde vielleicht aus den oben genannten Gründen gewählt, aber für den IS sind alle Staaten, die Nicht-IS-Staaten sind und alle Menschen, die nicht zum IS gehören potentielle Anschlagsziele. Es kann sich also jederzeit auch anderswo ereignen.

Über Ralf Ostner

Ralf Ostner geboren 1964 in Frankfurt am Main, 1984 Abitur in Bayern--Leitungskurse: Physik und Kunst/ Schülerzeitung. Studium der Physik (Nebenfächer: Mathematik, Chemie), Wirtschaftsgeographie (Nebenfächer: BWL, VWL) und Studium der Sinologie. 1991 Abschluss als staatlich geprüfter Übersetzer in der englischen und chinesischen Sprache am Sprachen- und Dolmetscher-Institut/München (Leiter der Chinesisch-Abteilung: Herr Zhang, ehemaliger Dolmetscher von Deng Xiaoping und Franz-Josef Strauß).Danach 5 Jahre Asienaufenthalt: China, Indien, Südostasien (u.a. in Kambodscha während des ersten Auslandseinsatzes der Bundeswehr, Interviews mit Auslandschinesen, Recherche im Karen-Guerillagebiet in Burma, Unterstützung einer UNO-Mitarbeiterin während den Aufständen in Nepal und bei UNO-Arbeit in Indien), Australien. Danach 5 Jahre als Dolmetscher, Delegationsbegleiter und Übersetzer in München. Abendstudium an der Hochschule für Politik /München (Schwerpunkt: Internationale Beziehungen). Abschluss als Diplom-Politologe (Diplomarbeit: Die deutsch-chinesischen Beziehungen 1989-2000 unter besonderer Berücksichtigung der SPD-Grünen-Regierung). Delegationsbegleitung von Hu Ping, Chefredakteur der chinesischen Dissidentenzeitung "Pekinger Frühling" (New York)und prominentester Vertreter eines chinesischen Liberalismus bei seiner Deutschlandtour (Uni München, Uni Mainz, Berlin/FU-Humboldt) bei gleichzeitigem Kontakt mit Liu Liqun (Autor des Buches "Westliches Denken transzendieren"/ heute: Deutschlandberater der chinesischen Regierung).Chefredakteur der Studentenzeitschrift UNIPOL . Projekte am Goethe-Institut und bei FOCUS TV. Seit 2000 Übersetzer (chinesisch-deutsch), Graphiker, freier Schriftsteller und Blogger.
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