Frankreich: Fillon oder Le Pen? Brüning oder Hitler?

Die Sozialisten unter Hollande sind am Ende, fraglich ob ein Manuel Valls das verlorene Vertrauen der französischen Linken zurückerobern könnte, da er doch maßgeblich an den Arbeitsgesetzen beteiligt ist gegen die die Linken und die Gewerkschaften mit vielen Jugendlichen wochenlang demonstriert haben. Die Republikaner nun wiederum haben nicht Sarkozy oder Juppe als ihren Kandidaten gewählt, sondern Fillon. Dessen politische Positionen portraitiert Wolfram Weimer in The European derfolgt:

„Seine Bewunderer halten ihn für eine Mischung aus Donald Trump und dem Papst. Kapitalistisch und katholisch, kraftstrotzend und warmherzig zugleich, Putin-Versteher und Islamkritiker, aber auch Völkerrechtler und Versöhner. Er ist fünffacher Vater wie Trump, aber anders als der nur einer Lebensliebe treu, die er bereits als Schüler kennengelernt hat. Frankreichs Bürgerliche sind nun so begeistert von François Fillon, dass er mit einer Zwei-Drittel-Mehrheit des konservativen Lagers zum Anwärter auf das höchste politische Amt Frankreichs gewählt wurde.

Für deutsche Ohren klingt das alles ein wenig zu französisch. Hierzulande würde man François Fillon eher als eine Art französischen Friedrich Merz ansehen: geradlinig, wirtschaftsliberal und wertkonservativ. Sein Programm liest sich wie eine Mischung aus FDP und CSU. Entschieden marktwirtschaftlich und ebenso entschieden islamkritisch.

Für Frankreich ist Ersteres die große Sensation. Islamkritiker gibt es rund um Marine Le Pen und ihren Front National genug. Doch ein Spitzenpolitiker, der den wuchernden Bürokratenstaat radikal zurückschneiden will, hat sich in Paris lange nicht mehr auf die große Bühne getraut. Eigentlich noch nie. Großbritannien hatte eine Margaret Thatcher, Deutschland immerhin einen Agenda-Schröder.(…)

Fillon verkündet nun nichts weniger als ihre Entmachtung: “Das französische Sozialmodell existiert nicht mehr.” Er plädiert stattdessen für den offenen Thatcherismus: Die Staatsausgaben will er während seiner fünfjährigen Mandatszeit um mindestens 100 Milliarden Euro senken und dabei 500.000 Beamtenstellen streichen. Die staatliche Krankenversicherung soll teilprivatisiert werden, das Renteneintrittsalter von 62 auf 65 Jahre angehoben werden. Beamte müssten künftig 39 statt 35 Stunden arbeiten (und zwar ohne Gehaltsausgleich). Die 35-Stunden-Woche würde generell abgeschafft, stattdessen soll die Wochenarbeitszeit frei ausgehandelt werden, bis zu einer Obergrenze von 48 Stunden.

Sozialabgaben und Steuern für Unternehmen will Fillon senken, die Macht der Gewerkschaften brechen. Insgesamt soll die Staatsausgabenquote bis 2022 von 56 auf 49 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) fallen. Und die vom Sozialisten Mitterand einst eingeführten Vermögensteuer Impôt sur la fortune (ISF) soll fallen. Dafür wird die Mehrwertsteuer erhöht. Die Stoßrichtung Fillons ist klar: Ein historischer Ruck für die Wettbewerbsfähigkeit Frankreichs müsse her.

Kein Wunder, dass Sozialisten wie Rechtsnationale schon Sturm laufen. Fillon ist das perfekte Feindbild. Die Vorsitzende des Front National wirft ihm vor, “den größten sozialen Kahlschlag der französischen Geschichte” anzustreben. “Niemals ist ein Kandidat in seiner Unterwerfung unter die ultraliberalen Forderungen der EU so weit gegangen”. (…)

Fillon wirkt nun aber schlagartig wie eine seriöse Option für die Wutbürger Frankreichs. Er kann dem Aufstieg Le Pens Einhalt gebieten, denn er verheißt einen konsequenten Neubeginn – ohne die moralische Integrität Frankreichs zu riskieren. Fillon hat ein klares anti-islamistisches Profil, weswegen viele konservative Wähler nun nicht mehr Le Pen wählen müssen, wenn sie ein Identitätsprogramm wollen. Er hat ein Buch über den “radikalen Islam” geschrieben und sich als Abendländler profiliert: “Ich verlange, dass sich Ausländer, die sich in unserem Land niederlassen, integrieren und anpassen und unser kulturelles Erbe respektieren”, erklärt er.

Fillon will der Zuwanderung enge Grenzen setzen. Straffällig gewordene Ausländer sollen konsequent abgeschoben werden. Ausländern soll der Zugang zum Sozialsystem erschwert und auch der Familienzuzug soll deutlich restriktiver als bisher gehabt werden. “Bei der Einwanderungspolitik”, so eine Analyse der Nachrichtenagentur Reuters, “könnte Fillon den rechtsnationalen Regierungen in Warschau und Budapest näher als Merkel stehen.” So wirft er der Kanzlerin vor, Hunderttausende Flüchtlinge und Migranten nach Europa einreisen zu lassen und dabei die Bedrohung durch radikale Islamisten unterschätzt zu haben. Und wie Donald Trump kann auch Fillon Russlands Präsidenten Putin positive Seiten abgewinnen – er sieht ihn als einen natürlichen Verbündeten im Kampf gegen den Islamismus.

Fillon möchte darum das Schengener Abkommen neu verhandeln. Er tritt für eine Verdreifachung des Frontex-Budgets ein, die Verstärkung der Außengrenzen, aber auch eine Aufrüstung der Grenzen innerhalb der Schengen-Zone. Fillon profiliert sich als großer Bewunderer von Charles de Gaulle, steht dessen Konzept eines “Europas der Vaterländer” näher als dem Supereuropa der Brüsseler Eliten. Sein Konzept ist durch und durch subsidiär-liberal angelegt.

Mit einem Präsidenten Fillon würde es für Angela Merkel daher nicht einfach. Von Budapest bis London, von Warschau bis Paris wäre sie plötzlich umzingelt von rechten Regierungen. Auch innenpolitisch wäre ein Erfolg von Fillon eine Ermutigung für die liberalen und konservativen Kräfte in der CDU, die von Merkel seit Jahren konsequent an den Rand gedrängt werden. Gerade aus Sicht der Kanzlerin ist Fillon weder Trump noch Papst – er ist wie die programmatische Wiederkehr von Friedrich Merz.“

http://www.theeuropean.de/wolfram-weimer/11563-francois-fillon

Bisher war es so, dass Linke im Ernstfall für den republikanischen Kandidaten im zweiten Wahlgang stimmten, um einen Front-National-Präsidenten zu verhindern. So wählte die Linke Chirac, um Jean Marine Le Pen damals zu verhindern.Man nannte dies den ungeschriebenen „republikanischen Konsens“. Fraglich aber, ob dieser auch noch gültig ist, denn sowohl Chirac wie auch Sarkozy waren Etatisten und Zentralisten, die nicht die Axt an den Sozialstaat anlegten wie dies Fillon als französische Thatcher oder Pariser Merz nun vorhat. Von daher ist ungewiss, ob die Linken diesmal Fillon unterstützen würden und ob er genug Front Nationalwähler und bisherige Nichtwähler ins Lager der Konservativen zurückgewinnen kann, um einen Wahlsieg von Le Pen zu verhindern.

In Frankreichs Linker wird die Frage diskutiert, ob man Fillon wählen oder aber ihn durch Nichtwählen bestrafen soll. Ein Fillon zögere einen Machtantritt von Le Pen nur um einige Jahre hinaus, von daher plädieren einige lieber für ein Ende mit Schrecken, als einen Schrecken ohne Ende. Vielen dieser Linken scheint nicht bewußt, dass hier die Frage Demokratie und Diktatur zur Alternative steht und dass die Opposition unter einer Le Pen zerschlagen und auf Jahrzente ausgeschaltet würde.Historisch stellt sich die Frage, wie damals der Linken, ob sie Brüning oder Hitler bevorzugen sollte. Trotzki antwortete damals der Sozialfaschismustheorie der Stalinisten, sowie den Brüninggegnern derfolgt:

“Die Weisen, die sich dessen rühmen, daß sie keinen Unterschied „zwischen Brüning und Hitler“ kennen, sagen in Wirklichkeit: ob unsere Organisationen noch bestehen oder ob sie zertrümmert sind, ist ohne Bedeutung. Hinter dieser scheinradikalen Phraseologie versteckt sich die niederträchtigste Passivität: einer Niederlage können wir nicht entgehen! Man lese nur aufmerksam das Zitat aus der Zeitschrift der französischen Stalinisten: das ganze Problem läuft darauf hinaus, unter wem es sich besser hungern läßt, unter Brüning oder unter Hitler. Wir aber stellen die Frage nicht so: wie und unter welchen Bedingungen läßt sich besser sterben, sondern: wie müssen wir kämpfen und siegen? Unsere Schlußfolgerung ist: die Hauptschlacht muß geliefert werden, ehe Brünings bürokratische Diktatur vom faschistischen Regime abgelöst wird, das heißt, bevor die Arbeiterorganisationen vernichtet sind. Auf die Hauptschlacht muß man sich vorbereiten durch Weitertreiben, Verbreitern und Verschärfen der Teilkämpfe. Dazu braucht man eine richtige Perspektive und darf vor allem nicht den Feind zum Sieger erklären, der vom Siege noch weit entfernt ist.”

https://www.marxists.org/deutsch/archiv/trotzki/1932/wasnun/kap02.htm

Dass der neoliberale Fillon Wasser auf die Mühlen des Front National ist, stimmt zwar, aber er ist ebenso Wasser auf die Mühlen einer linken Alternative wie Melenchon, insofern sie die kommenden sozialen und politischen Teilkämpfe gegen einen Präsidenten Fillon aktiv führt und organisiert und sich nicht in Passivität , Selbstmitleid und Defätismus übt.Wenn Le Pen an die Macht kommt, landet die Opposition wahrscheinlich im KZ.Warum sollte man nicht probieren, lieber 4 Jahre Fillon auszuhalten in der Hoffnung, dass eine starke Linke daraus hervorgeht? Oder mit Berthold Brecht zu sprechen: „Wer kämpft, kann verlieren, wer nicht kämpft , hat schon verloren!“.

Dazu müsste aber das Gerede von der Front National als einer rechtspopulistischen Partei und von Le Pen als nur einer weiteren rechten Schreierin aufhören und die Linke klar benennen, dass Le Pens Front National eine faschistische Partei ist, die eine Diktatur errichten und die Arbeiterorganisationen zerschlagen will.Dazu müsste man zuspitzen, dass man Fillon bei der zweiten Runde der Präsidentschaftswahlen unterstützen würde, falls kein anderer demokratischer Politiker (Valls, Marcon, Melenchon) zur Verfügung steht, um die offene faschistische Diktatur Le Pens zu verhindern, aber die dabei gerettete Demokratie dazu nutzen wird Fillons Sozialabbau und Angriff auf Arbeiterrechte die nächsten Jahre massenhaft zu bekämpfen und damit die Linke wieder erstarken zu lassen.

 

 

Über Ralf Ostner

Ralf Ostner geboren 1964 in Frankfurt am Main, 1984 Abitur in Bayern--Leitungskurse: Physik und Kunst/ Schülerzeitung. Studium der Physik (Nebenfächer: Mathematik, Chemie), Wirtschaftsgeographie (Nebenfächer: BWL, VWL) und Studium der Sinologie. 1991 Abschluss als staatlich geprüfter Übersetzer in der englischen und chinesischen Sprache am Sprachen- und Dolmetscher-Institut/München (Leiter der Chinesisch-Abteilung: Herr Zhang, ehemaliger Dolmetscher von Deng Xiaoping und Franz-Josef Strauß).Danach 5 Jahre Asienaufenthalt: China, Indien, Südostasien (u.a. in Kambodscha während des ersten Auslandseinsatzes der Bundeswehr, Interviews mit Auslandschinesen, Recherche im Karen-Guerillagebiet in Burma, Unterstützung einer UNO-Mitarbeiterin während den Aufständen in Nepal und bei UNO-Arbeit in Indien), Australien. Danach 5 Jahre als Dolmetscher, Delegationsbegleiter und Übersetzer in München. Abendstudium an der Hochschule für Politik /München (Schwerpunkt: Internationale Beziehungen). Abschluss als Diplom-Politologe (Diplomarbeit: Die deutsch-chinesischen Beziehungen 1989-2000 unter besonderer Berücksichtigung der SPD-Grünen-Regierung). Delegationsbegleitung von Hu Ping, Chefredakteur der chinesischen Dissidentenzeitung "Pekinger Frühling" (New York)und prominentester Vertreter eines chinesischen Liberalismus bei seiner Deutschlandtour (Uni München, Uni Mainz, Berlin/FU-Humboldt) bei gleichzeitigem Kontakt mit Liu Liqun (Autor des Buches "Westliches Denken transzendieren"/ heute: Deutschlandberater der chinesischen Regierung).Chefredakteur der Studentenzeitschrift UNIPOL . Projekte am Goethe-Institut und bei FOCUS TV. Seit 2000 Übersetzer (chinesisch-deutsch), Graphiker, freier Schriftsteller und Blogger.
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7 Responses to Frankreich: Fillon oder Le Pen? Brüning oder Hitler?

  1. Ralf Ostner sagt:

    Leo Brux meint:
    4. Dezember 2016 um 14:39

    LePen kann in Frankreich keine KZs für die Opposition errichten. Ich verstehe nicht, wie du so etwas annehmen kannst. NOCH gibt es in Frankreich Gewaltenteilung. Auch unter LePen. Sie kann diese Gewaltenteilung nicht einfach abschaffen.

    Dasselbe gilt für Österreich oder die Niederlande oder Polen. NOCH stehen die demokratischen Institutionen dem rechtsradikalen Durchgriff im Wege.

    Die Extremisten müssen sie erst einmal aus dem Weg räumen. Dafür ist die Zeit noch nicht reif.
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    Meine Gegenthese:
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    Die Gewaltenteilung kann in Frankreich aufgehoben werden mittels des Ausnahmezustands oder eines grösseren Terrorakts, der dann Le Pen ala Reichstagsbrand tabula rasa machen lässt.Zumal ein Fillon und die Konsevativen auch nichts dagegen hätten, wenn die Arbeiterorganisationen zerschlagen oder stark dezimiert würden.Deine Hoffnung ist, dass der Front National einmal an der Macht gebändigt und eingehegt sein würde, sich selbst entzaubern würde und danach bankrott wäre.

  2. Ralf Ostner sagt:

    Leo Brux meint:

    Was Fillon an Illiberalität vertritt, ist ein großes Problem – aber nicht das zentrale Problem. Das größere Problem ist seine neoliberale Politik der Entsolidarisierung. DIE ist es, die die Machtübernahme des FN befördern wird. Die zunehmende Prekarisierung der Verhältnisse für die Mittelschicht ist das zentrale Problem.

    Für die Frage, warum der Extremismus der Mitte stärker wird, dürfte der Hinweis auf Fillons Illiberalität her wenig dienlich sein. Eher sollten wir uns fragen, warum der Trend im Kulturellen bei so vielen in die illiberale Richtung geht. Die soziale Verunsicherung sorgt für geistige, kulturelle Verengung der Gehirne. Das wäre mein Ansatz. Die soziale Frage kommt zuerst.

    Man könnte sich sicherlich weiter fragen, ob nicht hinter der sozialen Frage wieder eine kulturelle steht. Etwa die, dass die Leute intuitiv materialistisch und konsumistisch denken, also glauben, vor allem im Materiellen liege ihr Glück, und über das Materielle könne man auch die immateriellen Bedürfnisse besser befriedigen, nicht zuletzt das Bedürfnis der Selbstachtung.

  3. Ralf Ostner sagt:

    Lesetip: Der Front National-eine faschistische Partei

    “Dann scheint der Front National sich parlamentarischen Regeln zu fügen. Aber auch das tat Hitler und Mussolini nachdem ersterer mit seinem Putsch an der Feldherrenhalle und geplanten Marsch auf Berlin gescheitert war, den Mussolini mit seinem Marsch auf Rom zuvor, nämlich 1922 so glorreich hinlegte und als Vorbild diente. Hitler war nach seinem Miniputsch klar, dass die Machtergreifung über die Parlamente laufen müsste. Mussolini wiederum liess nach seiner Machtergreifung das italienische Parlament noch lange Zeit bestehen und gab sich nur autoritär, bevor er dann zu günstiger Zeit damit anfing die Opposition handstreichartig verhaften und ermorden zu lassen.Hitler wiederum fing gleich nach der Machtüberlassung an Kommunisten, Sozialdemokraten, Gewerkschafter, Konservative, Liberale und sonstige Opposition umgehend verhaften und in KZ bringen zu lassen. Marine Le Pen ist sich klar, dass man mit Strassenkampftrupps, dem offenen Antisemitismus ihres Vaters zu offen an die Faschisten und vor allem Nationalsozialisten erinnern würde, weswegen sie auf diese Stilmittel verzichtet. Auch einmal an der Macht, wäre es möglich, dass sie wie Mussolini das Parlament noch für eine gewisse Zeit bestehen lässt, um ihre Gegner im Inland und das Ausland zu beruhigen. Hollande, Sarkozy, die Sozialisten, Konservativen, Grünen, Linken würden wohl nicht ab dem ersten Tag in KZs verfrachtet. Aber wenn sich eine günstige Konstellation ergibt und sie sich stark genug fühlt, würde dann Marine Le Pen dann zum putschartigen Faschismus übergehen.Von daher sollte man den Front National als das bezeichnen, was er ist: eine faschistische Partei, die eine Diktatur anstrebt. Es ist Zeit mit dem verharmlosenden Geschwätz von den “Rechtspopulisten” aufzuhören.”

    http://www.global-review.info/2016/11/23/der-front-national%e2%80%93eine-faschistische-partei/

    Auch die Hoffnung, dass Hitler und Mussolini bald abgewirtschaftet haben und dann abgelöst werden würden, bewahrheitete sich auch nicht. Weder Abwirtschaften, noch Einhegung traten ein. Möglicherweise ein Unterschied zu damals: Dass die heutigen Wirtschaftskreise mehr international aufgestellt sind und eher einen Fillon als eine Le Pen unterstützen würden. Zumal eben kein Kommunismus mehr existiert, der eine existentielle Bedrohung des Kapitalismus bedeuten würde. Aber das Modell China hat auch bei vielen westlichen Wirtschaftskapitänen seine Sympathien, wie auch damals die Großindustrie und die Großfuinanz schnell von den mehr kosmopolitisch denkenden Stresemanns und Brünings auf Hitler umschwenkten.

  4. Ralf Ostner sagt:

    Leo Brux meint:

    Unsere heutigen Extremisten der Mitte sind (noch!) bei weitem nicht so extrem wie damals, 1932/1933. Sie können sich das noch nicht erlauben – noch funktionieren die Institutionen der Demokratie, noch denken die meisten Bürger einigermaßen rechtsstaatlich und demokratisch.

    Die Möchtegern-Revolutionäre müssen sich noch bieder demokratisch geben. Selbst dann, wenn sie in die Führungsämter einrücken, wird das erst einmal so bleiben.

    Strache und LePen werden keine KZs für die Opposition errichten. Keine so rabiate Politik gegen Migranten betreiben, wie die Nazis von Anfang an Politik gegen diejenigen betrieben haben, die sie als Juden kategorisiert haben. FPÖ und FN haben auch keine SA. (Der Kampf findet nicht so sehr auf der Straße statt, sondern vor allem mittels verbalen Schlägertruppen digital.)

    Schließlich wird als Unterschied immer zu beachten sein: Damals hat man die radikale Lösung immer auch kollektiv gedacht, heute grassiert ein rabiater Individualismus. Auch bei den Extremisten der Mitte.

  5. Ralf Ostner sagt:

    Leo Brux meint:

    Zurück zu 1933, Damals gab es ein Bündnis der Eliten mit dem Rechtsextremismus. Ohne das Steigbügelhalten der rechten Eliten (der Wirtschaft, der Aristokratie, der Beamten, der Bildungsbürger) hätten die Nazis es nicht geschafft, die Macht zu übernehmen. Ohne die Unterwerfung der rechten Eliten unter die Naziherrschaft hätte sich das Regime nicht halten können. Hätte es auch keinen Weltkrieg entfesseln können.

    Wie ist das heute? Könnte sich die rechte Elite (etwa die Finanzelite, die Großspekulanten, die Bankster, die Manager der multinationalen Konzerne und ihre CEOs in der Politik, dazu die High Snobiety …) auf die Seite der Extremisten der Mitte schlagen?

    Das möchte ich nicht ausschließen. Aber ich sehe dafür eine schwer zu übersteigende Hürde.

    Der Extremismus der Mitte ist radikal nationalistisch, neigt zum Völkischen, besteht auf der national-völkischen Abschottung.

    Die rechte Elite ist hingegen längst kosmopolitisch. Das Nationale interessiert sie allenfalls taktisch. Es ist ihr fremd. Ihre Geschäfte laufen global und funktionieren auch nur global. Dazu gehört ein globaler Arbeitsmarkt. Dazu gehören offene Grenzen.

    Attraktiv könnte es für die rechte Elite sein, sich von den rechten Extremisten noch mehr Neoliberalismus, noch niedrigere Steuern, noch stärkere Liberalisierung ihrer Finanzspekulationen, dazu den Verzicht auf ökologisch motivierte Beschränkungen zu erkaufen. Beispiel Trump. Man füttert die wütenden Extremisten von rechts mit Ressentiment-Politik gegen alles, was fremd und alles, was links-liberal ist, und erntet dafür die Zustimmung zu einer Fortsetzung der krass neoliberalen Politik.

    Wir werden in den USA beobachten können, ob diese rechtsextremistische Rechnung eines Teils der rechten Eliten aufgeht.

    Ein solcher Schulterschluss von Rechtspopulismus und rechter Elite hat zwei Haken.

    Der erste: Es destabilisiert das Weltwirtschaftssystem und damit die Profite. Denn das Zugeständnis an die rabiate Rechte verunsichert die zwischenstaatlichen Beziehungen, die Handelsbeziehungen. Die rechte Elite profitiert außerdem vom global werdenden Arbeitsmarkt. Sie braucht ihn. Sie braucht die Einwanderung. (Das erklärt auch Merkels Flüchtlingsentscheidung.)

    Der zweite: Die Außenpolitik könnte erratisch werden. Außenpolitik machen die Extremisten der Mitte und ihre charismatischen Führungsfiguren nicht rational, nicht besonnen, nicht kompromissorientiert. Sondern machomäßig, riskant, abenteuernd für den nationalen Stolz. = Gift für die Weltwirtschaft. Und für den Frieden.

    Die rechte Elite hat also heute – meiner Interpretation nach – kein Interesse an einem rechtspopulistischen Erfolg, an einer Machtübernahme durch die Extremisten von rechts.

    Ich bin mir bewusst, dass ich mich in dieser Einschätzung täuschen kann.

  6. Ralf Ostner sagt:

    Genova meint:

    1. Die AfD und andere vermeiden den Extremismus der Nazis von 33, stimmt. Allerdings sind die Leute um Höcke da schon recht weit im Nazilager. Höcke brachte in den vergangenen Jahren immer wieder gezielt Naziaffinitäten, mal die Tatelite, mal den afrikanischen Ausbreitungstyp, mal die organische Marktwirtschaft, mal die tausend Jahre. Alles keine Zufälle. Auch dass er mit einem Pseudonym Naziartikel schrieb, stört nicht mehr sonderlich.

    2. Eine autoritäre Demokratie ist eigentlich keine mehr, oder? Pegida macht es vor: Wir sind das Volk, und wer da nicht dabei ist, ist Volksverräter, der an den Galgen oder nach Nürnberg 2.0 gehört. Das schließt eine demokratische Legitimation aus.

    3. Der “Vorteil” der AfD ist, dass die um Weidel und Pretzell auch einen neoliberalen oder neolibertären Flügel haben, der naturgemäß affin zu Rechtsradikalismus ist, via Sozialdarwinismus. Eine Weidel hat keine Probleme mit einem Höcke, und Weidel gilt alles andere als nationalistisch. Pretzell bezeichnete Merkel kürzlich als Sozialistin. Die AfD kann sich mit ihren wirren ökonomischen Vorstellungen ganz gut über Wasser halten, weil das das Gros der Wähler nicht interessiert. Die brauchen nur ein Feindbild.

  7. Ralf Ostner sagt:

    “Die AfD und andere vermeiden den Extremismus der Nazis von 33, stimmt.”

    Aber nur solange, bis sie nicht die absolute Macht haben. Rechtsradikale haben gelernt, dass man den Holocaust nicht leugnet, Antisemitismus tabu ist, man mit SA und verfassungsfeindlichen Symbolen nicht rumhantiert, sich auf direkte Demokratie ala Schweiz beruft und als eigentlicher Musterdemokrat darstellt–aber all das gilt nur, bis man die absolute Macht hat. Dann wird tabula rasa gemacht und lernt man diese Extremisten von ihrer wahren Seite kennen.

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