Einwohnerwehren in Bayern ab 1919 – vom Selbstschutz zur Putschistentruppe

 

Von Gastautor: Thomas Wagner (Historiker M.A.)

Aufbau nach der Räterepubliken 1919

Reichsweit wurden nach dem Spartakus-Aufstand im Januar 1919 in Berlin Bürgerwehren gegründet. Die Aufforderung erging von der Reichs- an die Landesregierungen. Mitte April 1919 wurden wegen der chaotischen Verhältnisse während der Räteherrschaft besonders in München und in vielen umliegenden Orten hastig Bürgerwehren gegründet. Die nach Bamberg ausgewichene Landesregierung des Sozialdemokraten Johannes Hoffmann hatte Mitte April von dort aus die erste Aufforderung zur Gründung von Selbstschutzorganisationen getätigt. Die ersten Milizen wurden unter Führung von Rudolf Kanzler im Chiemgau gegründet, später hieß dieser Verband  „Organisation Kanzler“ (Orka). Nach dem Ende der 2. Räterepublik sorgte ausgerechnet die von einem Sozialdemokraten geführte bayerische Landesregierung für den Aufbau von paramilitärischen Verbänden in den Ortschaften. Rudolf Kanzler gab in seinen Erinnerungen den 3. Mai 1919 als Datum für die Aufstellung der Einwohnerwehr München an. Die geplante Lagerung der Waffen in Depots lehnte General von Oven ab. Innenminister Segitz und Militärminister Schneppenhorst unterzeichneten am 17. Mai 1919 eine „Bekanntmachung betreffend Einwohnerwehren“. Waffen waren nach der Demobilisierung des deutschen Weltkriegsheeres vorerst reichlich vorhanden. Die Waffen sollten ursprünglich  in Depots gelagert werden und nur an verdiente Mitglieder ausgehändigt werden. Ernst Röhm, damals noch Hauptmann der Reichswehr und später OSAF der SA, schrieb es später seiner Einflussnahme zu, dass die Mitglieder ihre Karabiner zu Hause in den Schrank stellen durften. Ausgehändigt wurden Mauser, Karabiner 98.  Mitglieder der „freiwilligen, unpolitischen Schutzverbände“ waren zunächst örtliche Honoratioren. Bauern und Gewerbetreibende, Kriegervereinen, Schützengilden sowie mancherorts Turn- und Sportvereine. Geschaffen wurden landesweit elf staatliche Wehrkommissare in allen Regierungsbezirken – um die staatliche Kontrolle zu garantieren. Doch diese ehemaligen  Berufsoffiziere konnten sich gegen örtliche Führungskräfte oft – jedoch nicht immer – kaum durchsetzen. Um das von der interalliierten Militär-Kontrollkommission überwachte Entwaffnungsgebot zu umgehen, wurden die Milizen aus ihrer militärischen Unterstellung unter die Reichswehr herausgelöst und bereits Mitte Mai 1919 der zivilen Leitung des bayerischen Landesinnenministeriums unterstellt. Unterstellt waren die Milizen dem Innenministerium, dort war Oberstleutnant a.D. Hermann Kriebel für die Organisation zuständig. Forstrat Dr. Georg Escherich aus Isen, der Beziehungen zur BVP, dem Christlichen Bauernverein und der Reichswehr pflegte, sorgte für die Organisation der Einwohnerwehren zu einer gewaltigen paramilitärischen Truppe. Finanziert wurden die Einwohnerwehren aus öffentlichen Mitteln sowie aus privaten Zuwendungen.

Im September 1919 wurde die Vereinigung aller Ortswehren im Verein „Einwohnerwehren Bayern e.V.“ vollzogen.  Das war die „Orgesch“, die Organisation Escherich. Eine Truppe von 300.000 Mann entstand. Ein Verein würde der Interalliierten Kontrollkommission nicht auffallen, so das Kalkül.  Gegliedert waren die bayerischen Verbände in 156 Gauen und zehn Kreisen. Schwerpunkt der Gründungen war Oberbayern. Der Verein ging nun daran, die Mitgliedsverbände zu disziplinieren.

Einwohnerwehr-Gau „Oberland“ und „Heimatschutz Murnau“

Auf der regionalen Ebene bestand der landeweite Verband aus Heimatschutzverbänden. In Murnau bestand diese Truppe aus etwa 100 Mann. Ursprünglich gegründet wurde der „Heimatschutz Murnau a. St. und Umgebung“ auf Beschluss des Arbeiter- und Bauernrates am 13. April 1919. Zur Aufgabe des „Heimatschutzes“ heißt es:

Zweck des Heimatschutzes ist: Schutz der Personen, des Bodens, des persönlichen und gemeindlichen und staatlichen Eigentums, auch der Jagd und Fischerei, gegen ungesetzliche Eingriffe jeder Art durch Banden oder Einzelne.  Vollständig und jederzeit ausgeschlossen sind von dem Zwecke des Heimat-Sch. Politische Umtriebe oder Betätigung jeder Art…

In Artikel 3 wird festgelegt, dass die Anmeldung zum Heimatschutz bei der Gemeinde, dem „Bauern- und Arbeiterrat“ und dem „Führer des Schutzes“ erfolgen. Allerdings wurde in dem vorliegenden Exemplar der „Bauern- und Arbeiterrat“ handschriftlich ausgestrichen. Spätestens nach dem „Kahr-Putsch“ waren die Arbeitervertreter aus den Ortswehren ausgeschlossen worden.

Der Murnauer „Heimatschutz“  wurde zweitweise von Oberstleutnant von Taeuffenbach geführt und bestand aus vier Gruppen, die sich bei Alarm (Läuten der größten und der kleinsten Glocke hintereinander) zu versammeln hatten: „I Griesbräu“, „ II Angerbräu“, „III Bockbichl“ und „IV Kapfersalzstadl“ (heute Kultur- und Tagungszentrum).

Im beschaulichen Markt Murnau befand sich auch das Kommando des Einwohnerwehr-Gaues „Oberland“. Gauhauptmann war Oberstleutnant Ritter und Edler von Taeuffenbach. Ein pensionierter Berufsoffizier, der seit 1918 „ohne Verwendung“ in Murnau lebte. Dieser Aufenthalt „ohne Verwendung“ wurde in einem Schreiben des III. Bayerischen Armeekorps an das Bayerische Kriegsministerium wurde so begründet:

…Aufgrund einer vom III. Generalkommando angeordneten militärärztlichen Untersuchung durch die Korpsuntersuchungskommission am 28.1.18 wurde Major von Taeuffenbach nunmehr für g.v.E in einem nicht zu verantwortungsvollen Posten geeignet empfunden. Persönlich hat Taeuffenbach um Einteilung im Etappendienst und Zuweisung einer Tätigkeit gebeten, welche auch dienstlich viel Aufenthalt im Freien – in Höhenluft, wie z.B. in Siebenbürgen – ermöglicht. Da das stellv.Gen.Kdo. III A.K. einerseits eine derartige Stelle nicht zu besetzen hat, andererseits von einem Stabsoffizier in jeder Verwendung ein gewisses Mass von Verantwortung gefordert werden muss, besteht beim stellv.Gen.Kdo. für Major von Taeuffenbach keine Verwendungsmöglichkeit…

Anton Ritter und Edler von Taeuffenbach (1867 – 1945), bis September 1917 verwendet als Ausbilder für MG-Schützen, litt an „Neurasthenie“. Heute wird dieses Leiden als „Born out“ bezeichnet. Im Zuge der Abwicklung der Bayerischen Armee nach Kriegsende, wurde der Major, wie alle ausscheidenden Offiziere um einen Dienstgrad befördert, zum „Oberstleutnant“.  In Murnau führte er den Einwohnerwehr-Gau „Oberland“.

„Einwohnerwehren in Bayern e.V.“

Verantwortlich für den landesweiten Zusammenschluss der Milizen zeichnete ausgerechnet der sozialdemokratische Landesminister des Inneren, Fritz Endres. Escherich und Kanzler versuchten von Anfang an, den Einfluss des bayerischen Innenministeriums zurückzudrängen. Private Spenden und Unterstützung kamen nun weiter von der Reichswehr, der Kontaktmann hieß Ernst Röhm und sollte später Hitlers SA organisieren. Die Reichswehr sorgte auch für Waffen und Ausrüstung. Für mobile auswärtige Einsätze wurden „Landfahnen“ geschaffen, in einer Stärke von 30.000 Mann. Der Verein besaß einen Publikationsorgan, die Zeitschrift „Heimatland“, die in einer Stärke von 21.000 Stück erschien. Dienten zunächst Bauern, Beamte und Gewerbebetreibende, in Weilheim war sogar ein Mitglied jüdischen Glaubens unter den Mitgliedern, traten zunehmend frühere Mitglieder von Freikorps in diese Verbände ein. Im Folgejahr vergrößerte sich der Verband sogar  auf 400.000 Mann, als Rudolf Kanzler für den Beitritt der Organisation Kanzler (Orka) mit Milizen aus Österreich vereinigt wurde. Dagegen scheiterte die Ausdehnung der Organisation im übrigen Reichsgebiet am Verbot der Regierungen. Auf einer Konferenz in Berlin, zum Thema Einwohnerwehren, im April 1920 beschrieb der liberale bayerische Wirtschaftsminister Eduard Hamm, der mit seiner Partei, der linksliberalen DDP, damals ein Befürworter der Einwohnerwehren war, deren Zusammensetzung mit folgenden Worten als wirklich demokratische Institution:

…in der der General neben dem Portier steht und beide unter der Führung eines Werkführers aus dem Hinterhaus“.

Den so „überaus demokratischen General“ nannte Eduard Hamm bedauerlicherweise nicht. Ernster zu nehmen ist die Bemerkung Hamms, die sich an die idyllische Schilderung der Kommandoverhältnisse anschloss. Hamm bedauerte, dass sich die Arbeiterschaft gegenüber den Einwohnerwehren zurückgehalten hat. In den Kreisen der Arbeiter herrschte tatsächlich Skepsis gegenüber den Paramilitärs. Offiziell waren nur Mitglieder der USPD und der KPD ausgeschlossen. Es bestand die Sorge, „Linksradikale“ könnten sich mit Waffen eindecken und erneut losschlagen. Obwohl die Einwohnerwehren von dem sozialdemokratischen Innenminister Fritz Endres unterstützt wurden – das Innenministerium trug einen Teil der  Kosten – stellten sich die Gaue der Einwohnerwehren gegen die Sozialdemokraten. Offiziell wurde diese Haltung so begründet: die Landeshauptleute warnten Anfang 1920, Parteipolitik müsse ferngehalten werden, sonst zerfalle die Einwohnerwehr; zerfalle aber die Einwohnerwehr, dann sei das Schicksal des Vaterlandes besiegelt. Von politischer Unabhängigkeit war keine Rede mehr. Einwohnerwehr-Ortsverbände, in denen organisierte Arbeiter die Mehrheit hatten, wurden aufgelöst. Das musste auch die Peitinger Ortswehr erleben.

Die Peitinger Ortswehr – aufgelöst am 18. März 1920

Den Regierungswechsel nahm die Bevölkerung im oberbayerischen Weilheim nach Meldung des Weilheimer Tagblattes in einem Artikel vom 16. März 1920 gelassen hin:

Die politischen Vorgänge im Reiche und im Lande haben im großen ganzen in unserer Stadt und Umgebung wenig Erregung hervorgerufen. Vereinzelt ist es zu Streiks gekommen, doch geht im übrigen die Bevölkerung ihrer gewohnten Beschäftigung nach. Der Personenzugsverkehr mit München ist eingestellt, im Nahverkehr verkehren jedoch verschiedene Züge weiter…

Alarmiert wurden nach dem erzwungenen Regierungswechsel jedoch alle Einwohnerwehrverbände zentral. In Weilheim war die Begeisterung der Wehrmänner nicht allzu groß.

…Die Einwohnerwehr wurde gestern abend 5 ¼ Uhr durch Anschlagen der großen Glocke alarmiert. Der Alarm erfolgte aufgrund höherer Weisung, um die Wehrmänner über die politische Lage aufzuklären und um ihnen ihre Verpflichtung, Ruhe und Ordnung aufrecht zu erhalten, erneut einzuschärfen…

Beklagt wurde weiter, dass „immer noch Männer abseits stehen, die ihr eigenes Interesse veranlassen sollte, Wehr beizutreten; das gilt namentlich auch für einen Teil der Beamtenschaft.“ Das sei sogar ungeachtet der Ministerialerlasse geschehen. Die Motivation war nicht allzu groß. Selbst den „geringsten Postenanforderungen“ sei nicht Folge geleistet worden. Dagegen wurden drastische Sanktionen angedroht:

…wer unentschuldigt einem Befehl, auf Wache zu gehen, nicht nachkommt, erstmals verwarnt, im Wiederholungsfall ausgeschlossen und sein Name in den Blättern veröffentlicht werden soll…

Kurz nachdem der sozialdemokratische Ministerpräsident Johannes Hoffmann nach massiven Drohungen am 14. März 1920 zum Rücktritt gezwungen worden war, berichtete die die Einwohner in der Heimatzeitung „Schongauer Nachrichten“, dass die Peitinger Ortswehr „stark mit Radikalen durchsetzt“ gewesen sei.  Deshalb habe die Peitinger Wehr einen Alarmbefehl des Schongauer Gauhauptmanns nicht befolgt.

Die Folge: in der Nacht vom folgenden Samstag auf Sonntag wurde der Ort von Einwohnerwehr-Mitgliedern der Gaue Schongau, Lechgau und Oberland (das Kommando logierte in Murnau) nach Waffen durchsucht – die Reichswehr aus Landsberg am Lech hatte an den Ortseingängen schwere Maschinengewehre und Geschütze aufgebaut. Mit diesem „nötigen Nachdruck“ konnte die Einsammlung der Waffen von Haus zu Haus schnell „vor sich gehen“.

Anfangs stand der säkulare Bayerische Bauernbund auf Seiten der Revolution gestanden. Nach der Niederschlagung der zweiten Räterepublik im Mai 1919 hatte sich die Bauernpartei der katholisch-konservativen BVP angenähert. Der Preis: nach dem „Kahr-Putsch“ forderte und erhielt der Bayerische Bauernbund das Landwirtschaftsministerium. Johannes Wutzlhofer sollte dieses Amt bekleiden.

Die zweite Weilheimer Tageszeitung, das „Oberländer Volksblatt“ stand dem Bayerischen Bauern-Bund nahe. Trotz Aufnahme des Bauern-Bundes in die Regierung hielt das Oberländer Volksblatt zumindest bei manchen Themen an der alten Rivalität zur BVP fest. Das ermöglicht uns Einblicke. Die Schilderung, die am 24. März 1920 in diesem Blatt erschien, beruft sich auf eine unsichere Quelle. Nach einem Blick auf die landesweiten Vorgänge sind jedoch Rückschlüsse möglich.

Bürgerkrieg in Schongau, 5 Läden geplündert c. So gingen am Samstag wilde Gerüchte in Weilheim, die noch bestärkt wurden durch die Alarmierung  und Abfahrt der Gauwehr für den Gau Oberland und nun stellt sich heraus, daß alles auf die Überreiztheit eines nervösen (?) Beamten zurückzuführen ist. Ein Freund unseres Blattes, dessen Ruhe, Besonnenheit und Zuverlässigkeit für uns außer allem Zweifel steht, schreibt uns dazu aus Schongau: `Mit Frühlingsanfang war es, scheint es, daß gewisse Herren gern sehen würden, wenn auch in der Provinz eine Märzrevolution zu inszenieren wäre. Wäre am Sonntag die Einwohnerschaft von Schongau nicht vernünftiger gewesen, als manche zur Führung berufene Herren, dann hätte dies in Schongau leicht sein können. Zur Aufklärung diene folgendes: Àm Donnerstag, den 18. Hielten die U.S.P. und die Kommunisten eine Versammlung ab der auch der hiesige 2. Bürgermeister, ein Mehrheitssozialist beiwohnte. Am Freitag hieß es schon, die Versammlung habe bis in den frühen Morgen gedauert und da wäre beschlossen worden, daß die Ortswehren entwaffnet und dafür die Arbeiter bewaffnet werden sollten; die Peissenberger Bergleute hätten ihre Hilfe zugesagt etc. All das erfuhr ich erst Freitag nachts. Ich ging, so weit es mir möglich war, der Sache nach, frug auch unseren 2. Bürgermeister, der mir bestimmt versicherte, daß derartiges in gar keiner Weise besprochen worden sei, er hätte im umgekehrten Fall von seiner Gegnerschaft gegen solche Pläne gar kein Hehl gemacht und dieseleben auf das heftigste bekämpft. Wie stets erhielt sich aber das tolle Gerücht und zwar wie es den Anschein hat, durch unseren Herrn Bezirksamtsassessor, der versichert hat, die Versammlung und der ominöse Beschluß seien belauscht worden. So wurde das Unglaubliche Tatsache. Die Gauwehr und die Landsberger Reichswehr wurden alarmiert, die letztere zieht soeben mit Geschützen an meinem Haus vorbei, heute den ganzen Tag schon ziehen fremde Wehrleute zurück…

In Peitings Ortswehr waren zweifelsohne organisierte Arbeiter Mitglieder. Vielleicht störten sich die Nachbarwehren an organisierten Arbeitern in der Ortswehr Peiting – einige Tage nach dem Kahr-Putsch. Tatsächlich hatten unmittelbar nach dem erzwungenen Regierungswechsel in Nürnberg streikende Arbeiter die dort gebildete Einwohnerwehr entwaffnet. Dort schritt die Reichswehr ein. Bilanz: 22 tote Arbeiter. Im nordbayerischen Hof hatte ein Mitglied der USP kurzzeitig eine Räterepublik ausgerufen. Dieser Aufstand wurde von der Chiemgauer Einwohnerwehr unter Führung Kanzlers schnell niedergeschlagen.

In Oberbayern kam es zu kurzen Streiks, aber nicht zu gewaltsamen Aufständen. Zweifellos lagen die Nerven blank. Möglicherweise hatte der Bezirksassessor von dem nächtlichen Treffen vernommen und sofort an Rebellion gedacht. Vielleicht wollten Heimatschutz-Mitglieder aus Peiting nicht an einem dubiosen politischen Abenteuer teilnehmen – und sahen sich als „Radikale“ diffamiert. Die Schuld an dem Einsatz der Einwohnerwehren und der Reichswehr in Peiting fand man im Nachhinein in einer „Überreaktion“ des Bezirksassessors. Die „Entwaffnung“ sei „geordnet abgelaufen“. Vermutlich ist Peiting an diesem Tag wohl nur mit Glück einem Blutbad entgangen.

Alltag in der „Ordnungszelle Bayern“

Die Regierung von Kahr ging sofort publikumswirksam gegen Schlemmerlokale in Garmisch vor. Das war gerade einmal Symbolpolitik. Die Landwirtschaft lag nach wie vor am Boden. Lebensmittel aus dem Ausland konnten wegen des Wertverlustes der Mark nicht zugekauft werden. Bauern konnten von Schiebern auf dem illegalen Markt einen sehr viel höheren Preis erhalten und konnten als Mitglied einer Einwohnerwehr daneben nach denselben Schiebern an Straßensperren „fahnden“. Die Maßnahmen bewirkten nichts.

Gustav von Kahrs weitere Protektion der Einwohnerwehren brachte der Reichsregierung vielmehr einen wachsenden Konflikt mit den Siegerstaaten der Entente: die Interalliierte Kontrollkommission forderte nachdrücklich die Auflösung der Einwohnerwehren in Bayern. Das Klima verhärtete sich zunehmend.

Eduard Hamm – das muss an dieser Stelle angemerkt werden, stemmte sich ungeachtet der anfänglichen Begeisterung für die autortiäre Regierung Kahr stets gegen den Antisemitismus in der „Ordnungszelle Bayern“ und war ein Gegner des Nationalsozialismus. Im September 1944 stürzte er sich aus einem Fenster des Gefängnisses an der Lehrter Straße in Berlin, um der Gestapo-Folter zu entgehen. Hamm fürchtete unter der Folter Mitverschwörer zu nennen. In den frühen 1920er Jahren unterstützte der Politiker noch die Kahr-Ordnungszelle.

Über Ralf Ostner

Ralf Ostner geboren 1964 in Frankfurt am Main, 1984 Abitur in Bayern--Leitungskurse: Physik und Kunst/ Schülerzeitung. Studium der Physik (Nebenfächer: Mathematik, Chemie), Wirtschaftsgeographie (Nebenfächer: BWL, VWL) und Studium der Sinologie. 1991 Abschluss als staatlich geprüfter Übersetzer in der englischen und chinesischen Sprache am Sprachen- und Dolmetscher-Institut/München (Leiter der Chinesisch-Abteilung: Herr Zhang, ehemaliger Dolmetscher von Deng Xiaoping und Franz-Josef Strauß).Danach 5 Jahre Asienaufenthalt: China, Indien, Südostasien (u.a. in Kambodscha während des ersten Auslandseinsatzes der Bundeswehr, Interviews mit Auslandschinesen, Recherche im Karen-Guerillagebiet in Burma, Unterstützung einer UNO-Mitarbeiterin während den Aufständen in Nepal und bei UNO-Arbeit in Indien), Australien. Danach 5 Jahre als Dolmetscher, Delegationsbegleiter und Übersetzer in München. Abendstudium an der Hochschule für Politik /München (Schwerpunkt: Internationale Beziehungen). Abschluss als Diplom-Politologe (Diplomarbeit: Die deutsch-chinesischen Beziehungen 1989-2000 unter besonderer Berücksichtigung der SPD-Grünen-Regierung). Delegationsbegleitung von Hu Ping, Chefredakteur der chinesischen Dissidentenzeitung "Pekinger Frühling" (New York)und prominentester Vertreter eines chinesischen Liberalismus bei seiner Deutschlandtour (Uni München, Uni Mainz, Berlin/FU-Humboldt) bei gleichzeitigem Kontakt mit Liu Liqun (Autor des Buches "Westliches Denken transzendieren"/ heute: Deutschlandberater der chinesischen Regierung).Chefredakteur der Studentenzeitschrift UNIPOL . Projekte am Goethe-Institut und bei FOCUS TV. Seit 2000 Übersetzer (chinesisch-deutsch), Graphiker, freier Schriftsteller und Blogger.
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