Die EM, Frankreichs Arbeitsgesetze und das Dilemma der Linken

Ohne die Arbeitsmarktreformen dürfte es keine Abnahme der Arbeitslosenzahlen und eine Wende im wirtschaftlichen Abschwung geben. Das zeigt: Temporäre Verbesserungen der wirtschaftlichen Situation eines kapitalistischen Landes kann nur mit verschlechterten Arbeitsbedingungen, Ausweitungen des Niedriglohnsektors und der prekären Arbeitsverhältnisse, Ausweitung der Zeitarbeit, Auflösung des Kündigungsschutzes, Entgrenzung der Arbeitszeiten,Lohnkürzung, Sozialabbau, Erhöhung der Lebensarbeitszeit, etc. herbeigeführt werden. Wobei die Arbeitsgesetzgebung nur ein wesentliches Element einer Wirtschaftsreform ist, also auch Steuergesetzgebung, Wirtschaftsgesetze, Unternehmensrecht, Deregulierungen , Privatisierungen, u.a. entscheidend sind bei der Gestaltung von temporären Wettbewerbsvorteilen, die Investitionen und damit erhoffte Arbeitsplätze oder wirtschaftliches Wachstum ermöglichen. Dieser temporäre Aufschwung dauert jedoch nur solange, bis ein oder andere Länder nachziehen, dann ist es nämlich mit dem relativen Wettbewerbsvorteil vorbei und muss die nächste Agenda 2010 und weitere Verschlechterungen für die Arbeiter und Angestellten und Verbesserungen für die Freiheit des Kapitals in Angriff genommen werden.Für Linke ein Dilema: Ändern sie nichts, bleibt die Stagnation/Rezession, ändern sie etwas, geht dies nur um den Preis von Verschlechterungen für die Arbeiter, Angestellten und sozial Schwachen–in beiden Fällen wird eine linke Regierung Wählerstimmen verlieren. Interessant, dass der Front National sich auffällig aus der Debatte um die Arbeitsgesetze heraushält und sich neutral gibt. Inzwischen wählen schon 40% der französischen Arbeiter den FN.Die Konservativen wollen eher noch schärfere Arbeitsgesetze, dürften sich also bei den Arbeitern nicht beliebt machen, während der FN Gewinner der Stimmabflüsse bei der Linken sein könnte, der Rest dürfte an die Linkspartei Melanchons gehen. Bezeichnend ist auch, dass die deutschen Medien so wenig wie möglich über die französischen Arbeitskämpfe berichten.Interessant ist, dass die Ablehnung der Arbeitsgesetze weit über die Arbeiterschaft hinausgeht. Laut Umfragen sind 70% der Franzosen gegen die Arbeitsgesetze. Scheinbar werden diese auch von den Mittelschichten und dem Bürgertum als Angriff auf die französische Lebensweise gesehen. Die Arbeitsgesetze wurden auch nicht vom Parlament beschlossen, sondern über einen Verfassungstrick quasi als Dekret beschlossen.In Deutschland war die Opposition gegen die Agenda 2010 bei weitem nicht so breit, wie auch die deutschen Einheitsgewerkschaften da etwaige Kämpfe verhindert haben und die einzige politische Reaktion die Etablierung der Linken war, die aber auch mehr und weniger vor sich hindümpelt.In den deutschen Medien auch kaum wahrgenommen: Die sozialistische Regierung möchte den Ausnahmezustand in die französische Verfassung hineinschreiben lassen. Damit könnte dieser nicht nur temporär, sondern zum Dauerzustand werden. Momentan konzentriert sich die französische Regierung darauf, die Europameisterschaft als Vorwand und Appell an die Streikenden zu nutzen im Sinne nationaler Geschlossenheit ihre Arbeitskämpfe einzustellen. Teile der CGT haben sich nun schon dazu bereit erklärt.Die Hoffnung der sozialistischen Regierung ist es, dass das Fußballgroßereignis zu einer Beendigung oder Beruhigung der Arbeitskämpfe führt und nach den 4 Wochen dann auch Ruhe einkehrt. Bleibt abzuwarten, inwieweit sich diese Hoffnung erfüllt.

Nach der Agenda 2010 kam es nun einmal zu einem Rückgang der Arbeitslosigkeit/ Zuwachs der Arbeitsplätze, höherem Wirtschaftswachstum und Steueraufkommen trotz/wegen gesenkten Spitzensteuersätzen–der Preis dafür waren aber schlechtere Arbeitsbedingungen und Sozialabbau. Deutschland war der kranke Mann Europas und gilt heute als das Powerhaus Europas.Das kommt daher, dass es sich einen relativen Wettbewerbsvorteil verschaffte und auch für die enormen Ungleichgewichte zwischen Europas Volkswirtshcfaten sorgte. Viele Linke scheinen das infrage zu stellen, um den Glauben an eine Reformpolitik innerhalb des Kapitalismus aufrechterhalten zu können.Was wäre die Alternative? Nachfrageorientierte, keynesianistische Politik–wie gesagt hat die bei einer mehr geschlossenen Volkswirtschaft wie der BRD AG funktioniert, aber verliert ihren Multiplikatoreffekt durch die weitgehende Öffnung zur Weltwirtschaft, wie sie auch staatsschuldenfinanziert ist und bestenfalls ein Strohfeuer an Konjunktur entfacht.Momentan sorgen niedrige Zinsen, Ölschwemme, niedriger Euro für Sonderbedingungen, die wohl aber auch nicht ewig halten werden.In den nächsten Jahren wird Deutschland, wenn andere Wettbewerber ihre Reformen durchgeführt haben auch wieder in eine Rezession kommen und dann wird wieder der Ruf nach weiteren Reformen und Agenden laut.Dieser Steuer-, Arbeitsbedingungen- und Lohnunterbietungswettbewerb wurde ja im Buch „Die Globalisierungsfalle“ganz gut dargestellt.Das Dilema der französischen, aber auch sonstigen Linken ist, dass sie kein anderes Wirtschaftssystem in ihrem Angebot haben und die vorigen Modelle wie kommunistische Planwirtschaft oder Sozialismus des 21. Jahrhunderts ala Venezuela kein Arbeiter will, da diese noch fataler als jeglicher Kapitalismus wäre.Daher gibt es eine gewisse schönfärberische Nostalgie zurück zur sozialen Marktwirtschaft der BRD der romantisierten 60er Jahre, die Linkspartei und AfD gleichermassen bedienen, aber die kapitalistische Konkurrenz zwischen den Wirtschaftsstandorten und ihren Nationalstaaten führt eben zu einem ganz anderen Trend und Systemzwang. Insofern die Linke kein neues Wirtschaftsmodell diskutiert oder wieder im Angebot hat,bleibt sie diesen Systemzwängen ausgesetzt und kann bestenfalls defensive Abwehrkämpfe führen, um den Status Quo noch irgendwie zu erhalten oder die Verschlechterungen abzumildern.

Über Ralf Ostner

Ralf Ostner geboren 1964 in Frankfurt am Main, 1984 Abitur in Bayern--Leitungskurse: Physik und Kunst/ Schülerzeitung. Studium der Physik (Nebenfächer: Mathematik, Chemie), Wirtschaftsgeographie (Nebenfächer: BWL, VWL) und Studium der Sinologie. 1991 Abschluss als staatlich geprüfter Übersetzer in der englischen und chinesischen Sprache am Sprachen- und Dolmetscher-Institut/München (Leiter der Chinesisch-Abteilung: Herr Zhang, ehemaliger Dolmetscher von Deng Xiaoping und Franz-Josef Strauß).Danach 5 Jahre Asienaufenthalt: China, Indien, Südostasien (u.a. in Kambodscha während des ersten Auslandseinsatzes der Bundeswehr, Interviews mit Auslandschinesen, Recherche im Karen-Guerillagebiet in Burma, Unterstützung einer UNO-Mitarbeiterin während den Aufständen in Nepal und bei UNO-Arbeit in Indien), Australien. Danach 5 Jahre als Dolmetscher, Delegationsbegleiter und Übersetzer in München. Abendstudium an der Hochschule für Politik /München (Schwerpunkt: Internationale Beziehungen). Abschluss als Diplom-Politologe (Diplomarbeit: Die deutsch-chinesischen Beziehungen 1989-2000 unter besonderer Berücksichtigung der SPD-Grünen-Regierung). Delegationsbegleitung von Hu Ping, Chefredakteur der chinesischen Dissidentenzeitung "Pekinger Frühling" (New York)und prominentester Vertreter eines chinesischen Liberalismus bei seiner Deutschlandtour (Uni München, Uni Mainz, Berlin/FU-Humboldt) bei gleichzeitigem Kontakt mit Liu Liqun (Autor des Buches "Westliches Denken transzendieren"/ heute: Deutschlandberater der chinesischen Regierung).Chefredakteur der Studentenzeitschrift UNIPOL . Projekte am Goethe-Institut und bei FOCUS TV. Seit 2000 Übersetzer (chinesisch-deutsch), Graphiker, freier Schriftsteller und Blogger.
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7 Responses to Die EM, Frankreichs Arbeitsgesetze und das Dilemma der Linken

  1. Ralf Ostner sagt:

    Diese Krisen kann man nicht verhindern, bestenfalls diese durch Regulierung etwas abmildern und deren Verlaufsform etwas abändern. Aber um aus diesen Krisen wieder herauszukommen beschliessen Regierungen eben die Kapitalverwertungsbedingungen fürs Kapital zu verbessern, was eben bedeutet dass dies eine Verschlechterung für die Arbeiterklasse und die sozial Schwachen bedeutet und oft auch für die Mittelschichten.Die verbesserten Kapitalverwertungsbedingungen bewirken auch, dass es zu weiteren Kapitalkonzentrationen und Ungleichgewichten kommt, die dann die nächste Krise vorwegnehmen, die dann nochmals zugespitzter erfolgt aufgrund der neuen wirtschaftlichen Konzentrationsprozesse. Zudem verschweigst du, dass Deutschland aus der Finanzkirse stärker als zuvor und als jeder andere Staat herauskam, also der Effekt der Agenda länger gewirkt hat–auch über die Finanzkrise hinaus.Aber eben all dies ist eben temporär und vergänglich, wie es keinen ewigen Boom oder einen Kapitalismus ohne Krisen gibt, wie auch der relative Wettbewerbsvorteil neutralisiert wird, wenn andere Staaten mit ähnlichen Reformen nachziehen–dann muiss man wieder weitere Kapitalverwertungsverbesserungen und Verschlechterungen beschliessen–eine tendenzielle Unterbietungs- und Abwärtsspirale.

  2. Ralf Ostner sagt:

    Die Frage ist auch, wie oft man diese Agendas wiederholen will und kann–bis zur totalen Verelendung und Polarisierung der Bevölkerung, die dann nur noch durch ein autoritäres oder faschistisches Regime „befriedet“werden kann, wenn die Klassengegensätze und die Klassenkämpfe eskalieren sollten.Hier kommt dann wieder die AfD ins Spiel.

  3. Ralf Ostner sagt:

    genova68 schreibt:
    14. Juni 2016 um 11:47

    Man könnte infrage stellen, dass die deutsche Volkswirtschaft überhaupt so gut läuft. Das müsste man an den Wachstumsraten festmachen und die sehen so aus:

    http://de.statista.com/statistik/daten/studie/2112/umfrage/veraenderung-des-bruttoinlandprodukts-im-vergleich-zum-vorjahr/

    Die letzten vier Jahre: 1,7 %, 1,6 %, 0,3 %, 0.4 %. Die drei Jahre zuvor waren es, die Finanzkrise eingeschlossen, pro Jahr etwa 0,8 %. Wir haben es hier eher mit Meinungsmanipulationen zu tun. Die deutsche Wirtschaft läuft nicht dolle, die Propaganda der Medien läuft dolle. Die Wachstumsraten der 70er Jahre, mit Ölkrise, waren höher.

    Genauso wie der Eindruck von Vollbeschäftigung vermittelt wird und das Problem der Facharbeitermangel darstellt. Letzteres ist wohl so, aber eine Ursache fehlgeleiterter Ausbildungspolitik, würde ich sagen. Facharbeiter fehlen in der Pflege und auf dem Bau, in beiden Fällen ist nicht die tolle Wirtschaft die Ursache, sondern das offenbar unausgereifte Ausbildungssystem.

    Keynes wurde schon lange aufgegeben, spätestens mit Kohl, das hat nichts mit der Agenda zu tun. Die Agenda war ein Programm zur Bereitstellung von mehr Werwertungsmöglichkeiten fürs Kapital, nix schwache Wirtschaft. Schau dir einfach mal die Wirtschaftwachstumsraten in der betreffenden Zeit an, ebenfalls von statista:

    Von 1998 bis 2005, also rot-grüne Koalition:

    2 %, 2 %, 3 %, 1,7%, 0 %, -0,7 %, 1,2 %, 0,7 %.

    Da wurde eine kapitalismustypische Krise mit zwei schlechten Jahren zum neoliberalen Staatsumbau genutzt, danach ging der Export hoch und der Binnenmarkt zurück. Ein imperialistisches und somit typisch deutsches Programm.

    Ich glaube eben nicht, dass die Regierungen neoliberale Programme beschließen, um aus irgendwelchen Krisen herauszukommen. Die kommen dadurch erst rein. Es liegt eher am Druck von Lobbys.

  4. Ralf Ostner sagt:

    Vielleicht sollte man es ausch so sehen: Neoliberale Programme können dazu dienen, dass sie Krisen temporär entgegenwirken, sie können aber auch vorangetrieben werden, um einen ohnehin schon existierenden Wettbewerbsvorteilnochmals zu vergrössern. Im ersten Falle wäre dies eher Systemzwang, im zweiten Strebertum und Großmannssucht.Reagan/Thatcher haben ihre neliberalen Programme jedoch einduetig wegen der krisenhaften Wirtschaftsentwicklung durchgezogen.Die Zahlen, die du für Deutschland nennst, lassen den Begriff „Powerhouse“doch etwas kärglicher aussehen. So dolle ist das wirklich nicht.Bezeichnende, dass Gerhard Schröder aus dem Off bereits wieder eine Agenda 2030 fordert. Dem kann es nie genug sein.

  5. Ralf Ostner sagt:

    Chinook schreibt:
    14. Juni 2016 um 19:08

    „Ohne die Arbeitsmarktreformen dürfte es keine Abnahme der Arbeitslosenzahlen und eine Wende im wirthschaftlichen Abschwung geben. Das zeigt: Temporäre Verbesserungen der witrschaftlichen Situation eines kapitalistischen Landes kann nur mit verschlechterten Arbeitsbedingungen, Ausweitungen des Niedriglohnsektors und der prekären Arbeitsverhältnisse, Ausweitung der Zeitarbeit, Auflösung des Kündigungsschutzes, Entgrenzung der Arbeitszeiten,Sozialabbau,etc. herbeigeführt werden.“

    Dies gilt keineswegs nur für „kapitalistische Länder“. Jedes Land wird in Zeiten „mangelnder Einnahmen“ versuchen die Wettbewerbsposition durch derlei Maßnahmen auf die ein oder andere Art und Weise zu steigern. Wegen Internet/Globalisierung kann man zunehmend allerdings kürzere Zeitfenster erhöhter Handlungsfähigkeit dadurch generieren, in welchen ein strukturelles Umsteuern möglich ist. Wobei marktwirtschaftliche Systeme eine höhere Resilienz und geringere Vulnerabilität aufweisen als sozialistische Konstrukte. Das Problem marktwirtschaftlicher Systeme ist nicht, dass sie keinen um Potenzen größeren Kuchen generierten als sozialistische, sondern, dass eine mangelnde Verteilung desselbigen ohne Umverteilungsmechanismen, welche Ausdruck eines hohen Maßes an gesamtgesellschaftlicher Kooperation sind, zu gesellschaftlichen Verwerfungen führt – und eben in der Folge wieder zu einer sinkenden gesellschaftlichen Kooperation, welche wenigstens mittelfristig die wirtschaftlichen Möglichkeiten einschränkt, was aber „oben“ erst deutlich später ankommt.
    Vieles, was in der Agenda 2010 umgesetzt wurde, war damals notwendig – aber genauso notwendig wäre es gewesen, in Zeiten besserer wirtschaftlicher Lage diese Maßnahmen wieder zurückzufahren und sie sich nicht als persistente Strukturen etablieren zu lassen.
    Wachstum kann man eben über Innovation oder Lohnkürzungen generieren. Seit über zehn Jahren speist sich praktisch das gesamte deutsche Wachstum aus Lohnkürzungen während Innovation nicht stattfindet – was im Grunde bedeutet, dass das Wachstum allein als Indikator für den Zustand der Gesellschaft (und auch die nachhaltige Wettbewerbskraft der Wirtschaft) kaum noch Aussagekraft hat. Aber strukturelle Änderungen sind von den Politikern heute nicht zu erwarten, da diese meist einen erwartbaren Stimmenverlust mit sich bringen. Merkel würde doch nie freiwillig auf einen Stimmenverlust hinsteuern, selbst wenn dieser am Ausgang der Kanzlerfrage nichts änderte; aktuell sehe ich auch keinen anderen Politiker, der dies in Kauf nähme. Das lässt schon fast den Schluss zu, dass gesellschaftliche Kooperation – und nicht nur solche von unten nach oben – von den heutigen Politikern überhaupt nicht mehr als Wert beachtet wird, den sie durch ihre Politik zu sichern und befördern haben. Sie appellieren lediglich, dass man Probleme gemeinsam lösen müsse. Zu ca. einem einem Drittel der Bevölkerung und deren Lebensumständen haben sie den Bezug vollkommen verloren, anders ist das nicht zu erklären. Selbst Neoliberale in den USA schütteln teilweise den Kopf über die deutsche Wirtschaftspolitik und auch die Probleme, welche der durch Deutschland angestoßene Lohnkürzungsdruck auf europäischer Ebene z. B. Frankreich macht – welches im Grunde pro Arbeitsstunde einen höheren Output als Deutschland erzeugt – aber gegen die Lohnkonkurrenz aus Deutschland kaum ankommt. Die Rente in Deutschland real ein riesiges Umverteilungsprojekt von unten nach oben, andere Ansätze werden mittlerweile als sozialistisch gar nicht diskutiert. Im Gegensatz dazu fahren die Schweizer mit ihrem sozialistischen Rentensystem ganz gut und sehen dazu gar keine nachhaltig gesellschaftlich tragfähige Alternative.
    Das Problem ist, dass die politisch Verantwortlichen ihre Arbeit nicht machen. Die Marktwirtschaft regelt sich selbst, deshalb ist sie so effizient. Ihre Aufgabe ist, dass soziale in die Marktwirtschaft zu tragen. Westerwelle hatte schon Recht mit seiner römischen Dekadenz, er hat sie nur nicht in den richtigen Milieus verortet.

  6. Ralf Ostner sagt:

    Chinook schreibt:
    14. Juni 2016 um 20:10

    „Ich glaube eben nicht, dass die Regierungen neoliberale Programme beschließen, um aus irgendwelchen Krisen herauszukommen. Die kommen dadurch erst rein. Es liegt eher am Druck von Lobbys.“

    Auch in sozialistischen Systemen wird in dem Sinne auf „neoliberale Programme“ zurückgegriffen, um Handlungsspielraum zu eröffnen (Nordkorea setzt bspw. Zwangsarbeit ein/ China Wanderarbeiter = reale gesamte Lohnkürzung zu Lasten von Teilen der Bevölkerung) – oder es scheitert massiv (z. B. Venezuela). Es gibt eben keine unbegrenzten Möglichkeiten, einen nicht tragbaren Ausgabenüberschuss zu beheben. Natürlich spielen Lobbys eine große Rolle darin, rein arbeitgebernahe Regularien persistent zu verfestigen. Ähnliche Mechanismen finden sich in Schwellen/Entwicklungsländern mit sozialistischerer Ausrichtung jedoch auch, ob über Klientelismus, erhebliche Machtgefälle oder Korruption etc. ist für die gesellschaftlichen Verlierer im Grunde zweitrangig. Mit gewonnenem Handlungsspielraum muss man allerdings umgehen können und dafür braucht man eine Vision, Vorstellung oder wenigstens Idee, wo man überhaupt hin will – gesellschaftlich, wirtschaftlich, außenpolitisch. Das Problem sind weniger Neoliberale oder Lobbys, sondern dass die bürgerliche Mitte irgendwann ab den Achtzigern eigentlich aufgehört hat zu denken und aus diesem Milieu speisen sich die Parlamente. Man hatte einen hohen Grad an Wohlstand erreicht, ein nie erreichtes Maß an Sicherheit etc., und dann gedacht, man könnte auf den Freeze-Knopf drücken und es reichte in den Verwaltermodus zu schalten – für einen erheblichen Teil der Gesellschaft funktioniert es ja auch. Die Politiker aller Parteien haben heute entweder gar keinen Eindruck davon, wieviel Schlagseite das Schiff langsam bekommt oder sie haben eine Ahnung davon, aber keinen blanken Schimmer, warum. Weil sie sich selbst eigentlich als Verwalter sehen und nicht als Impulsgeber, was persönliche Risiken mit sich bringt, die ein Mensch, der sein gesamtes Leben auf die Karrierelaufbahn Politiker ausgerichtet hat, selten aufbringt. Darin sehe ich den eklatanten Unterschied von vielen Politikern in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts zu jenen heute. Früher war nicht alles besser, aber sicher gab es mehr prägende Politiker, denen ab und an mal etwas wichtiger war als sie sich selbst. Und das gilt genauso für Die Linke wie für die AfD.
    Deine Ansichten sind schon etwas ewiggestrig. Irgendwas klappt nicht, also sind die Neoliberalen schuld, oder die Lobbys oder… oder…
    Aber das ist bequem gedacht, Die Linke spielt gesellschaftlich kaum eine Rolle mehr, weil sie der Gesellschaft nichts anzubieten hat als alte, abgedroschene und dumpfe Parolen. Die 68er haben viel bewirkt und fungierten als Impulsgeber, während die Linken heute sich damit begnügen an den Realitäten und empirischen Erkenntnissen der letzten 50 Jahre vorbeizudiskutieren, natürlich unter sich selbst. Wenn ich in Kreuzberg einen orientalischen Imbiss habe und nebenan ein McDonalds einzieht und mir die Kunden abspenstig macht, sollte ich vielleicht drüber nachdenken, warum das so ist und ob an meinem Produkt etwas verändert werden muss. Wenn ich aber einfach auf McDonalds schimpfe, sagt das wenig über die Marktsituation oder McDonalds aus, aber viel über mich – nämlich, dass ich denkfaul bin. Solange die Linke dies nicht tut, hat sie einen größeren Zuspruch schlicht nicht verdient, hab allerdings auch nicht das gefühl, dass die Linken damit ein großes Problem hätten. Die alten Theorien eignen sich doch hervorragend für nen Umtrunk im Bibliothekszimmer oder bei der Vernissage.

    genova68 schreibt:
    15. Juni 2016 um 11:42

    „Es gibt eben keine unbegrenzten Möglichkeiten, einen nicht tragbaren Ausgabenüberschuss zu beheben.“

    Wo soll denn dieser Ausgabenüberschuss bestehen? In China etwa? Und bezeichnest du China und Nordkorea ernsthaft als sozialistische Gesellschaften?

    Vielleicht solltest du dir doch noch mal „alte Theorien“ zu Gemüte führen, am besten ohne Umtrunk und Vernissage.

    „Wenn ich in Kreuzberg einen orientalischen Imbiss habe und nebenan ein McDonalds einzieht und mir die Kunden abspenstig macht, sollte ich vielleicht drüber nachdenken, warum das so ist und ob an meinem Produkt etwas verändert werden muss. “

    Ja, in der Tat, aber dein Beispiel ist rein fiktiv.

    Solche Sätze finde ich verräterisch:

    „Die Politiker aller Parteien haben heute entweder gar keinen Eindruck davon, wieviel Schlagseite das Schiff langsam bekommt oder sie haben eine Ahnung davon, aber keinen blanken Schimmer, warum.“

    Keiner hat Ahnung, nur du, selbstredend. Ein Phänomen einer komplizierter, weil über mehr Informationen verfügenden Welt sind die Leute, die behaupten, alles zu checken. Den Satz sagen übrigens AfD-Politiker, die nehmen auch nur sich aus.

  7. Ralf Ostner sagt:

    Chinook redet irgendwie, als hätte es 3-4 Jahrzehnte neoliberaler Politik gar nicht gegegebn und hätten die Linken regiert und gebe es deswegen Wirtschaftskrisen. Dabei ist die Finanzkrise ja verschärftes Produkt der ganzen Finanzmarktderegulierungen, wie sie von den Neoliberalen –wie Chinook selbst einer ist–betrieben wurden. Das kapitalistische Wirtschaftssystem verursacht die Finanzkrisen, die Deregulierungen verschärfen sie immens. Auch redet er am Thema vorbei. Der Kapitalismus hat systemimmanent immer Wirtschafts- ud Finanzkrisen. Deren Stärke und deren Verlaufsform kann man politisch nur etwas modulieren. Fallen diese Regulierungen weitgehendst weg wie bei den Neoliberalen schlagen diese Krisen stärkstmöglich durch. Chinook sieht diese Krisen jedoch nur als falschers Handeln von politischen Akteuren und nicht als systembedingt.Ja es wäre besser, Chinook würde sich einmal mit den „alten Theorien“ wie etwa das „Kapital“von Marx beschäftigen. Falls ihm die 3 Bände zuviel sind, empfehle ich Michael Heinrichs „Einführung in die Kritik der Politökonomie“. Alles immer noch topaktuell.

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