Petrys AfD, das Völkische und das moderne Völkische

Die Vorsitzende der Partei AfD, Frauke Petry, plädiert für eine weniger negative Verwendung des Wortes „völkisch“. In einem Interview mit der Welt am Sonntag sagte die Politikerin, man müsse „daran arbeiten, dass dieser Begriff wieder positiv besetzt ist“. Die Annahme, „völkisch“ sei gleichbedeutend mit rassistisch, nannte Petry eine „unzulässige Verkürzung“.

Der Begriff sei letztlich ein Attribut zum Wort „Volk“, sagte die AfD-Chefin weiter. „Ich benutze diesen Begriff zwar selbst nicht, aber mir missfällt, dass er ständig nur in einem negativen Kontext benutzt wird.“

Der Begriff wurde seit dem Ende des 19. Jahrhunderts im nationalistischen und rassistischen Kontext verwendet. In der Zeit des Nationalsozialismus diente er zur Abgrenzung von allem „Fremdvölkischen“ und war damit eine entscheidende Vokabel der Ideologie.

Das Attribut „völkisch“, so meint Frauke Petry, sollte wieder positiv besetzt werden. Dieses Attribut war noch nie positiv besetzt. Nein, nicht erst mit dem Nationalsozialismus tauchte dieser Begriff im Kontext mit mörderischem Antisemitismus auf. Schon am Ende des 19. Jahrhunderts tauchte der Begriff „völkisch“ im Umfeld der Antisemiten auf. Das Attribut „völkisch“ leitete sich von „Volk“ ab. Die Begriffe „Volk“ und „völkisch“ dienten den Antisemiten eindeutig nur zur Abgrenzung. In den Augen der Antisemiten grenzten sich die Mitglieder eines fiktiv gedachten „deutschen Volkes“ von den Juden ab, die als minderwertig geschmäht wurden. Tatsächlich lebte im zentral in Europa gelegen deutschen Staat stets eine Mischbevölkerung.
Der Begriff „völkisch“ war eben nur für Antisemiten positiv besetzt.
Den biologistischen Antisemitismus, den damals ein Heinrich Claß oder ein Theodor Fritsch vertraten, übernahmen um 1920 bereits breite Teile der deutschen Nachkriegsbevölkerung. Die Nationalsozialisten ermordeten unter Benutzung dieser Begriffe sechs Millionen Juden.Durch die enge Verbindung mit dem eliminatorischen biologistischen Antisemitismus ist der Begriff „völkisch“ endgültig diskreditiert.

Das weiß auch Frau Petry, zu deren Vokabular der Begriff „völkisch“ nach eigener Angabe nicht gehört. Aber ihre Anhänger sollten den Begriff „völkisch“ positiv sehen, nach Belieben ausgrenzen und verfolgen sowie ihre „Führerin“ wählen? Das ist ja das Fußvolk?

Frau Petry erinnert an einen berühmten Historiker. Prof. Heinrich von Treitschke (1834 – 1896). Dieser veröffentlichte 1879 einen Artikel unter dem Titel „Die Juden sind unser Unglück“. Heinrich von Treitschke, dessen Vorlesungen besonders bei Corpsstudenten höchst beliebt waren und der keine Frauen in den Vorlesungen duldete, wies immer von sich, Antisemit zu sein. Seine Studenten ermunterte er aber umso eifriger, sich antisemitischen Gruppierungen anzuschließen.

Zu seinen Studenten gehörte nicht nur Alfred von Tirpitz, sondern auch jener Heinrich Claß, der 1919 an der Gründung des antisemitischen „Deutschvölkischen Schutz- und Trutz-Bundes“ beteiligt war. Dieser kleine Rückblick zeigt, wo Frauke Petrys Intention liegt. Selbst möchte die AfD-Vorsitzende im Hintergrund bleiben, während sie ihre Anhänger und Wähler gerade hierzu provoziert. Frauke Petry befindet sich mit dem Vorhaben, das Attribut „völkisch“ positiv zu bewerten, auf jeden Fall jenseits des demokratisch verfassten Rechtsstaates.

Inzwischen gibt es auf You Tube Videos , die das „moderne Völkische“ propagieren, wie auch von einer neuvölkischen Siedlerbewegung mit völkischen Eltern berichten–so etwa das Video „Das Moderne Völkische –eine große Vision für Deutschland?“von Hagen Grell–in dem Text zum Video heißt es:

„Alles, was nur die Silbe „Volk“ im Namen trägt, wird vom Mainstream dieser Tage als nazi-haft, schlimm und abgrundtief böse dargestellt. Meine Erlebnisse mit den „modernen Völkischen“ in Süddeutschland sind gänzlich anders: Sie sind weltoffen, traditionsbewusst, familiär, heimatverbunden und voller Tatendrang.“.

Das Establishment führe eine Kampagne gegen das Völkische und wolle es in Verbindung mit dem Nationalsozialismus bringen., wie dies der Verschwörungsautor Gerhard Wisnewski am Beispiel der Apothekenrundschau entlarvt habe.

Anfangs wußte ich nicht, ob das Video eine Satire ist, aber der Typ meint es ernst. Klingt zuerst wie ein Ökoliberaler oder wie ein Revival der Grünen und der Ökokommunenbewegung der Linken der 70er Jahre, wenn er nicht gegen Genderismus wäre, über die Natur des Menschen und die Naturgebote und von völkisch faseln würde gegen die die Ideologie des Genderismus sei. Wahrscheinlich ist dann Homosexualität auch unnatürlich und gegen die Naturgebote.Zumal die ähnlich gestrickten Ökokommunen sich eher als basisdemokratisch und dezentral verstanden und eben nicht als Volk und völkisch.
Das „moderne Völkische“ umfasst dabei laut Hagen Grell folgende miteinander verbundene konstitutive Elemente: Großfamiliengefühl, Naturgefühl, Heimatgefühl, dörfliches Leben, Spiritualität, Freiheit vom Staat,Sozialstaat so wenig wie möglich, Subsidaritätsprinzip, der handwerklich ganzheitlich gebildete Mensch, Autarkie, alte Elemente sollen mit modernen Technologien kombiniert werden–man will nicht wie die Amish sein. Diese deutsche, dörfliche, völkische Kultur sei von den 68ern kaputt und madig gemacht worden und müsse wiederentdeckt und wiederbelebt werden. Dabei waren es doch gerade Teile dieser 68er Linken, die die Ökobewegung und Landkommunen gerade ins Leben und als Massenbewegung riefen. Das verschweigt der rechte Grell, da ihm eben etwas anderes vorschwebt als der damaligen basisdemokratischen, pazifistischen , quasi basiskommunistischen Ökobewegung.
Inwieweit er die undefinierten Naturgebote und Naturgesetze auch als survival of the fittest und natürliche Auslese sieht, darauf geht er gar nicht ein.Das Wort Nationalsozialismus und eine klare Abgrenzung davon findet nicht statt, geradeso als hätte er nicht stattgefunden und sei das Völkische nicht gerade mit diesem, aber auch rassistischen Bewegungen verbunden gewesen.
Auch ist die Frage, warum den „modernen Völkischen“ der Begriff „völkisch“so immens wichtig ist und sie sich für ihre Inhalte nicht einen neuen oder nicht belasteten Begriff wählen können.
Selbst wenn Grell es anders meinen sollte, was aber auch nicht der Fall sein könnte, so wird er doch gerade durch diese Begriffswahl die Vergangenheit des „Völkischen“verharmlosen, zum anderen sicherlich Völkische anziehen, die seinem naturverbundenen Ökokonservatismus und Ökoliberalismus ganz anders auslegen und er sich zum Steigbügelhalter einer völkischen Bewegung machen, die wie die Romantik reaktionäre Bewegungen nach sich zog.Zumal eben auch die nicht näher definierten Naturgesetze und Naturgebote und die Natur des Menschen das offene Einfallstor für die extremsten Ideologien sein werden.
Ebenso ist dieses moderne Völkische eine utopische Deindustrialisierungsbewegung, die sich romantisch autarke, selbstversorgende dezentrale Siedler samt Siedlungsräumen vorstellt, die über eine Nischenexistenz hinaus im großindustrialiserten globalen Kapitalismus und seiner Urbanisierung auf ihrer eigen Scholle ohne industrielle Landwirtschaft existieren könne, also bei aller Betonung nicht wie die Amish zu sein und sich auch moderner Technologien bedienen zu wollen, antimodernistisch und ein Traumgebilde und Realitätsverweigerung ist. Aber völkisch und die Berufung auf das Volk impliziert, dass den modernen Völkischen dies als Volksbewegung und als Gesellschaftsmodell vorschwebt und nicht nur als alternative Nischenexistenz, denn das Video trägt ja den programmatischen Titel „Das Moderne Völkische –eine große Vision für Deutschland?“.
Aber wie bei den Nationalsozialisten und Nationalkonservativen, die ja auch Blut- und Boden-Schollenmythologie, Ritter- und Ordensvorstellungen, Naturromantik und Naturgesetze, den Bauern als Wehrbauern, dörfliches Leben  hochhielten, so wurde Deutschland eine völkisch-nationalistische-antisemitische Diktatur, die voll auf Großindustrie und Großmilitär setzte, um dann den Lebensraum im Osten aggressiv zu erobern und brutals und genozidal zu kolonialisieren. Von den utopischen Naturharmonievorstellungen blieb da nichts übrig. Diese hatten den Nationalsozialisten und Nationalkonservativen nur als Lockköder gedient, um die durch den technologischen, wirtschaftlichen und kulturellen Umwälzungen der Moderne und des Kapitalismus verunsicherte, überforderte und deklassierte kleinbürgerliche Mittelklasse durch reaktionär-romantische Sehnsuchtsvisionen für sich zu gewinnen.

Über Ralf Ostner

Ralf Ostner geboren 1964 in Frankfurt am Main, 1984 Abitur in Bayern--Leitungskurse: Physik und Kunst/ Schülerzeitung. Studium der Physik (Nebenfächer: Mathematik, Chemie), Wirtschaftsgeographie (Nebenfächer: BWL, VWL) und Studium der Sinologie. 1991 Abschluss als staatlich geprüfter Übersetzer in der englischen und chinesischen Sprache am Sprachen- und Dolmetscher-Institut/München (Leiter der Chinesisch-Abteilung: Herr Zhang, ehemaliger Dolmetscher von Deng Xiaoping und Franz-Josef Strauß).Danach 5 Jahre Asienaufenthalt: China, Indien, Südostasien (u.a. in Kambodscha während des ersten Auslandseinsatzes der Bundeswehr, Interviews mit Auslandschinesen, Recherche im Karen-Guerillagebiet in Burma, Unterstützung einer UNO-Mitarbeiterin während den Aufständen in Nepal und bei UNO-Arbeit in Indien), Australien. Danach 5 Jahre als Dolmetscher, Delegationsbegleiter und Übersetzer in München. Abendstudium an der Hochschule für Politik /München (Schwerpunkt: Internationale Beziehungen). Abschluss als Diplom-Politologe (Diplomarbeit: Die deutsch-chinesischen Beziehungen 1989-2000 unter besonderer Berücksichtigung der SPD-Grünen-Regierung). Delegationsbegleitung von Hu Ping, Chefredakteur der chinesischen Dissidentenzeitung "Pekinger Frühling" (New York)und prominentester Vertreter eines chinesischen Liberalismus bei seiner Deutschlandtour (Uni München, Uni Mainz, Berlin/FU-Humboldt) bei gleichzeitigem Kontakt mit Liu Liqun (Autor des Buches "Westliches Denken transzendieren"/ heute: Deutschlandberater der chinesischen Regierung).Chefredakteur der Studentenzeitschrift UNIPOL . Projekte am Goethe-Institut und bei FOCUS TV. Seit 2000 Übersetzer (chinesisch-deutsch), Graphiker, freier Schriftsteller und Blogger.
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