Die Visionen von STRATFOR-Chef Friedman von der Welt 2025: Pilsudskis Intermarium

Seit einiger Zeit geistern auf Youtube und in den rechts“alternativen“und „investigativen“ Verschwörungsmedien Berichte und Videos von STRATFORchef Georg Friedman herum, vor allem seine Rede “ „Europe: Destined for Conflict?“vor dem Chicago Council on Global Affairs im Jahre 2015 und die neueste  STRATFORstudie über die Welt 2025. Die Rede kann man auszugweise auf You Tube hören unter:

https://www.youtube.com/watch?v=xi7M_P2ldsQ

Die STRATFORprojektion für die Welt 2025 unter:

http://www.lavanguardia.com/internacional/20160307/40268468603/futuro-stratfor-predicciones.html

In seiner Rede vor dem Chicago Council on Global Affairs referiert Friedman, dass die USA erkennen müssten,dass sie ein Imperium wären und wie man ein Imperium beherrschen müsse. Dieses sei nicht durch militärische Besetzung anderer Länder zu erreichen, sondern zum einen durch selektive, punktierte Kriege und vor allem dadurch, dass man seine Rivalen gegeneinander ausspiele oder aber innerhalb von Ländern verschiedene Gruppen gegeneinander ausspiele. Die USA seien—nach dem US-Geopolitiker Mahan- eine Seemacht, die Kontrolle der Meere und des Weltraums seien ihre Existenzgrundlage—von daher müsse man verhindern, dass sich andere Staaten  zusammentäten oder einzelne Staaten aufrüsteten, um große Flotten zu bauen und die Seemacht der USA zu gefährden.

Die USA müssten verhindern, dass Deutschland und Russland ein Bündnis eingingen und da die Deutschen in ihrer Geschichte nie genau wussten, wie sie sich orientieren sollten, er nennt dies die „German question“,wäre diese Ungewissheit für die USA eine Quelle der Gefahr. Ostpolitik oder die Tatsache, dass Gerhard Schröder Gazpromchef sei und Deutschland Pipelines mit Russland baut, zeigten, dass hier die Gefahr einer eurasischen, deutsch-russichen Zusammenarbeit bestehe, die deren Potentiale zusammenbringen könnte.Von daher sei es im Interesse der USA eine Art Sperrriegel zwischen Russland und Deutschland, ein „Intermarum“zu etablieren, das sich vom Baltikum über Polen bis Bulgarien und Rumänien ziehe, sowie die Kräfte zu stärken, die einer deutsch-russischen Annäherung entgegenwirken würden.

Russland und Deutschland müsse man so gegeneinander ausspielen, wie die USA damals den Iran und den Irak gegeneinander ausgespielt hätten. Kleine Kriege in Europa wie Jugoslawien oder in der Ukraine seien wieder denkbar, wenngleich er nicht glaube, dass es zu einem großen Krieg kommen werde. Vielleicht formuliert Friedman hier nur einmal offener, was das offizielle Washington sich nicht auszusprechen wagt.Jedenfalls wird diese Rede auf allen Alternativmedien als klarer Beweis gesehen, wie die US-Außenpolitik orientiert sei und zumal wird getitelt: „US-Politik: Krieg in Europa“. Das gibt erstens die Friedmanrede nicht her und zweitens, selbst wenn Friedman dies gesagt hätte, was er aber nicht tat, muß man eben mal klarstellen, wer dieser STRATFORchef Friedman ist und welche Position er in der US-Außenpolitik einnimmt.

Zuerst einmal betrachten wir die Stellung, die Friedman und sein Thinktank Stratfor  im US-amerikanischen Establishment einnimmt. Ich habe selbst mal eine zeitlang Stratforanalysen gelesen, da ich über einen Amerikaner in den Verteiler rutschte. Da wird oft auch ziemlich unausgegorener Blödsinn zusammengeschrieben.So z.B. dass es zu einem Krieg zwischen den USA und Japan kommen würde–eher der feuchte Traum der Chinesen. Zumal Stratfor auch nicht so einflussreich auf US-Entscheidungsträger ist wie andere Think Tanks wie die Brookings Institution, das American Enterprise Institute, das Hoover Institute, die Heritage Foundation oder aber die Jamestown Foundation. Stratfor ist eher ein randständiger Thinktank, der nicht sonderlich ernst genommen wird, wie auch der von Verschwörungsseiten vielzieterte, aber desto bedeutungslosere Popstratege Thomas Barnett und sein Buch “A New Map for the Pentagon”.

Bisher haben sich noch keine Stratforanalysten in hohen Berater- oder Regierungsämtern wiedergefunden.Auch muss man sehen, dass wesentlich einflussreichere Leute wie Brzezniski, Autor des vielzitierten „Chessboard“/ „Die einzige Weltmacht USA auch viele geopolitische Entwürfe und Paradigmen aufstellten, die dann aber nie US-Außenpolitik wurden. Also eine Rede und ein Buch eines US-Strategen bedeutet nicht automatisch, dass dieses dann auch gültige US-Außenpolitik wird. Es gibt viele geopolitische Entwürfe, die von zahlreichen US-Strategen und Think Tanks im Wettbewerb zur Elitendiskussion gestellt und auch wieder verworfen werden. Nur weil ein US-Stratege etwas zur Diskussion stellt, bedeutet dies nicht, dass dies schon Regierungspolitik wäre.

Über Stratfor und Friedman ist auch zu lesen:

“George Friedman ist ein Mann, der im Hintergrund agiert – eigentlich. Der 1949 in Budapest geborene Politologe und Publizist lehrte zwei Jahrzehnte in Pennsylvania, wo er sich mit dem Marxismus und der Frankfurter Schule beschäftigte. Während dieser Zeit schulte er auch Kommandeure der US-Streitkräfte, des Office of Net Assessments, SHAPE Technical Center, des US Army War College, der National Defense University und der renommierten RAND Corporation in Fragen der Sicherheit und nationalen Verteidigung.

Die Kontakte, die er in dieser Zeit knüpfte, dürften von außerordentlicher Bedeutung gewesen sein, als Friedman 1996 den Think-Tank Straftor gründete, dessen Direktor er auch heute ist. Stratfor steht für “Strategic forecasting” und befasst sich in diesem Sinne mit Sicherheitsfragen, Geopolitik und strategischen Voraussagen. Letztere waren bei Friedman jedoch teils hart an der Grenze zur Seriösität, als er zum Beispiel 1991 in einem seiner Bücher einen neuen Krieg zwischen den USA und Japan prognostizierte.

Spätestens im Februar 2015 aber dürfte sich das agieren im Hintergrund für die nächste Zeit erst einmal erledigt haben. Da nämlich war Friedman, – der mittlerweile als ein Vordenker der US-Außenpolitik gilt, – Gast auf dem Chicago Council on Global Affairs und beantwortete im Nachgang an einen Vortrag verblüffend offen die Fragen des Publikums. Dass Friedman dabei mit allem politischen Zynismus Krieg, auch in Europa, als legitimes strategisches Instrument der USA betrachtet, dürfte bei einem neokonservativen Think-Tank zwar kaum verwundern.

Interessant aber wird es, wenn Friedman im lässigen Plauderton bestätigt, dass es in Anlehnung an das Römische Reich die zentrale Strategie der US-Geopolitik sei, konkurrierende Mächte gegeneinander aufzuhetzen und in den Krieg zu treiben. So sei es zwischen dem Irak und dem Iran gewesen, und so solle es auch mit Deutschland und Russland geschehen.”

https://le-bohemien.net/2015/03/18/us-denkfabrik-stratfor-die-falken-der-geopolitik/

Aber, ob Stratfor deswegen zum Vordenker der US-Politik wird, weil Friedmann einmal Gast beim Chicago Council on Global Affairs war, wage ich zu bezweifeln.Zum Council on Foreign Relations wurde er noch nie eingeladen und die sind wesentlich wirkungsmächtiger, vernetzter und einflussreicher.

“Doch welche Rolle spielt Stratfor in der US-Außenpolitik tatsächlich? Zwar hat Friedman als Berater der Obama-Administration keinen allzu großen Stellenwert und der Think-Tank wird in den Medien kaum erwähnt, ist aber durchaus einflussreich. 2012 veröffentliche Wikileaks 5 Millionen von Stratfor gehackte Emails, aus denen hervorgeht, dass der private Sicherheitsdienst u.a. Unternehmen wie Bhopal’s, Dow Chemical Co., Lockheed Martin, Northrop Grumman, Raytheon sowie Regierungsbehörden das US Department of Homeland Security, die US Marines und die US Defense Intelligence Agency zu seinen Kunden zählt. Damit ist Stratfor kein unwesentlicher Baustein des Militärisch-Industriellen Komplex.”

Eben noch “der Vordenker der US-Außenpolitik”, dann “kein unwesentlicher Baustein”im MIK.Präsident, Außenministerium, Verteidigungsminsiterium, etc. gehören nicht zu seinen Kunden. Also, da wird das Ganze erst maßlos erhöht und dann wieder stark relativiert.

Hier noch die Einschätzung des US-magazins THE ATLANTIC von Stratfor in dem Artikel”Stratfor Is a Joke and So Is Wikileaks for Taking It Seriously”:

“The group’s reputation among foreign policy writers, analysts, and practitioners is poor; they are considered a punchline more often than a source of valuable information or insight. As a former recipient of their “INTEL REPORTS” (I assume someone at Stratfor signed me up for a trial subscription, which appeared in my inbox unsolicited), what I found was typically some combination of publicly available information and bland “analysis” that had already appeared in the previous day’s New York Times. A friend who works in intelligence once joked that Stratfor is just The Economist a week later and several hundred times more expensive. As of 2001, a Stratfor subscription could cost up to $40,000 per year.”

http://www.theatlantic.com/international/archive/2012/02/stratfor-is-a-joke-and-so-is-wikileaks-for-taking-it-seriously/253681/

Kurz: Friedman, STRAFOR und seine Politikempfehlungen haben im Moment noch keine bedeutende Rolle im US-Establishment, was nicht völlig ausschließt, dass sie diese mal bekommen könnten. Aber das muss man eben beobachten und nicht als gegeben annehmen.

Eine neuere STRATFORpublikation ist eine Studie, wie die Welt 2025 aussehen wird.Hier die wichtigsten Punkte:

1.) Russland bricht bis 2025 zusammen! Teilrepubliken machen sich selbständig und bekämpfen sich gegenseitig. Es sei sehr unwahrscheinlich, daß Russland 2025 noch in heutiger Form existiere.

2.) China geht auch den Bach runter bis 2015!

3.) Die EU zerbricht in drei, vier nur locker miteinander verbundene Blöcke bis 2025.

4.) Da es die EU nicht mehr geben wird, wird die Türkei zum wichtigsten Verbündeten der USA in Europa und im Nahen Osten.

5.) Sie muss sich um den Nahen und Mittleren Osten kümmern und den USA im Schwarzen Meer freie Hand gegen die Russen lassen.

6.) Die USA würde NATÜRLICH die einzig wahre Weltmacht in militärischer, wirtschaftlicher und politischer Hinsicht bleiben, aber sich nicht mehr an der aktiven Lösungssuche für Weltprobleme beteiligen. Sie würden sich isolieren und so die „Ansteckung“ mit den Problemen der restlichen Welt vermeiden.

7.) Deutschland würde seine wirtschaftliche Vormacht in Europa verlieren bis 2025, da der Export stark einbrechen würde, von denen die deutsche Wirtschaft extrem einseitig abhinge. Dies könne nicht durch Inlandskonsum aufgefangen werden.

8.) Die neue kontinentale Führungsmacht in Europa würde… Polen werden!  Die berühmte polnische Wirtschaft würde durch die Decke schießen. Die ausgezeichneten Beziehungen Polens zu den USA täten ihr Übriges, auch durch seine Lage an der Grenze zu Russland!
Polen sie das neue Deutschland im kommenden Jahrhundert.

9.) Europa zerbräche in vier Teile Westeuropa, Osteuropa, Skandinavien und das UK.

10.) Die chinesische Wirtschaft würde einbrechen. Die Chinesen mächtig sauer auf ihre Führung und die KPC. Das würde zu einem starken Anstieg der inneren Unterdrückung führen

Die USA müssten sich also weltpolitisch isolieren, außenpolitisch in Europa und dem Nahen Osten auf die neuen Führungsmächte Polen und die Türkei setzen, das Intermarum und den geopolitischen Sperriegel zwischen Deutschland und Russland vom Baltikum über Polen bis Bulgarien und Rumänien errichten. Russland, Europa und China wären als Herausforderer der USA am Zerbrechen und paralysiert, die USA sollten sich ansonsten zurückziehen und vor weltpolitischen Ansteckungen immun machen.

Neoisolationismus–ob das eine Option für die USA wäre? Hat bisher eigentlich nur Ron Paul und das CATO-Institute so vertreten. Ob Trump dies auch so sieht? Bestenfalls könnten Friedmans Überlegungen unter einem US-Präsdienetn Trump Gehör finden, da dieser außenpolitisch unerfahren ist, einen Anti-Establishment- Thinktank auf seine Gehaltsliste setzen könnte und momentan zwischen neoisolationistischen und neoimperialistischen Gedanken hin- und herspringt. Cruz, Rubio, Clinton, Sanders sind für einen Neoisolationismus sicherlich nicht zu gewinnen und auch die Mehrheit der Republikaner und Demokraten auch nicht. Kurz: Friedmans Visionen könnten bestenfalls unter Trump Realität werden und auch das ist unsicher.

Die Vision, dass Europa zerbrechen könnte, ist nicht einmal weit hergeholt und durchaus im Bereich des Möglichen. Aber er nimmt keinerlei Stellung, ob mit dem Zerbrechen der EU auch die NATO zerbrechen oder aber eben trotzdem weiterexistieren würde. Worauf Friedman auch nicht eingeht, ist ob mit dem Zerbrechen der EU in vier Blöcke auch die NATO zerbrechen würde oder aber als Rahmenorganisation für die 4 Blöcke weiterexistieren würde. Oder ob es eine Rumpf-NATO gibt oder 4 verschiedene NATO-/US-Blöcke oder ob die USA nur noch mit dem Sperriegel militärische Verbindungen unterhält, diesen vielleicht gar als Sperriegel-NATO organisert und mit den anderen Staaten bilaterale Militärverträge aushandelt.Jedenfalls auffällig, dass er gar nicht auf dieses doch so zentrale Thema eingeht–es scheint ein unaussprechbares Tabu zu sein.

Die zentrale Frage, die Friedmann aufwirft, ist die “German question”, also die Ungewissheit, wie sich Deutschland entwickeln wird und ob es ein Bündnis oder enge Anlehnung an Russland eingeht. Aber die CDU, die SPD, die Grünen sind allesamt  transatlantisch, die CSU unter Seehofer wird nach seinem Moskaubesuch bei Putin von den USA inzwischen geschnitten, weswegen nun Söder als sein kommender Nachfolger demonstrativ einen bayerisch-amerikanischen Elite-Stammtisch gegründet hat, um die Beziehungen zu vertiefen und dann bliebe noch die AfD, wobei deren außenpolitische Vordenker Gauland sich auch für einen Verbleib in der NATO ausspricht, wenngleich er sich Denkfreiheit in diesem Punkt ausbittet. Bisher ist also nur denkbar, dass die Putinanhänger in der AfD rankommen und das wäre die einzige Gefahr für die USA. Eine rot-rot-grüne Koalition könnte ebenfalls einen prorussischeren Kurs fahren, aber zum einen fehlen da bisher die Merhrheiten, zum anderen sind die Grünen da auch etwas gespalten und liebäugeln lieber mit einer schwarz-grünen Koalition mit der stramm transatlantischen Merkel. Selbst wenn der Wortscase der Transatlantiker eintreten sollte: Auch ein SPD-Politiker und Putinfreund wie Schröder hatte zwar enge Beziehungen zu Russland, baute Pipelines, sprach sich gegen den Irakkrieg aus, aber stellte die NATO-Mitgliedschaft nie infrage, ja liess die USA während des Irakkrieges Deutschland auch als Operationsbasis nutzen.Auch sprechen sich SPD-und Unionsführung für TTIP aus.Von daher glaube ich, dass die amerikanischen Eliten und ihre Strategen Deutschland als wesentlich verlässlicher einschätzen als Friedman und die Idee eines Sperriegels eher für kontraproduktiv halten.Friedmans Betrachtungen dürften daher eher ein worst-case-Szenaio sein.

Bei Friedmans Europabetrachtung fällt desweiteren auf, dass er von Südeuropa gar nicht mehr spricht und wenn der Front National in Frankreich an die Macht käme, dann gebe es auch Westeuropa nicht mehr, es sei denn in Deutschland übernehme die AfD die Macht– und nicht einmal eine deutsch-französische Achse wäre unter dieser Konstellation sicher. Eine mögliches franzöisch-russisches Bündnis, vielleicht sogar mit China thematisiert er auch nicht.

Auch die Überlegung den Meerengenvertrag zu ändern und die Kontrolle des Bospurus US- statt türkischer Kontrolle zu unterstellen zeigt, wie irreal Friedman denkt. Die Türken, egal welche Regierung, ob säkular, ob islamistisch, ob links, ob rechts, ob Militär oder Zivilisten sehen sich als Wächter des Bosporus und würden nie darauf verzichten.Ein Verzicht auf die Rechte des Meerengenvertrags würde als türkisches Versailles wahrgenommen.Der Meerengenvertrag, auch Vertrag von Montreux genannt, regelt den Gebrauch der Nutzung und Durchfahrtsrechte durch Dardanellen, Marmarameer und Bosporus. Die Türkei ist zwar der Hüter, der “Türsteher” dieser Wasserstraßen, ihr sind aber genaue, bis ins Detail geregelte Rechte und Pflichten auferlegt. Dieser Umstand und die Sicherheit Istanbuls vor gefährlichen Gütern auf den Wasserstraßen, dürften zu Erdogans Plänen geführt haben einen neuen Kanal vom Schwarzen Meer ins Marmarameer zu bauen, dessen Trasse nicht dem Vertrag von Montreux unterläge. Aber die schon eingeschränkten türkischen Rechte beim Montreuxvertrag zugunsten einer USA-Kontrolle als Wächter der Meerengen zu ersetzen, dürfte für jeden Türekn als Vaterlandsverrat gelten. Auch ist die Frage, wie Polen und die Türkei zusammen die neuen Ordnungsmächte für Europa werden sollen.

Dass Rußland und China auseinanderbrechen, bzw. durch innere ethnische und politische Spannungen mit sich selbst beschäftigt sein werden, ist nicht nur eine Einschätzung von Stratfor, sondern das sehen auch andere Analysten in den USA so—z.B. Robert D. Kaplan im Zentralorgan des wesentlich einflußreicheren Council on Foreign Relations, der Foreign Affairs:

“Auch diese Einschätzung wurde zügig bestätigt, und zwar in einem Artikel in der März/April-Ausgabe von Foreign Affairs. Unter der Überschrift „Eurasia’s Coming Anarchy“ (Bevorstehende Anarchie in Eurasien) argumentiert Robert D. Kaplan, ein führender US-Stratege und einer der Architekten der Invasion im Irak, dass die wirtschaftliche Krise in Russland und in China tiefe inneren Spannungen auslösen werde. Diese würden, schreibt er, zu immer stärkeren Forderungen nach nationaler Autonomie unterschiedlicher ethnischer, religiöser und sprachlicher Gruppen führen.

Russland, erklärt Kaplan, werde ins „Chaos“ gestürzt, sodass das Land „weiter auseinanderbrechen könnte“. Er beschreibt den „stark muslimisch geprägten Nordkaukasus und sibirisch und fernöstlich geprägte Distrikte, die fernab des Zentrums liegen und von blutigen politischen Auseinandersetzungen geplagt sind.“ Diese „könnten ihre Bindungen an Moskau lockern, vor allem wenn es im Kreml selbst zu Instabilität kommen sollte“.

Was China angeht, betont Kaplan „die zunehmenden ethnischen Spannungen in diesem riesigen Land. In gewisser Weise ist das von Han-Chinesen dominierte Land ein Gefängnis für zahlreiche Nationalitäten wie die Mongolen, die Tibeter und die Uiguren. Diese haben alle schon in diesem oder jenem Ausmaß einmal Widerstand gegen zentrale Kontrolle geleistet.“ Kaplan schließt mit der Bemerkung, dass „militante Uiguren heute die unmittelbarste separatistische Gefahr darstellen“.”

https://www.wsws.org/de/articles/2016/03/03/pers-m03.html

Wobei festzustellen ist, dass die Ähnlichkeiten zwischen STRATFOR und Kaplan darauf zurückzuführen sind, dass Kaplan selbst kurze Zeit bei Stratfor angestellt war, den Think Tank aber verliess, da es seiner Reputation schadete und er Meinungsverschiedenheiten mit Friedman hatte.Kaplan war der einzige nenneswerte außenpolitische Analyst bei Stratfor, der auch von Kollegen ernst genommen wurde und wird und er wollte seinen Ruf nicht durch die Zugehörigkeit zu einem grenzwertigen Think Tank mit dubiosen Prognosen schädigen.

Aber ich halte diese Szenarien für übertrieben. Russland kann auch gut ohne den Nordkaukasus weiterexistieren und 1,3 Milliarden Chinesen dürften wohl in der Lage sein ein paar Millionen Uiguren unter Kontrolle zu halten, zumal eben die Tibeter auch eher friedlich sind und sich eher selbst verbrennen als militant zu werden. Das könnte sich erst nach dem Tod des Dalai Lama ändern, aber auch hier gilt: Die Tibeter sind wie die Monoglen nur ein paar Millionen.Verändern könnte die Situation nur, wenn Indien wegen der Wasserresourcen im Himalaya eingreift und die USA vielleicht parallel dazu aktiv werden–Näheres unterdem Artikel „Neubewertung der Tibetfrage im Wasserresourcenkonflikt“

http://www.global-review.info/2015/07/07/neubewertung-der-tibetfrage-im-wasserresourcenkonflikt/

Jedenfalls geht Friedman von einer USA aus, die frei von Farbenrevolutionen, sozialen und politischen Kämpfen, ethnischen Spannungen und Rassenkonflikten ist und daher eine durch die Weltmeere geschützte Insel der Glückseeligen sein wird, die ihr Imperium mittels Divide et impera und ganz weniger selektiver Kriege weiter kontrollieren kann und wird. Sein anti-deutsch-russischer Sperrriegel geht im übrigen auf die Überlegungen des polnischen Nationalisten Jozef Pilzudski zu Anfang des 20. Jahrhunderts zurück, der ein „Intermarium“gleichermassen als Geostrategie mit Unterstützung der USA, Großbritanniens und Frankreich beabsichtigte.Dennoch werden die Realisierungschancen für das Intermariumkonzept für sehr gering eingeschätzt:

„However, to what extent the Intermarium alliance can and will be realized is still an open question for several reasons. First, the project is fundamentally dependent upon the support of imperialism, above all US imperialism, but there is no consensus in ruling circles in the US over this project. Second, the Eastern European bourgeoisie itself is divided over what policy to pursue vis-à-vis Russia. This goes in particular for Hungary and the Czech Republic, neither of which supports Poland’s aggressive course relating to Russia. Third, the Polish bourgeoisie itself is, as it has always been, bitterly divided over its foreign policy. While fiercely anti-Russian, supporters of the former government party Civic Platform (PO) still support a policy that is oriented toward both Germany and the United States, arguing that the Intermarium project is doomed to fail.“

Auch außenpolitische Experten der USA ziehen Friedmans und Polens Visionen und Träume eines großpolnischen Intermariums ins Lächerliche und halten es für unrealistisch und sogar kontraproduktiv , so etwa Edward Lucas in seinem Beitrag „The Dream of Intermarium“  vom November 2015:

„The “Bloodlands,” as the Yale historian Timothy Snyder calls them, stretch from the Baltic to the Black Sea. A less gloomy name is the Intermarium—between the seas. But whatever the name, they share the same, mostly gloomy, story. These countries have no natural frontiers and two much bigger neighbours: Russia and Germany. So they have spent most of European history under the enforced sway of one or the other.

Since the collapse of the Soviet empire, the Bloodlands have turned west. Their peoples want the legality, liberty, prosperity, dignity and other qualities of life that they missed out on under totalitarianism. They see these qualities when they turn West—not specifically to Germany, though, but to the European Union and NATO in which Germany is a strong, but not domineering, force.

They make this choice freely. They could turn east, for strong leadership, stirring messages, and a paternalist political culture. But they mostly do not.

For the first time in 25 years, another option is on the table. The new Polish government wants the Intermarium to speak for itself, standing up both to Russia and (to some extent) to Germany, whose political weight and economic self-interest make it (supposedly) an inherently unreliable partner.

The idea is to build the Intermarium around the core Visegrád countries (the Czech Republic, Hungary, Poland and Slovakia) but with strong ties to the Baltic states, to Romania and Bulgaria, and to Ukraine. This is superficially tempting. It echoes Polish greatness (actually Polish-Lithuanian, but never mind) many centuries ago, when a long-forgotten superpower stretched from the Baltic to the Black Sea.

But in practice it is unworkable and counter-productive. The Intermarium countries are too divided to form a common front. Hungary is in the hands of the headstrong Victor Orbán who is besotted with the idea of strong leadership (especially his own) and enjoys increasingly warm ties with Vladimir Putin. The Czech and Slovak governments (and especially the Czech President, Miloš Zeman) dislike confronting Russia. Bulgaria is perennially unreliable.

The problem for Poland therefore is that it does not have enough allies in the putative Intermarium to create a critical mass for solidarity and decision-making. It can rely strongly on Estonia, usually on Latvia and Lithuania, and probably on Romania. Ukraine is more in need of help than able to contribute it. America can create this kind of magnetic pull. Poland can’t and should not pretend otherwise. History suggests that Poland’s greatest disasters come when it overestimates its strength.

Of course if Poland were a country of 80 million people, not 40 million, and had a German-sized economy, instead of a Dutch-sized one, the chances would be better. But it doesn’t.

In the real world, European security depends on constant push-back against two tendencies: American isolationism and German neutralism. The concept of the Intermarium is of no interest to the United States (as Polish envoys will find when they raise it). And it is actively harmful with regard to Germany.

It is quite true that German behaviour—for example in diluting NATO’s response to the Kremlin threat, or in building a direct gas pipeline to Russia—is worrying. It is prudent to look at sub-regional security arrangements that can make up for German foot-dragging (such as the Nordic-Baltic-Polish nine increasing cooperation on Baltic Sea security). But Germany is not an unreliable ally. Angela Merkel is without doubt the Intermarium’s best ally in Western capitals. She has pushed through sanctions against Russia against huge obstacles.

If Poland snubs Germany, it increases, not diminishes, the danger. The answer to German wobbles is to work harder on reducing them, not pursuing imaginary alternatives.“

http://cepa.org/index/?id=e66afd9fc9f71473064baf06213c4858

Ausführlicher dazu in der ausführlichen Artikelserie „The Strategy of Intermarium“ (Teil 1-4) der World Socialist Website:

https://www.wsws.org/en/articles/2016/05/31/pil1-m31.html

https://www.wsws.org/en/articles/2016/06/01/pil2-j01.html

https://www.wsws.org/en/articles/2016/06/02/pil3-j02.html

http://www9.wsws.org/en/articles/2016/06/03/pil4-j03.html

 

 

Über Ralf Ostner

Ralf Ostner geboren 1964 in Frankfurt am Main, 1984 Abitur in Bayern--Leitungskurse: Physik und Kunst/ Schülerzeitung. Studium der Physik (Nebenfächer: Mathematik, Chemie), Wirtschaftsgeographie (Nebenfächer: BWL, VWL) und Studium der Sinologie. 1991 Abschluss als staatlich geprüfter Übersetzer in der englischen und chinesischen Sprache am Sprachen- und Dolmetscher-Institut/München (Leiter der Chinesisch-Abteilung: Herr Zhang, ehemaliger Dolmetscher von Deng Xiaoping und Franz-Josef Strauß).Danach 5 Jahre Asienaufenthalt: China, Indien, Südostasien (u.a. in Kambodscha während des ersten Auslandseinsatzes der Bundeswehr, Interviews mit Auslandschinesen, Recherche im Karen-Guerillagebiet in Burma, Unterstützung einer UNO-Mitarbeiterin während den Aufständen in Nepal und bei UNO-Arbeit in Indien), Australien. Danach 5 Jahre als Dolmetscher, Delegationsbegleiter und Übersetzer in München. Abendstudium an der Hochschule für Politik /München (Schwerpunkt: Internationale Beziehungen). Abschluss als Diplom-Politologe (Diplomarbeit: Die deutsch-chinesischen Beziehungen 1989-2000 unter besonderer Berücksichtigung der SPD-Grünen-Regierung). Delegationsbegleitung von Hu Ping, Chefredakteur der chinesischen Dissidentenzeitung "Pekinger Frühling" (New York)und prominentester Vertreter eines chinesischen Liberalismus bei seiner Deutschlandtour (Uni München, Uni Mainz, Berlin/FU-Humboldt) bei gleichzeitigem Kontakt mit Liu Liqun (Autor des Buches "Westliches Denken transzendieren"/ heute: Deutschlandberater der chinesischen Regierung).Chefredakteur der Studentenzeitschrift UNIPOL . Projekte am Goethe-Institut und bei FOCUS TV. Seit 2000 Übersetzer (chinesisch-deutsch), Graphiker, freier Schriftsteller und Blogger.
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