Liberal – links – kommunistisch (Teil 3)

Zu Teil 2.

Die im letzten Teil aufgeworfenen Fragen sind nicht nur notorisch schwer zu beantworten, die Antworten lassen sich auch erst nach dem durchgeführten Gesamtprogramm beantworten. Der Ausgangspunkt bleibt objektiv unbegründet, solange der Erfolg, zu dem er führen sollte, sich nicht eingestellt hat; er bleibt aber auch subjektiv willkürlich, insofern der erste Ausgangspunkt der theoretischen Anstrengung wie der praktischen Erfahrung vorausgeht. Die Frage nach einer Ausgangshypothese scheint sich daher nur sinnvoll beantworten zu lassen, wenn sie nicht auf eine Entscheidung ex nihilo abzielt, sondern schon einige Iterationen theoretischer wie praktischer Weiterentwicklung hinter sich hat. Die Ausgangshypothese wäre dann eine mündige Entscheidung. Aber mit der Mündigkeit ist es eine heikle Sache, weil sie den Augenblick bezeichnet, zu dem die anderen schon Mündigen mir das Mitreden gestatten. Gerechtfertigt ist das nur wenn die Gesellschaft, die mir Mündigkeit erteilt, selbst als gerechtfertigt, also vernünftig vorausgesetzt wird, oder zumindest die Gruppe, innerhalb derer ich für voll genommen werde, für unproblematisch gelten kann, sich also z.B. von deformierenden gruppendynamischen Prozessen absehen lässt. Beides lässt sich gerade als Linke, die traditionell in einer übermächtigen durch Ideologie und Entfremdung bestimmten Situation sieht, nicht annehmen. Wie müssen daher auch einen unmündigen Ausgangspunkt akzeptieren.

Die Frage nach dem Ausgangspunkt wäre fast gleichgültig, wenn es einen Mechanismus gäbe, der zu seiner Korrektur führte. Mit zunehmender praktischer Erfahrung und theoretischer Überlegung, sollte sich auch der eigene Standpunkt weiter entwickeln. Wie das geschieht, hat Hegel geschildert. Der romantische Held »findet vor sich eine bezauberte, für ihn ganz ungehörige Welt, die er bekämpfen muß, weil sie sich gegen ihn sperrt und in ihrer spröden Festigkeit seinen Leidenschaften nicht nachgibt« und hält es für ein Unglück, »daß es überhaupt Familie, bürgerliche Gesellschaft, Staat, Gesetze, Berufsgeschäfte usf. gibt, weil diese substantiellen Lebensbeziehungen sich mit ihren Schranken grausam den Idealen und dem unendlichen Rechte des Herzens entgegensetzen. Nun gilt es, ein Loch in diese Ordnung der Dinge hineinzustoßen, die Welt zu verändern, zu verbessern oder ihr zum Trotz sich wenigstens einen Himmel auf Erden herauszuschneiden«. Aber das ist nicht das Ende der Geschichte, sondern nur deren Anfang: »Mag einer auch noch so viel mit der Welt herumgezankt haben, umhergeschoben worden sein – zuletzt bekommt er meistens doch sein Mädchen und irgendeine Stellung, heiratet und wird ein Philister so gut wie die anderen auch; die Frau steht der Haushaltung vor, Kinder bleiben nicht aus, das angebetete Weib, das erst die Einzige, ein Engel war, nimmt sich ungefähr ebenso aus wie alle anderen, das Amt gibt Arbeit und Verdrießlichkeiten, die Ehe Hauskreuz, und so ist der ganze Katzenjammer der übrigen da« (Hegel, Ästhetik, Bd. 2, S. 219f). Hegel will hier gar nicht zynisch sein: was anfangs in der Form der »Abenteuerlichkeit« sich zeigte, erhält am Ende seine wirkliche Bedeutung – das ist vom Standpunkt einer bürgerlichen Gesellschaft, die sich für wohlgeordnet hält, auch gar nicht beschämend, sondern allenfalls ein wenig langweilig. Die romantische Feindschaft gegen Staat, Kapital und Gesellschaft fällt in eine romanhafte Entwicklung zurück, solange sie nicht begründen kann, dass es ihr nicht um Privileg einer ihr versagten Stellung geht und wie sie jenseits der bekämpften Mächte zu leben beabsichtigt. Nichts begegnet der romantischen Feindschaft besser, als dem Helden sein »Mädchen« zu gewähren – weil er mit ihr doch keine andere als die bürgerliche Existenz zu führen wissen wird.

Der romantische Held stellt sein eigenes Interesse über alles und ignoriert alle Voraussetzungen und Konsequenzen. Die traditionelle Arbeiterbewegung drängt darauf, sich der Gründe des eigenen Elend inne zu werden, und so die Abschaffung von Verhältnissen, in denen die Proletarier unterdrückte Wesen seien, zu seinem Interesse zu machen. Was selbstverständlich klingt, hat sich historisch als problematisch erwiesen. 1919 etwa demonstrierten in München hunderttausende für den Sozialismus und gegen das Kapital; fünfzehn Jahre später hatten ebenso große Massen den Grund für ihr eigenes Elend ganz woanders entdeckt. Über die Gründe des eigenen Elends kann man sich irren. Statistisch gesehen ist heute die Zahl derjenigen, die die kapitalistische Reproduktion dafür verantwortlich machen, bedeutungslos gegenüber denen, die das Übel in Juden, Ausländern oder der Gier internationaler Konzerne sehen. Auf der anderen Seite verlangt das Interesse einen Erfolg und zwar einen Erfolg zu Lebzeiten. Andernfalls muss sich das Individuum eingestehen, dass es ohnmächtig einer weit überlegenen Gewalt gegenüber steht und ihm allenfalls »das Glück der winzigen Freiheit, die im Erkennen als solchem liegt« (Adorno, Gesammelte Schriften, Bd. 4, S.27) bleibt. Das ist nicht jedermanns Sache und man wird annehmen dürfen, dass so mancher sich – sei’s beim Taxifahren, sei’s nach misslungener Aktion – lange und intensiv bemüht hat, umzudenken. Manchmal ist solches Umdenken durchaus die Quelle des Erfolgs.

Erfolgversprechender wäre es also, einen Ausgangspunkt zu finden, der gegen Korrekturen spröde und abweisend ist, um nicht der Integration, der Ideologie, dem rationalen Mitmachen zu verfallen. Auch das ist versucht worden. Wer sich der großen Verweigerung und Ghettobildung verschrieb, hat in der Regel rechtzeitig umgedacht oder ist in den für die Unbrauchbaren oder Überflüssigen vorgesehenen Schubladen gelandet. Die innere Emigration ist ebenfalls eine meist kurzfristige Angelegenheit – andernfalls führt sie zu Studienräten, die hermetische Gedichte schreiben; Studenten, die ihre Doktorarbeit auf Jahrzehnte aufschieben; Selbstzerstörung, um der Fremdzerstörung zu entgehen; zu einem immer mehr schwindenden und aufgeschobenen Reich der Freiheit, das sich schließlich zu seinem Gegenteil, der Hoffnung, verflüchtigt. Schließlich der Weg der Konfrontation und Provokation; für ein paar Stunden eine Situation herstellen, die nicht eine von der warenproduzierenden Gesellschaft vorgegebene ist, aber auch nicht ihrem romantischen und regressiven Gegenstück entspricht – dieser Weg aber hat die kürzeste Lebensdauer, schließlich wird man älter, weiser und stößt sich die Hörner ab. Man muss sich das Leben ja nicht unnötig schwer machen. Vielleicht wäre es aber der einzig gangbare Weg gewesen.

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