Es lebe die Volksgesundheit– Zigarettenschockbilder, der Kapitalismus und die Euthanasie

Ja, es gab noch eine Zeit, wo man schlemmern, saufen, rauchen, kopulieren konnte, wie man wollte, dem Hedonismus freie Bahn gegeben wurde.Diese Freiräume scheinen nun immer mehr beschnitten zu werden. Man merkt dies an konkreten Beispielen. Ich selbst bin Raucher seit dem 12. Lebensjahr und bisher stiess man da auf keine Einschränkungen. Doch neuerdings gibt es Rauchverbot in Lokalen und öffentlichen Räumen, wie auch Firmen, wird man von anderen Menschen wegen einer Zigarette oder einem Weißbier als Aussätziger behandelt, ja auch scheel angesehen und nun gibt es seit Beginn des Monats jene nette Abschreckungsbilder auf jeder Zigarettenschachtel. Die Bilder setzen dabei auf zwei Überzeugungsstränge. Zum einen, wie der Raucher anderen und Dritten schadet—man sieht Verwandte, die um ein Kranken- und ein Sterbebett herum sitzen oder Babys mit Schnuller, in dem eine Zigarette eingebaut ist oder ein Baby, das den rauchenden Vater, der es auf dem Arm hat zurückstösst und am Hals würgt. Zum zweiten die Schockbilder der eigenen Betroffenheit—rausoperierte Kehlköpfe mit Luftröhrenschnitt, Zungenkrebs, blutigem Auswurf, Raucherbeine,etc.

Nun möchte ich nicht behaupten, dass Rauchen gesundheitsfördernd ist, es ist durchaus schädlich. Aber ist es das allein? Mit derselben Berechtigung könnte man auf Coca Colaflaschen oder Puddingbecher abgefaulte Diabetikerbeine , übergewichtige Menschen, auf Fleischprodukte im Cholesterinschock befindliche Komapatienten bringen, ja jedes Nahrungs- und Genussmittel so auf seine gesundheitsschädlichen Nachfolgen plakatieren.Irgendwie findet sich irgendwas immer.

Die Rezipienten reagieren damit unter anderem mit Verdrängung. Man kauft sich Etuis und Lederhüllen, um die Bilder abzudecken und man macht auch Witze darüber, die jeder Raucher drauf hat. Sei es der kommende Atomkrieg, die Umweltkatastrophe, die es sowieso egal machten, wie man lebt oder den vielzitierten Helmut Schmidt, der als Kettenraucher krebsfrei immerhin das 90. Lebensjahr überschritt. Zudem gibt es mehr als genug Beispiele von gesundlebenden Menschen, die ebenso krank wurden, Krebs bekamen, einen Herzinfarkt oder einen Schlaganfall erlitten. Zwar statistisch weniger, aber eben immer noch signifikant und auch ein gesundes Leben ist keine Garantie gegen ein verfrühtes Ableben oder eine Verelendung.

Oft wird auch mit Kostengründen argumentiert. Ein Kranker kostet der Volksgesundheit horrende Summen, deswegen müsse man gesund leben. Die nicht so gesund Lebenden argumentieren wiederum ebenso mit Kostenargumenten, nämlich, dass man früher versterbe und dem Staat und der Gesellschaft da lange Renten- und Pflegezahlungen erspare. Jedenfalls sind wir beim wesentlichen Punkt der Volksgesundheit, nämlich, dass sie als Kostenfaktor begriffen wird. Und hier kommen wir eben wieder in die Abhängigkeit vom Wirtschaftssystem. Der Kapitalismus ist ein Wirtschaftssystem mit systemimmanenten Wirtschafts- und Finanzkrisen.

Während es den Nachkriegsboom gab, so endete dieser doch spätestens mit der Asienkrise als erster Krise der Globalisierung, dann der Dotcomkrise und nun eben der Finanzkrise 2008, die auch nicht die letzte Krise sein wird. Das Wirtschaftssystem sorgt dafür, dass die Verteilungsspielräume und die Generosität und Liberalität bezüglich gewisser Lebensstile aus Kostengründen dramatisch eingeschränkt werden muss. Während dem Nachkriegsboom erlebt man die Fresswelle, in den 50er und 60er Jahren schlemmerte man, rauchte man, soff man, wie man auch immer beim Internationalen Frühschoppen von Werner Höfer beobachten konnte. Fettleibigkeit, Trinkfestigkeit, Rauchen gehörten da zum guten Ton.

Das erste Umdenken kam mit den Hippies und den 68ern, die den dickbäuchigen, trinkenden und fressenden Spießer als Feindbild hatten, dem aber kein gesundheitlichorientiertes Gegenprogramm gegenüberstellten, sondern eben nur die Schlankheit, Langhaarigkeit, das Kiffen und psychodelisch-exzessiven Drogenkonsum als Gegenposition brachten,wobei auch immer noch viel geraucht und gesoffen wurde.Der Unterschied der 68er und der Hippies zu den Nachkriegsspießern war auch die sexuelle Revolution, die das allseitige Kopulieren zum Modetrend machte. „Wer einmal mit derselben pennt, gehört schon zum Establishment“. Das war zwar eine Neuerung zu den bis dahin spießigen Beate-Uhse-Shops, doch freundeten sich auch das konservative Bürgertum mit diesen Ideen partiell an, wofür dann Gunther Sachs als Playboy des Establishments stand.. Der exzessive Lebenstil wurde auch unter den Hippies und 68ern  in der Boomrepublik nicht infrage gestellt, sondern eben nur modernisiert und verbreitert.

In den 70er Jahren gab es zwar schon die Trimmdichwelle infolge der Vergabe der Olympischen Spiele nach Deutschland, aber der erste wesentliche Wandel kam erst in den 80er Jahren.Mit Arnold Schwarzeneggers „Conan, der Barbar“, mit Hanoi-Jane Fondas Aerobicvideos wurde die erste Bodybuilding- und Fitnesswelle eingeleitet, wenngleich der Bundeskanzler immer noch ein saumagenschlemmernder, weintrinkender, gemütlicher Dicker namens Kohl war.Aber in den 80er Jahren wurde Fitness, Bodybuilding und Körperkult auch aufgrund der Leni-Riefenstahlmässigen Werbephotographie mit muskulösen Adonisen für die Parfümwerbung zum ersten Vorreiter der Volksgesundheitsbewegung.Der hühnerbrüstige Hippie, der kiffte war urplötzlich out.

Diese Bewegung hat sich mit der extensiven Welle von Fitnessstudios imganzen Land inzwischen zum Massenphänomen erweitert.Bodybuilding hat inzwischen zugunsten von Fitness abgenommen und diese wiederum zuguinsten von Wellness, da nun nicht nur der Körper, sondern auch die Seele angesprochen werden soll. Vegetariertum, Vegantertum, Nichtraucherbewegung haben sich seitdem auch ausgebreitet. Man trinkt zudem auch nur noch Mineralwasser, Weißbier gilt da als prekäres und abgründiges Getränk.

Die Loveparade der 90er und 2000er Jahre war dann der Bodykult zur Exzellenz gebracht, wenngleich noch mit psychodelischen Einsprengseln wie Techno und Ecstasy. Aber dann auch immer weniger und es war kein Zufall, dass die Love Parade dann von Berlin nach Duisburg umsiedelte, nachdem ein Fitnessstudiobesitzer diese als sein grosses Massenspektakel unter seine Fittiche bekam.

Nun aber wird auch mittel der staatlichen EU- Stellen und des deutschen Gesundheitsministeriums infolge der Finanzkrise gelenkt eingegriffen und sind die Raucher der erste Angriffspunkt. Zum einen über die Nichtraucherverordnung, die auch als Volksentscheid daher kam, zum anderen über die nun verodeneten Schockbilder auf Zigarettenpackungen, die nicht die letzte Maßnahme, sondern erst der Beginn sein dürften, die Volksgesundheitsbewegung zu verbreitern. Wahrscheinlich kommt als nächstes, dass Krankenkassen Risikobeiträge von gesundheitlich nicht so optimal lebenden Menschen erheben, dass Gesundheitsbänder am Armgelenk und Apps die jeweiligen Gesundheitsdaten an Ärzte und Krankenkassen weitergeben. Dass man eine Genbestimmung macht und erblich bedingte Krankheiten taxiert und als Risikogruppe ausselektiert.

Vor allem aber bleibt ein Grundwiderspruch: Die Überalterung der Gesellschaft. Schon jetzt werden mindestens die Hälfte der Menschen, die 45 Jahre in die Sozialsystem und Krankenkassen einbezahlten, bestenfalls in Massenarmut und Grundsicherung landen. Wie man dann ihre Pflege bezahlen soll für den Invaliditäts- und Altersfall, bleibt ein Rätsel. Zumal kommen immer weniger Einzahler in die Systeme, so dass man diese bestenfalls durch Einwanderung von Fachkräften, die die meisten Flüchtlinge ja nicht darstellen, kompensieren müsste.

Aber dann kommt auch noch die Digitalsierung und die Industrie 4.0, die eine Rationalisierung und mindestens Abbau von 40% der bekannten Arbeitsplätze bedeuten wird bei ungewisser Aussicht, ob dadurch im gleichen Masse auch neue Arbeitsplätze entstehen. So grausig es klingt: Es ist durchaus denkbar, dass aufgrund der kapitalistischen Krise, der Überalterung und der Industrie 4.0  die Volksgesundheitsbewegung wieder über aktive Masseneuthanasie nachdenken wird, obgleich Industrie 4.0 ja neue Reichtumszuwächse bedeutet und auch zu einer Humanisierung der Arbeit, Verkürzung der Arbeitszeiten und einem bedingungslosen Grundeinkommen führen könnte.Aber insofern man der kapitalistischen Logik folgt, wird man um eine Masseneuthanasie nicht herumkommen.

Der verstorbene Frank Schirrmacher hatte dies ja einmal thematisiert und als Zukunftsberufszweig einen staatlich bestellten Sterbeberater in Aussicht gestellt, der den Kränkeren und Schwächeren nahelegt patriotisch und sanft zu entschlummern—mit staatlicher Hilfe.Eigentlich eine Vision, wie sie auch der Film „Salient Green“oder „Logan´s Run/Flucht in die Zukunft“ schon in den 70er Jahren ausmalte. Und schon bei den Nazis gab es in den Schulbüchern Bilder, in denen eine gesunde deutsche Familie und behinderte Menschen mit der Rechenfrage gegenübergestellt wurde: Wieviele gesunde deutsche Familien kostet ein Behinderter und kranker Mensch?

 

Über Ralf Ostner

Ralf Ostner geboren 1964 in Frankfurt am Main, 1984 Abitur in Bayern--Leitungskurse: Physik und Kunst/ Schülerzeitung. Studium der Physik (Nebenfächer: Mathematik, Chemie), Wirtschaftsgeographie (Nebenfächer: BWL, VWL) und Studium der Sinologie. 1991 Abschluss als staatlich geprüfter Übersetzer in der englischen und chinesischen Sprache am Sprachen- und Dolmetscher-Institut/München (Leiter der Chinesisch-Abteilung: Herr Zhang, ehemaliger Dolmetscher von Deng Xiaoping und Franz-Josef Strauß).Danach 5 Jahre Asienaufenthalt: China, Indien, Südostasien (u.a. in Kambodscha während des ersten Auslandseinsatzes der Bundeswehr, Interviews mit Auslandschinesen, Recherche im Karen-Guerillagebiet in Burma, Unterstützung einer UNO-Mitarbeiterin während den Aufständen in Nepal und bei UNO-Arbeit in Indien), Australien. Danach 5 Jahre als Dolmetscher, Delegationsbegleiter und Übersetzer in München. Abendstudium an der Hochschule für Politik /München (Schwerpunkt: Internationale Beziehungen). Abschluss als Diplom-Politologe (Diplomarbeit: Die deutsch-chinesischen Beziehungen 1989-2000 unter besonderer Berücksichtigung der SPD-Grünen-Regierung). Delegationsbegleitung von Hu Ping, Chefredakteur der chinesischen Dissidentenzeitung "Pekinger Frühling" (New York)und prominentester Vertreter eines chinesischen Liberalismus bei seiner Deutschlandtour (Uni München, Uni Mainz, Berlin/FU-Humboldt) bei gleichzeitigem Kontakt mit Liu Liqun (Autor des Buches "Westliches Denken transzendieren"/ heute: Deutschlandberater der chinesischen Regierung).Chefredakteur der Studentenzeitschrift UNIPOL . Projekte am Goethe-Institut und bei FOCUS TV. Seit 2000 Übersetzer (chinesisch-deutsch), Graphiker, freier Schriftsteller und Blogger.
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3 Responses to Es lebe die Volksgesundheit– Zigarettenschockbilder, der Kapitalismus und die Euthanasie

  1. Ralf Ostner sagt:

    Der Artikel sollte auch auf der Achse des Guten veröffentlicht werden, aber dem Chefredakteur Dirk Maxeiner gefiel der Zusammenhang von Volksgesundheit, Euthanasie und Kapitalismus gar nicht. Er schrieb:

    Lieber Herr Ostner,

    ich habe es mir jetzt nochmal in Ruhe durchgelesen. Ehrlich gesagt finde ich den Zusammenhang mit Wirtschaftskrise/Kapitalismus eine etwas zu steile These (zumindest so ursächlich formuliert), auch gegen die Euthanasie-Prognose könnte man einwenden, dass der Datenschutz auf diesem Gebiet zumindest bislang ganz gut funktioniert.

    Was mir gut gefällt ist die historische Rückschau und die geschilderten Zeitgeist-Erscheinungen gemäß dem Motto „schlank und gesund sterben“ (hab ich bei Udo Pollmer geklaut) – Wellness als Ersatzreligion. Könnte man sich da nicht mehr drauf konzentrieren?

    Herzliche Grüße

    Dirk Maxeiner

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    Ich antwortete darauf:
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    Hallo Herr Maxeiner,
     
    aber bei Wirtschaftskrisen, die sich tendenziell in den letzten Jahrzehnten immer weiter verschärft haben und dies auch in Zukunft tun werden schlägt der Kostenfaktor vielmehr durch.Und wie schon gesagt: Das war auch die Argumentation der Nazis in den Schullehrbüchern–da wurde die Volksgesundheit mit Rechenbeispielen den Schülern beigebracht.Volksgesundheit hat eben eine sehr ökonomische Seite und wenn da Kostencontroller die Herrschaft übernehmen, dann kann das auch sehr inhuman werden Man denke auch an die Äußerung des Präsidenten der deutschen Ärztekammer vom „sozialverträglichen Sterben“..Von daher nicht so weit hergeholt. Mit der Euthanasie zugegeben etwas provokant, aber früher hatten wir auch noch nicht die Überalterung in diesen Massen, zudem wird das Thema Altersarmut und Pflege kleingeredet im „Wir schaffen das“-Deutschland und selbst Frank Schirrmacher konnte sich solch ein Szenario ausmalen und der gehört zu den recht realistisch denkenden Menschen..Also ich würde es lieber so belassen. Die Kommentare können ja durchaus dagegen argumentieren, wenn´s nicht gefällt.
     
    Dazu glaube ich, dass man dieses Thema ruhig einmal zugespitzt diskutieren sollte. Früher konnte man sich auch keine Euthanasie, wie sie bei den Nazis betrieben wurde vorstellen, sie geschah dann aber doch. Und daher finde ich diese Volksgesundheitsbewegung eben auch brandgefährlich, wenn man da nicht einmal die potentiellen Abgründe thematisiert.Wenn es sich nur um einen Zeitgeistspleen handeln würde, wäre das Ganze ja ganz amüsant, aber es hat eben auch eine harte ökonomische Seite und Kostenersparnis bedeutet eben auch Kürzungen bei der Pflege und im krassesten Fall, dass man Kranke und Gebrechliche eben auch frühzeitig ableben lässt. Wenn Überalterung und tendenziell niedrige Wachstumsraten zusammenkommen oider gar Wirtschaftskrisen, kann das schnell ein extremes Gemisch geben.Daher finde ich es wichtig, mal auf diese Gefahr so deutlich und überspitzt hinzuweisen.Wenn dies nicht so eintreten sollte, soll mir das recht sein.Aber dioe Möglichkeit besteht. Und zum Datenschutz. Da gibt es auch Überlegungen der Krankenkassen Mitgliedern, die ihre Daten zur Verfügung stellen,niedrigere Beiträge zu gestatten.Zudem es ja auch mehr als genug Idioten gibt, die diese Daten freiwillig weitergeben und Leute, die das nicht wollen unter Zugzwang setzen, da sie verdächtigt werden, etwas zu verheimlichen.Also auch wieder eine Kostensache. Zudem bleibt abzuwarten, wie der Datenschutz bei der sich ausbreitenden Telemedizin dann gehandhabt wird.
     
    Mit besten Grüssen
     
    Ralf Ostner

  2. Ralf Ostner sagt:

    Ein Bekannter widersprach mir:
    ——————————————————————————————————————-
    Hi Ralf,

    ich würde da dem Maxeiner fast recht geben. Du ordnest die
    Anti-Raucher-Kampagnen in eine historische Erzählung ein, machst einen
    neuen Grundwiderspruch aus und kommst dann am Ende ziemlich unvermittelt
    mit der Euthanasie.

    Der historische Teil ist wichtig, weil er zeigt, dass die
    Gesundheitswelle und das Volksgesundheitsbewusstsein nicht gar so
    selbstverständlich sind, sonder nur massenpsychologisch und
    ideologiekritisch zu begreifen sind. Allerdings würde ich mit der
    Geschichte in den 70ern und der Öko-Bewegung beginnen; davor gibt es
    keine eindeutige Entwicklung, sondern nur Beispiele – und zwar sowohl
    für die (vielleicht berechtigte) Sorge um die Volksgesundheit (z.B.
    Kampagnen gegen den billigen Gin oder die Prohibitionisten in den USA),
    aber auch für die Absage an Alkohol, Nikotin und Sex als Abgrenzung von
    der bierseligen Gemütlichkeit (was es schon bei der Jugendbewegung
    anfang des 20. Jhdts gab, davor bei vegetarischen Sekten und davor
    natürlich bei den Mönchen, die sich ja entgegen des Cliches auch beim
    Alkoholkonsum mäßigen sollen). Und diese beiden Trends gibt es auch
    heute: einerseits gibt es die Sorge um die Volksgesundheit und seinen
    eigenen Beitrag dazu: die Leute machen sich fit für die Konkurrenz und
    verlangen das auch von den anderen; andrerseits gibt es auch ganz
    narzistische Gesundheitsapostel die nur ihr bloßes Leben maximieren
    wollen ohne darüber nachdenken zu müssen, welchen Inhalt es hat.

    Ansonsten, meine Güte, man KANN natürlich differenzieren. Ganz so
    geradlinig war auch die Entwicklung seit den 70ern nicht, in der
    Biergartenstadt München ist es schwer vorstellbar, dass jemand wegen
    eines Weißbiers oder einer Zigarette scheel angesehen wird – es kommt
    natürlich darauf an WO und mit WEM man raucht und trinkt, was widerum
    auf die soziale und kulturelle Aufspaltung der Gesellschaft verweist.
    Statistisch gesehen nimmt der Tabak-Konsum zwar ab (wenn auch nicht
    annähernd so wie die Propaganda will), der Alkoholkonsum ist aber stabil
    und der Junk-Food-Konsum nimmt zu – dass die Leute heute also allgemein
    gesündert leben würden, halte ich für ein Gerücht.

    Dein zweiter Punkt ist der neue Grundwiderspruch. Über die
    „Überalterung“ der Gesellschaft haben wir schon in Sozialkunde
    diskutiert, schon in den 80ern wurde mit diesem Argument zum Angriff auf
    den Sozialstaat geblasen. Ich empfehle hier einen Blick auf die reale
    Wirtschaftsentwicklung, z.B.

    http://www.pdwb.de/w_bipred.htm (zweites Schaubild)

    Es war also – trotz „Überalterung“, trotz zeitweiliger Arbeitslosigkeit,
    trotz demographischer Probleme – fast jedes Jahr MEHR Reichtum
    vorhanden. Dass Rentner, Arbeitslose und andere „sozial Schwache“ von
    diesem Reichtum mehr und mehr ausgenommen sind, ist richtig: aber das
    liegt eben nicht an einem objektiven Problem (und bei Dir klingt es ein
    wenig so).

    Zum Industrie-4.0-Hype und Deiner steilen These zu den 69ern ein
    andermal.

    Deine letzte These oder Assoziation zur Euthanasie ist etwas
    enttäuschend, weil aktive Euthanasie eben gerade nicht auf dem Programm
    steht. Klar ist einem Sloterdijk oder irgendeinem Utlilitarsten
    zuzutrauen, dazu allerlei querdenkerische Sachen zu formulieren; aber
    zumindest mittelfristig wird es das nicht geben. Das Problem ist, dass
    diese Übertreibung in eine Verharmlosung umschlägt. Nichtraucher werden
    älter als Raucher; aber Reiche werden noch viel älter als Arme. Das lag
    schon immer daran, dass der exzessive Gin-Konsum kurzfristig durchaus
    wohltuend ist. Wartelisten, Einschränkungen auf erfolgversprechenden
    Behandlungen und Selbstbeteiligungen tun ihr übriges.

  3. Ralf Ostner sagt:

    Hi ,
    natürlich ändere ich nichts an meinen Texten, da sie eine These/Hypothese sind gegen die man argumentieren kann–z.B. in Kommentaren. Vielleicht schreibe ich dann einen neuen, aber der alte wird nicht geändert, da er ja die Ausgangsbasis ist, auf der man diskutiert.

    Zweitens machst du mit deiner Frankurter Schule denselben Fehler, den meiner Ansicht nach auch Dirk Maxeiner macht. Die Volksgesundheitsbewegung nur als ideologisches Phämomen, als Zeitgeistspleen zu schildern, das nichts mit kapitalistischer Ökonomie zu tun hätte. Auch wundert mich, dass du so platt sagst, dass der Kapitalismus mehr Reichtum schaffe und das daher kein Problem sein dürfte. Aber das ist ja gerade nicht die Frage: Zwar schafft der Kapitalismus mehr Reichtum, er begrenzt aber den Zugang zu diesem Reichtum aufgrund seiner Akkumulationslogik immer mehr. Es sei denn du glaubst an den Trickle-down-Effekt und an die Mittelstandsideologie.Dass Volksgesundheit ein Kostenfaktor in der kapitalistischen Ökonomie ist, willst du wie Dirk Maxeiner schon gar nicht gelten lassen. Überalterung gibt es schon ,wenn nicht genug Einzahler oder Umverteilungen gemacht werden, die das ausgleichen könnten oder man eben ein anderes Wirtschaftssystem hat. Darüber diskutiert aber keiner, schon gar nicht die Achse des Guten. Da kommt ihr beide bestens zusammen, wenn man alles nur unter der Ideologiekritik abfasst. Dass es ökonomische Zwänge geben kann, wo man eben ein „sozialverträgliches Sterben“,eben eine Euthanasie organsieren könnte, kommt euch gleich gar nicht in den Sinn. Gab´s nicht, daher kann es das nie geben.Dachte man vor der Euthnasie und Auschwitz der Nazis auch.Die heutigen Zustände in den Altersheimen, die jede Menschenrechtskommission auf den Plan bringen müssten, sind gesellschaftlich akzeptiert und zumeist totgeschwiegen,wenn nicht gerade mal der Fussek sich meldet und der hat inzwischen auch schon resigniert..Der Personalmangel, die Überarbeit der Krankenpfleger wird sich auch nicht verbessern, zumal da schon einige selbst als Todesengel aktiv werden, weil sie das Elend nicht mehr sehen können. Und das soll dann bei den Babyboomern besser werden, wenn die alt sind und die Hälfte der arbeitstätigen Bevölerng mit der Rente in Altersarmut und in die Grundsicherung kommen, die Milliardenkosten für den Staatshaushalt bedeuten werden. Davon siehst du völlig ab und auch die Achse des Guten. Ihr vertraut auf eine bisher gekannte Wohlfühldemokratie, wie man sie ohne kapitalistischen Krisen noch kannte und das sich das irgendwie fortsetzt. Und gearde darin liegt der Denkfehler, denn Kapitalismus bedeutet eben Krisensytstem mit allen Folgen. Von daher kommt mir deine Ideologiekritik etwas losgelöst und abgehoben vor. Es ist zwar richtig, dass das alles nicht so streng deterministisch abgeht, aber eine sehr starke Wechselbeziehung zwischen Kapitalismus und Volksgesundheitsbewegung bleibt bestehen. Auch wenn die AfD in ihrem Programm den Punkt hat, dass das Gesunde gegenüber dem Kranken gefördert werden muss.Und wie gesagt: Die Lehrbücher der Nazis, wonach ein Behinderter eine gesunde deutsche Familie belastet, war genau diese kapitalistische Kostennrechnung, die auch Krankenkassen und viele Politiker und viele Teile des Volkes heute noch draufhaben.

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