Global Zero–für eine atomwaffenfreie Welt

Vor geraumer Zeit trug ich mich mal recht unreflektiert und gutmenschenartig in die Unterstützerliste von Global Zero ein—einer Initiative für eine atomwaffenfreie Welt, zudem auch überraschenderweise solche Realpolitiker wie Henry Kissinger Unterstützer dieses etwas utopisch anmutenden Projekts sind.Also: Eine scheinbar gute Sache und dann noch ein ausgewiesener Realpolitiker als Unterstützer all dessen–das müsste doch irgendwie gut sein. Utopie mit Realismus gepaart-was kann es Besseres geben?

Seitdem erhalte ich Zusendungen, was Global Zero alles so an zahlreichen Aktionen gemacht hat und welche Erfolge es meint feiern zu können—dabei wird der Irandeal als historischer Wendepunkt der Geschichte gesehen, der nun alles zum Besseren wenden wird. Betrachtet man sich die Bilanz und das Anliegen genauer, so kommen einem doch berechtigte Zweifel, ob man diese Initiative weiterhin unterstützen soll.

Zum einen das Anliegen: Wäre eine atomwaffenfreie Welt überhaupt wünschenswert und würde eine atomwaffenfreie Welt konventionelle und gar Weltkriege zwischen dann nur noch konventionell bewaffneten Gross- und Regionalmächten nicht erst wieder führbar machen, da ja die abschreckende Wirkung der gegenseitigen nuklearen Vernichtung wegfallen würde? Kämen sich da nicht Despoten aller Welt, die (noch) nicht über diese Atomwaffen verfügen nicht erst recht ermutigt vor, da sie wüssten, dass die konventionellen Kräfte ihrer Konkurrenten begrenzt sind—im Gegensatz zu einer Atomwaffe, die konventionelle Massenheere ersetzen und rationalisieren kann? Wäre eine atomwaffenfreie Welt denn überhaupt friedlicher und stabiler als die jetzige Weltordnung?  Und was geschehe mit den B- und C-Waffen, den Cyber- und Weltraumwaffen und den ganzen sonstigen konventionellen Arsenalen, die ebenso Massenvernichtungsinstrumente sind? Insofern müsste man schon eher für eine umfassende Abrüstung eintreten, die auch die Entwicklung von Trägersysteme mit einbezieht. Aber das will Global Zero ja nicht explizit. Aller Schrecken der Welt kommt nur aus den Atomwaffen und ohne diese gibt es dann scheinbar eben keinen Schrecken mehr.

Zum anderen: Zwar könnte man Global Zero als Initiative zur weiteren Verhinderung der weltweiten Proliferation von Massenvernichtungswaffen, speziell Nuklearwaffen sehen. An diese Funktion dürfte Henry Kissinger wohl eher gedacht haben, da sie eben die Macht des ständigen UNO-Sicherheitsrats, der aus eben 5 Atommächten besteht, sowie Indien, Pakistan und Israel zementiert und insofern für eine gewisse Stabilität der heutigen Weltordnung sorgen könnte. Global Zero scheint sich auch nicht daran zu stören, dass alle Atommächte gerade ihre Nukleararsenale modernisieren, teils aufrüsten, teils neue Atomwaffentypen wie etwa Mininukes  und neue Trägersysteme entwicklen, diese zielgenauer und präziser ausrichten, dass die USA/NATO und Russland inzwischen geschlossene Verträge zur Atomwaffenrüstungsbegrenzung nicht mehr einhalten und brechen, sich in Asien und im Nahen Osten ein atomarer Rüstungswettlauf andeutet, zumal auch Nordkorea weiterhin nuklear aufrüstet. Dazu kann man bei den eingehenden Erfolgsmeldungen nichts lesen.

Wie gesagt: Der Irandeal gilt als die historische Wendemarke. Dabei müsste man die Euphorie dämpfen, denn  wie Obama selbst gesagt hat, kauft man sich mit diesem Vertrag nur 10 Jahre Zeit. Iran unterhält weiterhin ein Atomprogramm, das ihm nach Ablauf dieser Frist jederzeit in die Lage versetzen kann, innerhalb eines Jahres Atomwaffen zu produzieren, was ja auch US-republikanische, israelische und saudiarabische Gegner des Irandeals kritisieren.

Unterdessen wird auch die sogenannt zivile Kernkraft, die ja die Basis auch für Atomwaffenprogramme sein kann zügig weiter ausgebaut. Die Energiewende mit dem Ausstieg aus der Kernkraft ist bisher ein deutsch-österreichischer Sonderweg und Einzelfall, während rund um den Planeten von den USA bis Europa, der Türkei bis im Nahen Osten,  Indien, China, Japan und Südkorea die Kernkraft weiterbetrieben oder zügig ausgebaut wird. Auch dazu schweigt sich Global Zero völlig aus.

Und inwieweit der Irandeal nun ein Erfolg des konkreten Wirkens von Global Zero ist, darf auch bezweifelt werden, die Initiative dürfte ihre eigene Wirkungsmächtigkeit leicht grössenwahnsinnig  und selbsteitel überschätzen und die Motive und Ergebnisse des Abkommens dazu auch falsch einschätzen. Global Zero dürfte mehr eine ungewollte Hilfspropagandatruppe der USA sein, um die Idee der Nichtproliferation weltweit auch zivilgesellschaftlich zu popularisieren, aber wesentlich mehr eben nicht. Vielleicht ist das aber auch wiederum ausreichend, um sie zu unterstützen. Ich hatte mal Global Zero diese Bedenken und Fragen desöfteren zugesandt, habe aber bisher noch nie eine Antwort erhalten ausser eben Spendenaurufen,neuen Erfolgsmeldungen und den Aufruf im Online-Webshop von Global Zero mir auch ein T-Shirt oder eine Kaffeetasse zu bestellen oder bei Spenden „geschenkt“zu bekommen.Also demokratische Transparenz, Mitbestimmung, Nachfragen, Kommunikation gar nicht erwünscht, obwohl sich diese NGO eben als Musterbeispiel zivilgesellschaftlicher Aktivität gebärden will. Es macht den Eindruck: Der gute Aktivist will sich in seinem überbordenden Aktivismus und hyperaktiven Idealismus nicht von störenden, grundsätzlichen Fragen abhalten lassen und alle Leute raushalten, die ihn ablenken könnten vom unhinterfragbar guten Ziel. Zweifel an einer atomwaffenfreien Welt sind nicht erlaubt; Nach- oder gar Hinterfragen unerwünscht. Das Anliegen ist so edel, so licht, so hell und gut, dass sich jegliche Diskussion an seinem Zweck erübrigt. Es ist eine abgeschottete NGO weniger Aktivisten, die keinen in den erlauchten Zirlkel reinlässt, noch an Nachfragen interessiert ist. Man soll unterschreiben, spenden und die frohe Nachricht, das Evangelikum einer nahenden atomgfreien Welt  in den sozialen Medien unhinterfragt weiterverbreiten. Mehr ist dem Unterstützer und Mitglied von Global Zero da nicht zugestanden. Von daher ist Global Zero mehr eine erlösungstheologische Sekte, die von den USA und anderen UNO-Sicherheitsratsmitgliedern zur Propagierung der Nichtproliferationsidee als zivilgesellschaftliche Hilfstruppe vorgesehen ist.UNO-Atomwaffensicherheitsrat at its best und zumal ganz zivilgesellschaftlich.

Über Ralf Ostner

Ralf Ostner geboren 1964 in Frankfurt am Main, 1984 Abitur in Bayern--Leitungskurse: Physik und Kunst/ Schülerzeitung. Studium der Physik (Nebenfächer: Mathematik, Chemie), Wirtschaftsgeographie (Nebenfächer: BWL, VWL) und Studium der Sinologie. 1991 Abschluss als staatlich geprüfter Übersetzer in der englischen und chinesischen Sprache am Sprachen- und Dolmetscher-Institut/München (Leiter der Chinesisch-Abteilung: Herr Zhang, ehemaliger Dolmetscher von Deng Xiaoping und Franz-Josef Strauß).Danach 5 Jahre Asienaufenthalt: China, Indien, Südostasien (u.a. in Kambodscha während des ersten Auslandseinsatzes der Bundeswehr, Interviews mit Auslandschinesen, Recherche im Karen-Guerillagebiet in Burma, Unterstützung einer UNO-Mitarbeiterin während den Aufständen in Nepal und bei UNO-Arbeit in Indien), Australien. Danach 5 Jahre als Dolmetscher, Delegationsbegleiter und Übersetzer in München. Abendstudium an der Hochschule für Politik /München (Schwerpunkt: Internationale Beziehungen). Abschluss als Diplom-Politologe (Diplomarbeit: Die deutsch-chinesischen Beziehungen 1989-2000 unter besonderer Berücksichtigung der SPD-Grünen-Regierung). Delegationsbegleitung von Hu Ping, Chefredakteur der chinesischen Dissidentenzeitung "Pekinger Frühling" (New York)und prominentester Vertreter eines chinesischen Liberalismus bei seiner Deutschlandtour (Uni München, Uni Mainz, Berlin/FU-Humboldt) bei gleichzeitigem Kontakt mit Liu Liqun (Autor des Buches "Westliches Denken transzendieren"/ heute: Deutschlandberater der chinesischen Regierung).Chefredakteur der Studentenzeitschrift UNIPOL . Projekte am Goethe-Institut und bei FOCUS TV. Seit 2000 Übersetzer (chinesisch-deutsch), Graphiker, freier Schriftsteller und Blogger.
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