Kahrputsch 1920 und die Ordnungszelle Bayern

Gastbeitrag-Autor: Thomas Wagner (M.A. Historiker)

Ein Regierungswechsel in Bayern…

Die Rückwirkung der Vorgänge auf Bayern und der zum Teil freundliche Widerhall der Berliner Putschpolitik in bayerischen Kreisen ist als Zeichen dafür anzusehen, daß auch unsere politischen Verhältnisse in den letzten Monaten nicht mehr gesund waren. Die Entwicklung konnte aber bei uns zu einer viel ruhigeren und schmerzloseren Lösung der Krisis als in Berlin führen, weil wir in Bayern eine Verfassung haben, welche am 12. August 1919 von allen Parteien des bayerischen Landtags mit Ausnahme der Unabhängigen angenommen worden war und weil außerdem in Bayern jene rechtsradikalen Gebilde fehlen, welche in Preußen immer eine Stärkung der linksradikalen Richtung zu Folge haben…“ (Weilheimer Tagblatt, 18. März 1920).

Die Schilderung des Regierungswechsels, der in der Nacht von Samstag, dem 14. März auf Sonntag, den 15. März eingeleitet wurde, klingt fast nach Routine. Nach einem Regierungswechsel, der nach demokratischen Regeln abgelaufen ist. Die neue Regierung unter dem am Nachmittag des 16. März 1920 gewählte Regierung unter dem Ministerpräsidenten, Ritter Gustav von Kahr (1862 – 1934), leitete einen antisozialistischen, antidemokratischen und auch antisemitischen Kurs ein. Bayern verfügte seit dem 14. August 1919 im Gegensatz zu Preußen über eine Landesverfassung. Die Verfassung wurde beim Regierungswechsel am 15. März 1920 – das erläutert der Artikel des „Weilheimer Tagblattes“ – nicht verletzt. Der amtierende sozialdemokratische Ministerpräsident trat zurück und auch die sozialdemokratischen Minister, darunter auch der Innenminister Fritz Endress legten ihre Ämter nieder. Nach dem Rücktritt der amtierenden Regierung, des Kabinetts Hoffmann II am Nachmittag des 16. März 1920 wählte der Landtag den erzkonservativen Regierungspräsidenten von Oberbayern, Gustav Ritter von Kahr (1862 – 1934).

 

Politische Situation in Bayern 1919/20

Dieser Regierungswechsel hatte eine Vorgeschichte. Der „Freistaat Bayern“, gegründet am 7. November 1918, hatte eine Zeit der Krisen erlebt. Während das Königreich Bayern im Kaiserreich das Post- und das Militärreservat genossen hatte, beschnitt die Weimarer Republik den Föderalismus entscheidend. Der Freistaat Bayern war nun nicht mehr der zweitwichtigste Staat im Reich, sondern war ein Reichsland unter anderen und hatte im Reichsrat in Berlin einen im Vergleich zum Königreich geringeren Einfluss. Diese Einschränkung des Föderalismus wurde in Bayern als empfindliche Beschneidung von Rechten betrachtet. Nach der Ermordung von Kurt Eisner, des ersten Ministerpräsidenten des Freistaates am 21. Februar 1919 wurden ausgerechnet im konservativen Bayern im folgenden April zwei Räterepubliken gegründet. Am 1. Und 2. Mai 1919 befreiten Freikorps und Regierungstruppen aus Württemberg München von der Räteherrschaft der KPD-Anhänger. Der anschließenden Mordorgie fielen ca. 1.000 Münchner zum Opfer. Für Bayern blieb auch nach dem Ende der Kämpfe das Kriegsrecht verhängt.

Die legitime bayerische Regierung unter dem sozialdemokratischen Ministerpräsidenten Johannes Hoffmann war während der Rätezeit nach Bamberg ausgewichen. Dort bildete Hoffmann (1867 – 1930) Anfang Mai eine neue Regierung, an der auch bürgerliche Parteien beteiligt waren. Diesem Kabinett gehörten neben Ministern der MSPD auch Minister der BVP (Bayerische Volkspartei) und der liberalen DDP (Deutsche Demokratische Partei) an. Für Erbitterung sorgten in der bayerischen Bevölkerung die verheerend schlechte Ernährungslage und die Einbuße von vielen föderalen Rechten des Landes in der Weimarer Verfassung.

 

Reichswehrkommando und Thule-Gesellschaft – die Weichen stehen auf rechts

Das nun in München gegründete Reichswehrkommando 4 unterstützte jetzt im Zeichen des Antisozialismus Monarchisten, Separatisten und Rechtsextreme jeder Couleur. Verbunden mit  Antisozialismus wurde Antisemitismus gefördert. Die Bedingungen waren in München für Antisemiten und Rassisten günstig: in München bestand seit 1907 ein „Institut für Rassenhygiene“ – „Eugeniker“ träumten davon, perfekte Menschen zu züchten. Daneben wurde im Sommer 1918 die Thule-Gesellschaft gegründet. Die logenartig aufgebaute Thule-Gesellschaft wurde von dem schillernden Abenteurer Rudolf von Sebottendorf, alias Adam Glauer, geführt. Gestützt auf pseudogermanische Rituale wurden als Mitglieder nur Menschen aufgenommen, die nachweisen konnten, dass es unter ihren Vorfahren keine Juden gab. Der Thule-Kampfbund bekämpfte die 2. Räterepublik im April 1919 aktiv. Spione gaben Dokumente der Roten Armee an die Freikorps weiter und verhalfen jungen Männern, die sich den Freikorps anschließen wollten, mit gefälschten Dokumenten zur Flucht aus der Stadt. Einige führende Aktivisten wurden kurz vor der Einnahme Münchens durch Freikorps von Anhängern der untergehenden Räterepublik verhaftet und kurz darauf erschossen. Fortan galten die Ermordeten als  „Märtyrer des Roten Terrors“ und fälschlich als „Opfer der Geiselmorde“. Der Thule-Gesellschaft gehörten zahlreiche auch wohlhabende und prominente Münchner an, wie der Verleger Julius Lehmann, der neben medizinischen Fachbüchern aus antisemitische Schriften verlegte. Mitglieder der Thule-Gesellschaft waren jedoch auch Alfred Rosenberg und Dr. Erwin Scheubner-Richter, zwei baltische Emigranten. Wichtig erschien es den meist großbürgerlichen Gegnern des Sozialismus und auch Judengegnern die breite Masse der Arbeiter von sozialistischem Gedankengut abzubringen. Ebenso Mitglieder der Thule-Gesellschaft waren  der Schlosser Alexander Drexler, der bei der Reichsbahn beschäftigt war und der Sportjournalist Karl Harrer. Diese beiden Männer hatten bereits im Januar 1919 die antisozialistische und antisemitische „DAP“ (Deutsche Arbeiter-Partei) gegründet. Nach der Einnahme der bayerischen Landeshauptstadt agierte  die Thule-Gesellschaft weiterhin im Hintergrund und spann die Fäden im völkisch-rechtsextremen Milieu. Im Oktober 1919 trat ein Gefreiter der Reichswehr, Adolf Hitler, ein rhetorisches Talent, der bis zu diesem Zeitpunkt unbedeutenden DAP bei. Seit Mai 1919 hatte Adolf Hitler im Dienst der Reichswehr als Aufklärungssoldat antisozialistische und fanatisch antisemitische Vorträge vor zu entlassenden Soldaten gehalten.

 

Antijüdische Hetze

Die jüdischen Deutschen waren seit der Reichsgründung 1871 gleichberechtigt. Obgleich der überwiegende Teil der jüdischen Männer als Patrioten im Deutschen Reich am Ersten Weltkrieg teilgenommen hatten, machte man sie jetzt verantwortlich für die Niederlage. Nicht genug damit: die „Räterepubliken“ und ihre Niederschlagung war in Bayern das größte kriegerische Ereignis seit dem Ersten Weltkrieg. Als Schuldige an der Gründung der anarchistischen und später kommunistischen Räterepublik wurden jetzt „die Juden“ benannt. Obwohl die meisten jüdischen Akteure während der Räterepubliken, wie Eugen Leviné, als Atheisten schon langem mit dem Judentum gebrochen hatten, sprach man vom „jüdischen Bolschewismus“. Parteien der Rechten präsentierten die „Juden“ nun – gegen alle Tatsachen – als Alleinverantwortliche. Ständig warnte die konservative und rechte Presse vor einer von Juden angezettelten bevorstehenden kommunistischen Revolte und destabilisierte damit das politische Klima weiter. Die politische und wirtschaftliche Lage war katastrophal: aufgrund der lang anhaltenden Blockade litt die Bevölkerung unter Zwangsbewirtschaftung – Nahrungsmittel waren kontingentiert. Schieber und Wucherer hatten Hochkonjunktur. Denn manche Bauern verkauften ihre Produkte an den Einkaufsstellen vorbei direkt an Schleichhändler. In der darbenden Bevölkerung wirkte die antisemitische Propaganda. Der sozialdemokratische Innenminister Fritz Endres versuchte gegenzusteuern.

 

Die Anzeichen einer sehr lebhaften antisemitischenPropaganda mehren sich fortwährend insbesondere wird durch massenhaft verbreitete Flugblätter gegen die Juden gehetzt. Bei der im Volke ohnehin schon vorhandenen Erregung ist es erforderlich, dass nicht auch nach dieser Richtung hin Beruhigung geschaffen wird. Die Polizeibehörden sind daher unter Hinweis auf die M.B. vom 7.6. 1919 (St.Anz. Nr. 145) anzuweisen, dieser Erscheinung ihre Aufmerksamkeit zu schenken. Es ist wichtig, die Personen zu ermitteln, die derartige Flugblätter und Anklebezettel herstellen, aber auch die Personen, die diese Erzeugnisse ankleben oder sonst verbreiten, damit in allen geeigneten Fällen Strafanzeige erfolgen kann. Auch die judenfeindliche Presse ist zu beobachten…

Die Behörden gingen in Bayern gegen den wachsenden Antisemitismus vor. Auf den unteren Ebenen wurden diese Anordnungen offenbar ignoriert.

Das Weilheimer Tagblatt erwähnte Anfang März in einem Artikel zu antisemitischen Umtrieben einen Auftritt der NSDAP vor der Feldherrenhalle. Damals spielte Hitler noch keine Rolle.

 

Die antisemitische Bewegung ist im Wachsen begriffen, nicht nur im Norden, sondern auch bei uns in Bayern. Und was besonders hervorgehoben zu werden verdient: die Bewegung erfaßt alle Kreise und Stände; in München z.B. hat der Antisemitismus auch in der Arbeiterschaft Eingang gefunden. Man konnte das ganz deutlich am letzten Sonntag bei den antisemitischen Kundgebungen am Lenbachplatz und an der Feldherrenhalle beobachten. Leute im schlichten Arbeiterrock hielten Ansprachen und nahmen an den erregten Auseinandersetzungen den lebhaftesten Anteil. Vor der Feldherrenhalle machten sich die Mitglieder der neugegründeten nationalsozialistischen Arbeiterpartei bemerkbar.“ (Weilheimer Tagblatt, 12. März 1920)

Gegen die antisemitische Agitation ging der sozialdemokratische Innenminister Fritz Endress entschieden vor. Dies zeigt dieses  Rundschreiben an die Verwaltungsbehörden der Bezirke rechts des Rheins. Die antijüdische Hetze konnte jedoch nicht unterbunden werden.

 

Graf Arco-Prozess – die Generalprobe

In Bayern hatte sich die Landesleitung der Einwohnerwehren, Dr. Georg Escherich und Rudolf Kanzler  immer weiter von der SPD, deren Ministerpräsident Johannes Hoffmann eben diese Milizen staatlich subventionieren ließ, abgewandt. Als im Januar 1919 gegen den Eisner-Mörder Graf von Arco auf Valley ein Todesurteil verhängt worden war, waren gewaltige Sympathiekundgebungen die Folge. Die führenden Exponenten der Reichswehr, der Einwohnerwehren und der Polizei gaben eine gleichlautende Erklärung ab, dass im Falle einer Hinrichtung Arcos ihre Männer keine Gewähr mehr für den Schutz der  SPD-geführten Regierung übernehmen könnten. Das Todesurteil wurde in lebenslange Festungshaft umgewandelt. Diese erfolgreiche Erpressung wirkte wie eine „Generalprobe für den Kapp-Lüttwitz-Putsch“.

 

Kapp-Lüttwitz-Putsch und die Ereignisse in Bayern…

Am 10. Januar 1920 war der Versailler Vertrag in Kraft getreten. Nun musste die Reichswehr auf die Stärke von 100.000 Mann reduziert werden. Zunächst sollten ausgerechnet die Einheiten der „Baltikumer“, nach Kriegsende 1918 aufgestellte Einheiten von freiwilligen Soldaten, aufgelöst werden. Die „Baltikumer“ waren Soldaten, die sich freiwillig gemeldet hatten und in den baltischen Staaten (Litauen, Estland und Litauen) gegen die Rote Armee im Russischen Bürgerkrieg gekämpft hatten. Besonders berüchtigt war die Marinebrigade Erhardt. Die Einheit hatte München im Mai 1919 blutig von der Räteherrschaft befreit. General Walther von Lüttwitz galt als „Vater der Freikorps“. Der General lehnte die Forderungen des Friedensvortrages von Versailles rigoros ab. Drei Tage vor der Revolte, am 10. März hatte Walther von Lüttwitz in Überschätzung seiner Machtmittel dem Reichspräsidenten Friedrich Ebert sogar Ultimaten gestellt. Als am 13. März 1920 die Soldaten der Marine-Brigade Erhardt in Döberitz, die bisher als „Arbeitsgemeinschaft“ getarnt waren. die Auflösungsorder erhalten hatten, verweigerten  die Soldaten den Befehl und marschierten – unter Führung von Kapitänleutnant Hermann Erhardt (1881 – 1971) nach Berlin. Dort musste die Regierung unter Reichskanzler Gustav Bauer (SPD) überstürzt nach Dresden und später nach Stuttgart fliehen. Die Putschisten um Lüttwitz setzten eine Regierung unter dem Direktor einer Bank aus Ostpreußen, Wolfgang Kapp (1858 – 1922) ein. Die Reichswehr stellte sich fast geschlossen gegen die Putschisten. In Berlin riefen die Gewerkschaften den Generalstreik aus, die Arbeiter bestreikten die Putschisten-Regierung geschlossen. Nach drei Tagen mussten die Putschisten dort aufgeben. Geschlagen verließen die putschenden Truppen die Reichshauptstadt. In Bayern hatte der Putsch jedoch noch weitreichendere Folgen.

 

Hofmann muss gehen…

Nach Bekanntwerden der Ereignisse in Berlin wurde in München ein Aufruf plakatiert, dass Aufrufe der Putschisten nicht zu befolgen seien. Zur Niederlegung der Arbeit bestehe kein Anlass.

Nur ein Wahnsinniger kann glauben, daß neuerliche Putsche von irgendeiner Seite den Wideraufstieg und die Gesundung unseres schwer leidenden Volkes herbeiführen könnten. Wir in Bayern halten fest an der vom Volke selbst beschlossenen Verfassung…

Unterzeichnet war der Appell von General von Möhl, dem Präsidium des Landtags und Vertretern der BVP, der SPD, der BMP (Bayerischen Mittelpartei, bayerischer Ableger der demokratiefeindlichen DNVP). Am Samstag, dem 13. März versammelte sich in München der Ministerrat. Zugegen war auch der Kommandeur des Reichswehr-Gruppenkommandos 4, General Arno von Möhl. Der General versicherte den Ministern, dass die Reichswehr in München hinter der Landesregierung stehe. Vom liberalen Ernst Müller-Meiningen auf die Putschabsichten einiger jüngerer Offiziere angesprochen, schränkte von Möhl ein, es dürfe keine Streiks geben und es könnte jedoch derartige Strömungen unter den Zeitfreiwilligen geben. Da von Möhl die Lage in Nürnberg für unruhig hielt, wurde eine Übertragung der vollziehenden Gewalt an das Militär in Mittelfranken erwogen. Bereits am nächsten Morgen wurde Ernst Müller-Meiningen geweckt und um sechs Uhr zu einem Ministerrat gerufen. Der General, der keine zwölf Stunden vorher für Anwesend waren neben den Ministern auch der Münchner Polizeipräsident Ernst Pöhner, der Landeshauptmann der Einwohnerwehren Dr. Georg Escherich, den Regierungspräsidenten von Oberbayern, Dr. Gustav Ritter von Kahr und General Arnold von Möhl.

 

Der General, der sich keine zwölf Stunden vorher für seine Offiziere verbürgt hatte. Forderte nun die vollziehende Gewalt, da er sonst die Truppe nicht ruhig halten könne. Pöhner erklärte, dass eine genehmigte Protestveranstaltung der USP und KPD eben an diesem Sonntag für Unruhe bei den Zeitfreiwilligen – das waren meist rechtsaktivistische Studenten – gesorgt habe. Ein Polizeibeamter erklärte, die Polizei könne die Sicherheit der Minister nicht mehr garantieren. Auf dem Promenadenplatz marschierte ein Trupp Soldaten unter dem Kommando eines Leutnants auf und vollendete die Drohkulisse.

Diese diametral veränderte Situation hatte einen Vorlauf. Der stellvertretende Landesleiter der Einwohnerwehren Rudolf Kanzler aus dem Chiemgau hatte wenige Tage vor dem Putsch in Salzburg Klartext gesprochen: in einer Rede vor Heimwehrleuten forderte er einen „Diktator“. Gegen eine Landesregierung, die nicht zum Rücktritt bereit sei, drohte Kanzler, werde er 300.000 Mann in Bewegung zu setzen. Den geheimen Verhandlungen zwischen Reichswehr und Einwohnerwehren schlossen sich Vertreter der Landespolizei, der Münchner Polizei und der für die Exekutive im Raum München zuständige Bezirkstagspräsident von Oberbayern, der erzkonservative Regierungspräsident des Regierungsbezirkes Oberbayern, Gustav Ritter von Kahr (1862-1934) an. Die Beamten von Kahr und Ernst Pöhner, Polizeipräsident von München, begannen nun  hinter dem Rücken ihres Vorgesetzten, des SPD-Innenministers Fritz Endres eine Intrige zu spinnen. Der Stabsleiter der Einwohnerwehren im Innenministerium, Oberstleutnant a.D. Hermann Kriebel, später einer der Angeklagten im Prozess gegen Adolf Hitler, ergriff die Initiative.

Erst als der erste Landeshauptmann der Einwohnerwehren, Dr. Georg Escherich aus Berlin zurückgekehrt war, besprach ein kleiner Kreis aus Eingeweihten am späten Abend des 13. März 1920 in der Landesleitung der Einwohnerwehren das weitere Vorgehen. Dr. Georg Escherich, und der Regierungspräsident von Oberbayern,  Dr. Gustav Ritter von Kahr, ein enger Vertrauter und Förderer der Einwohnerwehren  entschlossen zu handeln. Die Gruppe begab sich zum Reichswehrgruppenkommando 4 und erklärte General von Möhl, man müsse jetzt handeln, bevor es von „unberufener Seite“ geschehe und warnte vor einem unmittelbar bevorstehenden Umsturz von Links. Dr. Georg Escherich, General von Möhl, Dr. Gustav Ritter von Kahr, der Kommandant der bayerischen Landespolizei, Oberst Hans von Seißer, Kommandeur der bayerischen Polizei und Ernst Pöhner, Polizeipräsident von München begaben sich frühmorgens zu Ministerpräsident Johannes Hoffmann. Der Ministerpräsident wurde aufgefordert, die vollziehende Gewalt sofort an die Militärs zu übergeben. Das verweigerte Hoffmann und berief den Ministerrat ein.

Johannes Hoffmann trotze den Drohungen – und weigerte sich vorerst beharrlich, die Exekutive den Militärs im gesamten rechtsrheinischen Bayern zu übertragen.  Schließlich stimmten mit den bürgerlichen Ministern auch die SPD-Minister dafür, die vollziehende Gewalt in München-Land zu übergeben. Hoffmann stand allein. Am Abend dieses Sonntags leitete Hoffmann zum letzten Mal eine Sitzung des Ministerrats. Die SPD-Minister nahmen noch an Sitzungen des Kabinetts am 15. Und 16. März ohne Hoffmann an Kabinettssitzungen teil und verließen dann die Regierung. Nach knapp 24 Stunden gab das Reichswehrkommando die vollziehende Gewalt an den Landtag zurück. Mit einer Stimme mehr, als die absolute Mehrheit erforderte, wurde am Dienstag, den 16. März 1920 Dr. Ritter Gustav von Kahr vom Landtag zum neuen Ministerpräsidenten gewählt.

Der neue Ministerpräsident verkündete seine Absicht, die „Ordnungszelle Bayern“ zu schaffen. Aus dieser Ordnungszelle, antisozialistisch, antidemokratisch und antisemitisch sollte das Deutsche Reich, nach Vorstellungen der Rechten,  neu entstehen.

 

Der Regierungswechsel – ein Putsch?

Der Regierungswechsel vollzog sich zwar ohne direkte Gewaltanwendung. Letztendlich lag das jedoch nur am Rücktritt von Johannes Hoffmann. Der Hinweis auf die verfassungsmäßigen Formen des Regierungswechsels ist allerdings „leerer Formalismus; es handelte sich dabei nur um die Verkleidung eines durchaus nicht verfassungsmäßigen Vorgangs“ – so hat das der Historiker Hans Fenske beschrieben. Die Drohkulisse der Wehrverbände im Hintergrund – eben „rechtsradikaler Gebilde“ rechtfertigt den Begriff „Kahr-Putsch“ für die Ereignisse im März 1920 in Bayern. Dies wird durch die Aufzeichnungen des Einwohnerwehr-Landeshauptmanns Rudolf Kanzler in seiner einfachen und brutalen Sprache bestätigt: „dem Rücktrittsgesuch der Regierung“ sei „etwas nachgeholfen worden.“

 

Bayern verabschiedete sich vom Rechtsstaat…

Bayern verabschiedete sich für drei Jahre vom Rechtsstaat. Den Regierungswechsel sollte eine Landtagswahl am 7. Juni 1920 bestätigen, weil sich Vertreter der DDP und des Bayerischen Bauernbundes geweigert hatten Vertreter der BMP (Bayerische Mittelstandspartei), des bayerischen Ablegers der demokratiefeindlichen und antisemitischen DNVP in Norddeutschland, in die Regierung aufzunehmen.  Im April begann der Wahlkampf. Gustav Ritter von Kahr schuf ein autoritäres Regime. Unterstützt wurde von Kahr auch vom „Bayerischen Ordnungsblock“, einem Verband von etwa 40 ultrakonservativen bis rechtsextremen Parteien, darunter die noch junge NSDAP. Erster Vorsitzender wurde der Bildhauer Fritz Behn. Der Künstler schuf in Murnau den „Prinzregent-Ludwig-Brunnen“.

Es begann ein Ringen um die Auflösung der Einwohnerwehren. Obwohl die Forderungen der Interalliierten Kontrollkommission immer nachdrücklicher gestellt wurden, blieb Dr. Gustav Ritter  von Kahr hart – und setzte auf diese Weise die Reichsregierung massiv unter Druck.

Über Ralf Ostner

Ralf Ostner geboren 1964 in Frankfurt am Main, 1984 Abitur in Bayern--Leitungskurse: Physik und Kunst/ Schülerzeitung. Studium der Physik (Nebenfächer: Mathematik, Chemie), Wirtschaftsgeographie (Nebenfächer: BWL, VWL) und Studium der Sinologie. 1991 Abschluss als staatlich geprüfter Übersetzer in der englischen und chinesischen Sprache am Sprachen- und Dolmetscher-Institut/München (Leiter der Chinesisch-Abteilung: Herr Zhang, ehemaliger Dolmetscher von Deng Xiaoping und Franz-Josef Strauß).Danach 5 Jahre Asienaufenthalt: China, Indien, Südostasien (u.a. in Kambodscha während des ersten Auslandseinsatzes der Bundeswehr, Interviews mit Auslandschinesen, Recherche im Karen-Guerillagebiet in Burma, Unterstützung einer UNO-Mitarbeiterin während den Aufständen in Nepal und bei UNO-Arbeit in Indien), Australien. Danach 5 Jahre als Dolmetscher, Delegationsbegleiter und Übersetzer in München. Abendstudium an der Hochschule für Politik /München (Schwerpunkt: Internationale Beziehungen). Abschluss als Diplom-Politologe (Diplomarbeit: Die deutsch-chinesischen Beziehungen 1989-2000 unter besonderer Berücksichtigung der SPD-Grünen-Regierung). Delegationsbegleitung von Hu Ping, Chefredakteur der chinesischen Dissidentenzeitung "Pekinger Frühling" (New York)und prominentester Vertreter eines chinesischen Liberalismus bei seiner Deutschlandtour (Uni München, Uni Mainz, Berlin/FU-Humboldt) bei gleichzeitigem Kontakt mit Liu Liqun (Autor des Buches "Westliches Denken transzendieren"/ heute: Deutschlandberater der chinesischen Regierung).Chefredakteur der Studentenzeitschrift UNIPOL . Projekte am Goethe-Institut und bei FOCUS TV. Seit 2000 Übersetzer (chinesisch-deutsch), Graphiker, freier Schriftsteller und Blogger.
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