Praktische Philosophie als ethisches Feigenblatt fürs Kapital

von Ralf Ostner

SZ-Artikel über Philosophen–die scheinen immer mehr zu Ethikberatern zu mutieren und Theologen in Ethikkommissionen zu ersetzen- dementsprechend gibt es auch ein Münchner Kompetenzzentrum Ethik (MKE), das von Vossenkuhl und Nida-Rümelein geleitet wurde. Das Ganze nennt sich auch Praktische Philosophie und scheint sich von der theoretischen Philosophie immer mehr abzugrenzen. Nun mag es nicht falsch sein, wenn sich Philosophen auch mit den ethischen Fragen neuer Industrien, der Gesellschaft und der Ökonomie befassen, aber zum einen fragt sich da, wer der Auftraggeber solcher Studien ist und welchem Zweck sie dienen, wie auch der künstliche Gegensatz der theoretischen Philosophie zur sogenannt praktischen Philosophie da nicht Einfallstor ist, philosophische Gedanken über die Gesellschaft und wie diese beschaffen ist und infrage zu stellen wäre, nicht grundsätzlich abzuwürgen.

Auch steckt da die Denuziation drinnen, dass sich theoretische Philosophie nie mit „der Realität“befasst hätte, was schlichtwegs nicht stimmt. Von Aristoteles über Platon bis Marx befassten sich viele sogenannt theoretische Philosophen mit gesellschaftlicher Realität, aber nicht nur als ethische Fragen. Fragt sich eben, was man unter dem Wort „die Realität“versteht und alles andere als realitätsfern denunziert, während man/frau sich als der Quasirealpolitiker der Philosophie gebärdet.Für die meisten materialistischen Philsosophen gehörte die Beschäftigung mit der Gesellschaft, der Ökonomie und den Naturwissenschaften, sowie der Religion immer schon zum Handwerkszeug und war auch deren Untersuchungsgegenstand und Treiber so mancher Grundsatzdebatte. Soweit der Vorwurf der Realitätsverweigerung zutreffen sollte, bezieht sich dies eher auf die Metaphysiker und Idealisten.

Es ist auch nicht falsch, wenn Philosophie sich auch mehr mit den Naturwissenschaften auseinandersetzt und interdisziplinär wirkt und keine Elfenbeinturmexistenz in der schöngeistigen Nische fristet, aber das galt ja für frühere Philosophen bis hin zu David Precht auch nicht in dieser Form, wie man eben auch aufpassen muss, dass diese praktische Philosophie nicht zum Apolegetentum für wissenschaftlichen Futurismus wird. Mehr über die Nachfolgerin und Philosophin Monika Betzler, die auch eine Aufgabe für praktische Philosophen bei der Fifa sieht und wie sie sich das Bild des Philosophen zukünftig vorstellt unter:

http://www.sueddeutsche.de/muenchen/ich-koennte-mir-auch-einen-philosophen-bei-der-fifa-vorstellen-sich-mit-dem-leben-verbinden-1.3417716

Bezeichnend ist da folgende Stelle:

„Ein Doktor in Philosophie, das war früher die Lizenz zum Taxifahren. Berufsaussichten gab es kaum. Aber auch die Philosophie selbst war sich meist zu fein, sagt Betzler, in die Niederungen der Realität abzutauchen. Das soll sich ändern. „Der Bedarf ist ja da.“ Große Unternehmen hätten längst Corporate Responsibility Units, um ihre soziale und ökologische Verantwortung zu dokumentieren. „Das ist manchmal kaum mehr als ein Feigenblatt, manchmal aber auch ernst gemeint“, stellt Betzler fest.“

Praktische Philosophie also anwendungsorientiert als ethisches Feigenblatt und Überbau für Corporate Responsibility Units ,genauso wie sich Unternehmen inzwischen grüne Politiker als Vorzeigepersönlichkeiten und grün-ökologischen Label leisten. Da wäre ein praktischer Philosoph für die Fifa natürlich denkbar. Vielleicht wären praktische Philosophen auch noch als Ethikberater der Camorra gefragt, damit sie nicht Taxifahren müssen. Der Bedarf dürfte sicherlich gigantisch sein. Statt „brotloser Kunst“eben: „Wes Brot ich eß, des Lied ich sing!“. Man möge sich also als praktischer Gewissenswurm und Moralist verdingen, der die Sache „kritisch“erörtert und mit einigem Winden und Wenden abwägt, um ihr dann doch letztendlich seinen Segen zu geben und sie zu befürworten. „Philosophen haben die Welt nur interpretiert, es kommt darauf an, sie zu verändern“ (Marx) Würde mich mal interessieren wie die praktische Philosophin Monika Betzler zu diesem Paradigma steht.

 

Ein Philosoph klärte mich noch über die Unterscheidung der jeweiligen Philosophiebegriffe auf, die mir nicht so klar waren und schrieb:

Ethik ist praktische Philosophie. Theoretischer Philosophie geht es um Wissen „als solches“ (z.B. wenn sich ein Philosoph fragt, ob sich die Mathematik aus der Logik ableiten lässt), praktischer Philosophie gehtes um ein Sollen (schöne Kunst, richtiges Verhalten=Ethik, zweckmäßige Gesellschaft). Eine Ethik, die nicht mehr fragt, wie ich mich als Mensch verhalten soll, sondern wie ich mich z.B. als Angestellter oder Fußballpräsident verhalten soll, lässt sich als instrumentell kritisieren. Vielleicht wäre es aber besser, sich der politischen Philosophie zu bedienen und auf eine Gesellschaft zu dringen, in der es
weder Angestellte noch Fußballpräsidenten gibt.

 



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