Ernst Nolte, der Historikerstreit und die Relativierung des Holocaust

Heute sind im Münchner Merkur drei Leserbriefe veröffentlicht, die allesamt den gerade verstorbenen Ernst Nolte verteidigen, welcher in den 80er Jahren für den zweiten Historikerstreit nach der Fischerkontroverse der 60er Jahre sorgte. Zum einen seine These, dass der Gulag ursprünglicher als Auschwitz war. Nolte hat insofern recht, dass viele der faschistischen Bewegungen eine Reaktion auf die Bolschewiki und den roten Terror waren, man könnte aber auch mal fragen, ob die millionenfache Menschenvernichtung des Ersten Weltkriegs und die Krisen des Kapitalismus nicht ursprünglicher und ursächlich für die Entstehung des Kommunismus waren, man die Kausalitätskette also locker verlängern könnte. Wobei auch der Kommunismus keine Zwangsläufigkeit war, denn es gab für die Arbeiterbewegung ja auch die Sozialdemokratie als Alternative, zumal auch die KPD in der Weimarer Republik nicht einmal ansatzweise eine Chance hatte, die Macht zu erlangen.

Man könnte also auch den Kommunismus als Reaktion auf die imperialistische Politik der alten Eliten sehen, die zudem tatkräftig über Harzburger Front oder Hitlers Ernennung zum Kanzler den Faschismus, auch den deutschen Nationalsozialismus später kräftig beförderten.Eine Frage, die Nolte bezeichnenderwesie bei seinem Aktion-Reaktionsschema gar nicht stellt und bewußt ausklammert. Der Kommunismus wird als der Urknall gesehen, vor dem zuvor nichts war, als der eigentliche Ursprung dieses Henne-oder Ei-Schemas.

Zudem Hitlers NSDAP die imperialistische Politik der alten Eliten nur radikalsierte und man den Nationalsozialsmus mit seinem „Deutschland, Deutschland über alles“ also auch als gewisse Kontinuität des deutschen Imperialismus interpretieren könnte, die erst mit dem Einmarsch der Allierten und der bedingungslosen Kapitulation im Zweiten Weltkrieg weitgehendst gebrochen wurde.

Ebenso vergisst er auch den spanischen und italienischen Faschismus, die nicht antisemitisch bestimmt waren vom liquidatorischen Rassismus und Antisemitismus des deutschen Nationalsozialismus zu unterscheiden. Eine Reaktion auf den Kommunismus kann auch ohne Faschismus, geschweige denn einen massenmörderischen Holocaust erfolgen, zumal ja in den USA und GB auch eine Demokratie gegen den Kommunismus recht stabil ausreichte und auch bei einer Weiterregentschaft Stresemanns die Demokratie erhalten geblieben wäre und der Weltkrieg samt Holocaust verhindert worden wäre.

Ob also der Faschismus und im speziellen deutschen Fall der Nationalsozialismus samt Holocaust dann quasi solch eine Zwangsläufigkeit waren, wäre auch mal zu untersuchen.So klingt dies alles danach, als sei der Holocaust eine zwangsläufige Form des Faschismus, bzw. eine zwangsläufige Reaktion auf den Kommunismus gewesen–alternativlos und verständlich sozusagen. Ein Leserbriefschreiber weist auf den „Holodomor“der Kommunisten hin, womit der Holocaust mit dem Gulag verglichen und quasi verrechnet wird.

Desweiteren ist es nicht so, dass Ernst Nolte den Holocaust, bzw. Auschwitz geleugnet hätte. In seinen „Historische Tabuisierungen in Deutschland“schreibt er, dass man von Ausschwitz im weiteren Sinne, im mittleren Sinne und im engeren Sinne unterscheiden müsse, da unter den Begriff alles mögliche subsumiert und verstanden würde.

http://www.ernst-nolte.de/historie.html

Auschwitz im weiteren Sinne schließe die Judenmorde der SS-Sonderkommandos und der Wehrmacht in den besetzten Gebieten und an der Front ein, Auschwitz im mittleren Sinne auch andere Vernichtungslager und Auschwitz im engeren Sinne eben das Vernichtungslager Auschwitz allein. Diese Differenzierung des unklaren Sprachgebrauchs hält er für nötig, da man ansonsten über unterschiedliche Dinge rede.

Grenzwertig und eindeutig revisionistisch wird es dann aber wieder, wenn Nolte die Ermordetenzahlen mit Seuchen und Epidemien verrechnet, diese in Zweifel zieht und auch den Fred-Leuchter-Bericht als diskussionswürdig benennt. Bis dahin war der Leuchterreport nur als Holocaustleugnungsdokument für deutsche Neonazis angesehen, die in den 90er Jahren in München den sogenannten Leuchterkongress unter dem Slogan „Wahrheit macht frei“ abhielten, welcher vom Verfassungsschutz observiert wurde und auch im Verfassungsschutzbericht in der Rubrik „Rechtsradikalismus“ zu Ehren kam.Was deutsche Neonazis nicht dürfen, das scheint man bei einem Akademikare wie Nolte durchgehen zu lassen. Hier wird eindeutig die Grenze zum Revisionismus und zur Relativierung des Holocausts überschritten.Von daher war es notwendig ihn politisch zu isolieren und seinen Thesen vehement zu widersprechen und zu bekämpfen. Nolte erhielt dann auch nur noch Zustimmung aus dem rechtsradikalen Lager , von Nationalkonservativen und der Neuen Rechten, sorgte aber nicht für einen Paradigmenwechsel in der deutschen Geschichtsschreibung. Der damalige Historikerstreit führte eher zu einer Schwächung rechter Geschichtsschreibung, denn zu einem Revisionismus.

Jedoch gibt es nach dem Historikerstreit nun neuerdings zahlreiche Versuche der Rehabilitierung von Seiten bürgerlicher Kräfte der sogenannten Mitte:

„Der Historiker Ernst Nolte, der am Donnerstag im Alter von 93 Jahren einer kurzen, schweren Krankheit erlag, starb, was seine akademische Reputation betrifft, schon vor 30 Jahren. Der Historikerstreit, den er 1986 mit seiner Verharmlosung des Nationalsozialismus auslöste, endete mit seiner Niederlage und Isolation.

Namhafte Intellektuelle und Historiker, wie Jürgen Habermas, Hans-Ulrich Wehler, Heinrich August Winkler, Hans Mommsen und Eberhard Jäckel, griffen ihn scharf an und wiesen nach, dass er die schlimmsten Verbrechen der Menschheit relativierte. Fortan bewegte sich Nolte nur noch in ultrakonservativen und offen rechtsextremen Kreisen.

Trotzdem erfolgte Noltes ideologische und politische Wiederauferstehung bereits vor seinem physischen Tod. 2000 verlieh ihm die Unions-nahe Deutschland-Stiftung den Konrad-Adenauer-Preis. Die CDU-Vorsitzende Angela Merkel weigerte sich allerdings, den Preis persönlich an Nolte zu übergeben. Die spätere Kanzlerin, die ihren steilen politischen Aufstieg nicht zuletzt ihrem ausgeprägten Sinn für Opportunität verdankt, hielt das damals noch für karriereschädlich.

Inzwischen hat sich das geändert. Führende Medien – Die Welt, Der Spiegel, The European – boten Nolte in den vergangenen Jahren eine Plattform für seine geschichtsrevisionistischen Thesen, ohne dass sich dagegen Widerspruch erhob. Jörg Baberowski, Historiker an der Berliner Humboldt-Universität, bescheinigte ihm 2014 im Spiegel: „Nolte wurde unrecht getan. Er hatte historisch recht.“ (…)

Nun spenden die Nachrufe Nolte mit wenigen Ausnahmen Lob.

Berthold Seewald schreibt in der Welt, dass „viele Vorwürfe des Historikerstreits einer Überdramatisierung entsprangen“, und beschwert sich über die „erprobte Methode, unliebsame Thesen mit ihrer – scheinbaren – Nähe zu Nolte zu desavouieren“.

Bernhard Schulz schwärmt im Tagesspiegel und auf Zeit Online: „Um das Verstehen ging es ihm; nicht um das bloße Wer und Was, sondern um das Warum der Geschichte. Ein Geschichtsphilosoph ist er, mit gewissem Unterton, genannt worden; angesichts seines Lebenswerks stellt es eine Auszeichnung dar.“

Und Lorenz Jäger führt in der FAZ die „fühlbare Isolation“ Noltes auf die „harten Angriffe“ seiner Gegner und „eigenes Missgeschick“ zurück – als wäre die Rechtfertigung von Nazi-Verbrechen ein bloßes „Missgeschick“.

Dabei hat Nolte seine ultrarechten Auffassungen mit steigendem Alter keineswegs gemäßigt, sondern immer offener artikuliert.

Hatte er im Historikerstreit seine These, der „‘Klassenmord‘ der Bolschewiki [sei] das logische und faktische Prius des ‚Rassenmords‘ der Nationalsozialisten“ gewesen, noch in eine esoterische Sprache gefasst und mit einem Fragezeichen versehen, steigerte er in den 1990er Jahren die Verharmlosung des Nationalsozialismus bis an die Grenze der Holocaustleugnung.

So antwortete er 1994 in einem Spiegel-Interview auf die Frage, ob er „Zweifel an der gezielten Massenvernichtung der Juden durch Gas“ habe: „Ich kann nicht ausschließen, dass die meisten Opfer nicht in den Gaskammern gestorben sind, sondern dass die Zahl derer vergleichsweise größer ist, die durch Seuchen zugrunde gingen oder durch schlechte Behandlung und Massenerschießungen.“ Die Untersuchung der Gaskammern auf Blausäurespuren durch den amerikanischen Holocaust-Leugner Fred Leuchter nannte er „wichtig”.

Im selben Jahr bezeichnete Nolte die „unterschiedslose Stigmatisierung des ‚Antisemitismus‘“ als „bloßes, wenngleich erstaunlich erfolgreiches Kampfmittel“. Vier Jahre später behauptete er, Hitler habe „schwerwiegende Gründe“ gehabt, die Juden seit 1939 als feindlich gesinnt zu betrachten „und entsprechende Maßnahmen zu ergreifen“.

2014 zitierte ihn der Spiegel – im selben Artikel, in dem ihm Baberowski bescheinigte, er habe „historisch recht“ gehabt – mit der Behauptung, Polen und Engländer trügen eine erhebliche Mitverantwortung für den Zweiten Weltkrieg, weil sie sich nicht mit Hitler geeinigt hätten. Den Juden unterstellte er einen „‘eigenen Anteil am Gulag‘, weil einige Bolschewisten Juden waren“.

Im September des gleichen Jahres veröffentlichte das Magazin The European unkommentiert einen Artikel Noltes unter dem Titel „Das Tabu brechen“. Darin beklagte Nolte, dass Hitler nach der Niederlage Deutschlands „vom Befreier zum ‚absolut Bösen‘“ gemacht geworden sei, „von dem ernsthaft und wissenschaftlich nicht gesprochen werden“ könne. „Diese einseitige Sicht schadet uns noch heute.“

Man vermisse in der offiziellen Politik der Bundesregierung „Tendenzen der ‚Selbstbehauptung‘“, als deren „vergessener Repräsentant“ Hitler erscheinen könne, erklärte Nolte weiter. Er nannte als Beispiel Hitlers Bemühungen, die „Tendenz zum ‚Volkstod‘“ zu bekämpfen, und warf der Bundesregierung „eine Politik der Tolerierung und sogar der Förderung einer ungeregelten Immigration“ vor.“

http://www.wsws.org/de/articles/2016/08/20/nolt-a20.html

 

Über Ralf Ostner

Ralf Ostner geboren 1964 in Frankfurt am Main, 1984 Abitur in Bayern--Leitungskurse: Physik und Kunst/ Schülerzeitung. Studium der Physik (Nebenfächer: Mathematik, Chemie), Wirtschaftsgeographie (Nebenfächer: BWL, VWL) und Studium der Sinologie. 1991 Abschluss als staatlich geprüfter Übersetzer in der englischen und chinesischen Sprache am Sprachen- und Dolmetscher-Institut/München (Leiter der Chinesisch-Abteilung: Herr Zhang, ehemaliger Dolmetscher von Deng Xiaoping und Franz-Josef Strauß).Danach 5 Jahre Asienaufenthalt: China, Indien, Südostasien (u.a. in Kambodscha während des ersten Auslandseinsatzes der Bundeswehr, Interviews mit Auslandschinesen, Recherche im Karen-Guerillagebiet in Burma, Unterstützung einer UNO-Mitarbeiterin während den Aufständen in Nepal und bei UNO-Arbeit in Indien), Australien. Danach 5 Jahre als Dolmetscher, Delegationsbegleiter und Übersetzer in München. Abendstudium an der Hochschule für Politik /München (Schwerpunkt: Internationale Beziehungen). Abschluss als Diplom-Politologe (Diplomarbeit: Die deutsch-chinesischen Beziehungen 1989-2000 unter besonderer Berücksichtigung der SPD-Grünen-Regierung). Delegationsbegleitung von Hu Ping, Chefredakteur der chinesischen Dissidentenzeitung "Pekinger Frühling" (New York)und prominentester Vertreter eines chinesischen Liberalismus bei seiner Deutschlandtour (Uni München, Uni Mainz, Berlin/FU-Humboldt) bei gleichzeitigem Kontakt mit Liu Liqun (Autor des Buches "Westliches Denken transzendieren"/ heute: Deutschlandberater der chinesischen Regierung).Chefredakteur der Studentenzeitschrift UNIPOL . Projekte am Goethe-Institut und bei FOCUS TV. Seit 2000 Übersetzer (chinesisch-deutsch), Graphiker, freier Schriftsteller und Blogger.
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