„Zur Judenfrage“-war Marx Antisemit?

Marx, selbst deutscher Jude verfasste als Antwort auf die antisemitischen Publikationen des Linkshegelianers Bruno Bauer seine Schrift „Zur Judenfrage“. Spater wurde ihm angedichtet Antisemit gewesen zu sein–der Begründer des Marxismus und  Jude als Antisemit–was hat es damit auf sich? Hier einmal ein paar Originalzitate aus Marx „Zur Judenfrage“:

„Wir versuchen, die theologische Fassung der Frage zu brechen Die Frage nach der Emanzipationsfähigkeit des Juden verwandelt sich uns in die Frage, welches besondre gesellschaftliche Element zu überwinden sei, um das Judentum aufzuheben? Denn die Emanzipationsfähigkeit des heutigen Juden ist das Verhältnis des Judentums zur Emanzipation der heutigen Welt. Dies Verhältnis ergibt sich notwendig aus der besondern Stellung des Judentums in der heutigen geknechteten Welt.
Betrachten wir den wirklichen weltlichen Juden, nicht den Sabbatsjuden, wie Bauer es tut, sondern den Alltagsjuden.
Suchen wir das Geheimnis des Juden nicht in seiner Religion, sondern suchen wir das Geheimnis der Religion im wirklichen Juden,
Welches ist der weltliche Grund des Judentums? Das praktische Bedürfnis, der Eigennutz.
Welches ist der weltliche Kultus des Juden? Der Schacher. Welches ist sein weltlicher Gott? Das Geld.
Nun wohl! Die Emanzipation vom Schacher und vom Geld, also vom praktischen, realen Judentum wäre die Selbstemanzipation unsrer Zeit.
Eine Organisation der Gesellschaft, welche die Voraussetzungen des Schachers, also die Möglichkeit des Schachers aufhöbe, hätte den Juden unmöglich gemacht. Sein religiöses Bewußtsein wurde wie ein fader Dunst in der wirklichen Lebensluft der Gesellschaft sich auflösen. Andrerseits: wenn der Jude dies sein praktisches Wesen als nichtig erkennt und an seiner Aufhebung arbeitet, arbeitet er aus seiner bisherigen Entwicklung heraus, an der menschlichen Emanzipation schlechthin und kehrt sich gegen den höchsten praktischen Ausdruck der menschlichen Selbstentfremdung.
Wir erkennen also im Judentun ein allgemeines gegenwärtiges antisoziales Element, welches durch die geschichtliche Entwicklung, an welcher die |373| Juden in dieser schlechten Beziehung eifrig mitgearbeitet, auf seine jetzige Höhe getrieben wurde, auf eine Höhe, auf welcher es sich notwendig auflösen muß.
Die Judenemanzipation in ihrer letzten Bedeutung ist die Emanzipation der Menschheit vom Judentum. (…) Wir versuchen, die theologische Fassung der Frage zu brechen Die Frage nach der Emanzipationsfähigkeit des Juden verwandelt sich uns in die Frage, welches besondre gesellschaftliche Element zu überwinden sei, um das Judentum aufzuheben? Denn die Emanzipationsfähigkeit des heutigen Juden ist das Verhältnis des Judentums zur Emanzipation der heutigen Welt. Dies Verhältnis ergibt sich notwendig aus der besondern Stellung des Judentums in der heutigen geknechteten Welt.

Betrachten wir den wirklichen weltlichen Juden, nicht den Sabbatsjuden, wie Bauer es tut, sondern den Alltagsjuden.

Suchen wir das Geheimnis des Juden nicht in seiner Religion, sondern suchen wir das Geheimnis der Religion im wirklichen Juden,

Welches ist der weltliche Grund des Judentums? Das praktische Bedürfnis, der Eigennutz.

Welches ist der weltliche Kultus des Juden? Der Schacher. Welches ist sein weltlicher Gott? Das Geld.

Nun wohl! Die Emanzipation vom Schacher und vom Geld, also vom praktischen, realen Judentum wäre die Selbstemanzipation unsrer Zeit.

Eine Organisation der Gesellschaft, welche die Voraussetzungen des Schachers, also die Möglichkeit des Schachers aufhöbe, hätte den Juden unmöglich gemacht. Sein religiöses Bewußtsein wurde wie ein fader Dunst in der wirklichen Lebensluft der Gesellschaft sich auflösen. Andrerseits: wenn der Jude dies sein praktisches Wesen als nichtig erkennt und an seiner Aufhebung arbeitet, arbeitet er aus seiner bisherigen Entwicklung heraus, an der menschlichen Emanzipation schlechthin und kehrt sich gegen den höchsten praktischen Ausdruck der menschlichen Selbstentfremdung.

Wir erkennen also im Judentun ein allgemeines gegenwärtiges antisoziales Element, welches durch die geschichtliche Entwicklung, an welcher die Juden in dieser schlechten Beziehung eifrig mitgearbeitet, auf seine jetzige Höhe getrieben wurde, auf eine Höhe, auf welcher es sich notwendig auflösen muß.

Die Judenemanzipation in ihrer letzten Bedeutung ist die Emanzipation der Menschheit vom Judentum.“

Karl Marx/ Friedrich Engels – Werke. (Karl) Dietz Verlag, Berlin. Band 1. Berlin/DDR. 1976. S. 347-377.

http://www.mlwerke.de/me/me01/me01_347.htm

Im ersten Moment könnte man meinen, dass Marx der Ansicht ist, dass das Judentum aus Schacher und Egoismus bestehe. Er stellt aber den religiösen Juden dem weltlichen Juden gegenüber. Es ist dies eine Entgegnung auf den Antisemiten Bauer, der Juden vor allem religiös als Rabbinerjudentum begreift. während Marx darauf hinweist, dass der reale Alltagsjude und dessen Werte entscheidend seien und weniger seine Religion. Oder wie er schreibt, es geht ihm darum „die theologische Fassung der Frage zu brechen“oder wie er schreibt: „Betrachten wir den wirklichen weltlichen Juden, nicht den Sabbatsjuden, wie Bauer es tut, sondern den Alltagsjuden.“

Marx entgegnet darauf, dass die Juden wie auch alle anderen Bürger vor allem an Egoismus, an Geld und Schacher interessiert wären, dass das reale praktische, weltliche Judentum eben Schacher , Egoismus mit der Götzenanbetung des Geldes seien  und dass die Emanzipation der Menschheit und des Judentums vor allem nur als Befreiung vom Eigentum und vom Egoismus erfolgen kann, wenngleich er diese Eigenschaften eben auch mit dem Judentum in seiner praktischen und weltlichen Form gleichsetzt.

Kurz: Judenemanziptaion kann es nur geben, wenn man sich vom Kapitalismus befreit, wenn sich die Juden vom Kapitalismus befreien, wenn sie dem Kapitalismus abschwören, den Marx auch bei ihnen als Wesenscharakter sieht. Religionen und Minderheitewiderspruche würden beseitigt, wenn der Kapitalismus beseitigt wird, so auch das Judentum, das er dann aber wieder religiös begreift–somit würde Kapitalismus, der den weltlichen Juden ausmacht und Religion, die er noch als feudalistischen Bestandteil mitträgt verschwinden und die wahre Emanzipation der Menschheit und des Judentums stattfinden. Somit weist Marx wie auch traditionelle Marxisten alle Emanzipationen von Minderheiten oder Frauen als Nebenwidersprüche zurück und sieht sie nur gelöst an, wenn der Kapitalismus beseitigt wird und der Kommunismus errichtet wird. Er sieht dies also nur unter ökonomischen Kategorien und Klassenkämpfen, die Weltgeschichte machen.

Hier fehlt klar die Ideologiekritik, die eben auch den Nationalismus, Rassismus, die Xenophobie und den Antisemitismus (von Sexismus und Homophobie noch gar nicht zu sprechen damals) jenseits nur alleiniger ökonomischer Kriterien erklärt, was später auch dazu führte, dass die Klassenkampferklärungen für Auschwitz eben nicht sonderlich erklärungsfähig waren, zumal Marx eben auch nie eine Kritik des Nationalstaats und seines ethnischen Homogenitätsanspruchs formulierte, der eben Nationalismus, Rassismus und Xenophobie befördert.Marx sah den deutschen Nationalstaat ja noch als historischen Fortschritt zu der Kleinstaaterei des Feudaslimus und ahnte noch nicht, welche Abgründe der Nationalismus und damit eingehende Rassismus und Antisemitismus bringen würde. Marx hätte sich Auschwitz nicht vorstellen können, bestenfalls noch den Rassismus des Kolonialismus, den er anfangs noch peripher miterlebte. Die Frage der nationalen Idenität und des Internationalismus oder gar eines Weltstaates thematisierte er nie. Auch Marxens realsozialistische Nachfolger gründeten vor allem nationalkommunitische, zumeist ethnisch homogene planwirtschaftliche Nationalstaaten und konnten sich Internationalismus nur als Konglomerat solch ethnisch definierter Nationalstaaten vorstellen, aber eben nicht als Weltsowjet oder Weltunion oder Weltstaat ala Trotzki.Von daher verwundert es nicht, wenn heutige Rechtsradikale sich auf das vorbildliche Vertragssystem für Gastarbeiter der DDR oder der Ostblocktsaaten beziehen, wo Gastarbeiter isoliert blieben und nicht „vermischt“, sondern gleich wieder zurückgeschickt wurden und die in den nationalkommunistischen Staaten von Nordkorea, China bis in Osteuropa vertretenen nationalistischen Konzepte als vorbildlich wahrnehmen– im Gegensatz zu den „Coca Cola“-Linken und Liberalen  des Westens, die eben nicht so den völkischen Nährboden für Pegida, AfD, Orban, PiS und die Visegradstaaten abgeben.Von daher war auch die Ideologie und Praxis der ganzen realsozialistischen Nationalkommunisten nationalistisch geprägt.

Und dieses völkische oder nationalistische Homogenitätsstreben samt antisemitischer Ausformung hat Marx eben nur peripher erklärt, wenn er alles nur unter ökonomischen Kriterien sah und nur die Ökonomie, nicht aber den Nationalstaat und seine Tendenz zum ethnischen Homogenitätsanspruch thematisierte.

So bleibt seine Formulierung, dass die Emanzipation des Juden nur durch die Emanzipation der Menschheit vom Judentum erfolgen kann sehr missverständlich ohne diesen expliziten Kontext und wurde ja auch anders ausgelegt und auch gerne missverstanden, denn Kapitalismus kann dann eben als Kernelement des Judentums oder Kapitalismus als eben urjüdisch interpretiert werden, wie dies auch die Nationalsozialisten taten, die zudem auch noch Kommunismus und Liberalismus als dem Judentum ureigen und als dessen Schöpfung betrachteten–so verwendete auch die KPD  Marx „Zur Judenfrage“ in der Weimarer Republik unter antisemitischen Vorzeichen:

„In den 1920er Jahren griff die Kommunistische Partei Deutschlands (KPD) während politischer Rivalitäten mit den Nationalsozialisten mehrfach selbst auf Elemente der antisemitischen Propaganda zurück. Aus Anlass des vierzigsten Todestages von Marx im März 1923 reproduzierte die KPD-Tageszeitung Die Rote Fahne einen Auszug aus dem zweiten Teil von Zur Judenfrage einschließlich des Schlusssatzes „Die gesellschaftliche Emanzipation des Juden ist die Emanzipation der Gesellschaft vom Judentum“, versehen mit dem zusätzlichen, nicht von Marx stammenden Untertitel „Den Nationalsozialisten ins Stammbuch“. Diese Veröffentlichung ist beschrieben worden als eine Fehldeutung des Auszuges durch die KPD mit dem Ziel, sich als ebenfalls judenfeindlich darzustellen“

https://de.wikipedia.org/wiki/Zur_Judenfrage

Also, der Text ist sehr ambivalent und kann auch sehr locker für antisemitische Interopretationen verwendet werden, was ja auch in der Folgezeit geschah. Und des Antisemiten höchster Triumph ist es, einen Juden für seinen Antisemitismus zitieren zu können. Aber das gibt der eigentliche Text von Marx nicht her. Marx war kein Antisemit, eher Leute, die ihn für diese Zwecke mittels aus dem Zusammenhang gerissenen Zitatausschnitten instrumentaliseren wollen ohne den ganzen Kontext zu berücksichtigen.

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Frühere Artikel auf Global Review zu Antsemitismus, Philosemitismus und zur “Judenfrage”:

“Wäre ich Antisemit, hätte ich was gegen Juden”–über den Antsemitismusbegriff

http://www.global-review.info/2015/10/24/ware-ich-antisemit-hatte-ich-was-gegen-juden-uber-den-antisemitismusbegriff/

Philosemitismus als partielles Gegenstück zum Antisemitismus

http://www.global-review.info/2015/11/03/philosemitismus-als-partielles-gegenstuck-zum-antisemitismus/

Japans Judenpolitik 1933-1945

http://www.global-review.info/2011/03/24/japans-judenpolitik-1933-1945/

Die Große Verschwörung–von den Protokollen der Weisen von Zion über Ludendorf zum Schwarzen Reich

http://www.global-review.info/2011/04/25/die-grosse-verschworung-von-den-protoklolen-der-weisen-von-zion-uber-ludendorff-zu-naomi-klein/

Zur Analyse des Antisemitismus in der KPD-Tageszeitung Rote Fahne

http://www.rote-ruhr-uni.com/cms/IMG/pdf/Kistenmacher_Einleitung_KPD.pdf

 

 

 

 

Über Ralf Ostner

Ralf Ostner geboren 1964 in Frankfurt am Main, 1984 Abitur in Bayern--Leitungskurse: Physik und Kunst/ Schülerzeitung. Studium der Physik (Nebenfächer: Mathematik, Chemie), Wirtschaftsgeographie (Nebenfächer: BWL, VWL) und Studium der Sinologie. 1991 Abschluss als staatlich geprüfter Übersetzer in der englischen und chinesischen Sprache am Sprachen- und Dolmetscher-Institut/München (Leiter der Chinesisch-Abteilung: Herr Zhang, ehemaliger Dolmetscher von Deng Xiaoping und Franz-Josef Strauß).Danach 5 Jahre Asienaufenthalt: China, Indien, Südostasien (u.a. in Kambodscha während des ersten Auslandseinsatzes der Bundeswehr, Interviews mit Auslandschinesen, Recherche im Karen-Guerillagebiet in Burma, Unterstützung einer UNO-Mitarbeiterin während den Aufständen in Nepal und bei UNO-Arbeit in Indien), Australien. Danach 5 Jahre als Dolmetscher, Delegationsbegleiter und Übersetzer in München. Abendstudium an der Hochschule für Politik /München (Schwerpunkt: Internationale Beziehungen). Abschluss als Diplom-Politologe (Diplomarbeit: Die deutsch-chinesischen Beziehungen 1989-2000 unter besonderer Berücksichtigung der SPD-Grünen-Regierung). Delegationsbegleitung von Hu Ping, Chefredakteur der chinesischen Dissidentenzeitung "Pekinger Frühling" (New York)und prominentester Vertreter eines chinesischen Liberalismus bei seiner Deutschlandtour (Uni München, Uni Mainz, Berlin/FU-Humboldt) bei gleichzeitigem Kontakt mit Liu Liqun (Autor des Buches "Westliches Denken transzendieren"/ heute: Deutschlandberater der chinesischen Regierung).Chefredakteur der Studentenzeitschrift UNIPOL . Projekte am Goethe-Institut und bei FOCUS TV. Seit 2000 Übersetzer (chinesisch-deutsch), Graphiker, freier Schriftsteller und Blogger.
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2 Responses to „Zur Judenfrage“-war Marx Antisemit?

  1. Ralf Ostner sagt:

    Hallo Ralf,

    das ist etwas anderes! Gut, Marx antwortete auf die Anwürfe eines Judengegner, der die Juden wegen ihrer Religion und Traditionen angegriffen hat. Dieser Text stammt aus den 1840er Jahren. Einer Zeit, in der völkisches Denken noch nicht entwickelt worden war. Deshalb argumentiert Bauer stark auf Grundlage der religiösen Unterschiede. Aber auch aus der Zeit vor der Revolution von 1848.
    In dieser Schrift vertritt Bauer Thesen. Die Unterschiede zwischen den Religionen – Theologen würden sich die Haare raufen – mit dem Atheimus vom Tisch. Religion sah Bauer offenbar als Entwicklungsstadien der Menschheit, eben als „Schlangenhäute“, die abgeworfen werden.

    Dann ein wichtiges Kriterium: das 1840 bereits über eine Verfassung regierte Königreich Frankreich garantiert die Religionsfreiheit – ist allerdings nicht in der Lage, sie im Leben umzusetzen.

    Daneben beschreibt Marx eben die Lebensrealität vieler jüdischer Menschen seiner Zeit: sie haben als Händler gearbeitet. Die wenigsten sicher als Bankiers ala Rothschild, sondern als Hausierer, die sich mühsam und elend gerade über Wasser halten konnten. Man kann Marx anhand dieser Quelle keinesfalls vorwerfen, dass er Antisemit gewesen ist. Hier muss man den chronologischen Kontext sehen.

  2. Ralf Ostner sagt:

    Hallo Ralf,

    du wirst jetzt fragen, warum die meisten Juden zu Marxens Zeiten als Geschäftsleute gearbeitet haben. Seit 1215 – also dem späten Mittelalter – durften die Juden
    kein Handwerk mehr lernen. Diese Exklusion wurde auf dem 4. Lateran-Konzil von der Kirche beschlossen. Die Juden mussten seit dem Spätmittelalter in Ghettos, abgetrennten
    Wohnvierteln leben – diese müssten zu Marxens Zeiten teilweise noch existiert haben.

    Wegen der Berufsverbote waren die Juden gezwungen, im Handel tätig zu werden. Da es Christen bis ins 15. Jahrhundert nicht erlaubt war, Geld gegen Zinsen zu verleihen,
    sprangen hier jüdische Geldhändler ein.

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