Kann die Erdogantürkei China als Substitut für die EU nutzen?

von Ralf Ostner

Zur Frage, ob die Türkei China als Substitut für die EU benutzen könnte und sich der SCO anschließt, noch eine Korrespondenz mit einem guten Bekannten.

X:

Du schreibst: “Und China? – Könnte. Aber China werden die Wirtschaftsbeziehungen zur EU wichtiger sein als die zur Türkei. China wird sich also auf kein Türkei-Abenteuer einlassen.”

Leuchtet mir nicht ein, denn die EU bindet ihre Handelsbeziehungen mit China ja nicht daran, welche Handelsbeziehungen China mit anderen Ländern inklusive der Türkei unterhält und China hätte sicherlich nichts daggegen, die EU beim Türkeihandel zu beerben. Zudem passt die Türkei ideal in die One-Belt-One-Road(OBOR) -Neue Seidenstrasseninitiative Chinas, wie die Türkei auch schon überlegt Mitglied in der Shanghai Cooperation Organization (SCO) zu werden. Nur weenn sich die Türkei in ausländische Militärabenteuer gegen Chinas Verbündete wie den Iran oder Syrien begeben würde, wäre wohl Schluß mit lustig.

 

Y:

Bezüglich Türkei-China-EU:
Es gibt, wenn man GUTE Geschäfte machen will, durchaus politische Rahmenbedingungen dafür, sozusagen freundschaftliche Ermöglichungen. Die spielen eine erhebliche Rolle.

Sollte sich China darauf einlassen, den Patron für die Türkei und gegen die EU zu spielen, gingen gewiss die Geschäfte China-EU weiter – nur eben nicht so gut, nicht so flüssig, nicht so gewinnbringend. Es hat ja schon seine wirtschaftlichen Gründe, warum sich zum Beispiel die EU zu einem Wirtschaftsraum von 28 oder 27 Nationen macht; oder warum man politisch-freundschaftlich der Türkei die privilegierte Partnerschaft mit der EU gewährt hat. Es hat schon seine Gründe, warum Staatsbesuche meistens auch ein ökonomisches Rahmenprogramm absolvieren.

Mit der Türkei, wenn die sich total von der EU abgewandt hat, hätte China wenig Freude. Es würde China nur sehr viel kosten, weil sie das Land päppeln müssten und zugleich das eine oder andere Geschäft mit der EU leiden würde. Warum sollten sie sich auf so eine Option einlassen?

Man könnte das auch noch politisch-militärisch deuten. Würde sich China einer antiwestlichen Türkei als Patron und Sponsor zur Verfügung stellen, würde sich die EU und würde sich auch die NATO fragen müssen: Will China jetzt im Mittelmeerraum gegen uns politisch-militärische Macht aufbauen? – Ein solcher Verdacht wäre nicht von der Hand zu weisen – und hätte schwerwiegende politisch-ökonomische Konsequenzen.

Wir sollten bei allen Überlegungen zu den momentanen und zukünftigen Möglichkeiten der Türkei einrechnen, dass das Land auf einen wirtschaftlichen Niedergang zusteuert.

Aus politischen UND aus wirtschaftlichen Gründen werden wohl bald Millionen Türken an unsere Tür klopfen …

 

X:

Da übersiehst du etwas: Dass China zusammen mit Rußland schon gemeinsame Marinemanöver im Mittelmeer abgehalten hat, wenngleich sein Schwerpunkt im Pazifik, vor allem im Süd- und Ostchineischen Meer liegt.Desweiteren, dass die chinesische Luftwaffe auch schon gemeinsame Luftwaffenmanöver mit der Türkei in der Türkei (Anatolian Eagle) abgehalten haben, bei denen chiesische Kapmfflugzeuge über den Bosporus donnerten. Desweiteren, dass China über riesige Staatsfonds verfügt, die bei Auslandsinvestitionen und mit der neugegründeten Asian Infrasturture Invesetment Bank (AIIB) die Finanzierung des Neuen Seidenstrasse vorantreibt– Mittel, die der Westen nicht hat und auch nicht immense Verluste wie etwa China bei seinem Investment in eine Kupfermine und anderes in Afghanistan einfach in Kauf nimmt bei seinen langfristigen Strategien. Da gibt es also einige Ansätze. Aber Vorraussetzung wäre wahrscheinlich, dass sich die Türkei mit Iran, Syrien und Rußland verträgt. China hätte da kein Interesse, dass es da zu hasadeurartigen Aktionen kommt. Desweiteren scheint Erdogan ja auch abzuwarten, ob die USA unter Trump die Erdogantürkei nicht als Ordnungsfaktor für den Nahen Osten In Konkurrenz mit Rußland, China, Syrien und Iran sehen könnten. Das ist zwar noch völlig unklar, aber in dieser Richtung gibt es dann auch gewisse Hoffnungen des Sultans.

Du schreibst:

“Man könnte das auch noch politisch-militärisch deuten. Würde sich China einer antiwestlichen Türkei als Patron und Sponsor zur Verfügung stellen, würde sich die EU und würde sich auch die NATO fragen müssen: Will China jetzt im Mittelmeerraum gegen uns politisch-militärische Macht aufbauen? – Ein solcher Verdacht wäre nicht von der Hand zu weisen – und hätte schwerwiegende politisch-ökonomische Konsequenzen. ”

Das kommt auch darauf an, wie sich Trump gegenüber China verhält. Wenn er auf Konfrontationskurs geht, sowohl ökonomisch wie auch militärisch, muss China abwägen: Bei Strafzöllen, etc. würde dann die EU und die asiatischen Staaten wichtiger für China. Militärisch könnte Peking aber an einer Verschärfung des europäisch-russischen Konflikts gelegen sein, um US-Truppen in Europa zu binden, die dann im Pazifik oder im Hahen Osten dann nicht verfügbar wären. Da gebe es dann im Politbüro wohl zwei Lager, zumal umgekehrt China aber auch ein Interesse haben könnte, die EU gegen die Trump-USA zu stärken und unabhängiger zu machen, was umgekehrt wieder bedeuten könnte, dass es auf einen europäisch-russischen Ausgleich aus sein könnte. Ziemlich komplex die Sache, zumal auch Putin eben ein entscheidender Akteur in diesen Beziehungen bleibt.

Vielleicht sollte man sich die Entwicklung auch nicht so binär als “Entweder oder”vorstellen, sondern mehr graduell. Wahrscheinlich ist, dass sich die Erdogantürkei von der EU entfernt und näher auf China zugeht. Wenn Erdogan sein Referendum durchb ekommt, dann wäre die Türkei eine islamitische Präsidialdiktatur–was China nicht stören würde, da Menschenrechte und Demokratie keine Kategorien beio den Chinesen sind. Umgekehrt würde die EU dann ihre Beziehgungen zur Türkei auf eine neue Basis stellen, vielleicht privilegierte Partnerschaft ala CSU oder eben normale Beziehungen wie auch zu anderen autoritären Staaten. Das wäre dann ein Neuanfang und eben nicht Abbruch aller Beziehungen. China selbst ist erst einmal mit der Erschließung Zentralasiens beschäftigt, sowie seinen Aktivitäten im Süd- und Ostchinesischen Meer, würde also sicherlich nicht die Türkei gleich als Verbündeten und Schwerpunkt sehen, wenngleich es sich sicherlich nicht die Chancve einer weiteren Annäherung entgeghen lassen würde. Wobei Erdogan dann aber auch bezüglich der Turkvölker und der uigurischen Ostturkestanbewegung Abstriche machen müsste. Desweieteren ist die Frage, ob die Wirtschaftsstruktur der Türkei nicht mit der EU kompatibler ist als mit China und ob der Handel mit China nicht nachteiliger und konkurrenzbeladener wäre als mit der EU. Und dann muss man auch noch sehen, sollte die Türkei die NATO verlassen, bei ihrem militärischen Equipment einige Schwierigkeiten hätte. Ersatzteile für westliche Waffenssteme herzubekommen, zumalö eine Substitution westlicher Waffensysteme durch chinesische und russische Waffensysteme immense Investitionen vorraussetzen würde. Zudem die Türkei dann auch ohne NATO-Schutz gegenüber Russland existieren würde, sollte Putin es sich anders überlegen. Solange also sich die Türkei keine eigenen Atomwaffen zulegt, wäre sie ohne NATO-Schutz gegen Rußland ziemlich schutzlos. Vielleicht treibt Erdogan deswegen auch den Bau von Atomkraftwerken in der Türkei voran.Von daher ist ein völliger Bruch eher ausgeschlossen, eher eine graduelle Entfernung wahrscheinlich.



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