60 Jahre danach: Der Sinaikrieg 1956

Von Johannes Kaufmann.

Am 29. Oktober 1956, also heute  vor 60 Jahren, sprang ein Bataillon von Ariel Scharons Fallschirmjäger-Brigade über dem östlichen Zugang zum Mitla-Paß auf dem Sinai ab und eröffnete damit „Mivza Kadesch“ (Operation Kadesch) gegen Ägypten. Zuvor hatte Israel Truppen an der Grenze nach Jordanien zusammengezogen – ein Ablenkungsmanöver, das den Eindruck erwecken wollte, Israel plane eine großangelegte Vergeltungsaktion gegen aus Jordanien operierende Terroristen. Tatsächlich waren die Ägypter verwirrt und wussten die Aktion der israelischen Streitkräfte auch am nächsten Tag noch nicht einzuschätzen. Selbst als klar wurde, dass Ägypten das Ziel war, hielt man die Aktion zunächst für einen begrenzten Schlag gegen die Fedajin (arabisch-vornehm für Terroristen), was ein israelischer Angriff auf Gaza, die Hochburg der ägyptischen Terroristen, zu bestätigen schien. Tatsächlich kämpfte sich jedoch Scharons Brigade bereits zu seinem Bataillon in die Mitte der Halbinsel vor, flankiert im Norden und Süden von weiteren Verbänden. Ein hinterhältiger Überfall also, noch dazu im Einvernehmen mit Großbritannien und Frankreich, die kurz darauf ebenfalls in das Geschehen eingriffen?

Diplomatischer Krieg gegen Israel

Zu diesem Schluss mag kommen, wer die Vorgeschichte des Angriffs nicht kennt. Diese beginnt mit dem Abschluss des Waffenstillstands 1949 zwischen Israel und seinen arabischen Nachbarn. Nach der Präambel dieses Vertrags sollte der Waffenstillstand zu einem dauerhaften Frieden führen. Israel war bereit dazu und schickte eine voll autorisierte Delegation zur Konferenz von Lausanne, die neben Freundschaftsgarantien und Grenzmodifikationen auch die Zahlung von Entschädigungen und die Aufnahme von bis zu 100.000 palästinensischen Flüchtlingen anbot. Die arabische Delegation weigerte sich, auch nur mit den Israelis zu sprechen (wie bereits in der Round Table Conference in Whitehall 1939, in der die Araber nicht einmal den gleichen Eingang benutzen wollten wie die Juden).

Zwischen 1949 und 1956 gab es diverse israelische Friedensinitiativen, mal in Form eines Briefes des Außenministers Scharett an den Vorsitzenden des Palestine Conciliation Committee, mal in Form von Reden David Ben Gurions oder Abba Ebans vor der UN-Vollversammlung. Die Araber reagierten mit einem Boykott sämtlicher UN-Unterorganisationen, an denen israelische Delegierte teilnahmen (UNESCO, WHO, UNICEF etc.). Bei Konferenzen in arabischen Ländern wurde israelischen Konferenzteilnehmern die Einreise verweigert, und Jordanien und Libanon lehnten sogar jüdische, nicht israelische UNESCO-Berater ab. Bei einer Konferenz der WHO zu Seuchen im Nahen Osten wurde Israel ausgeschlossen; gleiches geschah bei einer UNESCO-Veranstaltung in Kairo. Für beide Organisationen zahlt Israel selbstverständlich Beiträge.

Wirtschaftskrieg gegen Israel

Zu diesem diplomatischen gesellte sich ein vollständiger Wirtschaftsboykott Israels, verbunden mit der Sperrung des Suez-Kanals und des Golfs von Akaba für Schiffe, die mit Israel Handel trieben. Schiffe wurden unter Verstoß gegen das Seerecht nach Waren durchsucht, die für Israel hätten bestimmt sein können. Zwar forderte eine Resolution des UN-Sicherheitsrats im September 1951 ein Ende dieser Praxis, doch wurde sie von keiner Macht eingefordert und entsprechend von jedem ignoriert. Es kam zu Beschlagnahmungen aller möglicher für Israel bestimmter Waren (zum Beispiel Autos, Motorräder, Fleisch) und sogar zur Inhaftierung eines Israelis, der zur Besatzung eines schwedischen Frachters gehörte. Auch führte Ägypten eine Schwarze Liste von Schiffen, die jemals mit Israel verkehrt hatten. Diesen wurden in ägyptischen Häfen Reparaturen verweigert. Ihre Besatzungen durften nicht von Bord gehen. Zur Sicherung der Straße von Tiran wurden Sharm el Sheikh und Ras Nasrani von allen Zivilisten evakuiert und zu rein militärischen Stellungen umgebaut.

Zwar durfte die Meerenge noch immer von „Unschuldigen“ passiert werden. Das hielt die Ägypter jedoch nicht davon ab, gelegentlich auf vorbeifahrende Schiffe zu feuern, wie auf die amerikanische „Albion“ und die britische „Anshun“ , die muslimische Pilger nach Mekka transportierte.

Einen Boykott zionistischer Güter gab es bereits 1945. 1949 wurde er ausgeweitet: Keine Firma, die mit Israel Handel trieb, durfte in arabischen Staaten wirken, Mexiko wurde gewarnt, kein Öl mehr an Israel zu liefern, und amerikanische, britische und niederländische Firmen wurden aufgefordert, Fragebögen zu ihrer jüdischen (nicht israelisch wohlgemerkt) Belegschaft auszufüllen, bevor sie mit arabischen Staaten handeln durften.

Kein Flugzeug, das israelischen Luftraum durchquerte, durfte arabische Länder überfliegen. Saudi-Arabien erklärte, jedes Flugzeug abzuschießen, das zuvor in Israel gelandet war, und arabische Flughäfen verweigerten sogar die Landeerlaubnis, wenn ein Flugzeug den israelischen Flughafen Lydda auch nur angefunkt hatte. Als eine Maschine der Air France von Rom nach Lydda an den Flughafen Beirut einen Triebwerkschaden meldete und Höhe verlor, weigerte sich Beirut, Landeerlaubnis zu erteilen. Nicht einmal Fluginformationen wollte man mitteilen. Der Flieger schaffte es glücklicherweise trotzdem nach Lydda. Israel zahlte darauf keinesfalls in gleicher Währung zurück. Nachdem eine Air India-Maschine wegen schlechten Wetters in Israel notlanden musste, wurde der ägyptische Diplomat, der sich an Bord befand, kostenlos in einem Flughafenrestaurant (das er allerdings nicht verlassen durfte) bewirtet. Der israelischen Presse teilte er mit, er sei sehr freundlich behandelt worden, um dann nach der Landung in Kairo öffentlich seine brutale Behandlung im jüdisch besetzten Palästina zu beklagen.

Terrorkrieg gegen Israel

Schon dieses Verhalten konnte für Israel (und eigentlich mehr noch für die internationale  Staatengemeinschaft) nicht hinnehmbar sein. Doch gingen die arabischen Staaten darüber hinaus auch mit Gewalt gegen den jüdischen Staat vor. Allein zwischen 1948 und 1950 wurden 2494 Grenzzwischenfälle mit Infiltrationsversuchen gezählt. Israel hatte 360 Tote (darunter viele Zivilisten) und 733 Verwundete zu beklagen. Und danach kamen die Fedajin, von Ägypten aus befehligt, ausgebildet und bezahlt, von Nasser belohnt und öffentlich gerühmt. Keiner ihrer Angriffe war auf militärische Ziele gerichtet. Allein im April 1956 ermordeten palästinensische Terrorbanden 15 israelische Zivilisten, darunter drei Schulkinder. In Verbindung mit den vielen Grenzscharmützeln mit Jordanien und dem regelmäßigen Beschuss israelischer Fischer und Wasserpolizisten auf dem See Genezareth durch syrische Soldaten konnte von einem Waffenstillstand schon lange keine Rede mehr sein. (Eine lange Liste mit Zwischenfällen findet sich bei Jehuda Wallach, Das internationale Krisenjahr 1956 und der Nahe Osten. Die israelische Sicht, in: Winfried Heinemann, Das internationale Krisenjahr 1956. Polen, Ungarn, Sues. München 1999, S. 183ff).

All dies hat Ägypten stets damit begründet, dass es sich weiterhin im Krieg mit Israel befinde und lediglich von Kriegsrechten Gebrauch mache. Konkret erklärte der Sprecher des ägyptischen Außenministeriums am 13. Juni 1949: „We are still in state of war with the Jews even though the Egyptian Army has ceased to fire“. Ähnlich Außenminister Mahmoud Fawzi im August 1951: „The Egyptian-Israeli General Armistice Agreement does not include any provision on the termination of the legal or technical state of war between Egypt and Israel“ (United Nations Bulletin, Bd. XI, Nr. 4, Sek. I, 15 August 1951, S. 121).*

Dass der Sicherheitsrat 1951 erklärte, der Waffenstillstandsvertrag habe den Kriegszustand beendet und nehme damit Ägypten das Recht, Israels Durchfahrt durch den Suez-Kanal und die Straße von Tiran zu blockieren, focht Nasser nicht an, war doch niemand bereit, die Rechte Israels durchzusetzen. In Vorbereitung auf die Fortführung des nie beendeten Kriegs kaufte Ägypten im September 1955 im großen Stil Waffen aus der Tschechoslowakei. Im Januar 1956 zog Syrien nach. Im Mai schloss Ägypten einen Vertrag mit China, das nun ebenfalls zum Waffenlieferanten im Nahen Osten avancierte, und ein Sprecher der ägyptischen Regierung verkündete bereits im Februar 1956 stolz, die neuen Waffen stünden an der Grenze bereit zum Einsatz gegen Israel. Auf diesen hatte man sich im Oktober 1955 mit einem Bündnis mit Syrien vorbereitet, dem im April 1956 Saudi-Arabien und der Jemen und im Oktober 1956 schließlich Jordanien beitraten. Dessen König hatte sich im gleichen Monat bereits über die Truppen gefreut, die ihm aus dem Irak geschickt worden waren.

Erst als Nasser den Suez-Kanal verstaatlichte, reagierte die Staatengemeinschaft. Die Briten luden zu einer Konferenz nach London ein, vergaßen dabei allerdings die Israelis, die bis dato einzige betroffene Nation. Zu diesem Zeitpunkt sah sich Israel isoliert und von Feinden umgeben. Da nimmt es nicht wunder, dass man es in Israel erleichtert begrüßte, „Ha-Sibuw Ha-Scheni“ (dt. die zweite Runde) an der Seite Frankreichs schlagen zu können. Denn dass ein militärisches Vorgehen notwendig war, stand für Israel längst außer Frage. 1949 hatte man fünf eindeutige casus belli definiert:

  1. „Untergrabung des normalen Lebens in Israel durch Terrorakte
  2. Sperrung der See- und Luftrouten im Golf von Eilat
  3. drastische Veränderungen im Waffengleichgewicht zwischen Israel und den arabischen bewaffneten Streitkräften
  4. Auftreten von Expeditionsstreitkräften anderer arabischer Staaten im Königreich Jordanien (in der Hauptsache irakische und syrische)
  5. Gründung eines militärischen Dreierpaktes zwischen Ägypten, Syrien und Jordanien und Schaffung eines gemeinsamen arabischen Oberkommandos.“(nach: Wallach 1999, siehe oben)

Im Oktober 1956 war jeder einzelne dieser Kriegsgründe erfüllt. Und so trat Israel letztlich in einen Krieg ein, den seine arabischen Nachbarn ohnehin schon seit Jahren führten.

Nachtrag: Obwohl Frankreich, Großbritannien und Israel sich in Geheimverhandlungen gemeinsam zum militärischen Schlag gegen Ägypten entschieden hatten, kämpften sie doch verschiedene Kriege. Das Wort Suez sucht man in israelischen Bezeichnungen des Kriegs vergebens. Man nennt ihn „Milchemet Sinai“ (Sinai-Krieg) oder „Mivza Kadesh“ – nach einem biblischen Ort im Norden des Sinai. Israel hatte klar definierte, begrenzte militärische Ziele, die es auch erreichte. Zwar wurden die israelischen Streitkräfte durch internationalen Druck schon bald dazu genötigt, sich aus den eroberten Gebieten zurückzuziehen, doch konnte Israel die wichtigsten Ziele sichern, indem eine internationale Schutztruppe die abziehenden Israelis ersetzte und fortan (zumindest bis 1967) als Puffer diente, und indem israelischen Schiffen die Nutzung der Straße von Tiran garantiert wurde. Die ehemaligen Großmächte hingegen verfolgten weitgehende politische Absichten, nämlich den Sturz Nassers und die Verhinderung der Verstaatlichung des Suez-Kanals mit militärischen Mitteln, was – wie so oft in der Geschichte – scheiterte.

* beide Zitate nach Robert Henriques, One Hundred Hours to Suez. An Account of Israel’s Campaign in the Sinai Peninsula, London 1957.

Johannes Kaufmann (Jahrgang 1981) arbeitet als Wissenschaftsredakteur bei der Braunschweiger Zeitung.

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Anmerkung von Global Review: Der Suezkrieg war der Anfang vom Ende der  bisherigen Vorherrschaft  Großbritanniens und Frankreichs im Nahen und Mittleren Osten. Von nun wurden die USA und die Sowjetuinon die wichtigsten Mächte. Die Sowjetunion hatte während des Suezkriegs Großbritannien sogar mit einem Nuklearschlag gegen London gedroht, sollte es im Suezkrieg nicht einlenken. Die USA unterstützten GB und Frankreich beim Suezkrieg nicht, was Henry Kissinger rückblickend in seinem Buch „Diplomacy“ als Fehler ansah.

 

Über Ralf Ostner

Ralf Ostner geboren 1964 in Frankfurt am Main, 1984 Abitur in Bayern--Leitungskurse: Physik und Kunst/ Schülerzeitung. Studium der Physik (Nebenfächer: Mathematik, Chemie), Wirtschaftsgeographie (Nebenfächer: BWL, VWL) und Studium der Sinologie. 1991 Abschluss als staatlich geprüfter Übersetzer in der englischen und chinesischen Sprache am Sprachen- und Dolmetscher-Institut/München (Leiter der Chinesisch-Abteilung: Herr Zhang, ehemaliger Dolmetscher von Deng Xiaoping und Franz-Josef Strauß).Danach 5 Jahre Asienaufenthalt: China, Indien, Südostasien (u.a. in Kambodscha während des ersten Auslandseinsatzes der Bundeswehr, Interviews mit Auslandschinesen, Recherche im Karen-Guerillagebiet in Burma, Unterstützung einer UNO-Mitarbeiterin während den Aufständen in Nepal und bei UNO-Arbeit in Indien), Australien. Danach 5 Jahre als Dolmetscher, Delegationsbegleiter und Übersetzer in München. Abendstudium an der Hochschule für Politik /München (Schwerpunkt: Internationale Beziehungen). Abschluss als Diplom-Politologe (Diplomarbeit: Die deutsch-chinesischen Beziehungen 1989-2000 unter besonderer Berücksichtigung der SPD-Grünen-Regierung). Delegationsbegleitung von Hu Ping, Chefredakteur der chinesischen Dissidentenzeitung "Pekinger Frühling" (New York)und prominentester Vertreter eines chinesischen Liberalismus bei seiner Deutschlandtour (Uni München, Uni Mainz, Berlin/FU-Humboldt) bei gleichzeitigem Kontakt mit Liu Liqun (Autor des Buches "Westliches Denken transzendieren"/ heute: Deutschlandberater der chinesischen Regierung).Chefredakteur der Studentenzeitschrift UNIPOL . Projekte am Goethe-Institut und bei FOCUS TV. Seit 2000 Übersetzer (chinesisch-deutsch), Graphiker, freier Schriftsteller und Blogger.
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