Die Banlieus, Moellenbek und der Islamismus

Mal wieder ein Terroranschlag, diesmal nicht mit 130 Toten, sondern nur 31 Toten. Die Anschläge sind zwar schrecklich, doch sollte man nicht hysterisch werden. Die Gefahr Opfer eines Terroranschlags zu werden ist zigmal geringer als Opfer eines Autounfalls oder eines Haushaltsunfalls zu werden. Das sollte man sich immer bewusst machen und sich nicht zu hysterischen Überreaktionen verleiten lassen.Klar zu erwarten ist auch, dass es eine längere Zeit des Terrorismus und Toten geben wird, auch in Deutschland, Nur, was soll das heissen: Dass man jetzt einen totalen Überwachungs- und Polizeistaat will, allle Ausländer samt unschuldiger Flüchtlinge wieder rausschmeisstt?Die deutschen rechten Extremisten wollen ja gerade eine Hysterie ausnutzen, um eine neue Diktatur herzubekommen, bei der man mit allem deutschen „Gutmenschentum“, also Toleranz, Humanismus, Plurralismus und letztendlich mit Demokratie gründlich aufräumt.Die Leute sollen sich entscheiden: Wollen sie in Hysterie ausbrechen, weil es absehbar Tote auch in Deutschland  geben wird, die aber den Staat und die Gesellschaft nicht zerstören können oder aber eben die freiheitliche Demokratie zugunsten einer Diktatur beseitigen? Darum geht es im Kern in dieser Diskussion: Ist man bereit, Tote als Preis der Freiheit zu akzeptieren oder aber eben nicht und eine Diktatur zuzulassen, die dann wiederum Terror gegen andersdenkende „Gutmenschen“ zur Tagesordnung macht.Also meine Wahl ist klar: Ich sehe eher in den rechtsradikalen deutschen Parteien und Grupppen die Gefahr als in den paar islamistischen Terroristen. Beide gehören bekämpft, doch die Islamisten werden immer eine Minderheit in Deutschland bleiben, die niemals einen Schariastaat oder gar ein Kalifat gründen können. Umgekekehrt könnnen aber die Rechtsradikalen die Radikalisierung der deutschen Mittte nutzen, um wieder eine faschstische Diktatur zu errichten. Die Islamisten sind eine ekelhafte Minderheit, könnnen aber nicht dominant werden, anders als biodeutsche Mittelschichten, die die absolute Bevölkerungsmehrheit stellen und  sich hysterisieren und radikaliseren lassen.

 

Der zweite Punkt, der mir zu dem Anschlag in Paris wie auch in Brüssel einfällt, ist eine Kritik dieses ewigen sozialarbeiterischen Verelendungsmodells, das den Islamismus und den Dschihhaddismus als kriminellles, prekäres Unbterschichtenphänomen erklären will. Eine französische Studie,die eine Terrorismusexpertin in der Phönixrunde zitierte, hat festgestellt, dass von den Dschihhadisten und Islamisten 50% aus der Unterschicht kommen, aber eben auch 40% aus der Mittelschicht und sogar 10% aus der Oberschicht—also ein durchaus durchmischtes Phänomen. Dennoch konzentriert sich die ganze Diskussion darauf, eine Art Dschihaddismuseinheitstypen der prekären, arbeitslosen, kleinkriminellen Unterschicht, die von Vätern geprügelt wurde darzustellen. Dazu ist zweierlei zu sagen; Diese Sozialarbeitertypen müssen zum einen erklären, warum der ähnlich strukturierte Teil drr Banlieus und Moelllenbeks eben nicht zun Islamismus und Terrorismus greift, sondern dies eine kleine Grupppe von Extremisten bleibt, die aber wenn Armut und Bilkdungsfernheit zum Terrorismus und Islamismus führen würden, eben Hunderttausende dies unter gleichen Umständen nicht machen. Zweitens eben die andere Hälfte des Islamismus und des Terrorismus, der sich aus Mitelschichten und Oberschichten speist. Da käme keiner auf die Idee zu sagen: bildungsnah, mit Perspektive, gutes Elternhaus, also Extremist und ganze Stadtviertel als Terrorbiotop zu labeln. Vielleicht hiesse es dann:Zu sehr verwöhnt, overprotected, zuviel Bildung, die auf Abwege führt, also quasi verbildet und verhätschelt, dass man auf falsche Gedanken und Traumtänzerei kommt.Terrorismus also als Wohlstandsphänomen und nicht Ausdruck einer Prekarisierung. Die soziologische Zusammensetzung der Terroristen ist also gemischt.Selbst wenn man die Unterschichten integrieren würde, blieben noch viele Terroristen, die sich aus wohlbehüteten Elternhäusern der Mittelschicht rekrutieren lassen. Daher Vorsicht vor Patentrezepten.

„Jung, reich und gebildet“ – das sind wohl die neuen Risikofaktoren für eine Radikalisierung bis hin zur Gewaltbereitschaft, wie sie die Täter von Bangladesch durchlaufen haben. Das haben Recherchen der Queen Mary University of London ergeben. Religiöse Tendenzen, Gesundheit, soziale Ungleichheiten, Diskriminierung und politisches Engagement seien dagegen nicht direkt mit Radikalisierung verbunden.

Die Studie, veröffentlicht im März 2014, untersuchte rund 600 Männer und Frauen mit pakistanischem, Bangladescher oder muslimischem Hintergrund, die in London und Bradford leben und zwischen 18 und 45 Jahren alt sind. 2,4 Prozent, also 14 Teilnehmer, drückten Sympathien für gewalttätige Proteste und Terrorismus aus, mehr als sechs Prozent blieben gegenüber solchen Handlungen neutral. Die Anzahl der Sympathisanten stieg allerdings bei den Teilnehmern an, die noch keine 20 Jahre alt waren, studierten oder sich ausbilden ließen, in Großbritannien geboren waren und mehr als 75.000 Pfund im Jahr verdienten.(…)

Es sei die zweite, die neue Welle der Radikalisierung, die Bangladesch gerade durchgemacht, heißt es im Vorwort zum Bericht des Instituts. Die erste habe es in den frühen 2000er Jahren gegeben, nachdem die Kriegsveteranen aus Afghanistan zurückkehrten. Nun sind es nicht mehr die Kriegsgeschädigten, die Geiseln nehmen und Ausländer erschießen. Sondern eine neue, technologisch fortschrittliche Generation, die gebildet, jung und sozial gut vernetzt ist. In anderen Worten: die neue Elite.

„Davon sind wir absolut geschockt, dass diese Kinder aus sehr wohlhabenden Familien ohne materielle Wünsche sich trotzdem dieser Art von Ideologie zuwenden“, sagte Kazi Anis Ahmed, Journalist der Tageszeitung „Dhaka Tribune“ der amerikanischen „New York Times“.

Dabei müsste auch für die Journalisten des „Dhaka Tribune“ die Radikalisierung der jungen und gebildeten nichts Neues sein. Bereits im April veröffentlichte die Online-Ausgabe der Zeitung den Erfahrungsbericht eines Wirtschaftsprofessors, der davon erzählt, wie ihm eine junge Architektin, die für „eine von Bangladeschs renommiertesten Institutionen arbeitet“, SMS mit radikalislamischen Inhalten aufs Handy schickte.

„Viele von ihnen sind Computeringenieure oder Doktoren, die an renommierten öffentlichen Medizinschulen gelernt haben,“ schreibt Mamun Rashid, der Professor aus dem Artikel. Die jungen Leute, von denen er spricht, seien gegen die Regierung, weil die sich gegen den Islam stelle. „Viele von ihnen sind gegen Demokratie“, schreibt Rashid.“

http://www.faz.net/aktuell/politik/ausland/anschlag-in-bangladesch-die-radikalisierten-kinder-der-elite-14323550.html

Das wurde im übrigen ja auch den Linksterroristen der RAF vorgeworfen, dass sie saturierte Wohlstandskinder mit moralischem Rigorismus seien, die zumal die falschen Bücher gelesen hätten. Dassselbe soll aber beim Islamismus nicht mehr gelten. Irgendwie jede extremistische Bewegung , vom Islamismus zum Links- oider Rechtsradikalismus als Unterschichtenphänomen darstellen zu wopllen, ist schon eine recht sozialdarwinistiche Perspektive der Mittelschicht und Oberschicht, die die Anteile ihrer eigenen Klasse gerne leugnen wollen und alles auf bildungsferne Prols abladen wollen.Diese holzschnittartigen, monokausalen Erklärungsmuster, dass es der Islam sei oder eine gewisse Schicht, will eine Art simplen auszuschaltenden Einheitsdschihaddisten, den man durch eben ein paar einfache Maßnahmen beseitigen könne, konstruieren, wo doch die Motive sehr unterschiedlich sind, die Schichtenzugehörigkeit gemischt ist und auch die islamistische Ideologie und deren unterschiedliche Zielgruppenorientierung für die Proaganda  bei all dem aus dem Blickfeld gerät.Dazu demnächst mehr. Kurz: Bevor man die Banlieus oder Moellenbek säubern wollte, könnte man dies auch für Mittel- und Oberschichtenstadtteile oder islamistische Staaten wie das wahhabitische Saudiarabien, das einen Oberschichtensohn wie Osama Bin Laden und seine Al Kaida hervorbrachte fordern. Das wird aber wohlweislich nie geschehen.

Als abschliessenden Lesetip noch den älteren Artikel „Die Banlieus und der Islamismus“, der auch auf der Achse des Guten veröffentlicht wurde in gekürzter Form:

http://www.global-review.info/2015/11/22/die-ban-lieus-und-der-islamismus/

 

 

Über Ralf Ostner

Ralf Ostner geboren 1964 in Frankfurt am Main, 1984 Abitur in Bayern--Leitungskurse: Physik und Kunst/ Schülerzeitung. Studium der Physik (Nebenfächer: Mathematik, Chemie), Wirtschaftsgeographie (Nebenfächer: BWL, VWL) und Studium der Sinologie. 1991 Abschluss als staatlich geprüfter Übersetzer in der englischen und chinesischen Sprache am Sprachen- und Dolmetscher-Institut/München (Leiter der Chinesisch-Abteilung: Herr Zhang, ehemaliger Dolmetscher von Deng Xiaoping und Franz-Josef Strauß).Danach 5 Jahre Asienaufenthalt: China, Indien, Südostasien (u.a. in Kambodscha während des ersten Auslandseinsatzes der Bundeswehr, Interviews mit Auslandschinesen, Recherche im Karen-Guerillagebiet in Burma, Unterstützung einer UNO-Mitarbeiterin während den Aufständen in Nepal und bei UNO-Arbeit in Indien), Australien. Danach 5 Jahre als Dolmetscher, Delegationsbegleiter und Übersetzer in München. Abendstudium an der Hochschule für Politik /München (Schwerpunkt: Internationale Beziehungen). Abschluss als Diplom-Politologe (Diplomarbeit: Die deutsch-chinesischen Beziehungen 1989-2000 unter besonderer Berücksichtigung der SPD-Grünen-Regierung). Delegationsbegleitung von Hu Ping, Chefredakteur der chinesischen Dissidentenzeitung "Pekinger Frühling" (New York)und prominentester Vertreter eines chinesischen Liberalismus bei seiner Deutschlandtour (Uni München, Uni Mainz, Berlin/FU-Humboldt) bei gleichzeitigem Kontakt mit Liu Liqun (Autor des Buches "Westliches Denken transzendieren"/ heute: Deutschlandberater der chinesischen Regierung).Chefredakteur der Studentenzeitschrift UNIPOL . Projekte am Goethe-Institut und bei FOCUS TV. Seit 2000 Übersetzer (chinesisch-deutsch), Graphiker, freier Schriftsteller und Blogger.
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