Kunst und Avantgarde

Ein Kunstkritiker schrieb: „Daneben war und ist Kunst schon immer Teil einer widerständigen Welt gewesen“

Das trifft ja wohl eher nur für den Teil der Kunst zu, die einen politisch-revolutionären oder politisch-reformerischen Anspruch hatte. Für die ganzen Landschaftsmaler, Stillebenmaler, den Großteil der Abstrakten,etc. wohl nicht. Und für ihre Pedanten in Fotografie, Multimediainstallationen, BIldhauerei- und Skulpturenkunstt, Musik und Architektur ebenso nicht, um den Kunstbegriff nicht nur auf die Malerei zu beschränken, zumal ja auch die Documenta inzwischen keine Gemälde mehr ausstellte.Und nicht einmal die sogenannt gesellschaftskritische Kunst ist so gesellschaftskritisch, sondern oft auch einem gewissen Manierismus huldigend einem damals noch linkeren modischen Zeitgeist folgend und oft Gesellschaftskitsch. Vom sozialistischen Realismus gar nicht zu sprechen, der wohl eher dem Nationalsozialsmus und dessen Realismus und Klassizismus entgegenkam.Und was an Warhol und Lichtenstein so kritisch und widerständig sein soll, erschließt sich mir auch nicht–er hat ja eher die Werbeplakaterei formvollendet.Auf diese meine Entgegnung meinte er:

„Es geht nicht in erster Linie um einen politischen Anspruch, es geht um die Form der Kunst. Beethoven hatte keinen politischen Anspruch, markierte aber die Spitze der künstlerischen Entwicklung. Das bewegt Gesellschaft. Landschaftsmaler etc. können auch nicht über einen Kamm geschoren werden. Ob CD Friedrich oder Monet oder Manet, das waren in ihrer Zeit künstlerische Revolutionäre. Kunst die explizit politisch sein will, ist meist keine gute.

Der Punkt ist eher, dass Kunst heute meist nichts mehr bewirken kann, weil anything goes. Am ehesten ist das noch Rap oder sowas, der oft billig provoziert, Gewaltphantasien etc.“

Dieser Position hielt ich partiell entgegen:

„Es geht nicht in erster Linie um einen politischen Anspruch, es geht um die Form der Kunst.“ Das ist der erste Quatsch–gesellschaftsveränderndes Bewusstsein könnte sich über die ästhetische Formerneuerung der Kunst ergeben. Zum einen ist diese Formveränderung eine Auseinadersetzung mit dominierenden Kunstrichtungen, zum anderen wird nicht klar, warum Formveränderungen gesellschaftliches Bewusstsein ändern sollten. Also über die Ebene hinaus, dass ein paar Kunstkritiker etwas Neues entdecken, aber welchen Einfluss sollten solche innerkünstlerischen Dispute auf die breite Gesellschaft haben, insofern sie nicht selbst Ausdruck und Widerspiegelung gesellschaftlicher Kämpfe sind, man also Ursache und Wirkung nicht verwechseln sollte.Oder die jeweiligen Künstler haben diese neue Formgebung individuell und autonom-losgelöst entdeckt, aber weswegen sollte ein Formwechsel in der Kunst eine breitere gesellschaftliche Reaktion hervorrufen. Das ist wohl eine fundamentale Überschätzung der Rolle der Kunst, der Ästhetik, der Formgebung und des Formwechsels auf die Gesellschaft.Typischer Blödsinn der Frankfurter Schule und Marcuses nur noch Randgruppen und Änderung der Formästethik durch Künstler als neues revolutionäres Subjekt zu postulieren.Die Hoffnung auf eine Kulturrevolution und nicht mehr proletarische Revolution oder Reform.

Also , Beethoven würde ich nicht als unpolitisch sehen. Es ist ja kein Zufall, dass seine 9te alternative Wiedervereinigungs- und Europahymne zugleich ist.Dieses „Alle Menschen werden Brüder“, das die Brüderlichkeit der Französischen Revolution auch noch auf die gesamte Menschheit verallgemeinert,samt Musik sind ja die Übereinstimmung von Form und Inhalt, hat etwas sehr Kosmopolitisches, Völkerverständigendes, Weltbürgerliches, zumal es zu Beethovens Zeit nur einen Fleckenteppich von Kleinfürstentümern und Nationalstaaten erst im Werden gab,  und spricht den meisten Leuten noch heute aus dem Herzen,die auf eine grössere weltpolitische Vereinigung über die Nationalstaaten hinaus hoffen.Wo du sicherlich recht hast, ist dass viele Teile der sogenannt politischen und gesellschaftskritischen Kunst ganz schöner Kitsch und aufgesetzt sind–das hatte ich aber auch geschrieben. Aber nimm´mal z.B.John Heartfield, der war sowohl politisch wie auch künstlerisch ein Revolutionär mit seinen Photocollagen (was Klaus Staeck dann in den 70er Jahren imitierte).

Ganz interessanter Artikel der World Socialist Website dazu mit der steilen These:

„Eine wirkliche künstlerische „Avantgarde“ erfordert, sich den entscheidenden historischen Fragen zu stellen“

https://prod.wsws.org/de/articles/2016/03/05/avan-m05.html

Da ist viel Wahres dran, es ist auch eine Reaktion darauf, dass „anything goes“ und Kunst meist entpolitisiert wurde. Die Gefahr besteht aber bei dieser Position, dass sie nur noch politische Kunst als Kunst gelten lässt, was wohl eine ziemliche parteipolitische Verengung des Kunstbegriffs ist und zumal Gefahr läuft Kunst ala Lenin nur noch danach zu bewerten, ob sie Mittel der Propaganda ist. Die Bolschewiki förderten ja am Anfang viele Kunstrichtungen, so z.B. auch den Konstruktivismus–in der Folgezeit wurde der Kunstbegriff dann aber parteipoilitisch monopolisiert und der Parteilinie untergeordnet, womit man dann beim unsäglichen „sozialistischen Realismus“landete, der auch einem Naziepigonen gefallen konnte.

Was politische Menschen nicht begreifen, ist, dass Kunst per se auch etwas Spielerisches, Experimentierfreudiges, Kreatives hat, da einmal gerne mit Formen und Farben jenseits aller Inhalte und rationaler Zielgerichtetheit intuitiv ud emotional spielt und ausprobiert. Auch, dass sich der Mensch gerne am sogenannt Schönem orientiert. Es ist zwar richtig, dass vieles davon auch Weltenflucht ist, Verdrängung weltlicher, zumeist politischer und individuller Lebensprobleme, oft eine Suche nach Harmonie, Idylle,Einfachheit die sich im Kitsch am besten ausdrückt, aber soll man dieses Bedürfnis, das ja viel mit der Religion gemeinsam hat deswegen verbieten oder als kleinbürgerlich und reaktionär einstufen. Das gehört zur Seele und Psyche des Menschen eben dazu. Dieses zutiefst menschliche Bedürfnis leugnen viele politische Menschen.Die Kommunisten ordneten Kunst nur der Arbeiterbewegung, dem Ziel des Sozialismus und ihrer Verwertbarkeit bei der Propaganda für den Klassenklampf und die Revolution unter–kein Wunder, dass es da auch aus dem linken Lager zu Trotzreaktionen kam:

„1939 konnte daher Clement Greenberg, ein späterer Sympathisant der Workers Party von Max Shachtman, in einem Beitrag für die Zeitschrift Partisan Review mit dem Titel „Avantgarde und Kitsch“ erklären, dass Dichter und Künstler der „Avantgarde“ ihre „wichtigste Inspiration aus dem Medium selbst beziehen, in dem sie tätig sind. Ihre Kunst begeistert offensichtlich vor allem dadurch, dass sie sich ausschließlich mit der Erfindung und dem Arrangement von Räumen, Flächen Formen, Farben usw. beschäftigt und alles weglässt, was nicht zu diesen Faktoren gehört.“ Ein solcher Prozess, meint Greenberg, „erfordert weder Zustimmung noch Ablehnung“.
Diese beschränkte und snobistische Haltung, die die Idee der „Avantgarde“ aushöhlt und sie letztlich von jeglicher Verbindung mit dem Sozialismus und der Arbeiterklasse loslöst, ist eine Reaktion auf große und tragische politische Ereignisse. Erschrockene und demoralisierte Intellektuelle wie Greenberg, von denen es sehr viele gab, waren vom Verlauf des Klassenkampfs zunehmend enttäuscht..(…)
Auch die antimarxistische Frankfurter Schule spielte eine Schlüsselrolle, den Begriff „Avantgarde“ zu verfälschen. Diese Schule verdankte ihren Aufstieg hauptsächlich der massenhaften Vernichtung einer Generation wirklicher Marxisten durch den Stalinismus. Ein „linker“ Schüler des reaktionären, irrationalistischen Philosophen Heidegger, Herbert Marcuse [Der eindimensionale Mensch], verwarf die Auffassung, ein Künstler sei fähig, die Welt zu erkennen und ein Publikum durch die Rationalität und Wahrheit seiner Werke zu beeinflussen. Wie sollte auch eine Schule, die keinerlei objektive Bedingungen als Grundlage und Impuls für sozialistisches Bewusstsein anerkennt, sich mit der Erforschung „unseres dreidimensionalen Lebens“ abgeben?Die „authentische Avantgarde”, schrieb Marcuse, bestehe aus Künstlern, die „eine radikale Veränderung in Stil und Technik“ schaffen. Er behauptete, die Kunst errichte ein entferntes Reich bestehend aus der „ästhetischen Form“. Dieses repräsentiere und kritisiere die „Unfreiheit des Bestehenden“ und ermutige so das Individuum, sich seine oder ihre eigene psychische Befreiung vorzustellen. So gibt Marcuse auf seine Art wieder, was auch Greenberg behauptet. Er sagt, im Kunstwerk selbst, „in seinem eigenen (ästhetischen) Bereich … liegt ihr politisches Potential“.“

Und was empfehlen uns die Trotzkisten in bester Tradition von Lenin ud Stalin:

„Trotzki, André Breton und Diego Rivera boten mit ihrem Manifest für eine unabhängige revolutionäre Kunst (1938) eine Alternative zur offiziellen, unterwürfigen „Linksorientierung“ an. Darin betonten sie: „Unter dem Einfluss des totalitären Regimes der UdSSR und durch die Vermittlung der sogenannten ‘kulturellen’ Organe, die sie in anderen Ländern kontrolliert, hat sich ein tiefer Dämmer über die ganze Welt gelegt, der der Hervorbringung jeder Art von geistigen Werken feind ist.“In dem Manifest erklären sie weiter: „Aus allem, was bisher gesagt wurde, geht klar hervor, dass wir mit der Freiheit künstlerischen Schaffens keinesfalls die politische Indifferenz zu rechtfertigen wünschen, und dass es uns fern liegt, eine sogenannte ‘reine’ Kunst wieder zum Leben erwecken zu wollen, die für gewöhnlich den unreinsten Zwecken der Reaktion dient. Nein, wir haben eine zu hohe Vorstellung von der Funktion der Kunst, um ihr einen Einfluss auf das Schicksal der Gesellschaft zu verweigern. Wir halten es für die höchste Aufgabe der Kunst unserer Zeit, bewusst und aktiv an der Vorbereitung der Revolution teilzunehmen.““

So richtig es ist, die Frankfurter Schule für den offensichtlichen Blödsinn zu kritisieren, dass sich aus neuer ästhetischer Formgebung politisches Bewusstsein und eine Revolution ergebe, so legitim es ist eine revolutionäre Kunstrichtung zu propagieren, so totalitär ist doch der Anspruch alle Kunst, die nicht dem Ziel und der Propganda für Klassenkampf und Revolution dient, als reaktionär, kleinbügerlich und als Nicht-Kunst oder als Nicht-Avantgarde zu denunzieren, ja wenn man die Macht hat, dann auch zu unterdrücken und als entartete oder reaktionäre Kunst auszulöschen. Nur eine proletarisch-manieristische Monokultur um die ewig politischen Themen zu haben ist der Tod jeder Kreativität, auch wenn dies kubistisch, expressionistisch oder als Multimediainstallation variert und durchdekliniert würde. Wenn Trotzkis revolutionäres Kunstmanifest keine Anhänger fand, so erklärt sich dies nur zum Teil derfolgt:

„Mit welch enormen Problemen sich die Vertreter der revolutionären Strömung herumschlagen mussten, beweist die Tatsache, dass die Gründung einer Internationalen Föderation unabhängiger revolutionärer Kunst, zu der das Manifest aufrief, nicht zustande kam. Sie fiel den heftigen Anfeindungen des stalinistischen Apparats, dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs und der Ermordung Leo Trotzkis zum Opfer.“

Es dürfte aber vor allem daran gelegen haben, dass Trotzki einen ebenso engen, kleinkarierten, monokulturellen Totalitaritätsanspruch an Kunst und Avantgarde gehabt hat, der von vielen Intellektuellen und Künstlern als der Tod jeder Kunst und geistiges Vakkum und Einengung von Kreativität empfunden wurde, da er Kunst auch nur als revolutionäres Propagandamittel für die kommunistische Partei sah.

Grundsätzlich gilt aber: Kunst verändert die Gesellschaft nicht aus sich heraus, ist mehr Widerspiegelung gesellschaftlicher Veränderungen als sie selbst einzuleiten. Der Unterbau bestimmt immer zumeist den Überbau, das Sein das Bewusstsein.Oder wie heißt es immer so abstrakt und allgemeingültig: „Man muss einen Künstler/Menschen immer aus seiner Zeit heraus verstehen“. Und Zeit bedeutet eben; Aus seinen gesellschaftlichen Verhältnissen und dem jeweiligen Zeitgeist gegen den er opponiert, falls er nicht selbst systemaffirmierender Apologet dieses Zeitgeists ist, was es ja auch bei Künstlern zur Genüge gab. Und viele haben auch mit ihrer Formänderung des Stils nie eine gesellschaftliche Umwälzung bewirkt, sondern nur die Modernisierung des bestehenden Systems, das dann netter anzusehen war. Und sei es ein Andy Warhol, der von linken Kulturkritkern als Ikone der Konsumismus- und Massenwarengesellschaft und deren Werbungskritik  stilisiert wurde, aber faktisch nur die Werbungsplakaterei wie sein Freund Lichtenstein auf die Spitze trieb.

Und über Kunst und den kapitalistischen Kunstmarkt haben wir jetzt noch gar nicht gesprochen, wie auch nicht über die ganze Kunsthörigkeit des Bildungsbürgertums, das seine quasireligiösen Erlebnisse bei Vernisagen hat und sich dem Allgott des Künstlers völlig untertänig keine Fragen zu stellen traut, was sein Werk eigentlich bedeuten soll, aber seine Sammlerwerte bei Lachshäppchen und Champagner sehr wohl zu taxieren weiß. Kurz: Kein Interesse an Kunst, aber am Sammlerwert und dem gesellschaftlichen Prestigeals Bildungsbürger, der sich auf möglichst viel Kunstveranstaltungen sehen lässt und gesehen wird und vielleicht auch kauft, um zu zeigen dass man finanzkräftig ist. Also mehr Rumgeprotze denn Kunstinteresse und neuerdings ärgert man sich dann über jene kulturlosen russischen Neureichen und Oligarchen, die bei jeder Kunstauktion so wahrlos alles einkaufen und ersteigern und die westlichen Vertreter unverschämterweise überbieten und das Kunstwerk dann neben einen der vielen teuren Sportwägen in der Garage aufhängen.

 

Über Ralf Ostner

Ralf Ostner geboren 1964 in Frankfurt am Main, 1984 Abitur in Bayern--Leitungskurse: Physik und Kunst/ Schülerzeitung. Studium der Physik (Nebenfächer: Mathematik, Chemie), Wirtschaftsgeographie (Nebenfächer: BWL, VWL) und Studium der Sinologie. 1991 Abschluss als staatlich geprüfter Übersetzer in der englischen und chinesischen Sprache am Sprachen- und Dolmetscher-Institut/München (Leiter der Chinesisch-Abteilung: Herr Zhang, ehemaliger Dolmetscher von Deng Xiaoping und Franz-Josef Strauß).Danach 5 Jahre Asienaufenthalt: China, Indien, Südostasien (u.a. in Kambodscha während des ersten Auslandseinsatzes der Bundeswehr, Interviews mit Auslandschinesen, Recherche im Karen-Guerillagebiet in Burma, Unterstützung einer UNO-Mitarbeiterin während den Aufständen in Nepal und bei UNO-Arbeit in Indien), Australien. Danach 5 Jahre als Dolmetscher, Delegationsbegleiter und Übersetzer in München. Abendstudium an der Hochschule für Politik /München (Schwerpunkt: Internationale Beziehungen). Abschluss als Diplom-Politologe (Diplomarbeit: Die deutsch-chinesischen Beziehungen 1989-2000 unter besonderer Berücksichtigung der SPD-Grünen-Regierung). Delegationsbegleitung von Hu Ping, Chefredakteur der chinesischen Dissidentenzeitung "Pekinger Frühling" (New York)und prominentester Vertreter eines chinesischen Liberalismus bei seiner Deutschlandtour (Uni München, Uni Mainz, Berlin/FU-Humboldt) bei gleichzeitigem Kontakt mit Liu Liqun (Autor des Buches "Westliches Denken transzendieren"/ heute: Deutschlandberater der chinesischen Regierung).Chefredakteur der Studentenzeitschrift UNIPOL . Projekte am Goethe-Institut und bei FOCUS TV. Seit 2000 Übersetzer (chinesisch-deutsch), Graphiker, freier Schriftsteller und Blogger.
Dieser Beitrag wurde unter Allgemein veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.