Götz Georges Tod—das biologische Ende von Schimpanski, dem letzten echten Mann und dem proletarischen Kommisar im Volksauftrag

Bevor ich die vielzitierten Haßmails und Shitstorms bekomme, so gleich zum Anfang: Die Bewertung von Götz George ist meine sehr subjektive Sicht der Dinge, der ich als objektiven Aspekt seine Rezension, weniger als Schauspieler, sondern der Images die er darstellte,gegenüberstelle- eigentlich des zentalen Images: Den Ruhrpottkommisar Schimanski.

Ob Götz George ein „Titan der deutschen Filmgeschichte“war, wage ich einmal zu bezweifeln. Weder hatte er dazu genug berühmte Filme gemacht, noch war er schauspielerisch so herausragend, selbst vor seinem Vater, dem Schauspieler George, dem Vorzeigenazischauspieler, hatte er immer Hochachtung und sah sich ewig in dessen grösserem Schatten, obwohl auch das einmal hinterfragbar wäre. Götz George spielte anfangs in seichten Filmchen wie eben dem Winnetou, wo er dann von der Tenniezeitzschrift Bravo als Star auf dem Cover landete. Später hat er dann auch noch ganz gut und ernste Rollen in“ Abwärts“, „Der Todmacher“, „Schtonk“oder „Rossini“gespielt.Da zeigte er eigentlich, was er konnte.

Dennoch bleibt er zeitlebens vor allem auf eine Rolle in der bleibenden historischen Wahrnehmung beschränkt: Als Ruhrpottkommisar Schimanski im Tatort. Schimpanski war insofern eine Neuerung, dass er anzugstragenden, Kniggekonformen, mehr bürgerlichen Kommissaren einen mehr prolligen, vulgären und gewalttätigen Kommisar entgegenstellte, also bei letzterem Punkt so eher das war, was Till Schweiger heute mit seinem Tatort-Kommisar Nick Tschiller verkörpert, wenngleich Schimpanskis Gewaltexzesse einem da wieder als sehr moderat und zivil vorkommen. Jedenfalls kann ich mich noch erinnern, welche Diskussionen die Figur des Schimpanskis innerhalb der Linken und der bürgerlichen Medien hervorrief.

Mehr bürgerliche Medien beklagten, dass der Ruhrpott nur von seinen negativen Seten gezeichnet wurde, Krise der Stahl- und Kohleindustrie, als Krisengebiet im sich doch selbst als Sozialparadies der Boom-BRD verstehenden Fernsehrepublik, die da eher mit Traumschiffen und Schwarzwaldklinik die heile Welt zeichnete und Kapitalismuskritik höchstens mittels Dallas, Denver Clan, dem Wort zum Sonntag und Lindenstrasse kannte. Die Polizeigewerkschaft sah das Bild des Polizisten in den Dreck gezogen durch den Vorschriften mißachtenden, prolligen und um sich schlagenden, vögelnden und saufenden Schimanski, während doch ansonsten das Bild vom zivilen Freund und Helfer, der den Finalschuß nur unter außerordentlichen Situationen anwendet mainstreamdominierte, wie auch in den meisten Krimis anders zu den gescholtenen US-Krimis der Ordnungshüter ohne Schußwaffengebrauch auskommt, schon gar nicht wild um sich ballern und keiner Schlägerei aus dem Weg gehen würde.

Auch war angesichts von solch mehr zivil-bürgerlich-addretten Kommisaren wie Derrick, Der Alte , Ein Fall für zwei und Der Kommisar, die mehr mittels Hirn statt mit physischer Staatsgewalt und ohne Zuhilfenahme alkoholischer Getränke und exzessiven Beischlafs mehr asexuell und staatsbürgerlich clean alle Fälle lösten, ein durchgehendes Urteil bürgerlicher Medien, dass dieser Kommisar Schimanski wohl viel zu proletenhaft und prollig sei und ein ungutes Bild von den staatlichen Ordnungshütern verbreite.Auch zeichne er das Bild der Wirtschaftswunder-BRD nur in düstersten Ghettoszenen.

In der Linken wurde Schimanski sehr ambivalent wahrgenommen. Die DKP, wie auch viele arbeitertümelnde Linke hypten Schimaski zu einem proletarischen Kommisar und quasirevolutionäres Subjekt der Neuzeit, der der Sache des Proletariats symbolisch nachhelfe und die Krise des Ruhrpotts und damit des Kapitalismus und Imperialismus erst sichtbar und verständlich mache, ja geradezu versinnbildliche und für Gerechtigkeit und das Gute eintrat.Aus Sicht dieser Linken war Schimanski ein Freund und Helfer des Proletariats und Volkes, ein proletarischer Kommisar und Volkskommisar der die eigenen Projektionen wie wohl die Arbeiterklasse so ticken würde, personifizierte.

Viele Frauen, die ich traf waren da amivalent, Zwar prollig und primitiv, aber einen guten muskulösen Body, just zu jener Zeit als der Körperkult wieder en vogue wurde über Sylvester Stallone, Schwarzenegger und in der Leni-Riefenstahlmäßigen Bilderwelt der Werbung, zudem ein rebellischer Anarch und Anti-Yuppie, der nicht stromlinienförmig und kein Softie und Weichei war–also ein Archetyp von dem letzten verbliebenen echten Mann wie er randmäßig noch in heutigen TV-Serien rauchend, saufend, beischlafend und prügelnd wie „Der letzte Bulle“firmiert, der aber einer Polizeipsychologin überstellt wird, um an seinem vermeintlich archaischem und damit anachronistischen Männerbild zu arbeiten–vergleichbar mit Sylvester Stallone in „demolition Man“, wo archaische Männerspezien der Vergangenheit in eine völlig Political-Correctnesswelt reinkatapultiert werden.Zumal der Schimanski zwar intellektuellen Weicheiern aks ungebildeter Hohlkopf vorkam, aber eben auch kein frauenschlagender Macho war, sondern die Mädels mit gewissem Respekt und Humor behandelte, also auch nicht der ganz typische Zuhältermacho war.

Ganz anders war die Wahrnehmung bei Autonomen und Feministinnen oder anderen Linksradikalen. Dort galt der Schimanski als Symbol für Sexismus, Machismus, präfaschistischer Gewaltverherrlichung, die den bürgerlichen Repressionsapperat den Unterdrückten sympathisch machen sollte, indem er durch eine formale proletarische Scheinverbundenheit anknüpfte. Schimanski-ein Prototyp eines Präfaschistschen und Vigilanten im Staatsauftrag, des Law and Orders.Für diese Leute war „Schimi“nur ein ganz ordinärer Bulle, ein Büttel des „Schweinesystems“ und zumal ein Agent der ideologischen Counterinsurgency, die in die Nähe eines Vigilanten ala Charles Bronson („Ein Mann sieht rot!“) gestellt wurde. Dementsprechend wurden von diesen Linken zu dieser Zeit auch Leute, die in den typischen Schimanskijacken rumliefen auch schon mal real so physisch angegangen, wie ihr Vorbild dies filmischn tat.Wobei der Schimpanski sich durch seine undurchdachte Spontanität und Emotionalität sich in Situationen reinverfrachtete, die ihn wieder als tragische Witzfigur darstellen ließen–anders eben als bei dem toternsten, alles akribisch durchplanenden Killer Charles Bronson war alles nie so ernst gemeint und mit einer Brise augenzwinkender Selbstironie zudem versehen  angesichts der eigenen Direktheit der Aktion, die zuvor keine koordinierte oder gar durchdachte Rückkopplung mit dem Hirn hatte.

Bildungsbürgern wiederum war der Schimanski aufgrund seines Stils ebenso verhasst, da er sehr prollig und geistesfrei und zumeist „Scheiße“schreiend als Hauptargument des Diskurses durch den filmerischen Ruhrpott rumproletete und rumpolterte, weswegen es auch den Spitznamen „Schimpanski“gab, um ihn auf die evolutionäre Stufe eines Menschenaffens oder dessen Vorform zu disqualifizieren. Man kann also sehen, wie unterschieddlich der Schimanski wahrgenommen wurde.Es sagt eigentlich weniger über Götz George und Schimanski aus, sondern eher über die Leute und ihre Wahrnehmung, der verschiedene Weltbilder zugrunde liegen, die damit eigentlich erst zutage kamen.Dafür bin ich dem Schimpanski heute noch dankbar, da er bei allem Chaos, das er filmisch anrichtete doch wertvolle Informationen über die Weltbilder und Ordungsvorstellungen der wesentlichen gesellschaftlichen Gruppen in der deutschen Gesellschaft ermöglichte.

Über Ralf Ostner

Ralf Ostner geboren 1964 in Frankfurt am Main, 1984 Abitur in Bayern--Leitungskurse: Physik und Kunst/ Schülerzeitung. Studium der Physik (Nebenfächer: Mathematik, Chemie), Wirtschaftsgeographie (Nebenfächer: BWL, VWL) und Studium der Sinologie. 1991 Abschluss als staatlich geprüfter Übersetzer in der englischen und chinesischen Sprache am Sprachen- und Dolmetscher-Institut/München (Leiter der Chinesisch-Abteilung: Herr Zhang, ehemaliger Dolmetscher von Deng Xiaoping und Franz-Josef Strauß).Danach 5 Jahre Asienaufenthalt: China, Indien, Südostasien (u.a. in Kambodscha während des ersten Auslandseinsatzes der Bundeswehr, Interviews mit Auslandschinesen, Recherche im Karen-Guerillagebiet in Burma, Unterstützung einer UNO-Mitarbeiterin während den Aufständen in Nepal und bei UNO-Arbeit in Indien), Australien. Danach 5 Jahre als Dolmetscher, Delegationsbegleiter und Übersetzer in München. Abendstudium an der Hochschule für Politik /München (Schwerpunkt: Internationale Beziehungen). Abschluss als Diplom-Politologe (Diplomarbeit: Die deutsch-chinesischen Beziehungen 1989-2000 unter besonderer Berücksichtigung der SPD-Grünen-Regierung). Delegationsbegleitung von Hu Ping, Chefredakteur der chinesischen Dissidentenzeitung "Pekinger Frühling" (New York)und prominentester Vertreter eines chinesischen Liberalismus bei seiner Deutschlandtour (Uni München, Uni Mainz, Berlin/FU-Humboldt) bei gleichzeitigem Kontakt mit Liu Liqun (Autor des Buches "Westliches Denken transzendieren"/ heute: Deutschlandberater der chinesischen Regierung).Chefredakteur der Studentenzeitschrift UNIPOL . Projekte am Goethe-Institut und bei FOCUS TV. Seit 2000 Übersetzer (chinesisch-deutsch), Graphiker, freier Schriftsteller und Blogger.
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