Franz Josef Strauss, Ernst Jünger und der Weltstaat

von Ralf Ostner

Diskussionen über einen Weltstaat gibt es schon lange. Sei es Kant, der dann aber vom Weltstaat zu einer Weltföderation wechseltse, seien es die Diskussionen um Global Governance

https://zeitschrift-ip.dgap.org/de/ip-die-zeitschrift/archiv/jahrgang-2008/juli-august/auf-dem-weg-zum-weltstaat

, seien es die Diskussionen um eine Weltrepublik statt einem Weltstaat,

http://www.suhrkamp.de/buecher/weltstaat_oder_staatenwelt_-_29066.html

ja selbst christliche Autoren thematisieren dies, jedoch mit Verweis auf die Johannesoffenbarung als die Ankunft des Antichristen.

http://www.stmichael-online.de/weltstaat.htm

Ein CSU-Bekannter gab mir, als wir über den Weltstaat diskutierten eine Rede von Franz Josef Strauss „Vom Nationalstaat zum Weltstaat“von 1961.

http://www.ueberseeclub.de/resources/Server/pdf-Dateien/1960-1969/vortrag-1961-03-03Dr.%20h.c.%20Franz-Josef%20Strau%C3%9F.pdf

Sehr interessant, dass sich dieser nationalkonservative Europäer damals auch schon mit diesen Gedanken beschäftigte. Er hält die Rede zur Hochzeit des Kalten Krieges (Mauerbau, 1 Jahr vor der Kubakrise) und ein Jahr nach der von dem konservativen Denker und Schriftsteller Ernst Jünger 1960 erschienenen Schrift „Der Weltstaat“, der bisher eigentlich immer als fanatischer Nationalist und Militarist in seinen Schriften „Stahlgewitter“, „Der Arbeiter“,etc. Ruhm erlangt hatte . Zielgruppe und Auditorium von Straussens Rede war der Hamburger Überseeclub, also konservatives, wenngleich kosmopolisches Handelskapitalbürgertum– Hanse–aten eben, wobei Strauss selbst in seiner Rede Hamburg als „Tor zur Welt“bezeichnete. Zudem hielt es Strauss für notwendig auf die Thesen von Ernst Jüngers „Der Weltstaat“einzugehen–scheinbar hatte dieses Werk in konservativen Kreisen damals so einige Diskussionen bewirkt.

Jünger argumentierte ja so, dass es aufgrund des möglichen nuklearen Todes zu einer Annäherung zwischen den USA und der Sowjetunion kommen werde, eine geschichtliche Bewegung, die in einem Weltstaat enden würden.Damals gab es noch nicht die Globalsierung, die Internationalität der Finanzmärkte und der Telekommunikations- und Transportmittel, die Internationalisierung der Produktions- und Wertschöpfungsketten in dem heutigen Ausmasse, so dass Jünger hier auf recht eigenartige Begründungen kommt, warum es zu einem Weltstaat kommen sollte. So hätten die USA und die UdSSR die gleichen Symbole, nämlich den Stern (Sowjetstern und Stars and Stripes), gleiche Technologie und zudem gleichklingende Politparolen.

„Doch – um wieder zum Weltstaat zu kommen – gehöre der Nationalstaat ohnehin dem historischen Denken an. Nicht nur seine Inhalte – wie Recht, Moral, Verträge – sind in Bewegung gekommen, sondern der „Rahmen selbst“, d. h. die Organisationsform der Zivilisation. Bei der „Wende“ (S. 18), die Jünger konstatiert, der großen, sich beschleunigenden Bewegung, gehe es nicht um das Schicksal einzelner Völker, sondern des Menschen schlechthin. Wie d e r Mensch sich darin zu plazieren vermag, hängt nicht zuletzt vom Gebrauch seiner (vom Autor unter den vielfältigsten Bezügen reflektierten) „Willensfreiheit“ ab, dem Humanum an sich, dem „Möglichen“ – gepaart mit Verantwortung (die Möglichkeiten und Gefährdungen durch Wissenschaft und Technik, vor allem die Atombombe, haben sich hier eingezeichnet) -, das seine Grenze vom „Anderen“ erfährt. Mit der Balance von „rotem und weißem Stern“, von „Partnern“, bei denen er eher Ähnlichkeiten, gar Identitäten, konstatiert als Konkurrenzen, sieht er die beiden Weltstaaten auf dem Wege zum Weltstaat: Sie hätten die gleichen Leitworte (Frieden, Freiheit, Demokratie), ein und dieselbe Technik, die zur Perfektion getrieben wird; wo „die Ideologien verschieden sind, wie hinsichtlich der Wirtschaft, bringen sie doch im Ergebnis immer ähnlichere Formen hervor“. Ähnlichkeit der Ideale findet er zum Beispiel in der Raumfahrt. In dieser prinzipiellen „Ähnlichkeit der Riesenpartner“ sieht er „die beiden Hälften der Gußform zur Bildung eines Weltstaates“, und diese Aussicht hält er für wahrscheinlicher und wünschenswerter als eine neue Aufteilung der Macht unter Einbeziehung Dritter.“

http://www.luise-berlin.de/lesezei/blz98_07/text04.htm

Wohl etwas dürftig und konfus als Begründung. Scheinbar scheint damals eine gewisse Friedenssehnsucht angesichts eines möglichen nuklearen Krieges geherrscht zu haben und der unterschwellige Wunsch diesen durch Annäherung an das andere System oder eben Weltsstaatsideen zu verhindern.In diese Zeit fallen ja dann auch die Konvergenztheorie Kenneth Galbraiths, der beide Systeme vor allem nur als Industriegesellschaften und Managereliten auf beiden Seiten sehen wollte, die mehr Gemeinsames denn Trennendes hätten, also gar nicht so unterschiedliche Systeme wären.

In diesem Kontext nun hält Strauss seine Rede, in dem er postuliert, dass es einen Weltstaat nicht geben könne, solange es den Kommunismus gebe, da dies ein völlig entgegengesetztes System sei. Er geht zum einen auf die historische Entwicklung der alten Reiche, der Entstehung des Nationalstaats, der EG, der Blockkonfrontation ein, er zeigt, dass die Kommunisten den Völkerbund zuerst als Club von imperialistischen Räubern ablehnten, dass die kommunistischen Staaten später dann in der UNO vor allem fenidliche Obstruktionspolitik verfolgten und gegen einen möglichen Weltstaat arbeiteten. Einen Weltstaat könne es folglich nur geben, wenn der Kommunismus aufhöre zu existieren und ausgelöscht sei. Dann geht Strauss auch noch ganz kurz darauf ein, wie ein solcher Weltstaat beschaffen sein sollte. Nur lebenswichtige Politikfelder sollte dieser zur Verwaltung haben, wie etwa die Abrüstung, ansonsten sei das Sudsidiaritätsprinzip ausschlaggebend. Mein CSU-Bekannter meinte dann noch augenzwinkernd: Solch ein Weltstaat hätte wohl München als neue Hauptstadt und FJS als neuen Weltenimperator haben sollen.

Der Weltstaat Jüngers hat aber als analytische Kategorie die Konvergenztheorie zur Grundlage, die zur Schaffung selbigen aufgrunds der atomeren Weltuntergangsgefahr kommen sieht und nicht die ökonomische Analyse. Jünger sieht denn änlich wie dazumal Galbraith nur noch verwaltete Industriegesellschaften, die von Managern und Technokraten bewirtschaftet werden und aufgrund ähnlicher Industrietechnologie beider Systemr da eigentlich keinen Systemunterschied mehr, auf den aber dann FJ Strauß in seiner Entgegnung auf Jüngers Weltsaat in seiner Rede des Hamburger Überseeclubs zentral einging.Desweiteren sucht Jünger dann verzeweifelt Gemeinsamkeiten, wie etwa das Sternsymbol. Es handelt sich eben um eine metaphysische Analyse, die aber nicht den marxistisch-kapitalistischen/okönomischen Gegensatz ins Zentrum stellt oder gar die ökonomische Globalisierung und den eigentlichen Zwang zur politischen Globalsierung thematisiert, die damals aber auch erst in den Anfängen stand. Insofern ist das Buch nicht sonderlich brauchbar, wenngleich es vom Weltstaat spricht.Jünger erinnert da etwas an Gorbatschow, der auch nur noch von Menscheit als zentraler Kategorie sprach angesichts der Gefahr der nuklearen Auslöschung und dem alles unterordnete. Wobei die Gefahr von Weltkriegen, Klimawandel, ökologische Vernichtung heute ebenso als Argumente neben weltökonomischen Argumenten dienen, um die Forderung nach einem Weltstaat, Weltföderation, Global Governance oder zumindestens internationalen Institutionen dienen.

Zweitens muss man sehen, dass auch die Linke sehr nationalistisch ist. Das begann schon mit Stalins „Sozialismus in einem Land“und führte dazu, dass die Kommunisten eher Nationalbolscheweisten wurden–mit zumeist verqueren Autarkievorstellungen–in brutalster Form eben Pol Pot.Einzige Ausnahme war Trotzki, der immer noch für eine Weltrevolution und einen Weltsowjet eintrat, jedoch als Planwirtschaft, von der wir wissen, dass sie ja auch nicht funktioniert. Es gibt bis heute geprägt durch den Nationalbolschewismus Stalins, Maos,etc. keine linken Schriften, die sich mit der Frage des Nationalstaats und der Globalisierung auseinandersetzen oder gar in Richtung von Trotzkis Weltstaat gehen. Selbst der vielzietierten Wagenknecht schwebt nur eine DDR light ode etwas mehr Ludwig Erhardt mit Arbeitnehmerbeteiligung vor, sie bleibt aber dem Nationalstaat gedanklich verbunden.Deswegen auch mein „Manifest des Globalismus“, in dem ich mich auch mit dem Nationalismus der Linken auseinandersetze.

Aus Das Kapital wurde erst eine Idelogie gemacht in Form des Marxismus-Leninismus.Das Buch selbst ist immer noch eine hervorragende wissenschaftliche Analyse des Kapitalismus, das immer noch sehr aktuell ist und richtiger liegt als all jene bürgerlichen Ökonomen, die die Funktionsweise des Kapitalismus schlechthin falsch erklären. Zudem beinhaltet das Kommunistische Manifest Passagen, die die Globalisierung hervorragend vorraussehen und beschreiben. Was bei Marx eher fehlt ist eine Analyse des Nationalstaats im Zusammenhang mit der Globalisierung, wie auch bei den meisten Linken.

Ein Kommentator meinte: „Solange die Welt in Nationalökonomien eingeteilt ist, muss der Ausgleich des Welthandels angestrebt werden.“ Ja, eigentlich bräuchte es eine Weltökonomie mit einem Weltstaat. Die Wahrheit ist: Der Kapitalismus drängt auf Globalisierung und weltweite ökonomische Expansion, da jedoch die Globalisierung im Rahmen der nationalstaatlichen Konkurrenz stattfindet, erzeugt sie Krisen, die dafür sorgen, dass immer mehr Leute nun nicht die politische Globalsierung mittels eines Weltstaates oder einer Weltföderation oder internationaler Institutionen fordern, sondern sich auf den vermeintlichen Schutzraum und die scheinbar übersehbare und kontrollierbare Basiseinheit des Nationalstaats zurückziehen und diesen desto aggressiver gegen andere Nationalstaaten in Konkurrenz stellen. Der Standortnationalismus erfährt hier eben seine praktische Zuspitzung.Eine kapitalistische Globalisierung unter Nationalstaatenkonkurrenz kann ohne die politische Globalsierung mittels internationaler Institutionen, eines Weltstaates oder einer Weltföderation ebensowenig funktionieren, wie ein Euro ohne europäischen Zentralstaat und optimalen Währungsraum.

Deswegen erhält auch Trumps Forderung “Americanism”und “America first”statt Globalism so viel Zustimmung und erscheint vielen als logisch, pragmatisch und Ausdruck normalen und praktischen Menschenverstandes. Dieser nationalen Sackgasse gilt es einen internationalistischen Ausweg zu weisen, weswegen ich das Manifest des Globalismus geschrieben habe. Dazu möchte ich darauf hinweisen, das all dies noch nicht sonderlich elaboriert ist, sondern erst einmal mehr Fragen stellt, als Antworten gibt und mehr als eine Bestandsaufnahme der jetzigen Welt ist.

Lesetip daher zum Thema Weltstaat: Das Manifest des Globalismus (Teil 1 und Teil 2)

http://www.global-review.info/2015/09/18/identitat-globaliserung-und-ich-bin-malala/

http://www.global-review.info/2015/12/22/manifest-des-globalismus-gegen-kapitaklismus-kommunismus-und-nationalstaatenkonkurrenz-teil-2/

 



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