Wie Dirk Ippen „es“ sieht…ein sonderbares Bild der Aufarbeitung des NS-Unrechts in der frühen Bundesrepublik durch einen deutschen Medienmogul

Wichtigste Punkte wären: Ippen behauptet eine systematische Säuberung der BRD in der Nachkriegszeit von alten Nazis. Tatsache ist, dass die meisten Nazis ungeschoren weiterleben konnten und auch Justiz, Polizei, Militär, Politik, Geheimdienste, Ärzteschaft, Juristen immer noch von alten Nazis durchsetzt waren . Hinzu kam, dass die  Jugend vom Nationalsozialismus stark sozialisiert und mit ihm aufgewachsen war. Ippen tut so, als hätte es z.B. einen Filbinger nie gegeben, der dann auch noch über seine Stiftungs Weikertsheim weiteragierte, aus der etwa Republikanerchef Schlierer hervorging.

Er tut so, als hätte Strauss nie gesagt: „Ein Volk, das diese wirtschaftlichen Leistungen vollbracht hat, hat ein Recht darauf, von Auschwitz nichts mehr hören zu wollen“. Gemäß dieser Devise und wie Thomas Goppel und andere Konservative fordert eben auch Ippen, deutsche Geschichte „nicht nur auf die 12 Jahre Nationalsozialismus zu beschränken“. Damit meint er sicherlich nicht die Ausweitung des Geschichtsstudium auf den Ersten Weltkrieg oder den deutschen Vereinigungskrieg unter Bismarck, also eine Kritik am deutschen Imperialismus und Militarismus und dessen lange Kontinuität—allen voran der konservativen und nationalkonservativen Eliten Deutschlands, die später dann auch massgeblich beteiligt waren, Hitlers Aufstieg zu ermöglichen.

Der 76-jährige Medienunternehmer schrieb in seiner Kolumne „Wie ich es sehe“ im Münchner Merkur in dem Beitrag „Die gelungene Aufarbeitung von NS-Unrecht in der Bundesrepublik“ eine Rezension zum Spielfim „Akte General“, ausgestrahlt in der ARD am 24. Februar 2016. Dirk Ippen lobt Fritz Bauer dafür, dass er als hessischer Generalstaatsanwalt mit viel Engagement die in Frankfurt die Auschwitz-Prozesse führte. Dank dieser Prozesse konnten einige KZ-Täter zur Verantwortung gezogen werden. Bauer, der als Sohn einer jüdischen Familie und als Sozialist aus Deutschland emigrieren musste, beschrieb seinen Kampf gegen Widerstände in der deutschen Gesellschaft so: „Wenn ich mein Dienstzimmer verlasse, betrete ich feindliches Ausland“.

Das will Herr Ippen so nicht stehen lassen. Die junge Bundesrepublik, so erfahren wir, hatte die Verfolgung und Bestrafung von NS-Straftätern in „Fortsetzung dessen, was schon die Alliierten mit den Nürnberger Prozessen begonnen hatten, systematisch durchgesetzt und praktiziert“. Im Film, so der Zeitungsunternehmer weiter, falle unter den Tisch, dass „alle irgendwie Belasteten, soweit man sie kriegen konnte, ihrer Ämter enthoben worden sind“.

Dem Zeitungsunternehmer ist zunächst das grandiose Scheitern der Spruchkammerverfahren entgangen. Verurteilte „Haupttäter“ vermochten über gekaufte Zeugen ab 1947 in Revisionsverfahren oft zu „Minderbelasteten“, oder gar zu „Mitläufern“ entlastet zu werden. Man nannte die Spruchkammern  damals „Persilscheinfabriken“. Hierzu trugen auch die Besatzungsmächte in den Westzonen im Zeichen des einsetzenden Kalten Krieges ab 1947 bei.

In Bayern blieb von Tausenden Schuldigen eine verschwindende Zahl von „Hauptschuldigen“. Weitere Entlastungen schufen Änderungen des Grundgesetzes aufgrund derer 1951 das „131er-Gesetz“ verabschiedet wurde. Jetzt konnten sogar Gestapo-Beamte wieder als „unbelastete“ Demokraten“ als Staatsanwälte und Richter arbeiten. Das 131er-Gesetz hat ja nicht nur dazu geführt, dass die alten Nazis wieder in den Beamtenapparat aufgenommen wurden, sondern auch dazu, dass für die jüngste Generation, also die nach 45 Ausgebildeten, kaum mehr freie Stellen vorhanden waren. Die vor 1945 ausgebildete  junge Bevölkerung– in der NS-Diktatur sozialisiert– und die ehemaligen Täter wieder an der Spitze.

Woher sollte Aufarbeitung kommen?   Im Zeichen der „Vergangenheitspolitik“ umging die junge Demokratie, an deren Spitze viele Nazis Karriere machten, die Auseinandersetzung mit den monströsen Verbrechen. Hans Globke, später Kanzleramtsminister unter Konrad Adenauer,  hat sich als gewissenloser Opportunist der NSDAP angeschlossen – das ist keine „Falle“ wie Ippen dies darstellt, sondern Fakt. Als Jurist verfasste der Jurist Kommentare zu den berüchtigten „Nürnberger Rassegesetzen“. Globke war also keinesfalls unschuldig – und nicht der einzige Politiker mit versteckter NS-Vergangenheit.

Der SPD-Politiker Willy Brandt wurde damals als „Kommunist“ oder sogar „Emigrant“ beschimpft. Erst als 1959 Synagogen und jüdische Friedhöfe geschändet wurden, sah man sich gezwungen, die NS-Zeit überhaupt zu erwähnen – von Scham war in der Bundesrepublik damals nur wenig zu spüren. Die beteiligte Bevölkerung sah sich als „Opfer“. Täter der Verbrechen, die nicht selten geleugnet wurden, waren ja nur fünf oder sechs Haupttäter. Fritz Bauers Misstrauen war sehr wohl gerechtfertigt!

Warum schildere ich das? Weil ich erschrecke, wie selbstverständlich einer der mächtigsten Medienunternehmer der Bundesrepublik die frühen Jahre  dieses Staates verzerrt und glorifiziert darstellt. Die zwölf Jahre des NS-Regimes stellen in der deutschen Geschichte eine Zäsur dar. Man kann nicht an Goethe und Schiller erinnern oder wie Ippen Poesiebände veröffentlichen und dabei Hitler, Himmler ihre mörderische Ideologie und ihren Anhang in der Bevölkerung verschweigen.  Die Aufarbeitung der NS-Verbrechen musste in der Bundesrepublik über Jahrzehnte hart erkämpft werden. Wäre die Justiz der Bundesrepublik wirklich frei von Nationalsozialisten gewesen, wären heute keine Mordprozesse gegen 90-jährige Auschwitz-Täter nötig.

Weil ich erschrecke, wie selbstverständlich einer der mächtigsten Medienunternehmer der Bundesrepublik die durchbraunte Nachkriegs-BRD als reinrassigen Hort der Demokratie darstellt, die frei von Tätern, also nazifrei gewesen wäre und gewisse Kontinuitäten einfach leugnet, ja systematisch verharmlost und schönredet.

Dazu muss man schon auf dem rechten Auge ziemlich blind sein oder eine sehr selektive Wahrnehmung durch eine rechts-konservative Optik haben. Man muss sich nicht wundern, dass Pegida und AfD immer mehr Zulauf erhält, wenn von der Spitze der Gesellschaft eine derartige Geschichtsklitterung verbreitet wird, die auf ein ziemlich rechtskonservatives Weltbild zurückschliessen lässt, das mittels eines millionenstarken Verlagshaus massenmedial vertrieben wird. Ein Reporter des Münchner Merkurs meinte zu mir, er sei über den Artikel auch „entsetzt“ gewesen und „hoffe, dass dies nicht Verlagslinie“ sei. Aber er fügte hinzu: „Natürlich wird im überregionalen Teil keine Darstellung gedruckt, die Ippens Sichtweise widerspricht. Ist ja klar“. Mag es zwar einzelne Beiträge  geben, die dem Muster als Ausnahme von der Regel zu widersprechen scheinen, so muss man doch sehen, dass die Leitkommentatoren des Münchner Merkurs Georg Anastasiadis , Lorenz von Stackelberg und Christian Deutschländer (nomen est omen!) stramm die Ippen-CSU-Linie mit einem Fuß im AfD-Lager verfechten. Der Schoß ist fruchtbar noch, aus dem das kroch.

Über Ralf Ostner

Ralf Ostner geboren 1964 in Frankfurt am Main, 1984 Abitur in Bayern--Leitungskurse: Physik und Kunst/ Schülerzeitung. Studium der Physik (Nebenfächer: Mathematik, Chemie), Wirtschaftsgeographie (Nebenfächer: BWL, VWL) und Studium der Sinologie. 1991 Abschluss als staatlich geprüfter Übersetzer in der englischen und chinesischen Sprache am Sprachen- und Dolmetscher-Institut/München (Leiter der Chinesisch-Abteilung: Herr Zhang, ehemaliger Dolmetscher von Deng Xiaoping und Franz-Josef Strauß).Danach 5 Jahre Asienaufenthalt: China, Indien, Südostasien (u.a. in Kambodscha während des ersten Auslandseinsatzes der Bundeswehr, Interviews mit Auslandschinesen, Recherche im Karen-Guerillagebiet in Burma, Unterstützung einer UNO-Mitarbeiterin während den Aufständen in Nepal und bei UNO-Arbeit in Indien), Australien. Danach 5 Jahre als Dolmetscher, Delegationsbegleiter und Übersetzer in München. Abendstudium an der Hochschule für Politik /München (Schwerpunkt: Internationale Beziehungen). Abschluss als Diplom-Politologe (Diplomarbeit: Die deutsch-chinesischen Beziehungen 1989-2000 unter besonderer Berücksichtigung der SPD-Grünen-Regierung). Delegationsbegleitung von Hu Ping, Chefredakteur der chinesischen Dissidentenzeitung "Pekinger Frühling" (New York)und prominentester Vertreter eines chinesischen Liberalismus bei seiner Deutschlandtour (Uni München, Uni Mainz, Berlin/FU-Humboldt) bei gleichzeitigem Kontakt mit Liu Liqun (Autor des Buches "Westliches Denken transzendieren"/ heute: Deutschlandberater der chinesischen Regierung).Chefredakteur der Studentenzeitschrift UNIPOL . Projekte am Goethe-Institut und bei FOCUS TV. Seit 2000 Übersetzer (chinesisch-deutsch), Graphiker, freier Schriftsteller und Blogger.
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