Höckes Nazirede: Walser und SPIEGEL-Augstein haben es ja auch gesagt

AfD-Höcke hat in Dresden am 17.1.2017 eine Rede gegen die deutsche Erinnerungskultur gehalten, die er als Schuldkult und sadomasoschistisch darstellte und seine Anhänger auf einen „langen, entbehrungsreichen Weg zum absoluten Sieg“ einschwor. Die volle Rede unter:

https://www.youtube.com/watch?v=cGY80zpL1po

Die Stimmung im Saal kochte, als der verbeamtete Geschichtslehrer den Deutschen den Gemütszustand eines „brutal besiegten Volkes“ attestierte, die Vergangenheitsbewältigung und mithin auch das Holocaust-Gedenken als lähmend und „dämlich“ bezeichnete und eine „erinnerungspolitische Wende um 180 Grad“ forderte. So erklärte Höcke in seiner Rede auch zum Berliner Holocaustmahnmal:„Wir Deutschen, also unser Volk, sind das einzige Volk der Welt, das sich ein Denkmal der Schande in das Herz seiner Hauptstadt gepflanzt hat.“ Es ist ja nicht der erste geschichtsrevisionistische Ausfall Höckes, sei es nun das „1000 jährige Reich“ oder seine biologistisch-rassistischen Abstammungstheorien über Afrikaner–der Mann ist kein Konservativer, ähnelt eher einem Nazi-Goebbels– nicht nur vom Erscheinungsbild, sondern auch in Stil und Inhalt. Es wäre Zeit die AFD oder zumindestens den Höckeflügel um „Der Flügel“und die „Patriotische Platform“innerhalb der AfD vom Verfassungsschutz überwachen zu lassen–bei der Kommunistischen Platform der Linkspartei macht man dies ja auch. Jeder linke verfassungsfeindliche Lehrer wurde und wäre schon längst mit Berufsverbot belegt, während ein rechtsradikaler, antisemitischer verbeamteter Geschichtslehrer wie Höcke seinen Schüler ein revisionistisches Geschichtsbild lehren darf.

Höcke wird jetzt von Meuthen und Gauland gegen Petry und Pretzell unterstützt. Sie fordern, dass Höcke konsequenzlos weiter führendes Mitglied bleibt.Zumal man eben auch schätzt, dass 1/3 der AfD-Wähler Höckeanhänger sind, gestaltet sich ein Parteiausschluß schwierig, da es die Partei zu spalten droht. Mal sehen, wie das weitergeht.Man muss auch vorsichtig sein, sich jetzt nur auf den Höcke zu stürzen und die Petry/Pretzell als „die Guten“/“die Moderaten“hinzustellen. Das sind genauso Rechtsradikale, die sich eben nur am Front National und der FPÖ orientieren und sich taktisch philosemitisch geben, wie man dies nun beim ENF-Kongress der europäischen Rechtsradikalen in Koblenz unter der Ägide, Petrys, Pretzells, Marine Le Pens und Gert Wilders augenscheinlich sehen konnte.

Zu den Distanzierungsversuchen von Petry und Pretzell meint Jennifer Nathalie Pyka recht treffend:

„Nun vertreten nicht wenige Menschen die Ansicht, die Distanzierungs-Versuche einiger AfD-Verteter wären erst dann glaubwürdig, wenn Björn Höcke der Partei verwiesen würde. Das stimmt aber gar nicht. Denn erstens sind die Distanzierungs-Pirouetten, die im Nachgang aufgeführt wurden, ohnehin schon eher fadenscheinig. Frauke Petry erkennt in Höckes Ausflug in Goebbels’sche Parallelwelten eher eine „Belastung“ für das Projekt an sich. Ihr Gemahl Pretzell wiederum sieht es ähnlich und spricht zudem von einer „12-jährigen Geschichtsepoche“ – vermutlich, weil jeder andere Begriff die zarten Seelen seiner Anhänger verletzen könnte. Beide bewegt offenbar nicht, was Höcke sagt. Sie finden es wohl auch nicht per se unangenehm, mit ihm in einem Boot zu sitzen. Sie stört erstmal nur, dass er womöglich ein paar Wähler abspenstig machen könnte. Die Distanzierung ist nicht inhaltlicher oder gar moralischer, sondern taktisch-strategischer Natur. Eine Verbannung Höckes würde derselben Logik folgen.“

http://www.achgut.com/artikel/die_leiden_des_bjoern_hoecke

Interessant, wie Jürgen Elsässer, Chef des rechtsradikalen Hetzmagazins COMPACT den Höcke zu rechtfertigen versucht:

„Dabei hat Martin Walser bei der Verleihung des „Friedenspreises des Deutschen Buchhandels“ im Oktober 1998 ion seiner Dankesrede ganz ähnlich, vielleicht noch schärfer argumentiert. Walser wörtlich: „In der Diskussion um das Holocaustdenkmal in Berlin kann die Nachwelt einmal nachlesen, was Leute anrichteten, die sich für das Gewissen von anderen verantwortlich fühlten. Die Betonierung des Zentrums der Hauptstadt mit einem fußballfeldgroßen Alptraum. Die Monumentalisierung der Schande.“ Walser sprach gegen die „Instrumentalisierung des Holocausts“, Auschwitz dürfe nicht zur „Moralkeule“ verkommen, die „Dauerpräsentation unserer Schande“ werde dazu instrumentalisiert, den Deutschen wehzutun oder gar politische Forderungen daraus abzuleiten.

Auch Spiegel-Gründer und – Herausgeber Rudolf Augstein formulierte damals ganz ähnlich: Dieses „Schandmal“ sei „gegen die Hauptstadt und das in Berlin sich neu formierende Deutschland“ gerichtet. Augstein bedauerte die Rückgratlosigkeit der Regierenden: „Man wird es aber nicht wagen, so sehr die Muskeln auch schwellen, mit Rücksicht auf die New Yorker Presse und die Haifische im Anwaltsgewand, die Mitte Berlins freizuhalten von solch einer Monstrosität“.

Nichts verdeutlicht den Niedergang der politischen Kultur und Meinungsfreiheit in Deutschland mehr als der Umstand, dass es für Walsers Rede im Oktober 1998 „standing ovations“ gab – auch die versammelte Regierungsspitze einschließlich des Bundeskanzlers Gerhard Schröder und vieler Minister erhoben sich von den Plätzen. Wenn heute aber ein AfD-Politiker dasselbe sagt, wird von einer „Nazi-Rede“ gesprochen(…) Wo bitteschön hat den Höcke Geschichtsrevisionismus betrieben? Er mahnt eine Erinnerungskultur an, wo AUCH der deutschen Opfer würdig gedacht wird. Jedes andere Volk macht das ebenso. Oder gibt es ein Denkmal für die ermordeten Armenier in Ankara, ein Denkmal für die ermordeten Indianer in Washington, ein Denkmal für die ermordeten Dresdner in London? Höcke fordert nicht Revisionismus, sondern NORMALITÄT für Deutschland: Nicht über, aber auch nicht unter anderen Völkern wollen wir sein!.“

https://juergenelsaesser.wordpress.com/2017/01/18/kesseltreiben-gegen-hoecke-nach-dresdner-rede/

Die angebliche „Monstrosität“des Berliner Holocaustmahnmals erklärt sich zum einen durch die Monstrosität und Ausmass des Verbrechens, zum anderen ist es auch so, dass auch wenn das Mahnmal kleiner ausgefallen wäre oder in anderer Lage, es immer noch ein grundsätztliches Ärgernis für jeden Nationalisten wäre.  Allein die Existenz eines wie immer gearteten Mahnmals, das an die Verbrechen der Nation erinnert, ist für diese Leute ein Schandfleck, zumal auch in der Hauptstadt. „Monstrosität“ist da eben nur ein vorgeschobenes Argument. Nicht der Holocaust ist aus dieser Weltsicht die „Schande“, sondern das Mahnmal und die Erinnerung an die monströsen Verbrechen, die in Aufrechnung mit den Verbrechen anderer Regierungen relativiert und neutraliseirt werden sollen und diese Erinnerung an die „eigenen“ Verbrechen soll getilgt und vergessen gemacht werden.

Zum anderen zeigt sich eben, dass sich der deutsche Nationalismus weiter als nur in den rechtsradikalen Kreisen der AfD bemerkbar macht, sei es nun die versammelte und klatschende Großbourgeosie und Elite/Establishment der Berliner Republik bei der Walserschen Friedenspreisverleihung, Walser oder Augstein selbst.Man muss eben sehen, dass grosse Teile der deutschen demokratischen Eliten das Holocaustmahnmal im Zentrum ihrer neuen Berliner Republik als nationalen Affront ihrer ebenso damaligen Berliner Republik sahen. Dort sah man lieber eine hedonistische Jugend ala Loveparade fröhlich tanzen, die das neue Deutschland mehr verkörpern sollte als ein düsteres Mahnmal an Deutschlands grösstes Verbrechen. Inzwischen scheinen sie sich mit dem Holocaustmahnmal und anderen Symbolen neudeutscher Selbstdefinition  als neuem bundesrepublikaniscchem Konsens abgefunden zn haben, weswegen die Berufung, dass Rudolf Augstein und Walser dies infrage stellten, wieder die zeitgemäße, aber eben inhaltliche nicht korrekte Wiedergebungsweise sind. Weil man einmal reaktionär war, muss man dies nicht mehr sein, wird aber von Reaktionären  zitiert und als Beleg für den eigenen Geschichtsrevisionismus genommen. Man muss sehen: All jene beleidigten Nationalisten demokratischer Provinienz, sind heute all jene, die das Holocaustmahnmal kräftig verteidigen und auf die sich ein Elsässer, eine AfD oder wer auch immer nicht berufen können, auch wenn sie auf deren unrühmliche Vergangenheit als sie noch die Walserrede abklatschten abzielen.

Zum zweiten wäre die Forderung, dass die USA eben auch ein Indianergenozidmahnmal und die Türken eben ein Armeniergenozidmahnmal aufstellen und nicht so zu tun als wäre ein Holocaustmahnmal keine Normalität, die man anstreben sollte. Da wird es eben schon wieder geschichtsrevisionistisch–Motto: Wenn die „anderen Völker“ Genozide begehen und keine Mahnmale haben, dann können auch die Deutschen einen Holocaust und 2 Weltkriege beginnen ohne ein Mahnmal zu haben.Tendenziell sprechen sich also Nationalisten dafür aus, Völkermorde und Genozide im Namen des“eigenen Volkes“ an „anderen Völkern“ zu begehen ohne daran von der Geschichte daran erinnert werden zu müssen. Das soll dann Normalität werden.Und auf dieser geschichtsrevisionistischen nationalistischen , Völkermorde verrechnenden Basis kann man sich dann auch den Zivilisationsbrüchen der Zukunft durch die eigene Nation und das eigene Volk zuwenden, die dann auch kein Gedenken und moralisches Gewissen mehr kennen. Zumal fragt sich auch, was die Konsequenz dieser Kritik sein soll: Dass man das Holocaustmahnmal und andere Gedenkstätten und Mahnmäler jetzt wieder abreisst und beseitigt oder ein Mahnmal für die Deutschen als Opfer des Nationalsozialismus aufstellt, also die Umdeutung vom Täter- zum Opfervolk beabsichtigt, damit „Normalität“hergestellt werden kann? Wobei einem auch klar sein sollte, dass Mahnmäler allein noch nie einen Völkermord oder Krieg verhindert haben, aber eben ein wichtiges Symbol im politischen Kulturkampf und bei der Frage des Selbstverständnisses sind.

Und den Worten folgen schon erste Taten: Was Höcke fordert, will die badenwürtembergische AfD Meuthens nun durchsetzen:

„Die baden-württembergische AfD schlägt in der Geschichtspolitik einen ähnlichen Kurs ein wie der thüringische AfD-Fraktionsvorsitzende Björn Höcke. Jörg Meuthen, Fraktionsvorsitzender im baden-württembergischen Landtag, verteidigte nicht nur Höckes Aussagen über das Berliner Holocaust-Mahnmal, seine Fraktion brachte im Haushaltsausschuss nun auch Anträge ein, in denen vorgeschlagen wird, die Fördergelder für die NS-Gedenkstätte Gurs in Frankreich zu streichen. Nach Gurs hatten die Nationalsozialisten jüdische Mitbürger aus dem badischen Landesteil deportiert, die Erinnerungsstätte wird jährlich mit 120 000 Euro gefördert.“

http://www.faz.net/aktuell/politik/inland/joerg-meuthen-von-afd-ist-gegen-gelder-fuer-ns-gedenkstaette-14726516.html

Über Ralf Ostner

Ralf Ostner geboren 1964 in Frankfurt am Main, 1984 Abitur in Bayern--Leitungskurse: Physik und Kunst/ Schülerzeitung. Studium der Physik (Nebenfächer: Mathematik, Chemie), Wirtschaftsgeographie (Nebenfächer: BWL, VWL) und Studium der Sinologie. 1991 Abschluss als staatlich geprüfter Übersetzer in der englischen und chinesischen Sprache am Sprachen- und Dolmetscher-Institut/München (Leiter der Chinesisch-Abteilung: Herr Zhang, ehemaliger Dolmetscher von Deng Xiaoping und Franz-Josef Strauß).Danach 5 Jahre Asienaufenthalt: China, Indien, Südostasien (u.a. in Kambodscha während des ersten Auslandseinsatzes der Bundeswehr, Interviews mit Auslandschinesen, Recherche im Karen-Guerillagebiet in Burma, Unterstützung einer UNO-Mitarbeiterin während den Aufständen in Nepal und bei UNO-Arbeit in Indien), Australien. Danach 5 Jahre als Dolmetscher, Delegationsbegleiter und Übersetzer in München. Abendstudium an der Hochschule für Politik /München (Schwerpunkt: Internationale Beziehungen). Abschluss als Diplom-Politologe (Diplomarbeit: Die deutsch-chinesischen Beziehungen 1989-2000 unter besonderer Berücksichtigung der SPD-Grünen-Regierung). Delegationsbegleitung von Hu Ping, Chefredakteur der chinesischen Dissidentenzeitung "Pekinger Frühling" (New York)und prominentester Vertreter eines chinesischen Liberalismus bei seiner Deutschlandtour (Uni München, Uni Mainz, Berlin/FU-Humboldt) bei gleichzeitigem Kontakt mit Liu Liqun (Autor des Buches "Westliches Denken transzendieren"/ heute: Deutschlandberater der chinesischen Regierung).Chefredakteur der Studentenzeitschrift UNIPOL . Projekte am Goethe-Institut und bei FOCUS TV. Seit 2000 Übersetzer (chinesisch-deutsch), Graphiker, freier Schriftsteller und Blogger.
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