Akzelerationismus, Liberalkommunismus und Globalismus–ein Vergleich- Übereinstimmungen und Unterschiede

Ich finde die Ideen der Akzelerationisten, wie in dem Manifest des Akzelerationismus von Alex Williams und Nick Srnicek dargestellt seit langem einmal eine neue und frische Idee. Nun könnte man sagen, dass dies schon auf abgestandenen Ideen der Kybernetik und Allendes gescheiterten Cybersynprojekts basiert und daher nichts Neues darstellen würde. Dennoch teile ich viele Befunde der Akzelerationisten. Zum einen die Absage an den Postmodernismus, die Erneuerung eines Grand Narratives und die Forderung einer alternativen Modernität jenseits von Neoliberalismus, politischem und wirtschaftlichen Anarchismus und traditionellem Planwirtschaftskommunismus mit totalitärer Einparteienherrschaft.Dann teile ich den Befund der Akzelerationisten, dass in der Linken weitgehend „technologisches Analphabetentum“und technologische Ignoranz herrscht, man sich gar nicht mit den Implikationen und Möglichkeiten der neuen Technologien und neuen Produktivkräfte beschäftigt, auch keine anderen Gesellschaftsentwürfe hat. Desweiteren glauben die Akzelerationisten, dass man mit anarchistischen Selbstorganisationsvorstellungen von Schwarmintelligenz und der Vorstellung einer völligen Planwirtschaft verabschieden muss, dass man horizontale und vertikale Ebene, Plan und Netzwerk vereinigen muss oder wie ich schrieb, dass man mit dem Anarchismus und Leninismus als Organisationsprinzip brechen muss und einen Mittelweg, den ich als Liberalkommunismus bezeichnen einschlagen sollte. Die Akzelerationisten sprechen von einer „Ökologie der Organisationen, einem Pluralismus der Kräfte“, was mir zu unbestimmt und schwammig ist, sie wollen alles um lösungsorientierte Plattformen organisieren, während meine Vorstellung erst einmal verschiedene Verfassungsentwürfe eines Liberalkommunismus sind, die die Arbeiter- und sonstigen Vertretungen, ihr politisches Zusammenwirken, die Verbindung zwischen Ökonomie und Politik klar regeln, mit Pluaralismus, Minderheitenrechten, Gewaltenteilung und Rule of Law.Ebenso scheint es bei den Akzelerationisten keine Klassenanalyse zu geben, sondern alle Kräfte und Organisationen gleichberechtigt und nicht näher ausgeführt gleichwertig zu handeln und zu herrschen.

Der zweite Punkt, den ich mit den Akzelerationsten teile, ist, dass die Linke sich gar nicht um die Produktivkraftentwicklung und die gesellschaftlichen Potentiale für neue Geselschaftentwürfe kümmert, einen „technologischen Analphabetismus“mit sich herumträgt, nur zum alten Fordismus und Keynesianismus zurückwill oder zu anderen nostalgischen Modellen.Ein völlig neuer Entwurf und völlig neue Ideen finden nicht statt. Als einziger Linker in Deutschland beschäftigte sich noch Dietmar Dath in seiner Schrift „Maschinenwinter. Wissen, Technik, Sozialismus. Eine Streitschrift „mit den neuen technologischen Möglichkeiten, aber sehr oberflächlich, abstrakt und sehr kurz.Interessant finde ich bei den Akzelerationisten das konkretere Beispiel der Kybernetik und des chilenischen Cybersynmodells. Im Zeitalter des Internet of Things; Big Data und der völligen Digitalisiserung der Wirtschaft und Gesellschaft stellt sich die Frage, ob frühere Planungsmodelle nicht an der mangelnden Planbarkeit aufrgund mangelnder technologischer Just-in-time- Information- und produktion gescheitert sind.Hier wäre einmal die theoretische Diskussion zu führen, inwieweit Adam Smiths unsichtbare Hand und die Regulierung von Angebot und Nachfrage durch den Markt einem kybernetischen Mischansatz zwischen Plan- und Netzwerkwirtschaft grundsätzlich überlegen sind. Auch müsste man sich einmal mit dem Cybersyn-Programm der Allenderegierung detailierter befassen. Hatte es überhaupt reale Erfolge, denn die Wirtschaft Chiles unter Alledne zeigte ja alle Symptome einer sozialistischen Mangelwirtschaft, die Linke einfach als Wirtschaftskrieg der USA und ihrer CIA sowie der chilenischen Oberschicht gegen Allende reduzieren wollen, aber nicht als Foige des Systems.

Hier nochmals die zwei Punkte der anvsierten kybernetischen Wirtschaftsorganisation aus Plan und Netzwerkökonomie sowie die Demokratiefrage, die ich als Liberalkommunismusfrage sehe, gegenübergestellt.

„Es gibt auch marxistische Akzelerationisten in den USA und auch im Silicon Valley, die eine alternative Modernität anstreben, die der Neoliberalismus nicht generieren kann, den Neoliberalismus scharf kritisieren, von Klimawandel bis zu sozialer Ungerechtigkeiten so alles kritisieren und ihr eigenes Manifesto for an Accelerationist Politics geschrieben haben, die eher auf eine gesellschaftliche Revolution und Beschleunigung zivilisatorisch positiver Trends und nicht der Schumpeterschen “kreativen Zerstörung”hinwirken wollen, eine nostalgische Rückkehr zum Fordismus und Keynesianismus wie aber auch einen technolischen Utopismus ablehnen, der meint die sozialen Konflikte könnten nur durch Technologie gelöst werden ohne Änderung der kapitalistischen Gesellschaft und über eine postkapitalistische Gesellschaft nachdenken, die aber nicht nur den bestehenden Fortschritt der kapitalistischen Entwicklung fortsetzt, sondern mittels Plattformen als zentralem Veränderungsmittel, den technologischen Fortschritt beschleunigt und entgrenzt, der durch die kapitalistischen Fesseln behindert wird –hierzu sei auch eine Abkehr vom Postmodernismus nötig und eine wirkliche Verwirklichung der Ideale der Aufklärung anzustreben vor allem die Idee einer Beherrschung und Planbarkeit der Gesellschaft. Während der Postmodernismus die Grand Narrative der Aufklärung als Erzählungen, die schon erzählt und widerlegt wurden und daher nicht mehr wirkungsmächtig seien ansehen würde, gelte es die falsch umgesetzten Ideale von Aufklärung und Moderne im Sinne von Selbstkritik, Selbstherrschaft des Menschen und einer alternativen Modernität wiederzubeleben.Eine chaotische, sich selbstorganisierende Gesellschaftsentwicklung lehnt diese Sorte von Akzelerationisten ab. Es wird aber auch keine Zentralplanwirtschaft gefordert, noch ein Zurück zum Laplacschen Dämon, sondern ein ökonomisches und gesellschaftliches Experimentieren gemäß einer modernen Kybernetik–als Vorbild wird das chilenische Projekt Cybersyn empfohlen. Zu Cybersyn der Allenderegierung kann man lesen:

“Die Bomben fielen bereits auf den Präsidentenpalast von Chile, als zwei Männer einen Koffer voller Dokumente, Magnetbänder und Lochstreifen aus der vom Militär umstellten Wirtschaftsförderungsbehörde CORFO schmuggelten. Es war der 11. September 1973, und das Militär unter General Pinochet putschte gegen Salvador Allendes sozialistische Regierung.

In deren Auftrag hatten Raúl Espejo und Guillermo Toro, die beiden Flüchtigen, an einer Anlage gearbeitet, die die rechte Propaganda als “Kommunistenmaschine” bezeichnete. Es handelte sich um ein visionäres Computernetzwerk, das die 400 wichtigsten Fabriken des Landes miteinander verband und von einer futuristischen Kommandozentrale aus gesteuert wurde – das Projekt Cybersyn.

Das System war die Schöpfung des englischen Kybernetikers und Unternehmensberaters Stafford Beer, der es in den vorangegangenen zwei Jahren im Auftrag des Wirtschaftsministeriums aufgebaut hatte. “Da war dieser große Engländer mit seinem gewaltigen Bart, immer freundlich, in der einen Hand eine Zigarre, in der anderen ein Glas Whisky, und wann immer ich mit ihm sprach, hatte ich das Gefühl: er spinnt, aber er ist völlig brillant”, erinnert sich der technische Leiter der Gruppe, Raúl Espejo.

In der Wirtschaftsförderungsbehörde CORFO war man überzeugt, dass Beers kybernetische Managementprinzipien nicht nur Unternehmen, sondern auch eine ganze Volksökonomie effizienter machen konnten – selbst die eines unterentwickelten Staates wie Chile. Ziel war mitnichten eine Verwaltungswirtschaft nach sowjetischem Vorbild, sondern ein dritter Weg zwischen Plan- und Marktwirtschaft – ähnlich, wie Allende nach seiner Wahl 1970 den imperialen Kapitalismus zurückdrängen wollte, ohne eine kommunistische Diktatur zu errichten.”

http://www.spiegel.de/einestages/projekt-cybersyn-stafford-beers-internet-vorlaeufer-in-chile-a-1035559.html

Cybersyn sollte zudem eine Partzipation von Staat, Managern und Arbeitern ermöglichen:

“Giving the state control of Chile’s most important industries constituted a central plank of Allende’s platform, but created management difficulties. The government had limited experience in this area. Yet by the end of 1971, it had taken control of more than one hundred and fifty enterprises, among them twelve of the twenty largest companies in Chile.

The problem of how to manage these newly socialized enterprises led a young Chilean engineer named Fernando Flores to contact a British cybernetician named Stafford Beer and ask for advice. Flores worked for the government agency charged with the nationalization effort; Beer was an international business consultant known for his work in the area of management cybernetics, which he defined as the “cybernetics of effective organization.”

Together, they formed a team of Chilean and British engineers and developed a plan for a new technological system that would improve the government’s ability to coordinate the state-run economy.

The system would provide daily access to factory production data and a set of computer-based tools that the government could use to predict future economic behavior. It also included a futuristic operations room that would facilitate government decision-making through conversation and better comprehension of data. Beer envisioned ways to both increase worker participation in the economy and preserve the autonomy of factory managers, even with expanding state influence.”

https://www.jacobinmag.com/2015/04/allende-chile-beer-medina-cybersyn/

Inwieweit aber die kapitalistischen Bewegungsgesetze damit überhaupt außer Kraft gesetzt werden oder ob der alleswissende- und koordinierende Zentralcomputer diese nicht nur effizienter und schneller befördert, wird dabei nicht untersucht. Ebenso stellt sich die Frage, ob die Akzelerationisten die Lenkung der Gesellschaft einem Zentralcomputer und seinen Alogarithmen, vielleicht noch einer selbstautomatisierten künstlichen Intelligenz übertragen wollen und den Menschen aus dem Entscheidungsprozess weitgehendst entfernen wollen. Oder ob dies nicht eher auf die Herrschaft einer kybernetischen Technokratenklasse herausläuft, die bestimmen was die ultima ratio für eine Gesellschaft ist. Oder wird dann nur noch über Alogarithmen abgestimmt, die die gesellschaftliche Lenkung bestimmen und automatisieren? Was ist gemeint?“

Den Befund der Akzelerationisten, dass die heutige Linke sich großteils auf nostalgische Gesellschaftsmodelle rückbesinnt und in einem ideologischen Laufrad wie ein Hamster um Fordismus und Keynesianismus rotiert, wie auch sich durch einen“technologischen analphabetismus“auszeichnet und keine neuen Gesellschaftsentwürfe, die die Potentiale der neuen Technologien berücksichtigt hervorbringt, teile ich:

„Ich möchte daher mal auf eine andere Vision kommen, um überhaupt noch eine Perspektive für links aufzuzeigen.

Die letzten verbliebenen linken Systeme schwanken recht autistisch zwischen dem Sozialismus des 21. Jahrhunderts Venezuelas, dem staatskapitalistisch-oligarchischem System Chinas oder Vietnams oder den Ideen einer Arbeiterbeteiligung an den Betrieben einer Ludwig Erhardtschen sozialen Marktwirtschaft einer Sarah Wagenknecht, die auch ein Gauweiler lobt, vielleicht noch zwischen Forderungen von Teilen des Silicon Valleys, deutscher Unternehmer und der Piraten nach einem bedingungslosen Grundeinkommen, zumal alle ja Nordkoreas System ablehnen.

Dies sind die wesentlichen Impulse der Linken und daran orientieren sich die meisten. Neue Überlegungen oder die Notwendigkeit mal etwas ganz Neues zu entwerfen und zu diskutieren, finden bisher nicht statt. Ausgespart bleibt auch die weitere Produktivkrfatentwicklung von Industrie 4.0 und der Digitalisierung der Wirtschaft und Gesellschaft, sowie eben die ganzen neuen Produktivkraftentwicklungen im Silicon Valleys und ähnlicher Orte, wo schon längst auch künstliche Intelligenz, Transhumanismus ala Ray Kurzweil und seinem Menschheit 4.0 und anderes diskutiert wird. Das Interview mit Deutschlands Starpopulärphilosophen David Precht mit Sarah Wagenknecht ist mir da noch in guter Erinnerung. Precht versuchte Wagenknecht klarzumachen, dass im Silicon Valley riesige Produktivkraftentwicklungen vor sich gehen, ja es eben auch die „Californian Ideology“gibt, die mittels ihrer technologischen Produktivkraftsentwiclungen heute die wesentlichen Treiber der Utopienproduktion ist. Mit all ihren utopischen, sozialdarwinistsichen Ausformungsmöglichkeiten.Wagenknecht wusste wie die meisten Linken gar nicht worüber Precht sprach. Es ist auch bezeichnend, dass ein Claus Kleber in seinem ZDF-Beitrag “Silicon Valley–Schöne neue Welt” kurz vor Mitternacht über das Silicon Valley und die visionären Technologien dem Publikum überhaupt einmal nahebringen muss, was im Silicon Valley schon seit Jahrzehnten geschieht. Jedenfalls zeigt dies wie auch die mangelnde Literatur innerhalb der Linken bezüglich Produktivkraftentwicklungen, dass dies ein weißer Fleck ist. Wie schon bei den als Nebenwidersprüchen erklärten Frauenemanzipation, Emanzipation der Homosexuellen, dem Ignorieren ökologischer Fragen,etc. scheint die Linke nun auch die ganzen neuen Fragen der kommenden Produktivkraftentwicklung und ihrer gesellschaftlichen, nicht nur wirtschaftlichen Implikationen  mal wieder gehörig zu verschlafen.

Ebenso fehlt die Diskussion um andere Wirtschaftssysteme als die oben genannten linken Entwürfe. Hier haben bürgerliche, ja sogar exfeudalistische Ideologen schon die Führung übernommen. Sei es nun die sharing economy eines Jeremy Riffkin, der auch schon einmal einer Merkel Vorträge hält, sei es nun das Bruttonationalglücks Bhutans, das den bisherigen BSP- Ökonomismus ganzheitlich infrage stellt und ein neues Wirtschaftsmodell in Aussicht stellt, das schon von der Enquettekomission des Deutschen Bundestags diskutiert wird, aber bei der Linken gar nicht wahrgenommen wird.Man mag diese Systeme zwar kritisieren, aber es zeigt eben, dass bürgerliche und sogar exfeudalistische Kräfte scheinbar mehr neue Gesellschaftsentwürfe und pseudoantikapitalistische Modellbildung drauf haben als die Linke.Die Heilsversprechen einer sharing economy und ihrer Utopie, wie auch ihre konterrevolutionäre Rolle verdeutlicht der südkoreansiche Philosoph Byung Chul- Han in einem Beitrag der SZ sehr gut(…)“

Für den Demokratiebegriff der Akzelerationisten gilt:

„Der Demokratiebegriff der Akzelerationisten ist mindestens ambivalent oder bestenfalls dialektisch: Offenheit, Horizonztalität, Transparenz, Inklusion, Abstimmungen werden als ineffektiv und Fetisch der Linken abgelehnt. Demokratie sei nicht durch ihre Mittel und den formellen Prozess zu bestimmen, sondern an den Zielen der efffektiven Selbstherrschaft. Gleichzeitig wird aber auch Zentralismus abgelehnt, sich für einen Pluralismus ausgesprochen und ein Experimentieren anhand konkreter Plattformen propagiert. Zentralismus und chaotischer Dezentralismus werden abgelehnt, horizontale und vertikale Strukturen müssen so verbunden werden, dass sie Totalitarismus wie aber auch Anarchismus vorbeugen–in ihren Worten: der Plan muss mit dem Netzwerk verheiratet werden:

“13. The overwhelming privileging of democracy-as-process needs to be left behind. The fetishisation of openness, horizontality, and inclusion of much of today’s ‘radical’ left set the stage for ineffectiveness. Secrecy, verticality, and exclusion all have their place as well in effective political action (though not, of course, an exclusive one).
Democracy cannot be defined simply by its means — not via voting, discussion, or general assemblies. Real democracy must be defined by its goal — collective self-mastery. This is a project which must align politics with the legacy of the Enlightenment, to the extent that it is only through harnessing our ability to understand ourselves and our world better (our social, technical, economic, psychological world) that we can come to rule ourselves. We need to posit a collectively controlled legitimate vertical authority in addition to distributed horizontal forms of sociality, to avoid becoming the slaves of either a tyrannical totalitarian centralism or a capricious emergent order beyond our control. The command of The Plan must be married to the improvised order of The Network.

We do not present any particular organisation as the ideal means to embody these vectors. What is needed — what has always been needed — is an ecology of organisations, a pluralism of forces, resonating and feeding back on their comparative strengths. Sectarianism is the death knell of the left as much as centralization is, and in this regard we continue to welcome experimentation with different tactics (even those we disagree with).”

Zum Demokratie- und politischem Gesellschaftsystem eines Liberalkommunismus schrieb ich dazu:

„Die Erfahrungen, dass es meist auf der revolutionären Linken nur die Alternative zwischen Anarchismus und Kommunismus gab, also zwischen völliger Dezentralität und totalitärer Zentralistät, die auch die Ebenen der Ökonomie und der Politik gleichschaltete, zeigt eben, dass man sowohl eine neue Ökonomie braucht, wie auch ein anderes politisches System und zudem die Verbindung zwischen beiden Subsystemen mittels einer verbindlichen Ordnung oder Verfassung hergestellt werden muss. Nun hoffen einige, dass nach einer Revolution sich alles spontan aufgrund einer höheren Ratio selbstorganisieren würde, es keinen Staat,vielleicht noch eine Verwaltung und nicht einmal das, sondern sich eine totale, sich selbstdurchorganiserende Gesellschaft einstellen würde, während ich daran nicht glaube, sondern eher davon ausgehen, dass eine linke Gesellschaft mehrere Verfassungsentwürfe in die Breite diskutieren, vorschlagen würde, es also ein breiter Partizipationsprozess mit breiten gesellschaftlichen Erörterungen, Diskussionen, die um die besten Modelle streitet und nicht etwas  Aufokroytiertes wäre, zur Abstimmung vorlegen sollte, die eine Gewaltenteilung und eine mehr an Poppers offener Gesellschaft orientierte Gesellschaft zur Abstimmung haben solte.

Das passt zum einen totalitären Freunden des Leninschen demokratischen Zentralisums gar nicht und das ist auch gut so,denn man muss eine klare Trennklinie zu ihnen aufmachen.  Nun werden da zwei Vorwürfe dagegen von der anderen, mehr anarchokommunistischen Seite erhoben: Zum einen, dass eine Verfassung totalitär sei und top-down. Wie gesagt: Man hätte da schon einige Vorschläge, die aber abänderbar, diskutierbar und auch abstimmbar wären. Dagegen möchte ich zudem argumentieren, dass eine Verfassung halt die klaren politischen und ökonomischen Kompetenzen der Arbeiter- und sonstigen Vertretungen und ihrer Verbindung zu einem neuen Wirtschaftssystem festlegt, es also keine Willkür gibt, sondern eben eine Rule of Law.Zum zweiten ist mir dieser sich selbstorganisierende Begriff von Gesellschaft zu schwammig. Er setzt vorraus, dass es eine Art Schwarmintelligenz gebe, die alles nach einem höheren Prinzip der Vernunft aus sich selbst heraus selbstorganisieren würde. Die anarchistischen Selbstverwaltungsversuche der Geschichte, die sich niemals zuvor Gedanken über eine Verfassung gemacht hatten, sondern alles dem freien Spiel des Chaos und der freien Kräfte überantwortet, die bestenfalls noch einige lokale Genossenschaften und Kooperativen mit Basisdemokratie wie Hippies vielleicht bei ihren Landkommunen hervorbrachten,sprechen da klar dagegen, wie eben auch die dann totalitären Gegenplanungen des Leninismus und Stalinismus, die schon ihre Verfassungen im Gepäck hatten, aber gar nicht zur Diskussion oder gar Abstimmung stellten und in die Lücke des libartärkommunistischen Chaos der Anarchisten dann ihre totalitären Regime durchsetzen konnten und zumeist die anarchistisch-kommunistischen Leute bekämpften und umbrachten, da sie spätestens seit Kronstadt nicht ins zentralistische Staatszentralwirtschaftskonzept reinpassten, wie auch alle Bürger und sonstigen Reaktionäre.

Nur als Beispiel die Räterepublik in München, bei der ein Anarchoökonom als Silvio Gesell und zentralistische Enteigentümer leninistischer Provienz mit Anweisung Lenins gegeneinanderarbeiteten und für das totale Chaos sorgten oder im Spanischen Bürgerkrieg die Auseinandersetzung zwischen anarchistischer POUM und den Stalinisten.Beide Extreme der völligen Planlosigkeit und der Hoffnung auf Selbstorganisation, wie auch der völligen zentralistischen Planung mit aufoktroyiertem System und Verfassung sollte man als geschichtliche Lehre eben vermeiden.Wenn man eine Revolution machen wollte, sollte man verschiedene Verfassungsentwürfe zur Wahl stellen,diese und Alternativen dazu breit diskutieren und die revolutionären Massen darüber abstimmen lassen.Auch sollten diese Verfassungen so beschaffen sein, dass sie eben Gewaltenteilung und andere normale Freiheiten und Minderheitenschutz als selbstverständlich voraussetzen und mindestens so liberal sind wie bürgerlich-kapitalistische Demokratien.

Churchills Diktum, dass die kapitalistisch-bürgerliche Demokratie das kleinste aller sonstigen Übel sei und sich daher historisch als einziges funktionsfähiges, humanes System herausgestellt hat, woraus ja dann Fukuyama das welthistorische “Ende der Geschichte”, also den totalen Sieg der bürgerlich-kapitalisischen Demokratie verkündete, müsste eben nicht durch nostalgisch anarchisch- oder zentralistisch-kommunistische Systeme entgegengearbeitet werden, sondern durch ein System, dass keine Regression ist, sondern ein besseres Übel hervorbringt, eben einen Globalismus oder Liberalkommunismus.

Churcill wie Fukuyama wie auch alle liberal-bürgerlich-kapitalistischen Apologeten übersehen eben in ihrer Logik, dass der Kapitalismus ein systemimmanentes Krisensystem ist, zumal nationalstaatliche Konkurrenz kennt und deswegen nach Zeiten des Aufschwungs immer wieder in Krisen oder eben “säkulare Stagnation”, wenn nicht gleich Weltfinanz- und wirtschaftskrisen zwangsläufig eintritt, die den liberal-bürgerlichen Charakter des Systems eben immer wieder durch autoritäre, wenn nicht gar faschistische Bewegungen und erhöhten Konflikten zwischen den Nationalstaaten, bestenfalls zum Handelskrieg, schlechtestenfalls zum Krieg oder gar Weltkrieg eskalieren lässt.Von daher ist Churchills Statements die Betraschtung eines statischen Charakters des bürgerlich-kapitalistiusch-demokratischen Systems, das aber aufgrund seiner Politökonomie diese Stabilität niemals länger haben kann und daher systemaffimierend total verharmlosend ist. „

Mit den Akzelerationisten stimme ich überein, dass man eine neue postkapitalistische Gesellschaft propagieren sollte, die sich vom Neoliberalismus, Anarchismus und Kommunismus verabschiedet.Mit den Akzelerationisten stimme ich überein, dass die Postmoderne überwindet werden muss und man sich wieder auf eine Besinnung auf die Prinzipien der Aufklärung wie Selbstkritik und Selbstherrschaft des Menschen zurückbesinnt.Mit den Akzelerationsiten stimme ich überein, dass man die technologischen Potentiale bezüglich einer neuen Gesellschaftsformation studieren und anwenden sollte.

Wo ich den grossen Mangel der Akzelerationisten sehe, ist, dass sie sich nicht die Bedeutung der Existenz der Nationalstaaten, der Nationalstaatenkonkurrenz,der nationalistischen Ideologie und als Gegenmodell etwa einen Globalismus von mehr internationaler Kooperation, neuen internationalen Organisationen und Institutionen, ja vielleicht eines Weltstaats thematisieren. Ihre Forderungen bleiben abstrakt und orientieren sich nicht an den gegebenen Machtstrukturen und Weiterexistenz der Nationalstaaten, die man aber transzendieren und überwinden muss als Mindestvoraussetzung für eine neue Gesellschaft und neue Weltordnung.

Ebenso scheinen die Akzelerationisten sich auch noch nicht mit der Wertkritik des Marxismus auseinandergesetzt zu haben, kritisieren mehr den Neoliberalismus statt den Kapitalismus, lassen eine Klassenanalyse vermissen,wobei mit Klassenanalyse eben Klassenanalyse gemeint ist und nicht die Arbeiterklasse als automatisches  historisch-materialistisches Revolutionssubjekt a priori vor jeder Klassenanalyse als gegebene Vorraussetzung und Ergebnis weltmissionarisch zu postulieren oder solcher manächistischer Propagandablödsinn ala Occupy wie 1% gegen 99%, ebenso wie eine marxistische Kapitalismusanalyse, obwohl ja die Kybernetik eben auch eine Systemtheorie ist, die ein Verständnis des Systems zur Grundlage hat und hier wäre halt eine grundlegende Analyse und Kritik des Kapitalismus als System und nicht nur seiner speziellen historischen Formation des Neoliberalismus vonnöten.

Ebenso scheint die Gefahr, dass die Akzelerationisten doch einem technologischen Utopismus das Wort reden, wenn sie glauben, dass ein Supercomputer wie Cybersyn alle gesellschaftlichen Probleme lösen könnte. Produktionsplanung mittels Internet der Dinge und eines Supercomputers beheben ja die kapitalistischen Bewegungsgesetze und gesellschaftlichen Konflikte nicht, sondern verwalten diese nur effizienter, würden dann also auch keine neue Politökonomie darstellen weder als politisches, noch als witrschaftliches System.Auch besteht die Gefahr, dass man einer zukünftigen Technokratenherrschaft das Wort redet.

Ebenso halte ich gewisse „alte“ Aktionsformen wie Streiks, Sit-Ins, Demonstrationen auch weiterhin für wichtig und zielführend und stimme der Idee, dass die entscheidenden Kräfte der Zukunft nur noch Black-Hat-Hacker, Programmierer und Whistleblower sein werden, nicht zu.Beide Aktionsformen und Kampfmittel sollte man nicht als einander entgegengesetzt, sondern einander ergänzend und kompatibel sehen.Digitale und analoge Kämpfe müssen gleichzeitig geführt werden, am besten einander unterstützen. Die Welt wird eben trotz Digitalisierung nicht nur zum alleinigen Cyberspace, wo man seine Kämpfe nur noch Tronmäßig virtuell auskämpft.Das Spektrum der Widerstandsformen sollte erweitert werden, nicht aber gewisse Kampfformen als alt und überholt erklärt und gegeneinander ausgespielt werden. Das Argument, dass Millionen der deutschen oder amerikanischen Friedensbewegungsdemonstranten nichts gegen die Stationierung der Pershings oder den Irakkrieg bewirkten, kann man auch entgegenhalten, dass die Wirkung des von den Akzelerationisten so hochgelobten Whistleblowers Edward Snowden ebenso marginale Wirkungen hatte und die NSA weiterhin schaltet und waltet.Hier soll nicht die Option von einer Hackerguerilla ignoriert werden, die wesentliche Teile der „kritischen Infrastrukturen“ wie heutezutage schon einige Einzelgewerkschaften den Luft-, Bahn- U-Bahnverkehr lahmlegen könnten. Doch können sie damit auch eine Revolution mit Machtübernahme durchführen ohne physische Eroberung der Machtstellen? Eine virtuelle neue Revolutionsregierung,die alles ohne revolutionäre Massen durch das Internet lenkt? So genau haben dies die Akzelerationisten also noch nicht durchdacht, insofern sie überhaupt eine Revolution wollen oder aber eben nicht einen digitalen Generalstreik vollführen wollen, um reformistische Ziele durchzusetzen. Setzt der Akzelerationismus nur auf eine digitalen Putschismus und will sich gar nicht mehr in die Abhängigkeit von  irgendwelchen Revolutionsmassen begeben, es sei denn über Facebook-Likes zur Abstimmung stelllen?So klar scheint die Revolutionstheorie noch nicht, insofern es überhaupt um eine Revolution geht.Auch von Wahlen oder dem Aufbau einer Partei ist im Manifest nichts zu lesen, wesentliches Kampfmittel sollen sogenannte Plattformen sein, ohne dass deren Bedeutung näher erklärt würde. Deswegen aber die Organisation von Widerstand und Sammeln von Kräften in der analogen Welt ad absurdum zu erklären und sie in Gegensatz zu einem unausgegorenen Widerstandsmodell und nicht in gegenseitiger Förderung zu setzen,, wäre geradezu eine Kapitulationserklärung.Dann sollte man eher anstatt diese Aktionsformen als uneffektiv und als veraltet zu erklären, diese lieber effektiver machen.

Zuguterletzt sagen die Akzelarationisten auch nicht, wie sie ihr neues Gesellschatfsmodell realisieren wollen–mittels Revolution oder Reform und wer die revolutionären oder reformistischen Subjekte sein sollen. Insofern also der ganze Akzelerationismus nicht nur ein lauwarmer Aufguss der Kybernetik der 60er Jahre sein soll, sollte er diese wichtigen Themen inkorperieren und in seine Theorie und Praxis integrieren.

Über Ralf Ostner

Ralf Ostner geboren 1964 in Frankfurt am Main, 1984 Abitur in Bayern--Leitungskurse: Physik und Kunst/ Schülerzeitung. Studium der Physik (Nebenfächer: Mathematik, Chemie), Wirtschaftsgeographie (Nebenfächer: BWL, VWL) und Studium der Sinologie. 1991 Abschluss als staatlich geprüfter Übersetzer in der englischen und chinesischen Sprache am Sprachen- und Dolmetscher-Institut/München (Leiter der Chinesisch-Abteilung: Herr Zhang, ehemaliger Dolmetscher von Deng Xiaoping und Franz-Josef Strauß).Danach 5 Jahre Asienaufenthalt: China, Indien, Südostasien (u.a. in Kambodscha während des ersten Auslandseinsatzes der Bundeswehr, Interviews mit Auslandschinesen, Recherche im Karen-Guerillagebiet in Burma, Unterstützung einer UNO-Mitarbeiterin während den Aufständen in Nepal und bei UNO-Arbeit in Indien), Australien. Danach 5 Jahre als Dolmetscher, Delegationsbegleiter und Übersetzer in München. Abendstudium an der Hochschule für Politik /München (Schwerpunkt: Internationale Beziehungen). Abschluss als Diplom-Politologe (Diplomarbeit: Die deutsch-chinesischen Beziehungen 1989-2000 unter besonderer Berücksichtigung der SPD-Grünen-Regierung). Delegationsbegleitung von Hu Ping, Chefredakteur der chinesischen Dissidentenzeitung "Pekinger Frühling" (New York)und prominentester Vertreter eines chinesischen Liberalismus bei seiner Deutschlandtour (Uni München, Uni Mainz, Berlin/FU-Humboldt) bei gleichzeitigem Kontakt mit Liu Liqun (Autor des Buches "Westliches Denken transzendieren"/ heute: Deutschlandberater der chinesischen Regierung).Chefredakteur der Studentenzeitschrift UNIPOL . Projekte am Goethe-Institut und bei FOCUS TV. Seit 2000 Übersetzer (chinesisch-deutsch), Graphiker, freier Schriftsteller und Blogger.
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