Bundeswehr und die Wehrmacht- von der Demokratie- und Traditionsdebatte zur Kapitalismusdebatte

von Ralf Ostner

Erschreckend wie alte und junge deutsche Militaristen die Wehrmacht in den Leserbriefen vieler Zeitungen und auch des Münchner Merkurs hochleben lassen. Das Massenverhungernlassen von 3 Millionen slawischen Untermenschen/Russen sei legitim, weil Russland nicht die Konventionen des Internationalen Roten Kreuzes unterzeichnet habe. Quasi: Selbst schuld.Kaum an Zynismus zu überbieten. Dass die deutsche Wehrmacht ganz Europa in Schutt und Asche legte, mit 30 Millionen Kriegstoten und 6 Millionen ermorderten Juden, wird scheinbar als Kavaliersdelikt gesehen. Krieg ist eben Krieg, egal auch wenn man selbst der Aggressor ist, denn diese Partisanen waren ja sehr grausam, als sie sich gegen die Besetzung ihrer Länder wehrten. Am schockierendsten wird es aber, wenn ein Herr Riegert im Münchner Merkur den israelischen Militärhistoriker Martin von Creveld zur Legitimation des Vorbildcharakters der deutschen Wehrmacht zitiert:

„Aber er hat sie in Sachen Organsition, Training, Lehre und Taktik, aber auch wasDisziplin und Moral der Soldaten betrifft als (auch heute noch) vorbildhaft bezeichnet“.

Ein Israeli/Jude, der die Nazi-Wehrmacht als Vorbiild sieht–dann muss es ja stimmen, wenn man sich nicht in den Verdacht eines Antisemiten begeben will, wenn man diese Vorbildlichkeit infrage stellt.Der nächste  rhetorische Kunstgriff ist, Fragen der Effektifität mit denen der Moral, wenn schon nicht der Demokratie oder Menschenrechte zu vermengen. Wenn Creveld von Moral der Truppe spricht, so meint er Kampfesmoral/fanatismus und Kampfesgeist/willen, nicht aber eben Moral oder humane Werte oder Verhältnismäßigkeit der Mittel. Eine Wehrmacht, die ganz Europa und Rußland in Schutt und Asche legte mit 30 Millionen Toten und 6 Millionen ermordeten Juden, auch Millionen von Deutschen, die sich scheinbar selber gar nicht als Kriesgoppfer einer verbrecherischen deutschen Dikatur sehen, sondern nur volksgemeinschaftlich als Opfer fremder Mächte, war allerdings effizient. Wenn man nur Effizienzkriterien anlegt, könnte man auch die KZ und den Holocaust als effiziente Organisation sehen oder Pol Pots Geheimdienst oder Stalins Gulags und Vernichtung von Kulaken und Oppositionellen mittels seiner durchaus effizienten Tscheka.Auch dies wären dann morlaische Vorbilder für Herrn Riegert. Und wenn Helmut Schmidt als nächster Kronzeuge zitiert wird, so antwortete Oskar Lafontaine seinem Altmeister auch schon mal: „Mit diesen deutschen Primärtugenden von Effizienz, Pünkltlichkeit und Disziplin konnte man auch KZs betreiben“. Vorbildlich bezüglich Organisation, Effizienz und „Moral“. Aber auch Schmidt war Wehrmachtler wie FJ Strauss und sind da noch als kontaminiert bei ihrer Weltsicht auf die Wehrmacht zu betrachten.

So berechtigt es von der Leyen ist gegen Wehrmachtsglorifizierung in der Bundeswehr vorzugehen, so überhysterisch ist doch die nun veranstaltete Symbolpolitik, selbst Bilder mit Wehrmachtsuniformen, inklusive eben Helmut Schmidts zu exorizieren. Sinnvoller wäre es das Photo zu belassen und eben anhand der Persons Helmut Schmidts oder der abgebildeten Truppenteile einmal die Wehrmachtsgeschichte und deren Wirken zu analysieren und zu diskutieren.Das erinnert ein wenig an Stalinsche und Orwellsche Unpersonensäuberung, bei der Photos von unliebigen historischen Personen einfach wegretuschiert und die Leute historisch nicht existent gemacht werden.Der Schwerpunkt bei der Aufarbeitung sollte bei der politischen und geschichtlichen Bildung der Bundeswehrangehörigen liegen. Hier muss man intensiv inhaltlich arbeiten und sich nicht nur an Beseitigung einiger Wehrmachtsdevotionalien abarbeiten– zumal auch aufgrund eines unreflektierten Befehls von oben, der nur den alten Untertanengeist perpetuiert..Eine breite Diskussion innerhalb der Truppe wie auch der Bevökerung ist von Nöten, um einen neuen Konsens bezüglich der Tradition der Bundeswehr zu erzielen.Dabei sollte man sich auch Leute mit konservativeren Ansichten artikulieren lassen ohne gleich als Rückmeldung nach oben als Rechtsradikaler. Ansonsten züchtet man nur eine Angstatmosphäre, in der eine offene und ehrliche Auseinandersetzung nicht möglich ist.Es gibt auch andere Gruppen wie etwa die Scharnhorstgesellschaft (Politisch-Militärische Gesellschaft), die ihre Tradition nicht in die Reihe des Militärs des 1. und 2. Weltkriegs stellt, sondern bei den preußischen Reformern ansetzt, wenngleich auch Preußen etwas umstritten, aber bei weitem nicht so belastet ist. Auch gibt es die Clausewitzgesellschaft unter dem „Philosophengeneral “ Reinhardt, die sich mehr mit militärischen und militärphilosphischen Fragen der Gegenwart im Diktum von Clausewitzs „Der Krieg ist die Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln“ und der Diskussion der Politik beschäftigt. Zu diskutieren wäre ja auch mal, ob man überhaupt eine Tradition braucht oder wenn man diese meint haben zu müssen, deutet es ja auch daraufhin, dass man mit fragwürdigen Tradititionen der Vergangenheit gar nicht brechen will und sich eher in einer Kontinuität sieht.

Wobei vielleicht auch mal zu fragen wäre: Braucht man denn überhaupt Traditionen und Traditionspflege oder sollte man auch selbst das beseitigen im Sinne eines klaren Schnitts und Neuanfangs? Von der Leyen meint ja, dass 60 Jahre Bundeswehr genug sind, um eine abgetrennte, eigene demokratische Tradition der Bundeswehr zu begründen. Wenn Ewiggestrige darauf bestehen, dass Kasernen schon noch die Namen verdienter Wehrmachtsmilitärs haben sollten und man Kasenen nicht nach Zivilsten wie Mahatma-Ghandi, Georg Elser-, Martin Luther-King Biene-Maja-Kaserne, etc, benennen sollte, bleiben doch genug Namen von demokratischen Nachkriegsgenerälen, die nicht der Wehrmacht angehörten, aber prägend für die Bundeswehr waren und sind, wie etwa Graf von Baudissinkaserne, nach dem Erfinder der Inneren Führung oder dem „Philosophengeneral“Reinhardt, der für den Kriegseinsatz in Jugoslawien verantwortlich zeichnete oder eine General-Domroese-Kaserne als 1952 geborenen Nachkriegsgeneral, der für Demokratie, Frieden und Freiheit steht.  Dadurch würden die ganzen verdienstvollen demokratischen Bundeswehrgeneräle der Nachkriesgzeit erstmals bei der Truppe und der Bevölkerung aufgewertet, damit sie sich deren Existenz erst mal bewusst werden würden anstatt die Geschichte auf scheinbar alternativlose Wehrmachtsgeneräle wie Manteufel, Paulus, Guderian, Rommel, etc.zu beschränken. Für die Grünen könnte man sogar eine General Gert Bastian-Kaserne vorschlagen.Wenn die Grünen sich von ihren antimilitaristischen Reflexen lösen könnten, würden sie vielleicht auch eine General Bastian-Kaserne fordern und eine breite Diskussion innerhalb der Truppe wie auch der Bevölkerung entfachen. Ich schätze nur, dass die Grünen nicht so innovativ sind. Zumal auch Alice Schwarzer daraus eher eine Feminismusdebatte drüber starten würde, dass der General- Mann die zivile Pazifistenfrau Petra Kelly erschoss und ermordete anstatt auf dessen antimilitaristischen Einstellungen zu reflektieren, die ihn wie Petra Kelly gegen den NATO-Doppelbeschluss und jeder Form von Militarismus brachten. Dies würde dann wahrscheinlich auf eine feministische Sichtweise von Männergewalt reduziert. Ja, auch die Grünen haben ihre eigene Sorte von Militärgeschichte und Vergangenheit, die aufgearbeitet gehört.

CSU- Uhl und der Münchner Merkur, an vorderster Stelle Herr Anastiadasis führen eine Kampagne, die auf die Absetzung von der Leyens abzielt, obgleich ein anderer CSUler ja da eine diametral andere Auffassung vertritt..Leyens Bestreben gegen Rechtsextremismus und Wehrmachtsglorifizierung in der Bundeswehr zu bekämpfen ist aber grundsätzlich zu befürworten, auch wenn man über die Mittel streiten kann.Dass sich hier eine Terrorzelle in der Bundeswehr bildete, die Todeslisten gegen Gauck, Maas, Ramelow und andere Politiker aufstellte, scheint da schon wieder vergessen, obgleich der Fememord ja im deutschen Militär lange Tradition hat, wenn man an die Attentate der Organisation Consul ujnd anderer Freikorps gegen Rathenau oder Eisner denkt.

Zudem: Warum sollte die Wehrmacht ein Vorbild sein? Militärisch–sie hat den Weltkrieg verloren und auch solch gefeierte Heroen wie Rommel waren militärische Versager und erlebten bei Al Alamein ihr militärisches Waterloo. Moralisch? Die Wehrmacht führte einen Aggressions- und Vernichtungskrieg, legte ganz Europa in Schutt und Asche, war für über 30 Millionen Tote in Europa verantwortlich,beteiligte sich an Kriegsverbrechen und am Holocaust.All jene Leute, die meinen von der Leyen solle sich schämen und dies sei eine Beleidigung der Ahnen sollten sich selbst schämen und lieber demütig sein angesichts der Beteiligung an solch historischen Verbrechen. Mein Großvater war auch in der Wehrmacht und war gezwungen an der Ostfront zu kämpfen, aber im Nachkriegsdeutschland hat er sich dann als freier Mensch deutlich von den Verbrechen der Wehrmacht, deren Teil er war distanziert und die alten Nazigeneräle samt NSDAP verurteilt. Meine Großeltern waren aus Sudetendeutschland und flüchteten vor der Roten Armee, aber sie gaben dieser niemals die Schuld, sondern sahen dies als Folge der Verbrechen des Hitlerregimes, ihrer SS und Wehrmacht sowie der Henleinfaschisten und hielten sich auch von Vertriebenentreffen der Nachkriegszeit fern, da sie diese Organisationen als Horte unverbesserlicher Reaktionäre und rückgewandtsgewandter Ewiggestriger hielten.

Hingegen scheinen viele Deutsche sich obwohl der Zwang weggefallen ist, außerstande sich zu distanzieren und selbstkritisch die Geschichte aufzuarbeiten, ja sie scheinen gemeinsame Sache ala Stockholmer Geißelsyndrom zu machen und sich in ideologische Geißelhaft ihrer Entführer,der Wehrmacht und der verbrecherischen Naziclique zu begeben, insofern sie nicht selbst aktive Nazis waren oder wieder sein wollen. Da sprechen die Ewiggestrigen, die nichts dazu gelernt haben und dies auch nicht wollen.

Zuletzt oder aber zuerst wäre von links zu fragen, was die Funktion des Militärs in einer kapitalistischen globalisierten Gesellschaft ist, die aufgrund ihrer Kapitalakkumalation eben auf einen wirtschaftlichen und dann militärischen Expansionismus systembedingt drängt,auf die Eroberung und Herstellung von Auslandsmärkten, Rohstoffen, Handelsrouten, Pipelines, etc., EU und NATO im Stechschritt gemeinsam expandieren oder China seine Neuen Seidenstrassen parallel mit der Expansion seiner Marine und Volksbefreiungsarmee in Konkurrenz zu den USA wie damals Deutschland die Bagdadbahn in Konkurrenz mit dem British Empire vorantreibt, die New Yorker, britischen, japanischen, deutschen, französischen, chinesischen, russischen Börsen, multinationalen Konzernen und das Finanzkapital nach immer weiteren Anlagesphären oder der Zurichtung ganzer Staaten und Großraümen als Kapitalanlagefeldern streben , die sich dann eben konfliktträchtig in der Konkurrenz zwischen Nationalstaaten und Kapitalfraktionen  in Kriegen und Weltkriegen entlädt mit Millionen von Toten.

Von daher ist die gesamte Bundeswehrdebatte als Demokratiedebatte doch sehr stark verengt und sollte die Linke diese Diskussion um eine Grundsatzdiskussion über Kapitalismus und Militarismus erweitern. Vielleicht wird dann auch einigen Leuten klar, was es bedeutet, dass „Deutschland eben am Hindukusch verteidigt wird“. Kurz bedeutet dies, dass selbst der entlegenste und unattrakivste Winkel der Welt im Rahmen der weltweiten Expansion des deutschen und westlichen Kapitals nicht vor deutschen oder westlichen Truppen sicher ist, die den geopolitischen Raum Zentralasiens und Südasiens oder andere geopolitische Räume zwecks zukünftiger Geschäfte für die jeweiligen imperialistischen Staaten und das Finanzkapital und die multinationalen Konzerne stabilisieren und ausbeutbar machen sollen.Es geht nicht um Afghanistan selbst oder um irgendwelche Rohstoffen in Afghanistan, sondern dass Afghanistan ein Störfaktor für die wirtschaftliche Expansion westlichen Kapitals im Großraum Zentralasien/Südasien geworden ist, der stabilisiert werden muss, will man da längerfristig noch Geschäfte in diesem geopolitischen Großwirtschaftsraum machen. Wie die NATO der EU bei ihrer Ukraineexpansion hinterherschreitet und uns den Ukrainekonflikt mit Russland bringt, so eben werden deutsche oder westliche Truppen auch überall hinmarschieren, wo die internationalen Kapitalinteressen der USA, Deutschlands oder anderer westlicher Staaten berührt sind.

Von daher gilt: Deutsche Truppen, deutsches Geld, weltweit in der Welt–deswegen auch am Hindukusch, Wobei die staatlich gelenkten Oligarchenkapitalismusstaaten China und Rußland da als grösste Konkurrenten zu dem westlich-neoliberalen Plutokratenkapitalismus ala USA und dem europäischen Sozialkapitalismus gesehen werden, da sie sich westlichem Kapital aus dessen systembedingt- expansionistischer Sicht  verschliessen oder dieses zu regulieren trachten, deswegen wieder die Zentralfront mit Rußland wiederbelebt wird, da es nach 2 Jahrzehnten der westlichen Globalisierung jetzt nach der Finanz- und Globalisierungskrise von 2008 zu Gegenreaktionen Rußlands und Chinas kommt, die nun auch wieder Großmachtkonflikte, transregionale Kriege oder eben Weltkriege wieder möglich machen.

Zumal eben die Frage ist, ob demokratische Armeen immer besser sind als faschistische Armeen. Die demokratische USA liess 500 000 Iraker verhungern–ganz ohne Krieg, sondern mittels eines demokratischen Embargos- ganz friedlich.Der Aggressionskrieg der USA gegen Nordvietnam mittels des inszenierten Golf-von-Tongking-Konflikts und Millionen Toten ist genauso ein Beispiel für den Aggressionskrieg der USA wie 2003 gegen den Irak, der mindestens zwei Millionen Tote und den Aufstieg des Islamischen Staates brachte samt Millionen von Flüchtlingen. Dies hat keine Wehrmacht vollbracht, sondern eine völlig demokratische Armee. Von daher sollte eine Linke sich nicht so sehr auf eine Demokratie- und Traditionsdebatte einlassen, sondern vor allem das kapitalistische Wirtschaftssystem kritisieren, das dem darin systemimmanent angelegten wirtschaftlichem Expansionismus auch den militärischen Expansionismus nahelegt.

 


Nachtrag: Zur Person von General Reinhardt schrieb mir ein Reporter des Münchner Merkurs noch folgendes:

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Hallo Herr Ostner,

ich bezweifle, dass Klaus Reinhardt einen guten Kasernenpatron abgeben würde.

Der Gebirgsjäger und Ex-NATO-Kommandeur auf dem Balkan hielt am Brendten in Mittenwald Reden wie diese: »Was zeichnet ihn denn so besonders aus, diesen Gebirgsjäger, nach dem heute alle rufen, wenn es um Standfestigkeit und Zuverlässigkeit in schwierigen Lagen geht? Warum waren bei den Auslandseinsätzen des deutschen Heeres immer wieder Gebirgsjäger dabei?« Das liege an den Männern aus der Kriegsgeneration. »Sie haben die Uniform wieder angezogen, um uns, der nachfolgenden Generation, das Koordinatensystem ihrer Werteordnung weiterzugeben.« Sie seien es gewesen, »die uns die zeitlosen militärischen Werte wie Pflicht, Treue, Tapferkeit und Kameradschaft vorgelebt haben«.

Reinhardt: „Diese Männer waren unsere Vorbilder, und sie repräsentieren eine ganze Generation von Wehrmachtssoldaten. Sie verdienen unseren Respekt genauso wie die vielen anderen Soldaten, die aus ihrer damals begrenzten Kenntnis der Vorgänge heraus im guten Glauben ehrenhaft gehandelt und gekämpft haben.“ Reinhardt rief zur „Pflege dieser Tradition und ihrer Weitergabe an die nächste Generation“ auf.

Anti-Brendten-Aktivisten demonstrierten 2010 vor Reinhardts Anwesen in Starnberg.


Meine Antwort:

Dann sollte man den Namen Reinhardt von der Liste streichen und sich andere Nachkriegsgeneräle ohne Wehrmachtsnostalgie und mit demokratischer Gesinnung auswählen, die es sicherlich auch gibt.Rechte oder gar rechtsradikale Tendenzen hat es auch schon bei der Wehrpflichtsarmee gegeben, vor allem auch wegen der Wehrmachtsradition in den oberen und mittleren Rängen. Viele dieser Leute wirkten auch noch bei der Umstellung auf eine Berufsarmee weiter führend mit. Also vorsichtig bei der Idealisierung der Wehrpflichtigenarmee, zumal zu Bundeswehrbeginn da auch viele alte Militaristen und Wehrmachtler in oberster Position waren, die ihr wehrmachtstraditionelles Gift von oben herab in die Truppe einbrachten..Das ergibt ein Zusammenspiel von oben und unten. Von daher muss man auf beiden Ebenen ansetzen. Und von der Leyens Paradigma, dass die Bundeswehr aufgrund ihrer 60-jährigen Existenz in Frieden, Demokratie und Freiheit genug Tradition aus sich selbst heraus begründe, teile ich auch. Warum immer die alte Wehrmacht für Tradition brauchen? Wir haben inzwischen genug demokratische Nachkriegsgeneräle ohne Wehrmachtvergangenheit, die den Frieden in Europa bewahrt haben ohne Angriffskriege zu starten, das man diese sehr wohl als Namensgeber für Bundeswehrkasernen und die Tradition nutzen kann. Der Bevölkerung ist ein Domroese oder Bauddiissn doch weitgehend unbekannt im Gegensatz zu einem Guderian, Manteufel, Paulus oder Rommel. Zeit diese demokratischen Nachkriegsgeneräle und ihr Wirken als Demokratie- und Friedenserhalter herauszustellen und auch der Allgemeinheit bekannt zu machen.

Ein Freund im Außenministerium, der ein Freund Domröses ist, findet die Idee gut, meint aber, dass man ihn nicht ehren könne, da er noch lebe. Dazu meine Antwort:

„Aber der lebt noch!“

Wie gesagt: Ich meine Hans-Lothar Domroese und der lebt noch und wurde erst 2016 verrentet, ist aber immer noch aktiv, zuletzt bei Maybrit Illner. Warum muss man immer morbide Totenkulte, die mythosbildenden, irrationalen Götzendiensten gleichen huldigen, die Geschichte, Nostalgie und Personen quasireligiös und metaphysisch überhöhen und nur noch auf symbolische Ehrenbezeugungsrituale reduzieren? Ich finde es besser, verdiente demokratische Bundeswehrgenerale ohne Wehrmachtsvergangenheit durch Kasernenbennennungen und Traditionspflege zu ehren und sie auch noch als lebenede, partizipierende Mitglieder der Gesellschaft einzubinden und in eine aktive Diskussion über unser Gemeinwesen zu bringen doch sinnvoller. Ich weiß: Ein völlig neues Konzept, aber vielleicht muss man umdenken. Wobei meine Trennung zwischen Wehrmacht und Bundeswehr etwas idealtypisch ist. Es gab die Übergänge und dass sich KFOR-General Klaus Reinhardt als Nachgeborener der späten Gnade immer noch auf die Wehrmacht als Vorbild beruft zeigt (wegen deren Kampfesmoral, weniger wegen deren Kriegsverbrechen) , wie auch bei den Domroeses, wo der Papa bei der Wehrmacht diente und der Sohn nicht, dass die Übergänge fließend sind. Man muss aber bei seinen Forderungen idealtypisch polarisieren, um den demokratischen Traditionsbestand der Bundeswehr sui generis herauszustellen und zu fördern, als immer wieder diese Ewiggestrigen und ihre modernen Nachahmer zu fördern. Erst mal muss man idealtypisch polarisieren, um seionen Forderungen überhaupt Gehör zu verschaffen, danach kann nach der Durchsetzung die Differenzierung eintreten. Baudissin dürfte auch noch in der Wehrmacht gedient haben, aber als resozialisierter Musterdemokrat der inneren Führung sollte man ihn eben als Vorbild erwähnen. Kommt eben immer darauf an, ob Leute aus der Gschichte lernen und Besseres begründen oder aber eben im alten Geist behaftet bleiben und sich von nostalgischer und familiärer Bindung nicht lösen können.Aber trotz allem antifaschsitischem Kampf gegen Wehrmachtstrationen, bleibt es Hauptaufgabe einer Linken den Zusammenhang zwischen dem im Kapitalismus angelegten Wirtschaftsexpansionismus, der sich dann in Konkurrenz zwischen Nationalstaaten und unterschiedlichen Kapitalfraktionen in einem Militärexpansionismus widerspiegelt, darzustellen und aufzuzeigen. Denn nicht nur faschistische Wehrmachten bringen imperialistische Kriege über die Welt, sondern eben auch solche demokratischen Armeen wie die unter George W. Bush bei dem Irakkrieg 2003., wenngleich seltener und nicht so barbarisch.

 


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