2017/2018 Marxjahr

von Ralf Ostner

2017/2018 ist nicht nur Lutherjahr und 500 Jahre Reformation, sondern auch Marxjahr. Im Kino läuft dementsprechend nun auch der Film „Der junge Marx“, an der Uni Oldenburg der Kongress „150 Jahre Das Kapital“ und 2018 Marxens 200. Geburtstag. Interessant, dass die VR China zu diesem Anlass Marxens Geburtsstadt Trier nun eine riesige Marxstatue schenkt–zeigt wohl, dass Marx in China noch mehr Wertschätzung findet als Konfuzius:

http://www.swr.de/swraktuell/rp/trier/gross-groesser-karl-marx-mega-marx-aus-china-sorgt-fuer-streit-in-trier/-/id=1672/did=18264304/nid=1672/qy2hly/index.html

Kritiker von Marx wie etwa „Das Schwarzbuch des Kommunismus“verweisen darauf, dass der Marxismus zu Millionen von Toten und dem Totalitarismus geführt hat. Das stimmt sicherlich für einen Teil der marxistischen Bewegung, vor allem den Leninisten, Stalinisten, Maoisten,Trotzkisten, Anhängern von Pol Pot, vergisst aber umgekehrt die Verbrechen des Kapitalismus und seiner politischen Systeme vom Kolonialismus, Faschismus bis hin zu den Weltkriegen, die dieses System hervorbrachte und ebenso seine Hunderte Millionen an Toten wie sie im „Schwarzbuch des Kapitalismus“ aufgelistet werden und als Gegenbewegung erst den Marxismus als Reaktion darauf hervorbrachte–mit all seinen totalitären Auswüchsen dann. Auch käme im Lutherjahr keiner auf die Idee sich nicht mit Luther und seinen Werken zu beschäftigen, weil die Reformation samt 30jähriger Krieg und die Bauernkriege etwa die Hälfte der damals lebenden deutschen Bevölkerung massakrierte und Luther auch recht religiös-fanatische, zumal antisemitische Passagen in seinen Werken aufzuweisen hat.

Interessant scheint dabei der Kongress der Uni Oldenburg zu werden, der systematisch die falschen Irrlehren des Marxismus leninistischer Prägung entrümpeln möchte mit all seinem historischen Materialismus (Histomat), Diktatur des Proletaritats und all jener geschichtsteleolgischen und autoritären Auswüchse, sondern sich vor allem auf die wesentliche Schrift von Marx „Das Kapital“ als ökonomischer Analyse konzentrieren will und dabei fragt, was noch richtig ist, was falsch, was aktuell, was erweiterbar, was ergänzt werden muss. Das verspricht eine spannende Veranstaltung zu werden, die nicht einem Personenkult und rigiden Moralismus sozialromantischer Provinienz huldigt, sondern eine analytisch-rationale Bestandsaufnahme verspricht zu werden.

Der Veranstalter, das Forum für Marx-Forschung Oldenburg schreibt dazu:

150 Jahre Das Kapital – Das Kapital in der Kritik

Tagung an der Carl von Ossietzky Universität Oldenburg am 24. und 25. März 2017

Die Tagung nimmt das Erscheinen des ersten Bandes des Kapital von Karl Marx vor 150 Jahren zum Anlass einer wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit der dort entfalteten Analyse und Kritik der kapitalistischen Produktionsweise.

Die Veranstalter betrachten Das Kapital als wichtigen Beitrag zum Verständnis der Strukturen und Dynamiken des Kapitalismus – insofern steht das Kapital hier als reales gesellschaftliches Verhältnis im Fokus einer kritischen Analyse. Allerdings ist das Kapital von Marx kein abgeschlossenes, perfektes oder zeitloses Werk – insofern sollen auch die Probleme und offenen Fragen des Kapital Gegenstand einer kritischen Untersuchung werden.

In diesem Zusammenhang ist es das Ziel der Tagung, einen Beitrag zur Wiederbelebung der im deutschsprachigen Raum kaum noch vorhandenen akademischen Rezeption der Marx’schen Kritik der politischen Ökonomie zu leisten.

Inhaltlich sollten sich die Beiträge so eng wie möglich an Sachfragen und Deutungsproblemen des ersten Bandes des Kapital orientieren. Mögliche Themen sind, wobei die folgende Themenliste keineswegs als abgeschlossen zu verstehen ist:

– Verhältnis von Qualität und Quantität des Werts

– Notwendige und Mehrarbeit

– Wert der Ware Arbeitskraft und Lohnformen, auch unter Gender-Gesichtspunkten

– Begriff der Klasse

– Zum Veralten des 13. Kapitels – mechanische Industrialisierung im 19. Jahrhundert – und heute?

– Ist das 20. Kapitel zu verstehen?

– Was ist eigentlich genau das allgemeine Gesetz der kapitalistischen Akkumulation?

Die Tagungsvorträge sollten 40 Minuten nicht überschreiten. Bitte reichen Sie Ihre Rückmeldungen zu diesem call for papers bis zum 30. September ein (Mail: hans-georg.bensch(at)uni-oldenburg.de)

Ihre Vortrags­vorschläge sollten maximal zwei Seiten umfassen. Die Veröffentlichung der Tagungsbeiträge in einer Zeitschrift mit peer review-Verfahren ist vorgesehen.

http://www.uni-oldenburg.de/marxforschung

Über den Veranstalter ist folgende Selbstdarstellung zu erfahren:

Forum für Marx-Forschung Oldenburg

 

Vor nun fast 150 Jahren erschien Das Kapital. Kritik der politischen Ökonomie. Von Karl Marx. Erster Band. Buch I: Der Produktionsprozeß des Kapitals. Mit diesem Buch brachte Marx die kapitalistische Produktionsweise auf den Begriff, wobei dieses Auf-den-Begriff-Bringen inwendig mit dem Impuls verknüpft war, das Begriffene abzuschaffen. Seitdem hat die kapitalistische Produktionsweise sich rasant fortentwickelt bis hin zu dem Zustand, der Globalisierung genannt wird. Das Kapital begleitete diesen Prozeß; seine divergierenden Rezeptionen und kontroversen Interpretationen reflektierten das Weltgeschehen. Es wurde von der Opposition gegen den Kapi­tal­ismus für ihren Kampf gegen ihn benutzt. In den Revolutionen nach dem Ersten Weltkrieg und beim Aufbau einer ökonomischen Alternative zur kapitalistischen Produktionsweise waren Befür­worter wie Gegner sich darin einig, diesem Buch eine Schlüsselrolle zuzuschreiben: es sei um die politische Konsequenz des Kapitals gegangen: die Überwindung des Kapitalismus. Der Zusam­men­bruch der Sowjetunion markiert eine Wende: Das Marxsche Kapital scheint nach und mit 1989 eine bestimmende politische Funktion verloren zu haben.

Die akademische Geschichte von Das Kapital – im speziellen die Marx-Rezeption an deutschen Universitäten betrachtet – ist schnell erzählt; es gab sie kaum. Seine Genese ver­meldet zwar eine akademische Vorgeschichte – neben der klassischen englischen politischen Ökonomie insbesondere die Hegelsche Philosophie –, welcher Vorgeschichte Das Kapital zwei­felsohne sich auch verdankt, wesentlich für sein Entstehen aber waren der Impuls gegen eine die kapitalistischen Verhältnisse affirmierende politische Ökonomie und derjenige gegen eine sich wissen­schaft­lich gebende Philosophie – der Impuls, letztere aufzuheben. So wurden die Kritik der politischen Ökonomie und die Kritik der Hegelschen Philosophie zu immanenten Voraus­setzun­gen des Kapitals. Nicht verwunderlich, daß die Hüter der akademischen Wissenschaften Das Kap­ital von Anbeginn als Kampfschrift abstempelten. Mit Eifer, Entschlossenheit und Methode relegierte die Alma Mater ihr illegitimes Kind. Das Relegierte aber, wie es bei illegitimen Kindern trotz aller Bemühungen des Verschweigens vorkommen kann, spielte durchaus eine Rolle, nämlich als das Negative, wogegen die Universität sich in seltener Einmütigkeit abgrenzte.

Doch solcherart Abgrenzung bleibt allein schon logisch ein aporetisches Problem, weil ihre akademische Durchführung voraussetzt, dieses Negative, was von der Universität zum anathema gestempelt worden war, zugleich zum (akademischen) Gegenstand zu machen. Im weiteren Verlauf – die Rede ist von der Zeit bis zum 2. Weltkrieg – gab es freilich einige wenige, die vereinzelt und selten genug es wagten, dieses Buch innerhalb der Universitäten zu einem ernsthaften Gegenstand der Wissenschaft zu machen. Diese wenigen erfuhren die politisch-gesellschaftliche Abstempelung des Buches daran, wie der akademische Betrieb sie persönlich mit dem Stempel des unsicheren Kantonisten versah. Nach dem 2. Weltkrieg erwies die Rezeption von Das Kapital – korrespondierend der entstandenen politischen Weltlage – sich als in zwei Stränge geteilt, ohne daß beide Stränge sich wechselseitig anerkannten – oder es gar eine produktive Vermittlung zwischen ihnen gab. In der DDR, in Fortsetzung von Entwicklungen in der Sowjetunion und in den westeuropäischen Kommunistischen Parteien, gab es eine sich scheinbar orthodox gebende Kapital-Lektüre, die ihre Orthodoxie mit der Anwendung im und der Rechtfertigung des Realen Sozialismus verband; indes bildeten sich innerhalb dieser Orthodoxie gegen die vorherrschende Lesart sich wendende Positionen heraus.

In den Universitäten der BRD, auf der anderen Seite des Eisernen Vorhangs, wurde hingegen der ‘humanistische Marx’ der Frühschriften entdeckt, begrüßt und listig einge­mein­det. Denn indem ein Gegensatz zum späten ‘ökonomischen’/‘ökonomistischen’ und mithin weniger humanistischen Marx behauptet wurde, gelang es, eine eingehendere Analyse des Kapitals abermals zurückzudrängen oder gar zu verhindern. Gleichwohl entwickelte sich, in einer Nische eingerichtet von einigen wenigen durch Zufälle auf Lehrstühle in BRD-Unis gelangten Marxisten, eine geschichtsphilosophisch akzentuierte Interpretation von Das Kapital. Einen Markstein der Geschichte der Kapital-Rezeption stellte, 100 Jahre nach Erscheinen des 1. Bandes, das Frankfurter Colloquium vom September 1967 dar: Kritik der politischen Ökonomie heute 100 Jahre ‘Kapital’. Wenigstens vier verschiedene, z. T. gegensätzliche Positionen trafen aufeinander und diskutierten miteinander: Marxisten aus der DDR, die geschichtsphilosophische Interpretation durch die Kritische Theorie (Alfred Schmidt, Oskar Negt), die strukturalistische Lesart (Nicos Poulantzas, Louis Althusser) und nicht in die drei vorgenannten Gruppen einzuordnende Einzelpersonen (Ernest Mandel, Werner Hofmann, Oswald von Nell-Breuning, Wolfgang Abendroth u.a).

Die auf das Colloquium folgende Periode von 1968 bis 1989 präsen­tierte sich dann als ein Sonderfall der akademischen Geschichte von Das Kapital: Marxisten in einer verglichen mit der Periode vor 1968 (und dann auch mit derjenigen nach 1989) erstaun­lichen Anzahl kamen an die Universitäten. Dies verdankte sich besonderen politischen Verhält­nissen. Die überkommene Ordinarienuniversität war seitens zweier verschiedener Akteure mit doch divergierenden Gründen unter Beschuß geraten, seitens der Studentenrevolte und seitens des Staates, der auf Reform, Modernisierung und Ausdehnung der Universitäten drängte, wozu die Ordinarienuniversität sich sowohl als unfähig als auch als unwillig erwies. Dieses sehr ungewöhnliche ‘Bündnis’ zusammen mit einer politisch mattgesetzten Ordinarienuniversität gebar jene für die akademische Kapital-Geschichte singuläre Konstellation. Doch dieses ‘Bündnis’ zer­fiel, kaum daß es ‘gewonnen’ hatte. Damit währte die Periode akademischer Anerkennung des Kapitals und einer bemerkenswerten Entfaltung jener auf dem Colloquium begonnenen Debatte nur kurz. Mit 1989 endete jener singuläre Sonderfall; Das Kapital verschwand aus Forschung und Lehre. Inzwischen ist jener ursprüngliche Zustand akademischer Relegation fast wiederhergestellt.

Anläßlich des 150. Jahrestags des Erscheinens von Das Kapital haben Mitglieder des Instituts für Philosophie an der Carl von Ossietzky Universität Oldenburg das Forum für Marx-Forschung Oldenburg gegründet. Dieses Forum nimmt einen neuen Anlauf, um in der Alma Mater jenes Buch zum Gegenstand der wissenschaftlichen Debatte zu machen. Die in sich widersprüchliche kapitalistische Produktionsweise erzeugt fortlaufend Widersprüche in zum Teil veränderten, zum Teil neuen Gestalten. Die Wirkungen dieser Widersprüche werden zunehmend spürbar. Mit Das Kapital hatte Marx 1867 – die damaligen Erscheinungsformen des Kapitalismus vor Augen – versucht, diese Produktionsweise auf den Begriff zu bringen. Diese ökonomischen Bestimmun­gen zum Wesen des Kapitals halten bis heute stand. Doch – was sowohl Befürworter wie Gegner nicht selten übersahen – Das Kapital ist weder ein theoretisch abgeschlossenes noch ein perfektes noch ein zeitloses Werk. Die in den 150 Jahren seit Erscheinen des Buches durch­gesetzte Fortentwick­lung des Kapitalismus beleuchtet zentrale, im Marxschen Text offen geblie­bene Fragen (als Stichworte seien genannt: Erklärung des Finanzkapitals, der Funktion des Staates als des ideellen Gesamtkapitalisten, des Imperialismus u.a.) der Theorie über das Wesen des Kapitals. Umgekehrt verweisen diese offenen Fragen auf Widersprüche in der wirklichen Entwicklung des Kapitalismus. Und deswegen lohnt für uns Heutige die Reflexion auf das Marxsche Kapital.

Das erste Projekt des Forums ist die Vorbereitung einer am 24. und 25. März 2017 stattfinden werdenden Tagung an der Carl von Ossietzky Universität Oldenburg. Der Titel der Tagung “150 Jahre Das Kapital – Das Kapital in der Kritik” kündigt an, daß es um den inwendigen, Begriff und Gegenstand verknüpfenden Zusammenhang von einerseits einer durch 150jährige Geschichte gewitzigten kritischen Lektüre von Das Kapital und andererseits der Kritik des Kapitals als der die gegenwärtige Gesellschaft durchdringenden Produktionsweise gehen soll. Kurz und bündig gefaßt zielt die Tagung darauf ab, die im deutschsprachigen Raum kaum noch vorhandene akademische Rezeption der Marxschen Kritik der politischen Ökonomie wiederzubeleben.

 



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