Die Causa Böhmermann, deutsche Satiriker und das Menschenrecht sich totzulachen

Die Causa Böhmermann, eine Causa Erdogan scheint es ja schon lange nicht mehr zu sein, erregt die Gemüter. Die Frage, was Satire darf, ob die deutsche Regierung erpressbar ist, erregt dieser Tage die öffentliche Debatte. 80% der Deutschen sind gegen die Entscheidung Merkels, dass die Bundesregierung das Gerichtsverfahren gegen Böhmermann aufgrund des Beleidigungsparagraphen gegen ausländische Staatsoberhäupter und Organe, sogenannter Majestätsbeleidigungsparagraph,zugelassen hat. Diese Fragen sollen hier nicht im Zentrum stehen, sondern kurz über den Zustand der deutschen Satirikerszene reflektiert werden, die zunehmend von Comedians dominiert wird. Zuerst dazu Malte Fischer auf der Achse des Guten zu Böhmermann und seinen Anhängern:

„Verschont mich mit Böhmermann! Und: Meta-Ebene my ass.

Ich bin auch ein Fan der Pressefreiheit. Trotzdem ertappe ich mich in letzter Zeit dabei, klammheimlich zu hoffen, mit Krummdolchen bewaffnete Schergen Erdogans würden Böhmermann in irgendeinen Kerker im Orient verfrachten. Nichts Persönliches. Ich kann einfach seine Fresse nicht mehr sehen. Ich traue mich schon gar nicht mehr auf Facebook. Keine Zeitung kann man aufschlagen ohne in das nicht übertrieben schöne Gesicht des ZDF-Manns zu blicken. Danke, es reicht!

Fast noch nerviger als Böhmermann selbst sind seine zahlreichen Fans in Deutschlands Redaktionen, die nicht müde werden, dem Normaldoof, der es womöglich selbst nicht checkt, die Genialität des Mannes und die 23 Meta-Ebenen seiner Aktionen zu erläutern. Und dann die Solidarität bekundenden Trittbrettfahrer: Döpfner, Didi, Varoufakis. Es weiß doch jeder inklusive Böhmermann, dass Böhmermann die Sache am Ende mehr nutzen als schaden wird. Solidarisiert man sich normalerweise nicht mit Menschen, denen Unrecht oder Leid zugefügt wurde?

Wenn Spiegel-Autor Cordt Schnibben der Kanzlerin auf Facebook schreibt, es „sei nun mal genug“ und er könne angesichts der Leisetreterei von Merkel im Fall Böhmermann „nun nicht länger schweigen“, erscheint mir das angesichts der seit Monaten andauernden brutalen Repressionen gegen Kurden, Oppositionelle und Journalisten in der Türkei und dem aggressiven Auftreten von Erdogans Anhängern auch in Deutschland, beinahe obszön. Es gibt tausend bessere und wichtigere Gründe, Erdogan und zu kritisieren als ausgerechnet dafür dass er sich von einem deutschen Fernsehheini nicht Ziegenficker nennen lassen will. (…)

Wahrscheinlich habe ich die genialen Meta-Ebenen einfach nicht gecheckt aber am Ende des Tages hat Böhmermann Erdogan einen stinkenden Ziegenficker und Päderasten genannt. Er hat damit weder der notwendigen Kritik an Erdogan noch der deutschen TV-Unterhaltung eine Sternstunde hinzugefügt. Er hat nur einen weiteren Beitrag zur Verrohung und Infantilisierung des politischen Diskurses geleistet. Meta-Ebene my ass. Das Gedicht bleibt eine Aneinanderreihung rassistischer antitürkischer Klischees. Hätte Akif Pirincci denselben Text auf seiner Homepage veröffentlicht, wäre niemand auf die Idee gekommen, ihn als Helden der Meinungsfreiheit zu feiern.

http://www.achgut.com/artikel/freiheit_von_boehmermann_und_meta_ebene_my_ass

Sehr guter Kommentar auf der Achse des Guten, bei dem den deutschen Satire-Comedians eine “zunehmende Infantilisierung und Verrohung des politischen Diskurses”vorgeworfen wird. Man hat ohnehin den Eindruck, dass neben den üblichen Gewalten Exekutive, Legislative, Judikative, Medien und Wirtschaft diese unwahrscheinlich vulgären und seichten Comedians die sechste Gewalt im Staate wären. Und den Zuschauern scheint Politik nur noch als unterhaltender Konsum erlebbar–statt sich in Parteien oder andersweitig zu engagieren, kriegt man den Arsch von der Fernsehcouch und vor lauter  neuesten Satirekonsum nicht mehr hoch, lacht sich über die politischen Zustände nur noch zu Tode und findet das Ganze nur noch amüsant, womit diese Sendungen mehr eine sehr systemaffirmative Ventilfunktion haben, denn aufklärerisch und politisch inhaltlich oder gar aktivierend zu wirken.

Eine Nation lacht sich über sich selbst zu Tode und sieht darin ihr grösstes Menschenrecht. Wirkliche  inhaltliche Auseinandersetzungen finden kaum mehr statt. Die Heute Show strotzt vor primitiv-vulgärer Fäkalsprache, die inhaltliche Kritik weitgehend ersetzt. Ihre Figur des cholerisch-aufbrausenden Wutbürgers, der dann immer wieder wie Rumpelstilzchen hochgeht, sich aufregt und rumgeifert ist als Stilmittel auch schon so ausgelutscht und die Form scheint auch auf die zunehmend fehlenden Inhalte abzufärben. Das ist so das Niveau, wenn der Titanic auch nicht mehr zum Antiklerikailsmus und der Relgionskritik einfällt, als den Papst Ratzinger in vollgeschissenem und volluriniertem Talar darzustellen.

Wer noch mehr Niveau hat, ist „Die Anstalt“. Hatte sie unter Priol auch die Tendenz Politiker aufgrund ihrer Äußerlichkeiten zu kritisieren (Behinderung Schäubles, runterhängende Mundwinkel von Merkel, gefärbte Haare Schröders ), so hat doch inhaltliche Kritik unter den neuen Machern mehr eine Aufwertung erfahren. Die Anstalt ist da mehr die Ausnahme in dieser inflationären Flut von Comedian-Satirikern, die sich in ihren Ausfällen zu übertrumpfen suchen.

Nuhr ist gemischt. Zwar hat er auch etwas Kritik zu wichtigeren politischen Fragen in seinem Programm, damit es nicht ganz so flach und unpolitisch daherkommt, aber sein Tenor ist immer: Uns geht’s zu gut und wir machen uns zuviel German Angst, sind zu pesssimistisch, jammern ganz unamerikanisch und urdeutsch viel zu viel herum, werden von den Medien hysterisiert und lassen uns gerne hysterisieren—eigentlich gebe es gar keine nennenswerten Probleme in Deutschland.Er ist also mehr ein Wellness-und Feelgood- Comedian, der zumal viele politischen Fragen auch ausklammert und sich mehr an Beobachtungen des Alltags und gewisser Modetrends von Veganertum bis Esoterik abarbeitet. Nuhr ist kein Gutmensch, aber ein Gutfühlmensch, der sich lieber mit menschlichen Macken und Wohlstandsproblemchen herumschlägt, um damit seine zentrale Botschaft rüberzubringen: Dass es gar keine realen Probleme in Deutschland gebe. Alles ist und wird gut!

Wobei Nuhr in der Causa Böhmermann klar Stellung bezieht, dass Satire seiner Ansicht nach trotz inflationärem Gebrauch des Tucholskyzitats nicht alles dürfe und auch aufzeigt, welche Konsequenzen dies haben könnte:

„Böhmermann hatte in seiner TV-Show den türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogverbal angegriffen, um nach eigenen Worten den Unterschied von erlaubter Satire und verbotener Schmähkritik zu zeigen. Satire dürfe aber nicht alles, schreibt Nuhr. Der Begriff „Ziegenficker“, der im Gedicht auftaucht, sei rassistisch.

Er gehe davon aus, dass der Moderator mit der Argumentation juristisch durchkomme, „auf der Metaebene der Metaebene der Kunst“ tätig gewesen zu sein. „Dann werden vielleicht bald auch die Judenhasser, Holocaustleugner und Hassprediger Gedichte schreiben und behaupten, das Ganze sei ja nur Satire.““

http://www.welt.de/politik/deutschland/article154556988/Dieter-Nuhr-verteidigt-Ermittlungen-gegen-Boehmermann.html

So ähnlich, wie der Pegidamann mit seinem Galgen oder Pegida-Führer Lutz Bachmann bei seinem Hitlerselfie erklärte, dies sei ja nur Satire gewesen–sich also auf die Freiheit der Kunst rausredete.

Über Mario Barth, der sich neuerdings versucht investigativ gesellschaftskritisch zu geben, verliere ich hier lieber keine Zeile, da er das nicht wert ist. Es stünde einem guten Teil der deutschen Satirikerszene gut an, sich wieder mehr auf eine ernsthaftere inhaltliche Auseinandersetzung mit politischen Inhalten zu konzentrieren als der weiteren „Infantilisierung und Verrohung“der politischen Kultur, die mehr Wert auf eine knallig-vulgär-plakative Form legt Vorschub zu leisten.

Und das Ganze internationalisiert sich: Die britische Zeitung „The Spectator“hat jetzt einen Schmähgedichtwettbewerb gegen Ertdogan ausgerichtet, bei dem die unflätigsten und heftigsten Beleidigungen prämiert werden. Der Chefredakteur des Spectators betont, dass es auf die Beleidigung und nicht auf den Inhalt ankomme.Ein weiterer Beitrag zur Verrohung und Infantilsierung der politischen Kultur, der Form vor Inhalt stellt.

 

Über Ralf Ostner

Ralf Ostner geboren 1964 in Frankfurt am Main, 1984 Abitur in Bayern--Leitungskurse: Physik und Kunst/ Schülerzeitung. Studium der Physik (Nebenfächer: Mathematik, Chemie), Wirtschaftsgeographie (Nebenfächer: BWL, VWL) und Studium der Sinologie. 1991 Abschluss als staatlich geprüfter Übersetzer in der englischen und chinesischen Sprache am Sprachen- und Dolmetscher-Institut/München (Leiter der Chinesisch-Abteilung: Herr Zhang, ehemaliger Dolmetscher von Deng Xiaoping und Franz-Josef Strauß).Danach 5 Jahre Asienaufenthalt: China, Indien, Südostasien (u.a. in Kambodscha während des ersten Auslandseinsatzes der Bundeswehr, Interviews mit Auslandschinesen, Recherche im Karen-Guerillagebiet in Burma, Unterstützung einer UNO-Mitarbeiterin während den Aufständen in Nepal und bei UNO-Arbeit in Indien), Australien. Danach 5 Jahre als Dolmetscher, Delegationsbegleiter und Übersetzer in München. Abendstudium an der Hochschule für Politik /München (Schwerpunkt: Internationale Beziehungen). Abschluss als Diplom-Politologe (Diplomarbeit: Die deutsch-chinesischen Beziehungen 1989-2000 unter besonderer Berücksichtigung der SPD-Grünen-Regierung). Delegationsbegleitung von Hu Ping, Chefredakteur der chinesischen Dissidentenzeitung "Pekinger Frühling" (New York)und prominentester Vertreter eines chinesischen Liberalismus bei seiner Deutschlandtour (Uni München, Uni Mainz, Berlin/FU-Humboldt) bei gleichzeitigem Kontakt mit Liu Liqun (Autor des Buches "Westliches Denken transzendieren"/ heute: Deutschlandberater der chinesischen Regierung).Chefredakteur der Studentenzeitschrift UNIPOL . Projekte am Goethe-Institut und bei FOCUS TV. Seit 2000 Übersetzer (chinesisch-deutsch), Graphiker, freier Schriftsteller und Blogger.
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1 Response to Die Causa Böhmermann, deutsche Satiriker und das Menschenrecht sich totzulachen

  1. Ralf Ostner sagt:

    Kommentar von Michael Spreng:

    Samstag, 16. April 2016, 12:49 Uhr
    Verantwortung

    Zwischen Jan Böhmermann und der Kanzlerin gibt es viele Unterschiede. Einer aber ist besonders aktuell: Böhmermann muss sich im schlimmsten, aber eher unwahrscheinlichen Fall dem Urteil eines deutschen Gerichts stellen, Angela Merkel aber täglich dem Urteil der internationalen Staatengemeinschaft. Jede ihre Handlungen hat Auswirkungen auf die Weltpolitik.

    Die Kanzlerin muss nationale und internationale, strategische und geopolitische Gesichtspunkte berücksichtigen. Sie muss permanent die Folgen ihrer Politik bedenken und einkalkulieren. Sie kann und darf es sich bei ihren Entscheidungen nicht leicht machen.

    Ein Komiker oder Satiriker dagegen kann es sich leicht machen. Er haut seine Witze, Beleidigungen und Verunglimpfungen raus, wie es ihm gerade passt. Er denkt nicht an die Folgen und berücksichtigt nicht die Reaktionen, wenn er die Provokationsspirale immer weiter dreht.

    Das Duell Böhmermann gegen Merkel war ein Duell der Verantwortlichkeit einer mächtigen Politikerin gegen die Verantwortungslosigkeit eines freischwebenden Satirikers.

    Auch wenn die Kanzlerin das Duell nach Meinung eines Teils der Bevölkerung verloren hat, sie konnte nicht anders, als die deutsche Justiz zu ermächtigen, gegen Böhmermann wegen Beleidigung eines ausländischen Staatsoberhauptes zu ermitteln.

    Sie musste bei ihrer Entscheidung unter anderem die Bedeutung des EU-Türkei-Abkommens über die Flüchtlinge berücksichtigen, die NATO-Mitgliedschaft der Türkei, die Gefühle der in Deutschland lebenden türkischen Wähler Erdogans, eines frei und demokratisch gewählten Staatsoberhauptes.

    Dabei spielt keine Rolle, dass uns seine Innenpolitik nicht passt und er dabei ist, die Türkei in einen autoritären Staat zu verwandeln.

    Wer Merkel jetzt dafür kritisiert, macht es sich sehr leicht. Um sich mit Böhmermann zu solidarisieren, genügt ein Click im Internet. Merkel jetzt einen Kotau vor Erdogan vorzuwerfen, kostet nichts, gibt aber dem Absender das mächtige Gefühl, die Freiheit zu verteidigen.

    Politik aber kann sich nicht an kurzfristigen Empörungsritualen orientieren. Sie muss immer auch die langfristigen Folgen berücksichtigen.

    Frau Merkel kann auch nicht wie Böhmermann abtauchen und eine Sendung ausfallen lassen. Für sie gibt es keine Flucht aus der Verantwortung.

    Deshalb hat sie richtig gehandelt. Bei der Justiz ist der Fall in den richtigen, unabhängigen Händen. Böhmermann hat mit seinem vulgären und rassistischen Gedicht nicht nur die Grenzen der Satire ausgelotet, sondern auch die Grenzen des Anstands überschritten. Dafür muss er sich verantworten. Was ist daran anstößig?

    http://www.sprengsatz.de/?p=4308&cpage=1#comment-195548

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